Wut oder Traurigkeit oder was weiß ich

Ich hab schon wieder den Kaffee auf. SO RICHTIG!

Aber ist vielleicht ganz gut, weil es mich von meiner ganzen Traurigkeit und überhaupt einer ganzen Reihe von Gefühlen die ich noch nicht mal richtig benennen kann ablenkt. Ich habe heute morgen die Debatte zur Eheöffnung geschaut und hatte da (wenig überraschend) eher gemischte Gefühle. Zum einen aus den Gründen, über die ich schon geschrieben habe. (Zu dem Beitrag habe ich auch noch ein paar gute Update-/Nachtrags-Anregungen bekommen, da kommt demnächst also noch was zur Ergänzung und Klärung).

Hundert Mal „Ehe für alle“ hören und denken „Aber es ist keine Ehe für alle!“. Aber auch: homofeindliche Politiker*innen hören müssen, die von ihren „Werten“ und vom Kindeswohl reden dass es einem speiübel werden konnte. Und das gleiche potenzierte sich dann im Verlauf des Tages in den Medien. Da ist dieser entsetzliche, homofeindliche Kommentar in der FAZ (wenn er euch noch nicht begegnet ist, seid froh und belasst es dabei). Als ich heute Mittag kurz das Radio anmachte, kam im WDR 5 irgendein Kritiker zu Wort – bevor er das Wort „Identitätspolitik“ zu Ende ausgesprochen hatte war das Radio auch schon wieder aus. Echt – könnt ihr nicht einfach mal einen Tag solchen Leuten _keine_ Plattform dafür bieten, ihren Hass in die Welt zu posaunen?

Ich habe tatsächlich den Tag über dann erst einmal nicht mehr in die Medien geschaut. Irgendwie war mir alles zu viel. Und irgendwie hatte das auch damit zu tun, dass ich mich „außen vor“ gefühlt habe bei der Freude und Fröhlichkeit meiner Freund*innen und Bekannten – ich glaube, weil ich selbst gerade so traurig bin keinen Platz und keinen Menschen mehr zu haben, an_bei dem ich mich aufgehoben fühlen kann. Überhaupt tue ich mich gerade mal wieder schwerer mit dem „Leben meistern“.

Da kommt mir eine „Ich hab den Kaffee auf!“ Emotion gerade recht, weil Wut manchmal echt besser auszuhalten ist für mich als diese ständige Traurigkeit.

Zum Kaffee also! (Content note für die nächsten zwei Absätze für „Untenrumorgane“ und Krebsvorsorge)

Kaffee Nummer 1 geht kommt von meiner Krankenkasse. Bei denen hatte ich angefragt, wie nach meiner Personenstandsänderung die Abrechnung geschlechtsspezifischer Vorsorgeuntersuchungen erfolgen kann – und zwar geht es mir da natürlich insbesondere um die „gynäkologische“ Krebsvorsorge. Ich wusste schon, dass das Probleme geben kann – wobei es anscheinend von Kasse zu Kasse verschieden ist. Meine Kasse stellt sich (halb)quer. Eine Person erklärte mir am Telefon, dass eine Abrechnung über eine gynäkologische Praxis nicht möglich wäre und ich in Zukunft in eine urologische Praxis gehen müsse. Auf meine etwas flapsige Bemerkung, dass ich dann jetzt also darauf warten könnte Gebärmutterhalskrebs zu bekommen meinte die Person am Telefon, dass das „der Urologe“ doch auch untersuche könne. Ah ja.

Ich bin erstens mit meiner „Untenrumärztin“ sehr zufrieden und vetraue ihr. Zweitens habe ich „hier“ gerufen, als Endometriose verteilt wurde. Auch da wäre es mir deutlich lieber, wenn meine Ärztin mich da weiter betreuen würde. So. Was mich aber zudem skeptisch macht: wieso soll eine urologische Praxis bei einem männlichen Patienten einen Gebärmutterhalsabstrich besser abrechnen können, als eine gynäkologische Praxis? Das nämlich meinte meine Ärztin schon, dass sie da die Software überlisten müsste. Naja. Ich habe mit der Person von der Krankenkasse nicht weiter diskutiert sondern meinte nur, ich hätte diese Auskunft gerne schriftlich. Dass die so etwas nicht gerne schriftlich rausgeben, habe ich schon gelernt – klar, weil dann habe ich ja was in der Hand, wogegen ich Beschwerde einlegen kann. Die Person sagte mir zu, eine Email zu schreiben. Mal sehen ob/wann ich die bekomme. (Und wenn es hart auf hart kommt, dann gilt Email glaube ich gar nicht als „schriftlich“ – d.h. ich nerve so lange, bis ich einen Brief habe). Mit dem Thema gehe ich nämlich auf jeden Fall noch mal zum VDK (dem Sozialverband in dem ich Mitglied bin) und schaue dann, wie ich dagegen Widerspruch einlegen kann.

Kaffee Nummer 2 wurde noch Mal freundlichst von unserer Bundesregierung gesponsert. Wenn ich eine Hoffnung mit der Eheöffnung verbunden hatte dann, dass es in Zukunft „Regenbogenfamilien“ endlich, endlich etwas leichter haben könnten. Und, was lese ich heute beim LSVD?

Das „Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts“ hat an den Abstammungsregeln nichts geändert.

Mutter eines Kindes ist weiterhin nur die Frau, die das Kind geboren hat (§ 1591 BGB).

Für Kinder, die in eine Ehe hineingeboren werden, bestimmt zwar § 1592 Nr. 1 BGB, dass der Ehemann der zweite rechtliche Elternteil des Kindes ist, gleichgültig ob er tatsächlich der biologische Vater des Kindes ist oder nicht. Aber diese Vorschrift ist nicht um die „Ehefrau der Mutter“ erweitert worden. (http://www.lsvd.de/nc/recht/ratgeber/ehe-fuer-alle.html)

Sprich, es wird weiterhin eine Stiefkindadoption erfolgen müssen, wenn die verheirateten Eltern eines Kindes beide einen weiblichen Personenstand haben. Das heißt, weiterhin werden solche Paare diskriminiert und benachteilig – und dieses Adoptions-Verfahren ist keinen Deut „angenehmer“, als eine Vornamens-/Personenstandsänderung.

REPARIERT DAS, PRONTO!

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Alle oder keine*r?

(Anmerkung vorab: ich hab meine Gedanken noch nicht so richtig gut sortiert – ich hoffe, dass ich nicht zu viele wichtige Aspekte/Diskriminierungsachsen und -dimensionen ausgeblendet oder vergessen habe. Bitte stupst mich an, wenn das so ist – ich ergänze den Beitrag dann).

Als ich gestern nach einem Workshopvormittag nachmittags auf dem Bahnsteig auf meinen Zug gen Heimat wartete haben mich die Neuigkeiten zum Thema „Öffnung der Ehe“ erreicht. Waaaaas? Da guckt man mal ein paar Stunden nicht in dieses Internet und dann überschlagen sich die Ereignisse?

Im ersten Moment habe ich mich total gefreut – endlich sieht es so aus, als sei diese Form der staatlichen Diskriminierung bald Geschichte. Und ich freue mich auch immer noch für diejenigen, die so lange dafür gekämpft haben und für die es nun z.B. endlich die Möglichkeit geben wird, Kinder zu adoptieren.

Aber je mehr ich dann gestern so las, desto enttäuschter und ängstlicher wurde ich.

Da ist zum einen die Art und Weise wie es nun zu dieser überraschenden Abstimmungsankündigung gekommen ist. Nach jahrelangem Blockieren und Verzögern mit hanebüchenen Argumenten geht es nun plötzlich schnell, weil Politiker*innen die Eheöffnung als Verschiebemasse im Taktieren um den Machterhalt nutzen. Da geht es doch nicht darum, dass sie (insbesondere bei CDU und SPD) erkannt hätten, dass homosexuellen Männer- und Frauenpaaren die gleichen Rechte zustehen wie hetero-Paaren. Aber wenn es um Macht geht, kann man ja schonmal ein Auge zudrücken…

Zum anderen – und da kommt die Angst ins Spiel – überschlugen sich in den sozialen Medien und anderswo Beiträge und Kommentare mit dem Tenor „Wir sind am Ziel! Jetzt haben wir alles erreicht“. Da sind zum Beispiel Kommentare wie dieser hier von Jan Schnorrenberg aus der Presseabteilung des Schwulen Museums:

„Heute endet ein Kapitel der homosexuellen Emanzipationsgeschichte. Es kommt zu spät für viel zu viele Menschen und Aktivist_innen, aber für so viele junge LSBTIQ wird es in (sic) in zehn Jahren eine Selbstverständlichkeit sein. Sie werden unsere Wut und Frustration über die jahrzehntelange Untätigkeit der Großen Koalition nur aus Erzählungen kennen. Sie werden sich outen, ohne darüber nachzudenken ob ihre Liebe vom Staat überhaupt akzeptiert wird. Und es wird gut sein. So sollte es sein. Das ist das Rad der Zeit, welches die Ideologien der Ungleichheit langsam, aber bestimmt unter sich begräbt.“ (https://www.facebook.com/spektrallinie/posts/1564351423596479)

Da verwendet mal wieder jemand die Formel „LSBTIQ“ ofenbar ohne sich wirklich Gedanken darüber gemacht zu haben, wofür die Buchstaben stehen.

Lesbisch, Schwul, Bi, Trans, Inter, Queer.

Erstens: die Hälfte dieser Identitäten hat nicht – oder nicht ausschließlich – etwas damit zu tun, wen ich liebe. Ich kann zum Beispiel trans oder inter sein und hetero. Geschlechtsidentität ≠ sexuelle Orientierung. Die Diskriminierungsmechanismen und -erfahrungen sind andere und sie gehen nicht weg, nur weil die Ehe für schwule Männer und lesbische Frauen geöffnet wird. Es ist symptomatisch, wie häufig von der „Ehe für alle“ die Rede ist und dabei vergessen wird, wer bei „alle“ leider alles durchs Raster fällt. Es wird zum Beispiel nicht beachtet, dass Heiraten nur möglich ist wenn man eins der beiden amtlich anerkannten Geschlechter im Pass stehen hat. Geschlechter die sich nicht im binären System verorten lassen finden nach wie vor keine Berücksichtigung. Und was ist zum Beispiel mit behinderten Menschen? @JulesEins hat eine (zu Recht wütende) Tweetkette dazu verfasst: https://twitter.com/JulesEins/status/880008718670323712.

Zweitens: diese Idee dass sich LSBTIQ in Zukunft ohne Bedenken outen könnten weil es bald eine Eheöffnung geben wird, ist auf so vielen Ebenen einfach Mist. Ja, möglicherweise finden bestimmte schwule und lesbische Partnerschaften nun mehr Akzeptanz. Aber:

  • Gewalttaten gegen LSBTIQ Personen nehmen zu (Danke an eine liebe Person bei Twitter, die mich darauf noch mal hingewiesen hat). MANEO, das schwule Anti-Gewalt Projekt Berlin verzeichnete in 2016 z.B. einen erneuten Anstieg von gewaltsamen Übergriffen. In 2016 waren es 632 neue Meldungen, die sich vorwiegend auf Vorfälle in Berlin bezogen (MANEO Report 2016, S. 28). Andere Statistiken sprechen eine ähnliche Sprache.
  • Bisexualität, Trans- oder Intergeschlechtlichkeit, queere Identitäten oder sexuelle Orientierungen, Asexualität und andere Identitäten und Orientierungen sind weit, weit weg davon, in irgendeiner Weise gesellschaftlich normalisiert und akzeptiert zu sein. Wenn eine Person noch dazu zum Beispiel nicht weißdeutsch ist und/oder eine Behinderung hat, steigt mit einem Outing das Risiko Opfer von Diskriminierung und Gewalt zu werden nochmals erheblich an. Intersektionalität ist ein Ding!

Kommentare wie der von Jan Schnorrenberg verschleiern das – und das ist die Stelle, an der ich Angst bekomme. Ich habe eine (vielleicht, hoffentlich unberechtigte) Angst, dass einige jetzt aufhören weiter zu kämpfen – „weil jetzt ja alles erreicht ist“. Das macht mir auch deswegen Sorgen, weil ich gleichzeitig eine Art Backlash befürchte – zum Beispiel wenn es um die rechtliche Anerkennung nichtbinärer Geschlechter geht. So von wegen „Jetzt habt ihr doch die Ehe für alle, was wollt ihr denn noch?“

Und ich hoffe einfach, dass diejenigen deren Ziele jetzt erreicht sind sich trotzdem weiter engagieren und dass sie ihre erkämpften Privilegien auch für die nutzen, die noch weiterkämpfen müssen für Selbstbestimmung und Akzeptanz.

*****

Der MANEO Report 2016 verfügbar unter: http://www.maneo.de/infopool/dokumentationen.html. (CN: Verwendet „-phobie“ für „-feindlichkeit“).

 

Fight or flight

Content note: Mobbing, Schule, soziale Phobie. Falls ihr das nicht lesen möchtet, springt einfach zum letzten Absatz – da gibt es netteres zu lesen :-)

Ich fühle mich gerade sehr antriebslos und müde. Wahrscheinlich spielen die bevorstehenden Veränderungen eine Rolle, aber auch – auf der gesellschaftlichen Ebene – ein Gefühl von Ohnmacht das mir gerade mal wieder sehr präsent ist. Das hat viel damit zu tun, wie über trans* Personen in den Medien berichtet wird; und auch damit, wer überhaupt in den Medien und „der Gesellschaft“ gehört wird. Da sind Mechanismen und Prozesse am Werk die letztlich dafür sorgen dass marginalisiert Menschen weiter marginalisiert bleiben. Es ist sehr schwer, das aufzubrechen. Ich fühle mich gerade nicht gut vorbereitet und „gewappnet“ darüber zu mehr zu schreiben, aber es wird dazu bestimmt bald noch mal einen Beitrag (oder Beiträge) hier geben.

Tja, und auf der persönlichen Ebene. Mich beschäftigt immer noch (meine Reaktion) auf den nervigen Typen vom Schwimmen. Ich habe das Feld geräumt, „kampflos“ sozusagen, weil ich das Gefühl habe keine Kraft für die Auseinandersetzung zu haben. Einerseits denke ich mir, ich hab keine Verpflichtung mich mit dem Typen auseinanderzusetzen. Habe ich auch nicht – aber das ist andererseits nur die halbe Wahrheit. Denn die Person der ich damit schade bin ich selbst. Dadurch, dass ich dem Konflikt aus dem Weg gehe verliere ich etwas, was wichtig war – Anschluss, Sozialkontakte, ein Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Mit etwas Abstand (und weil andere mich mit der Nase drauf gestoßen haben, ahem) sehe ich, dass das natürlich ein Muster ist das ich wiederhole. Dieses Muster hat glaube ich viel damit zu tun, was ich als Jugendlicher in der Schule erlebt habe. Ich wurde gemobbt, gehörte nirgendwo dazu und habe glaube ich versucht mich zu schützen, indem ich mich isoliert habe. Das ging über mehrere Jahre. Mit dem Abi habe ich allen Kontakt zu Mitschüler*innen abgebrochen, mit einer Ausnahme. Wenn ich jemanden aus meinem Abijahrgang sehe, gehe ich in Deckung. Wobei, mittlerweile erkennen Leute mich auch nicht mehr, was sehr cool ist :D.

Aber ich schweife ab. Ich habe jedenfalls in dieser Zeit keine positiven Erfahrungen damit gesammelt, für mich einzustehen und mich zu behaupten. Gewachsen ist in dieser Zeit auch eine soziale Phobie die es mir ziemlich unmöglich gemacht hat mit fremden Menschen in Kontakt zu treten. Die Angst abgelehnt zu werden, irgendwas falsch zu machen, mich lächerlich zu machen…. viel zu groß. Es hat mehrere Jahre Therapie gebraucht, mich wieder halbwegs „funktional“ im Kontakt mit anderen Menschen zu machen, aber die Verhaltensmuster sind mir geblieben. Ich erkenne sie jetzt meistens ganz gut und gehe wenn möglich nicht in die Vermeidung, auch wenn meine „Angstmelder“ anschlagen. Aber wenn ich in einen Konflikt gerate schaffe ich es nicht, für mich einzustehen sondern gebe nach und/oder ziehe mich einfach komplett aus der Situation raus. Konfrontationen halte ich exakt null aus. Umso mehr, wenn ich das Gefühl habe dass ich nicht einer einzelnen Person gegenüberstehe, sondern halt einer Gruppe. So war es in der Schwimmgruppe, wo ich von den anderen keine Unterstützung im Konflikt bekomme, und es gab dieses Jahr noch eine andere aber teils ähnliche Situaton in anderem Zusammenhang. Das Resultat war jedenfalls auch da das gleiche: ich hab mich rausgezogen (allerdings war das etwas vielschichtiger und verstrickter, als die Schwimmsache).

Und was mach ich jetzt mit dieser Erkenntnis? Muster durchbrechen klingt so gut, ist aber leider auch schwer. Vor allem, wenn sie aus eher schlimmen Erfahrungen entstanden sind.

Und sonst noch? Heute war ich das drölzigste Mal im Notariat – dieses Mal, um die Grundschuld für die Bank auf die Wohnung eintragen zu lassen. Im Gepäck hatte ich den rechtskräftigen Beschluss zur Namensänderung (und übrigens auch meinen vorläufigen Perso!). Damit kann ich nämlich jetzt die Vormerkung für die Eintragung ins Grundbuch auf den neuen Namen machen und muss es später im Grundbuch nicht noch ändern. Dazu hat der Notar* dann so aus dem Stegreif einen sehr komplizierten Satz handschriftlich in die Urkunde eingefügt. Der war so lang, dass eigentlich kein Platz dafür war und die Schrift wurde immer kleiner und kleiner. Ich musste ein bisschen lachen – und die Person, die das nachher entziffern muss tut mir auch ein bisschen leid. Jedenfalls steht da jetzt so etwas wie „Der Erschienene (also ich) beantragt unter Vorlage einer beglaubigten Ablichtung des Beschlusses xy des Amtsgerichts xy dass die Eintragung der Vormerkung und so weiter und so fort auf den Namen TOMI erfolgen soll“ (ich krieg es nicht mehr ganz zusammen, aber war allerschönstes Jurist*innendeutsch ;)). Die Kreditverträge habe ich am Mittwoch unterschrieben und kann darunter jetzt also auch einen Haken machen.

Begegnungen (2)

Das gestrige Erlebnis wirkt noch ein bisschen nach, aber ich bin dabei es abzuhaken. Ich hatte vor ein paar Wochen ja schon mal einer Person aus der Gruppe gesagt, dass der cishetero Typ mich seit einer Weile wie Luft behandelt und auch nicht mehr reagiert, wenn ich ihn anspreche und so – es kam nur ein „ach, das darf man bei dem nicht überbewerten“. Und gestern schrieb mir eine andere Person aus der Gruppe (mit der ich vorher schon gemailt hatte um mich zum gemeinsamen Kaffeetrinken „anzumelden“), sie würde sich um die „Launen“ dieses Typen einfach nicht mehr kümmern und es wäre aber natürlich verständlich, dass ich in „meiner Situation“ „besonders empfindlich“ reagieren würden. Was auch immer das bedeutet… ich zieh mich jetzt da raus. Kann sein, dass es auch mit den Erfahrungen zu tun hat, die ich in der Schule damals machen musste und die die Art und Weise wie ich mit anderen in Kontakt treten kann immer noch prägen, aber wie auch immer. Es gibt hier in der Stadt einen schwul-lesbischen Sportclub und ich gucke mal, ob ich da vielleicht Anschluss finde. Sie haben auch eine Radgruppe und Schwimmtraining gibt es auch. Vielleicht ist die Akzeptanz da ein bisschen höher, wobei sicher sein kann man sich leider nicht.

Aber neben der ätzenden Begegnung gestern gab es in den letzten Wochen auch ein paar nette Begegnungen die mich eher zum Schmunzeln gebracht haben.

Zum Beispiel mit einer DHL-Person. Ich lasse ja Lieferungen soweit möglich an die Packstation schicken, damit ich nicht in eine Filiale muss. Das ist erstens mit meinen Arbeitszeiten nicht immer so gut vereinbar und zweitens ist es mir unangenehm, dort den Ausweis vorzulegen. Ich ernte mittlerweile ja doch einige skeptische Blicke (bald ja zum Glück hoffentlich nicht mehr, denn der neue Ausweis ist ja in große Nähe gerückt :-)). Letzte Woche dann leider folgende SMS „Wir haben Ihre Lieferung an die Filiale xy umgeleitet“. Miiiist. Ich stelle mich drauf ein am nächsten Tag in die Filiale zu fahren.

Aber als ich aus der S-Bahn steige, wo die Packstation direkt am Bahnsteig ist, sehe ich dass der DHL-Transporter dort noch steht und die Lieferperson die Packstation gerade noch bestückt. Ich hab einen Sekundenbruchteil überlegt und die Person dann angesprochen ob ich die Lieferung vielleicht doch bekommen kann ohne in die Filiale zu müssen. Klar dass das mein „Ausweisproblem“ nicht löst, aber immerhin müsste ich dann nicht am Wochenende zur Filiale fahren. Ich halte der Person die SMS und meine DHL-Karte unter die Nase. „Wir gucken gleich mal, ob die noch im Wagen ist“. Ist sie. Die Lieferperson studiert noch mal die Karte, dann meinen Ausweis. „Sind Sie das wirklich auf dem Ausweis?“ – „Ja, aber ich bekomme bald einen neuen“. Ich halte den Atem an – uuuund… keine weiteren Nachfragen! Ich bekomme das Paket gegen eine Unterschrift und mache ich mich dann schnell ab durch die Mitte. Danke, liebe DHL-Person!

Dann letztens auf einer Feier mit Menschen, bei denen ich so semi-out bin. Einige dort haben mich das erste Mal noch vor Testo kennengelernt und wissen dass ich trans* bin. Ich komme mit einer Person ins Gespräch die ich bislang noch nicht kannte und deren Kinder auf die gleiche Schule gegangen sind wie ich. Es entspinnt sich ein Gespräch über meinen Namen, der für meinen Geburtsjahrgang nicht so ganz gewöhnlich ist. Die Person fragt nach, ob meine Eltern einen bestimmten Grund hatten, den Namen auszusuchen… „Nein“ – „Es gab da mal so einen Film…. Sind deine Eltern links?“ – „Ähm, nein“. Die Person philosophiert ein bisschen weiter und ich beschließe, die Situation zumindest ein bisschen aufzulösen indem ich sage, dass ich mir den Namen selbst ausgesucht habe. Wir reden also ein bisschen weiter über den Namen. „Und deinen alten Namen mochtest du nicht?“ – „Nö.“ – „Aber du redest nicht drüber warum“. Das war eine Feststellung, keine Frage. Egal, ich antworte trotzdem. „Es war ein Mädchenname“. Ich muss ein bisschen innerlich lachen, weil die Person in dem Moment schon etwas stockt und dann eins und eins zusammenzählt. Ja, manchmal macht es mir ein kleines bisschen Spaß verdutzte Gesichter zu sehen ;). Hätte ich jetzt in einem anderen Rahmen sicher nicht so gemacht, aber da ich dort halt ohnehin nicht so richtig „inkognito“ bin war es mir egal.

Danach haben wir uns jedenfalls sehr nett weiter unterhalten. Das war eine Person ungefähr im Alter meiner Eltern, denke ich. Wenn ich mir dagegen anschaue was der Typ vom Schwimmen so veranstaltet, der deutlich jünger ist, studiert hat, Beamter ist… zeigt mal wieder, dass Toleranz und Akzeptanz mit (formaler) Bildung und Alter wenig zu tun haben. Jedenfalls erlebe ich es ganz häufig so.

Begegnungen

Heute wollte ich seit langer Zeit mal wieder mit „meiner“ Schwimmgruppe Kaffee trinken gehen. Und weil eine aus der Gruppe meinte, der Trainer hätte nach mir gefragt bin ich nicht direkt ins Café gegangen, sondern zum Schwimmbad um einfach mal Hallo zu sagen. Hingefahren, „Hallo“ gesagt. Dann habe ich auf die Schwimmleute gewartet. Ich hatte so eine Idee, dass es ein bisschen unangenehm werden könnte – es gibt in der Gruppe einen Typen der irgendein Problem mit mir hat. Wir sind früher einigermaßen ausgekommen, aber das ist ordentlich gekippt. Die letzten Male, die ich mit im Café war, hat er mich wie Luft behandelt und konsequent kein Wort mit mir gewechselt. Das hat mich genervt, aber da war die Situation so, dass ich dort schon saß und auf die anderen als Gruppe gewartet habe. So war es nicht so eine 1:1 Konfrontation und ich hab mich zwischendurch auch gefragt, ob ich mir das irgendwie nur einbilde.

Naja. Ich hab es mir nicht eingebildet. Ich habe da im Schwimmbad gewartet, es kam die erste Person aus der Schwimmgruppe runter und wir standen im Eingangsbereich und haben uns unterhalten. Dann kam der Typ als nächstes aus dem Umkleidebereich. Guckt. Ich grüße ihn, er guckt weg, geht wortlos an uns vorbei und setzt sich woanders hin. Ich hab ihm erst ein bisschen fassungslos hinterher geguckt und meinte dann zu der anderen Person nur, dass ich auf so eine Scheiße keine Lust habe und jetzt gehe. Und weg war ich. Das war ein bisschen eine Kurzschlussreaktion und ich ärgere mich darüber, aber andererseits habe ich echt keine Energie, mich so einem Verhalten jetzt den Vormittag lang auszusetzen. Ich kann nur ahnen, was das Problem ist – wahrscheinlich eine bunte Mischung aus Homo- und Transfeindlichkeit (der ist so der Typ „Ich hab ja nichts gegen Schwule aber…“) und der Tatsache, dass ich ihn ein paar mal für rassistische und sexistische Äußerungen kritisiert (naja, sagen wir eher angemotzt) habe.

Das Erlebnis hat mich ganz schön runtergezogen. Natürlich gibt es einen Anteil von mir der sagt ich „müsse“ über sowas drüber stehen. Tja. Tue ich aber nicht. Zum einen, weil ich mit Ablehnung nicht gut umgehen kann. Gerade solche Sachen wecken Erinnerungen an meine Schulzeit, die ich lieber nicht hätte. Und diese Situation bedeutet leider wohl auch, dass ich mich von der Idee verabschieden kann ich könnte nach der Mastek vielleicht wieder in das Training mit dieser Gruppe einsteigen. Damit bin ich nach der Radfahrgruppe eine weitere Gruppe „los“ mit der ich zusammen Sport treiben konnte. Es macht mir echt viel aus, dass das jetzt auch wegbricht.

Aus dem Ruder

Ich erlebe gerade die etwas paradoxe Situation dass sich einiges (auf)löst, ich aber trotzdem das Gefühl habe dass Dinge mir komplett entgleiten. Wenn ich die Rahmenbedingungen betrachte, das „Außen“, dann scheint das geordnetet als noch vor ein paar Wochen. Ich konnte in den letzten drei Tagen zwei große Haken hinter Sachen machen: Freitag hatte ich den Beschluss zur Vornamens- und Personenstandsänderung im Briefkasten – und er ist schon rechtskräftig. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Heute habe ich per Mail die Bestätigung bekommen, dass der Kredit genehmigt ist. Damit steht die Finanzierung für die Wohnung nun und eigentlich könnte ich ein bisschen durchatmen.

Aber mein Innen kommt nicht hinterher. Ich liege nachts wach und realisiere langsam, was das alles bedeutet. Ausziehen bedeutet: ich werde allein sein, vielleicht für den Rest meines Lebens, und es macht mir ziemlich große Angst. Mir ist in den letzten Tagen noch mal so deutlich geworden, was durch die Trennung alles schon weggebrochen ist – vor allem im „Sozialen“. Was ich jetzt schon alles nicht mehr habe, obwohl es früher so wichtig war. Zum Beispiel die Rennradtouren und -urlaube, die mein Mann und ich gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Freund*innen gemacht haben. Ich bin schon lange nicht mehr Teil dieser Gruppe, weil mein Mann dort stärker „verankert“ war. Also fahre ich alleine. Aber es ist nicht das gleiche und eine neue Gruppe ist nicht in Sicht.

Als der Beschluss da war wegen der Namensänderung war ich nicht erleichtert. Ich war nur traurig. Mit der neuen Geburtsurkunde radiere ich den letzten Rest meines „alten“ Lebens aus, so fühlt es sich an. Und ich habe keinen Zweifel, dass es die richtige Entscheidung ist diesen Weg so zu gehen, aber gerade ist die Trauer darüber was ich alles verloren habe viel größer als das Gefühl etwas gewonnen zu haben.

 

So, so müde

Leute, was waren die letzten Tage für ein Höllenritt. Ich bin so fertig mit der Welt. Montag: Anhörung vor Gericht. Dienstag: Trennungsvereinbarung beim Notar. Schwarz auf weiß haben, dass die Ehe vorbei und die Beziehung am Ende ist. Noch vorher erfahren, dass die Bank meines Mannes die Entlassung aus dem alten Kredit nicht zeitnah bewilligt, sondern plötzlich eine ziemliche Menge Bedingungen stellt. Seit gut drei Wochen wissen die, das ich dieses Schreiben benötige für die Finanzierung der neuen Wohnung. Eine Woche vor dem Kauftermin kommen sie damit. Ich bin so wütend. Ich hätte den Kauftermin gar nicht auf nächste Woche gelegt, wenn ich das gewusst hätte – die haben mich ins offene Messer rennen lassen.

Dann seit Mittwoch hin und her mit dem Kreditvermittler und der Bank, die die Wohnung finanzieren soll. Keine Finanzierung ohne die Schuldentlassung. Dann ging es um die Frage ob vielleicht eine Reduzierung der Rate für den alten Kredit Abhilfe bringt. Da hat mein Mann sich dann aber leider verrechnet und die Reduzierung, die wir hätten erreichen können, hätte nicht ausgereicht. Die neue Bank rechnet halt so: so lange ich in der Haftung mit drin bin, wäre das worst case scenario dass ich beide Raten tragen muss. Das ist mit meinem Gehalt nicht darstellbar. In der Nacht kaum geschlafen, mal wieder.Völlig übermüdet und aufgelöst ins Büro.

Heute vormittag wurde dann klar, dass die Variante mit dem Ratenabsenken nicht funktioniert. Dann schlug der Kreditvermittler vor, auf ein Angebot einer anderen Bank zu gehen, die nicht auf die Entlassung aus der Schuldhaftung besteht. Die hätte die Verträge bis zum Notartermin zwar nicht fertig gemacht, würde aber eine Finanzierungsbestätigung schicken. Das reicht fürs erste. Drüber nachgedacht. Zugestimmt. Ich bekomme die Unterlagen per Mail zugeschickt. 20 Minuten später ein Anruf: die Bank macht die Finanzierung auch nicht. Weil: Meinem Mann eine vermietete Eigentumswohnung gehört und die Miete, die er für diese Wohnung nimmt laut deren Berechnungsmodell zu niedrig ist um die Kosten für diese Wohnung zu decken. Das ist so absurd. Ich war zu dem Zeitpunkt ohnehin aber so durch, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Damit hab ich den Kreditvermittlungsmenschen erstmal in die Wüste geschickt (naja, aufs Abstellgleis).

Mittlerweile stand auch fest, dass die Bank meines Mannes uns nicht mal einen Zeitrahmen sagen kann/will bis zu dem sie die Entscheidung bezüglich meiner Entlassung aus dem Kredit trifft. Das heißt ich hätte noch nicht mal den Kauftermin beim Notar verschieben können, weil ich nicht weiß wie lange das noch dauert. Letzter Strohhalm: bei mir lag noch ein Finanzierungsangebot von der Bank, über die auch die Immobilie vermittelt wurde. Es ist kein schlechtes Angebot, aber es hat einen Unsicherheitsfaktor (Bausparvertrag) und ich hatte mich deswegen eigentlich dagegen entschieden – auch weil es sehr kompliziert zusammengebaut ist und die Konstruktion für mich nicht gut verständlich ist. Aber egal. Die Bank besteht laut telefonischer Auskunft nicht auf der Entlassung aus der Schuldhaftung. Ich hoffe inständig, dass sie dabei bleiben. Ich traue mich nicht drüber nachzudenken was ist, wenn das nicht klappt. Und weil ich am Dienstag auch noch auf Dienstreise bin habe ich das Gespräch um die Finanzierung festzuzurren erst am Mittwoch. Das ist der Tag des Kaufs.

I am doomed.

Mir ist schlecht, ich bin mit den Nerven am Ende.

Zwischendurch durfte ich gestern nachmittag noch einen Vortrag halten. Übers trans* Sein, den Umgang mit trans* Personen in der Gesellschaft, Gesetze, Diskriminierung… „Durfte“ ist eigentlich nicht ironisch gemeint. Ich hatte mich sehr drauf gefreut. Aber der Stress die letzten Tage hat natürlich dazu geführt, dass ich nicht so gut vorbereitet war wie ich mir gewünscht hätte. Und dass ich 20 Minuten vor Beginn der Veranstaltung noch aufgeregte Telefonate wegen des Kredits führen musste hat auch nicht zur Entspannung beigetragen. Es hat aber trotzdem ganz gut geklappt glaube ich. Es waren gar nicht mal so wenige Leute da – trotz des warmen Wetters. Einige aktuelle Kolleg*innen und frühere Kolleg*innen aus meiner Zeit an der Uni waren dort. Ein früherer Kollege und Freund hat die Veranstaltung organisiert und mich auf eine sehr nette und persönliche Art vorgestellt – ich glaube, wir hätten beide beinahe ein Tränchen verdrückt ;-) (leider muss ich ihm noch mal schonend beibringen, dass man bitte nicht einfach so den alten Namen einer trans* Person vor versammelter Zuhörer*innenschaft ausplaudert /o\).

Der Vortrag hat Spaß gemacht und ich habe mal 90 Minuten nicht an die ganze Kredit- und Immobilienkacke gedacht. Meine Sorge vorher war ob ich eine okaye Balance hinbekomme dabei, sowohl Zuhörer*innen gerecht zu werden die sich mit dem Thema trans* und Geschlecht noch gar nicht so viel beschäftigt haben – und solchen, die in der Thematik selbst erfahren sind und mit einem ganz anderen Vorwissen kommen und denen ich zum Beispiel auch sprachlich gerecht werden wollte (z.B. durch die Verwendung gender-inklusiver und/oder geschlechtsneutraler Formulierungen wo möglich). Obwohl ich das in der schriftlichen Kommunikation ziemlich verinnerlicht habe, merke ich ganz oft dass es mir im mündlichen noch etwas schwerer fällt. Das hat nicht so sehr damit zu tun, dass mir die Formulierungen nicht einfallen würden sondern eher damit dass ich oft etwas „Angst“ vor den Reaktionen der anderen habe – vor allem wenn ich nicht genau weiß wie die so drauf sind beim Thema Gender.

Naja – ich hoffe, dass ich es ganz gut hinbekommen habe. Eventuell könntet ihr das selbst an einem Audiofile überprüfen ;-). Ich habe den Vortrag auf dem Handy aufgenommen (sprich: Audioqualität ist murks) und werde ihn eventuell auch teilen. Vorher muss ich ihn mir allerdings noch mal anhören und das ist die richtige Herausforderung – 48 Minuten meinem eigenen Vortrag zuhören…..au weia ;-). Falls ich mich entscheide das Audio zu teilen, lasse ich es Euch wissen :).

Jetzt ist der Post schon lang genug, aber eins wollte ich doch noch erzählen. In meiner Zeit an der Uni habe ich so Ende der 90er Jahre/Anfang der 2000er dort die Namensänderung einer Person mitbekommen, die an einer zentralen Unieinrichtung arbeitete. Wir kannten uns eigentluch nur per Telefon und Email, hatten aber häufig Kontakt. Es hat mich damals sehr berührt, als die Nachricht der Namensänderung kam – und ich habe damals überhaupt nicht verstanden warum. Kurz darauf hat die Person die Uni dann verlassen. In den letzten zwei Jahren habe ich immer mal wieder an diese Person gedacht, mich gefragt wie es ihr wohl geht und mich auch gefragt was sie wohl denken/sagen würde, wenn sie von mir wüßte. Tja. Und ratet, wer bei meinem Vortrag war? Erst war ich mir nicht sicher, aber nach dem Vortrag habe ich sie angesprochen und bingo – ich hab mich total gefreut!

So. Jetzt versuche ich mal, trotz sehr starker „highway to hell“ Gefühle zu schlafen.

Die Tatsache, dass das Geld das mein Mann mir gestern überwiesen hat (mein Eigenkapital für den Wohnungskauf) immer noch nicht auf meinem Konto eingetroffen ist. Ich will nicht deswegen jetzt auch noch Ängste ausstehen müssen :-/.

I am doomed, for sure /o\.