Nachtrag

Content note: erwähnt Mobbing in der Schule und trans*feindliche Äußerungen im letzten Abschnitt

Die Nacht ist rum, die Sonne scheint und ich werde mich gleich aufs Rad setzen. Vorher möchte ich aber kurz auf zwei Kommentare antworten, die ich auf meinen gestrigen Beitrag von Euch bekommen habe :) (Danke dafür!). Ich mache das mal in einem eigenen Beitrag, weil es wichtige Fragen/Punkte sind, mit denen ich mich ja selber auch viel beschäftige oder beschäftigt habe.

Luise fragt:

Aber wie definiert sich denn das von dir angestrebte Mann-sein?
Sind feminine cis-Männer auch Männer?
Und warum kämpfen so viele Trans-Menschen so sehr dafür, dass cis-Leute endlich diese Mann-/Frau-Definition aufgeben oder zumindest lockern – wenn dann aber doch sie SELBST so verbissen darum kämpfen, als „ihr Geschlecht“ wahrgenommen zu werden?!

Und Plejade schreibt:

Aber im Grunde ist es doch ganz egal ob Du als Mann oder Frau oder irgendwas dazwischen wahrgenommen wirst. Wir alle sind Menschen, in endloser Vielfalt, lebendig.

Der Reihe nach: für mich hat „Mann-sein“ tatsächlich nichts damit zu tun, wie jemand aussieht oder sich präsentiert. Mir fällt es leicht einen Mann oder eine Frau auch da zu sehen, wo andere das vielleicht nicht oder noch nicht tun. Ich selbst werde wahrscheinlich immer eher „feminin“ aussehen, was ich per se nicht schlimm finde. Aus mir muss jetzt kein Hugh Jackman werden (um mal nicht Chuck Norris zu bemühen ;-)).

Aber der Mist mit dem Geschlecht ist, dass es ein so grundsätzlicher Teil alltäglicher Kommunikation – verbal und nicht-verbal – ist und dass es in unserer Gesellschaft ein so allgegenwärtiges Mittel ist, Menschen in Schubladen zu stecken und auf bestimmte Weise mit ihnen umzugehen. Wir sind noch nicht da, dass andere zuerst „den Menschen“ sehen – äußerliche Merkmale werden sofort herangezogen, um diesen Menschen einzuordnen (und das gilt natürlich nicht nur für die sogenannten Geschlechtsmerkmale, sondern auch für Hautfarbe, das Vorliegen einer be_Hinderung, etc.).

Und so lange das so ist und so lange andere Geschlecht als eine so unabdingbare, nicht zu vernachlässigende Kategorie wahrnehmen und nutzen, kann ich für mich selbst zwar wissen, was mein Geschlecht ist – es wird aber nicht von anderen anerkannt werden. Und diese fehlende „Anerkennung“, dieses Nicht-Gesehen Werden höhlen aus, wenn man sie jeden Tag erfährt (selbst wenn es nicht böse Absicht der anderen ist – ich hatte hier z.B. drüber geschrieben).

Manchmal sind solche Schubladen sinnvoll und wichtig. Sie helfen uns, weil wir nicht jedes Mal alles aushandeln und abfragen können. Wir müssen uns auf Erfahrungswerte verlassen, bestimmte Register ziehen können, sonst bekommen wir unseren Alltag nicht mehr auf die Kette. Aber: für mich (und zum Glück auch andere, aber eben noch nicht die Mehrheit) ist die Bedeutung die bestimmten Schubladen zugeschrieben wird – darunter eben auch „Geschlecht“, viel zu hoch.

Für mich ist das Aufbrechen des rigiden (und schlicht falschen) zweigeschlechtlichen Modells der erste Schritt dahin, dass Geschlecht nicht mehr so ein wichtiges Mittel zur Strukturierung unserer Wirklichkeit ist. Wenn wir es schaffen uns mehr von diesen binären Stereotypen zu lösen, wenn z.B. bestimmte Kleidung oder Verhaltensweisen weniger männlich oder weiblich konnotiert sind – und eben auch bestimmte körperliche Merkmale – wird es vielleicht leichter Geschlecht im alltäglichen Umgang ein bisschen in den Hintergrund treten zu lassen. (Ich bin ein Idealist, ich weiß).

Ich kämpfe nicht dafür, dass wir Definitionen von Mann und Frau aufgeben. Es gibt ja Männer und es gibt Frauen. Aber ich kämpfe erstens dafür, die Definition wer Mann und wer Frau ist nicht an (ziemlich wahllosen) biologischen Merkmalen festzumachen; und zweitens, noch viel wichtiger, kämpfe ich dagegen dass „Mann“ und „Frau“ als die einzigen existierenden, die „wahren“ Geschlechter angesehen werden.

Jede*r von uns hat das Recht, so angesprochen und anerkannt zu werden wie es für diese Person richtig ist – und es wäre wunderbar, wenn Menschen einfach aufhören würden vom Äußeren auf das Geschlecht zu schließen. Das ist aber gerade nicht realistisch (auch wenn wir hart dran arbeiten ;-)). Und so ist es halt im derzeitigen System für mich leider wichtig, dass Menschen mich auf eine bestimmte Weise wahrnehmen – und ich versuche, ihnen einen Schubs in die für mich richtige Richtung zu geben. (Dazu gibt es übrigens einen schönen Comic von Sophie Labelle – leider hab ich ihn nur auf Facebook gefunden). Es wäre für mich übrigens viel weniger schlimm dass Menschen mich nicht eindeutig zuordnen können, wenn das für sie nicht automatisch heißen würde: ah, wenn diese Person kein Mann ist dann muss sie ja eine Frau sein. Das ist für mich jedes Mal ein Schlag ins Gesicht. Ich bin keine Frau.

Und noch eine Frage von Luise:

Mag es sein, dass oft garnicht so sehr die „anderen“ dein Problem sind?
Sondern vielleicht dein eigenes Wahrnehmen deiner Selbst?

Jein :D. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist – aber vielleicht habe ich in den vorigen Absätzen schon geschafft anzudeuten, dass das sehr schwer zu trennen ist. Meine Wahrnehmung von mir selbst passiert ja nicht in einem Vakuum. Ich habe Werte, Sichtweisen, Normen verinnerlicht. Und auch wenn ich so oft und gut es geht versuche, sie kritisch zu reflektieren und zu hinterfragen: diese Dinge sind mir tief eingeschrieben. Die Äußerung gestern zum Beispiel. Ich denke, sie hat mich eben auch deswegen getroffen weil ich in dieser Weise in meiner Kindheit und Schulzeit von anderen verhöhnt und abgelehnt wurde. Für meine Mitschüler_innen war ich „es“. Und wenn du jeden Tag herausfordernd, abschätzig gefragt wirst „bist du ein Junge oder bist du ein Mädchen“ hinterlässt das Spuren und Reaktionsmuster, die abzulegen echt schwer ist.

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4 Gedanken zu „Nachtrag“

  1. Danke für dein Eingehen auf meine Gedanken.
    Ja, man sagt mir nach, ich sei wohl in vielen Dingen sehr viel offener und einfach annehmender als der „Durchschnittsmensch“.
    Und auch wenn vielleicht Reportagen auf privaten Sendern durchaus kritisch zu bewerten sind in ihrer Seriösität, so transportieren sie doch zumindest hin und wieder einen Einblick in Leben von Menschen mit nicht immer eindeutigem Mann- oder Frau-sein.
    Man KANN heute wissen, dass es durchaus sehr viele andere Varianten von Geschlechtlichkeit gibt.
    Und man KANN auch wissen, dass solch ein Leben meist nicht einfach und unkompliziert ist – eben weil so viele Durchschnittsmenschen ständig in Schubladen stopfen wollen, die in diesen Fällen jedoch nicht passen.

    Ich verlege mich irgendwie lieber auf „fühlt sich gut an“ oder „-nicht“, wenn ich Menschen erlebe.
    Dies scheint zumindest im Moment der bessere Weg für mich zu sein, als mich an Äußerem zu orientieren.
    So viele Menschen braucht man ja zum Glück auch nicht, um nicht einsam zu sein.

    Ich wünsche dir in jedem Fall, dass Du deine Zufriedenheit findest.

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  2. Danke für Deine ausführliche Erklärung. Und überhaupt erlebe ich Dein Blog als große Bereicherung. Ich hatte bisher wenig Kontakt zu Trans-Menschen, aber ich habe immer damit sympathisiert, weil ich die Schwarz-Weiß Kategorisierung schon immer und in allem doof fand. Auch für den feministischen (Feminismus= Respekt und Menschlichkeit für alle Menschen) Forschritt halte ich es für wichtig dieses Mann/Frau Schubladendenken fallen zu lassen. Gibt ja weltweit auch noch viele andere Entwürfe.
    Ich würde mich selbst gern als queer definieren, traue mich aber nicht, weil es vielleicht anmaßend ist. Ist bin Hetera und optisch auch ganz eindeutig eine Frau. Doch lange habe ich mich gewundert, wenn ich in den Spiegel sah, dort (wenn auch kleine :D) Brüste zu sehen – ich hab mich immer eher als Junge gefühlt. Aber als Frau auch irgendwie. Es gab eine Zeit, da sah ich aus wie eine Butch – hab aber immer Männer geliebt. Leider fiel das Wort Lesbe mir gegenüber dann auch manchmal als vermeintliche Beleidigung. Idioten wird es immer geben. Mein Kopf ist queer, mein Körper nicht so.
    Mein Kommentar gestern war etwas kurzsichtig, mein Bestreben war aber ohne viel Nachdenkerei Dir Mut zu machen. Trans-Männer sah ich bisher selten (als solche identifizierbar), Trans-Frauen schon häufiger. Und ich freu mich immer drüber, weil es so eine mutige Bereicherung ist, dass es Menschen gibt, die sich nicht über ihr angeborenes Geschlecht definieren (können). Aber ich brülle diesen Menschen dann ja nicht auf der Straße hinterher, dass ich sie toll finde und schön, so wie sie sind. Ich schicke dann gute eher gute Wünsche im Geiste.
    Ich hoffe, es ist nicht allzu blöd, was ich hier schreibe. Es ist mit unserer Sprache so schwer die richtigen Worte zu finden. Liebstes, plejade

    Gefällt 1 Person

    1. Huhu Plejade, danke für deine lieben Worte (gestern wie heute!) :-). Das hab ich auch gestern so verstanden, wie du es meintest. Und überhaupt ist der Blog hier ja ein Ort für Gedankenaustausch und ich freue mich über Eure Denkanstöße. Die sind für mich ja auch bereichernd. So :D.

      Ich bin vermutlich früher auch oft als Lesbe einsortiert worden – die Verwunderung war immer groß wenn ich meinen Freund/Mann erwähnte.

      Queer zu sein muss ja nicht bedeuten, dass man auf bestimmte Weise aussieht. Ich denke, es hat primär damit zu tun wie man sich selbst wahrnimmt und nicht, wie die anderen einen wahrnehmen. Man kann femme und queer sein :-). Und man muss auch nicht unbedingt Glitzer und Einhörner toll finden (ok, ich mag trotzdem beides :D).

      Es gibt irgendwie diese Erwartung, dass queere (oder z.B. nichtbinäre) Identität sich dadurch ausdrückt, dass man z.B. Kleidungsstücke des „anderen“ (sic!) Geschlechts trägt (das binäre Modell lässt grüßen). Quaaaaaatsch!

      Liebe Grüße, Tomi :)

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