Perception woes

Content note: Trans*feindliche Beleidigung

Ich plage mich gerade sehr mit dem Unwohlsein mit meinem Körper. Es fühlt sich so viel falsch an und zumindest einige der Dinge die sich so falsch anfühlen werden sich auch durch Hormone und Operationen nicht verändern. Ich nähere mich den 12 Monaten Testo und habe das Gefühl, das bei weitem noch nicht die Veränderungen eingetreten sind, die ich mir gewünscht hatte. Immer wieder kehre ich zu der Frage zurück, ob die Menschen mich als Mann sehen oder nicht. Ich erlebe es oft, dass Menschen mich anstarren und ich hasse es.

In dieser Grundstimmung bin ich letzten Dienstag auf Dienstreise gefahren um als Dozent bei einem mehrtägigen Workshop an einer Hochschule mitzuwirken. Außer mir gab es noch zwei Dozenten und eine Dozentin. Ich habe mal wieder gemerkt, dass dieses „gemeinsan mit cis Männern auf dem Präsentierteller sitzen“ bei mir Gefühle von Unzulänglichkeit verstärkt. Ich habe das Gefühl, dass ich im Vergleich sofort als trans* erkannt und als „kein richtiger Mann“ gesehen werde. Und ich hasse meinen Körper dafür, dass er nicht kantiger ist und anders proportioniert. Ich hasse mein baby face und dass ich immer noch keinen Bartwuchs habe.

Heute war dann der letzte Workshoptag. Eine teilnehmende Person fragte plötzlich, ob es eine best practice dafür gäbe wie man Geschlecht in Umfragen nicht-binär abfragen kann. Das ergab sich zwar irgendwie aus einer zufälligen Situation, aber hatte mit dem Thema des Workshops überhaupt nichts zu tun. Die Person erzählte dann von Nepal, und dass es da auf allen Formularen eine dritte Geschlechtsoption gebe. Eine andere Person, mit 60 die älteste im Workshop, sprach von Hijras in Pakistan und meinte dann mit Blick auf Umfragen dann: Nicht jede*r wolle sich ja outen.

Ich war einerseits positiv überrascht über diese Offenheit dem Thema gegenüber und auch über die Tatsache, dass beide Personen sich über solche Sachen irgendwie Gedanken machten. Aber gleichzeitig ratterte es bei mir im Hinterkopf: ist das Zufall oder haben sie mich als trans* identifiziert? Und wem mache ich überhaupt was vor? Ich war der einzige im Workshop, der auf möglichst geschlechtergerechte Sprache geachtet hatte. Manchmal denke ich, das allein ist schon etwas das andere stutzig werden lässt. Es gibt eher wenige Männer in meinem beruflichen Umfeld, die das machen. Und dann fragte mich nach Abschluss des Workshops noch eine Person nach meiner Dissertation und ob die online verfügbar sei. Fuuuuuuuuuuu…. Die ist natürlich unter meinem Geburtsnamen veröffentlicht. Wenn die Person mit meinem Nachnamen und dem richtigen Stichwort googelt, findet sie die Arbeit sofort.

Läuft bei mir.

Wäre alles kein Drama. Ich finde es grundsätzlich nicht schlimm, wenn andere mitbekommen dass ich trans* bin. Aber ich wünsche mir sehr, dass dieses Gefühl – „ist doch total offensichtlich, was ich bin“ – mal aufhört und ich mich einfach wie ein ziemlich normaler Typ fühlen kann.

Ich habe mit sehr gemischten Gefühlen den Heimweg angetreten. Komplettiert wurde der Tag dann noch durch eine Person im Bahnhof, die sehr aggressiv auf mich zukam und Geld wollte. Ich hatte eh kein Kleingeld mehr in der Hosentasche und die Art und Weise wie diese Person meinen „personal space“ missachtet hatte war mir auch nicht geheuer und also ich hab verneint. Die Person wandte sich ab und warf mir im weggehen ein „Man or woman, what the f*** are you?“ an den Kopf.

Klar. Keine schlimme Beschimpfung. Keine Gewalt. Und trotzdem hängt mir das nach. Im ersten Moment prallen solche Sprüche an mir ab. Aber sie kommen trotzdem an mich ran, fressen sich ganz langsam durch meinen schützenden Panzer. Diese Person hat mir jetzt genau noch mal bestätigt, was ich eh schon fühle und denke: davon, eindeutig als Mann gelesen zu werden bin ich weit entfernt. Sie hat mich einmal mehr davon überzeugt, dass das was ich im Spiegel sehe wohl auch das sein muss, was andere sehen.

Das hätte es heute echt nicht noch gebraucht.

 

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3 Gedanken zu „Perception woes“

  1. Wer ist schon eindeutig Mann oder Frau? Ich kann es total nachvollziehen, dass Dich das Gefühl körperlich (noch) nicht so zu sein, wie Du Dich innerlich fühlst. Aber im Grunde ist es doch ganz egal ob Du als Mann oder Frau oder irgendwas dazwischen wahrgenommen wirst. Wir alle sind Menschen, in endloser Vielfalt, lebendig! Wichtig ist einzig, dass Du Dich so annehmen kannst, wie Du bist. Dein Körper ist das Hausboot Deiner Seele. Er leistet Dir unermessliche Dienste. Herzlichst, plejade

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  2. Guten Morgen Tomi :)
    Ich habe Mitgefühl, wenn ich von deinen inneren Kämpfen lese und davon, wie dich vieles doch sehr verletzt.
    Es macht mich irgendwie (mit-)betroffen, obwohl ich gewiß in keinster Weise dein Fühlen nachfühlen kann.

    Aber wenn ich dich so lese – und ich mag dir jetzt eigentlich nicht auch noch eins drauf geben – kommt mir dennoch in den Kopf oder den Bauch, dass das Problem; der Schmerz erst dadurch entsteht, dass Du an das Leben und andere Menschen eine Erwartung stellst.

    Man soll den Mann in deinem Innen auch im Außen sehen.

    Wenn ich an die vielen cis-Männer denke, die ich erlebt hatte….
    Und wie unsagbar viele dieser Männer auch oft sehr feminine Züge hatten…; die „Normalität“ der Frau im Mann….
    – nein, das ist sicher kein Trost und nicht was Du hören magst.

    Aber wie definiert sich denn das von dir angestrebte Mann-sein?
    Sind feminine cis-Männer auch Männer?
    Und warum kämpfen so viele Trans-Menschen so sehr dafür, dass cis-Leute endlich diese Mann-/Frau-Definition aufgeben oder zumindest lockern – wenn dann aber doch sie SELBST so verbissen darum kämpfen, als „ihr Geschlecht“ wahrgenommen zu werden?!

    Mag es sein, dass oft garnicht so sehr die „anderen“ dein Problem sind?
    Sondern vielleicht dein eigenes Wahrnehmen deiner Selbst?

    Mir ist es vollkommen wurscht mit den Geschlechtern.
    Früher war nur irgendwo für mich klar, dass es Menschen gibt, die mit mir Sex wollen – und andere, die manipulieren, lügen und benutzen.
    Dann unterschied ich zwischen „netten Menschen“ und „A-Löchern“.

    Und klar, mag ich gerne verstehen oder kennenlernen, wenn mir ein außergewöhnlicher Mensch begegnet – aber in unserer Gesellschaft voll von blinden Schwarmfischen sind mir mutige, den eigenen Weg gehende, individuelle Menschen auch besonders wertvoll. Ich bin wahrhaft interessiert an diesem Menschen.
    Und es ist toll, dass es sie gibt. (Zumindest für MICH)

    Ich wünsche dir von Herzen, dass dich die Blicke und Irritationen anderer irgendwann darin bestärken, dass Du ein besonderer und einzigartiger Mensch bist.
    Und sie dich nicht mehr verletzen können, sondern stattdessen zeigen, dass Du einfach Du bist.

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