Tief durchatmen

Content note: Übergriffige psychologische Begutachtung, Sexualität

Gestern hatte ich das erste Gutachten in der Post. Es wurde mir direkt vom Gericht zugeschickt (eigentlich hatte die begutachtende Person gesagt, sie würde mir eine Kopie schicken… whatever). Es ist das Gutachten des zweiten Gesprächs und ich war erst einmal total erleichtert, dass ich es nun habe. Irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl wieder ein bisschen besser atmen zu können – als wenn der Elefant, der da immer auf meinem Brustkorb sitzt, sich mal für einen Moment die Beine vertreten gegangen.

Wohlweislich habe ich das Gutachten gestern nicht gelesen. Ich habe nur kurz auf die letzte Seite geguckt, wo die Aussagen zu den Aspekten stehen die das Gericht eigentlich überprüft haben möchte: dass ich seit mindestens drei Jahren unter dem „Zwang“ stehe, dem „anderen (sic!) Geschlecht“ anzugehören; dass sich das voraussichtlich nicht mehr ändern wird; dass ich bei meiner Geburt „nach dem äußeren Erscheinungsbild eindeutig weiblichen Geschlechts“ war. Sah soweit okay aus. Mehr habe ich mich nicht getraut, weil ich nach dem letzten Telefonat mit der begutachtenden Person schon Sorgen hatte, was da wohl alles in dem Gutachten drin stehen würde und ich mir den Tag nicht kaputt machen wollte.

Heute habe ich es nun also gelesen (gezwungenermaßen, denn bevor ich das an den MDK schicke für den OP-Antrag werde ich Passagen schwärzen). Es ist schlimmer, als ich befürchtet hatte. Worauf ich mich einigermaßen mental vorbereitet hatte war: „sezieren“ meiner Persönlichkeit, geschlechts-stereotypische und pathologisierende Zuschreibungen. Nach dem Telefonat hatte ich auch die Erwartung, dass da ein paar Sachen drinstehen könnten die ich so nicht gesagt habe – und das fühlte sich nach diesem Gespräch schon recht mulmig an.

Tja. Was jetzt tatsächlich in diesem Gutachten steht ist zu bestimmt 60-70% frei erfunden. Zwar stimmen die grundsätzlichen Aussagen über mich zumindest tendenziell, aber die begutachtende Person illustriert diese mit Begebenheiten die ich angeblich berichtet haben soll, die aber einfach komplett ausgedacht sind. Ich habe nichts von dem berichtet. Nichts davon ist passiert. Noch nicht mal „so ähnlich“. Mir ist echt die Luft weggeblieben. Das ist so unglaublich übergriffig und anmaßend, dazu fällt mir nichts mehr ein. Wie kommt diese Person dazu?

Sie legt mir und meinen Eltern Worte und Aussagen in den Mund, die völlig aus der Luft gegriffen sind. Sie berichtet Dinge die meine Eltern angeblich gesagt und getan haben sollen, die nie geschehen sind und die völlig dem zuwiderlaufen, was ich als Kind von meinen Eltern erfahren habe.

Sie dichtet mir eine falsche sexuelle Orientierung an – ich soll mich schon früh zu Frauen hingezogen gefühlt haben. Was zur Hölle? Wäre ja nicht schlimm wenn es so wäre, aber nope? Und natürlich hat sie sich noch weitere Sachen zum Thema Sexualität ausgedacht, die nicht stimmen und über die wir überhaupt nicht gesprochen haben.

Als i-Tüpfelchen steht dann in der für das Gericht ausschlaggebenden Zusammenfassung noch eine unfreiwillig(?) uneindeutige Formulierung drin, die man isoliert so lesen kann als würde ich mein Geschlecht als „weiblich“ definieren. Ich hoffe mal, dass das Gericht das überliest.

Es fühlt sich schlimm an das alles zu lesen. Übergriffig und gewaltvoll. Dieses Dokument liegt jetzt bei Gericht in einer Akte mit meinem Namen drauf und ich kann nichts dagegen machen, ohne mir selbst zu schaden. Denn da mir die begutachtende Person vorher keine Kopie geschickt hat, könnte ich jetzt nur noch zum Gericht gehen und mich dort darüber beschweren, dass das Gutachten falsch ist. Ich weiß nicht genau, was dann passiert – aber ich vermute es würde darauf hinauslaufen, dass ich noch ein drittes Gutachten bezahlen und abwarten muss. Ohne Garantie, dass das dann besser oder faktentreuer wird.

Lustig wird auch wenn das zweite Gutachten kommt und dort völlig andere Sachen drinstehen. Ich vermute zwar, dass das bei Gericht eh niemand so richtig liest – aber ist trotzdem kein wirklich gutes Gefühl.

Ich hab echt keine Worte dafür wie sehr ich dieses System verachte und wie verdammt wütend es mich macht.

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10 Gedanken zu „Tief durchatmen“

  1. Auch wenn das ein vollkommen anderer Rahmen ist, so kenne ich dieses Gefühl so unendlich gut aus meiner Scheidung und dem Krieg mit meinem Exmann.
    Wenn Du beim Jugendamt Gespräche führst gemeinsam mit deiner Mutter, die dann tatsächlich Dinge dort sagt, die so nicht stimmten; SIE rein waschen und dich schuldig sprechen.
    Oder wenn dir Lügen unterstellt werden, weil ANDERE gelogen haben. Und Du dein Kind deshalb zu verlieren drohst.

    Man fühlt sich so unendlich ohnmächtig und hilflos.
    So grenzenlos ausgeliefert.
    Als würden ANDERE dein Leben kreieren und vorgeben, wohin es gehen wird – weil sie dich für Dreck halten.
    Und es ist danach ireversibel in Bahnen gelenkt, die Du zu akzeptieren hast.

    Es tut mir sehr Leid, dass Du dieses fühlen mußt im Moment.
    Und ich drück dir fest die Daumen, dass diese „Bahnen“ am Ende doch in die dir entsprechende Richtung führen.

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  2. Echt, das tut mir so leid und ich kann deine Gefühle angesichts dieser unverfrorenen Übergriffigkeit so gut verstehen. Da bleibt mir einfach die Spucke weg, dass Gutachter*innen so etwas machen. Als Schlimmstes empfinde ich persönlich diese absolut Ohnmacht einem System gegenüber, in dem andere (Gutachter*innen, Sachbearbeiter*innen von Krankenkassen etc.) über Leben entscheiden können und oftmals willkürlich Entscheidungen treffen, die katastrophale Auswirkungen auf die Betroffenen haben können. Dein Wut kann ich völlig nachvollziehen. Daher hoffe ich, dass es dir gelingt, diese Gefühle nicht übermächtig werden zu lassen.
    LG

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    1. Danke dir, Curtis! Ich werde mich mal informieren, ob ich irgendwie gegen das Gutachten vorgehen kann, ohne mir selbst zu sehr zu schaden. Aber wenn nicht, werde ich versuchen es abzuhaken.
      Liebe Grüße!

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  3. Tut mir leid, dass du diese schlimme Begutachtungs-Situation erleben musstest! Du bist nicht alleine damit. Ich muss leider gleich los, deswegen nur kurz noch ein Kommentar: Rechtlicher und medizinischer Weg sind zwei völlig voneinander verschiedene Transitions-Bereiche, und weder der MDK noch die KK dürfen deine Vä/PÄ-Gutachten für die Beweilligung anfordern (ja, sie tun es standardmäßig bei jede*m, aber das ist nicht rechtens, und nein, weder beschleunigt es die KÜ noch erhöht es die Wahrscheinlichkeit für einen positiven Bescheid, wenn du sie beilegst!). Ich habe einfach einen Zettel mit einem Dreizeiler beigelegt, dass dies rechtlich nicht zulässig ist; die KK hat bei mir dann nicht mehr weiter nachgefragt,

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    1. Hey, danke dir für deinen Kommentar! :)
      Bei mir ist das Problem, dass ich nicht das geforderte ausführliche Schreiben meines damaligen Therapeuten für die KK bekommen habe. Ich hab daher selbst angeboten, ihnen die Gutachten zur Verfügung zu stellen, auch wenn ich dazu nicht verpflichtet bin. Die Alternative wäre wahrscheinlich ein Rechtsstreit mit Ex-Thera und/oder Kasse gewesen. Hab mich deswegen zähneknirschend für diesen Weg entschieden. Habe jetzt aber Passagen in dem Gutachten das mir vorliegt geschwärzt. Liebe Grüße!

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      1. Hey Tomi, ok, das sind natürlich andere Rahmenbedingungen. Ich finde es eine gute Lösung, die komplizierte Ex-Thera-Situation zu umschiffen. Und auch ein hilfreicher Hinweis, dass man Passagen seines Gutachtens schwärzen kann 🙂 Liebe Grüße zurück!

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