Menschen hautnah? Bleibt mir von der Pelle

Gestern habe ich die WDR-Dokumentation über trans Kinder und junge Erwachsene in der Mediathek geguckt. Ich weiß nicht warum ich erwartet hatte, dass sie irgendwie okayer sein würde als alles andere, was in den Medien so zu dem Thema herumgeistert. (einzige Ausnahme sind vielleicht die Beiträge aus der Reihe über Feli und Jim bei PULS – die sind vergleichsweise in Ordnung). Vielleicht, weil ich immer noch diese Vorstellung habe, dass bei den öffentlich-rechtlichen Sendern und gerade auch bei dem Format „Menschen hautnah“ solche Themen irgendwie fundierter, respektvoller behandelt werden als bei RTL2.

Tja.

Falsch gedacht. Auch wenn die Respektlosigkeit und der Voyeurismus hier auf leiseren Pfoten daherkommt als vielleicht anderswo. Das macht es für mein Empfinden aber eher schlimmer als besser, weil es für weniger informierte Personen schwieriger wird zu erkennen, das etwas in der Darstellung problematisch ist.

Was regt mich so auf? Vieles, mehr dazu unten. Aber das was mir den Magen umdreht ist, wie der WDR mit einem 8-jährigen Mädchen umgeht. Sophia. Sie wird schon in der Kurzbeschreibung der Sendung in der Mediathek erwähnt. Und zwar mit ihrem alten Namen.

Exkurs: Geburtsnamen sind ein schwieriges Thema für viele trans* Personen. Sie sind oft verbunden mit viel Schmerz, Verletzung, Verlust. Wir kämpfen hart und lange dafür, mit unseren neuen, richtigen Namen angesprochen und akzeptiert zu werden. Und doch ist die mit Abstand häufigste Frage, die ich von anderen gestellt bekomme: wie hießt du früher? Und genauso funktioniert Medienberichterstattung über trans* Personen in der Regel. „Person war mal {Geschlecht} und ist heute {Geschlecht}“. Und: „Person hieß früher {Geburtsname} und heißt heute {richtiger Name}“. Wenn das mit der Zustimmung der jeweiligen Person erfolgt, ist das natürlich in Ordnung. Wobei ich mir sehr wünschen würde dass Medienberichterstattung verdeutlicht, dass diese Zustimmung eingeholt wurde und dass es nicht grundsätzlich in Ordnung ist, den alten Namen zu verwenden.

Im Fall von Sophia habe ich schon als ich den Beschreibungstext für die Doku las die Stirn ein wenig gerunzelt. Auch in der Doku wird ihr alter Name mehrfach verwendet, sowohl im Voice-Over Kommentar, als auch durch die Eltern von Sophia. Und dann haben die Macher*innen eine Sequenz von Sophia in die Doku geschnitten in der sie sehr deutlich sagt, dass sie ihren alten Namen nicht nennen möchte und dass sie vor allem nicht möchte dass er noch verwendet wird. Sie verrät, dass er mit „P“ anfängt, aber mehr möchte sie nicht preisgeben.

Ich bin so wütend. Was gibt den Macher*innen und den Eltern das Recht sich über den Wunsch dieses Kindes so eklatant hinwegzusetzen? Ich finde solche Dokus über und mit Kindern sind eh schon eine extrem diffizile Angelegenheit – das Kind hat ein Recht am eigenen Bild und am Schutz seiner Privatsphäre. Im Vorfeld der Aufnahmen und Interviews müssen die Beteiligten aufgeklärt werden darüber was mit den Aufnahmen passiert und sie müssen zustimmen – freiwillig und ohne das (versteckter) Druck auf sie ausgeübt wird. Es ist schwer vorstellbar, dass Sophia aus freien Stücken ihre Zustimmung dazu gegeben hat dass ihr alter Name in dieser Weise veröffentlicht wird. Jetzt ist er über das halbe Internet plakatiert und tausende von Menschen kennen ihn.

Die Botschaft, die bei mir ankommt ist mal wieder: Selbstbestimmung für trans* Menschen ist eine Illusion. Und das gilt hundertfach für Kinder und Jugendliche, denen abgesprochen wird dass sie selbst wissen was gut und richtig für sie ist. Es werden so tolle Personen portraitiert in dieser Doku, die alle in großartiger Weise für sich sprechen und erklären was sie empfinden, was sie sich wünschen. Aber die Macher*innen schaffen es nicht, das für sich stehen zu lassen. Stattdessen gibt es einen voice-over Kommentar, der diese Erzählungen und Aussagen immer wieder relativiert und missachtet. Beispiel? Eine der portraitierten Personen (ich meine, es ist Sophia) sagt sinngemäß: ich war nie ein Junge, ich war schon immer ein Mädchen. Der Kommentar hingegegen wiederholt immer und immer wieder Aussagen wie: „xy war früher Junge/Mädchen“, „wurde als Junge/Mädchen geboren“, „ist körperlich Junge/Mädchen“… Ich habe halbwegs Verständnis dafür, dass ein solches TV-Format den Zuschauer*innen nicht unmittelbar ein „biologisches Geschlecht ist eine Konstruktion“ vor den Latz knallen möchte. Aber es wäre ohne weiteres möglich gewesen die portraitierten Personen für sich sprechen zu lassen – ohne ihnen über den voice-over Kommentar die Deutungshoheit über ihr Geschlecht und ihre Geschichte zu nehmen. Dafür hätte es aber ein größeres Verständnis für die Materie gebraucht – vor allem aber, und das ist das Wichtigste: mehr Respekt für das Wissen und die Entscheidungen dieser Personen.

Der WDR hat eine riesige Chance verspielt zu zeigen, dass trans* Kinder und Jugendliche ein Recht auf Selbstbestimmung haben. Dass sie gehört und ernst genommen werden müssen. Dass sie Respekt verdient haben.

Auf Twitter gibt es auch einige gute Threads mit Kritik an der Doku – schaut z.B. mal hier:

@AbstraktesHerz https://twitter.com/AbstraktesHerz/status/891012299070242818

@Marabufeder https://twitter.com/marabufeder/status/891049704678711296

——————- Nachtrag (01/08/17) ———————

Ich habe heute eine Antwort auf meine kurze Nachricht an die Redaktion bekommen. Alle portraitierten Personen – Sophia eingeschlossen – haben demnach in die Nennung ihres alten Namens eingewilligt. Ich muss gestehen, ohne der Redaktion irgendetwas unterstellen zu wollen, dass ich skeptisch bin inwieweit Sophia wirklich unbeeinflusst (z.B. von Wünschen ihrer Eltern) diese Entscheidung treffen konnte. Aber das kann ich nicht beurteilen. Persönlich, aus meinem eigenen Erleben heraus, hätte ich mir gewünscht dass im Zweifel auf die Nennung des Namens verzichtet wird – mindestens im voice over-Kommentar. Aber – und das finde ich sehr gut: die Redaktion hat den alten Namen aus dem Infotext in der Mediathek entfernt. Danke dafür!

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18 Gedanken zu „Menschen hautnah? Bleibt mir von der Pelle“

  1. Das ist ja gruselig! Natürlich habe ich den Faux-pas auch begangen, einst nach dem „richtigen“ Namen zu fragen und wurde gleich „So etwas fragt man nicht!“ abgekanzelt. Ja, das war in etwa so sensibel wie ein Frauenpaar beim ersten Treffen zu fragen, wie das Kind entstanden ist. So vergleich mein Freund es. Ich habe verstanden.
    Später erfuhr ich dann doch vom Geburtsnamen und auch, wie er auf den aktuellen Namen gekommen war und das sein Zweitname der von den Eltern gewählte Jungenname ist. So etwas kann man ja irgendwann, wenn man sich besser kennt, besprechen. Er erfuhr dann auch, wie meine Tochter entstanden ist. 🙂

    Ansonsten: Geht dir das auch so, dass alle immer alles wissen wollen und man aber dann kaum etwas von diesen Leuten erfährt?!

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    1. Passiert einfach – viele wissen nicht, dass es ein schwieriges Thema sein kann. Ich versuche auch, nicht direkt genervt zu reagieren (gelingt mir zugegebenermaßen nicht immer :D). Ich finde es aber gerade wenn man sich übrhaupt nicht kennt total schwierig mich da abzugrenzen und zu sagen, dass ich das für mich behalten werde. Wenn man sich besser kennt ist es irgendwie leichter auszuhandeln was man mit der anderen teilen möchte und was nicht.

      Ja, ich habe auch oft erlebt, dass mehr oder weniger fremde Menschen mich ziemlich „invasiv“ nach sehr persönlichen Dingen fragen wenn sie erfahren dass ich trans bin. Und ich bin nicht gut darin sowas zu kontern – d.h. ich frage nicht „dreist“ zurück, sodass ich dann in der Tat relativ wenig erfahre von den anderen. Ich hatte mal eine ganz gruselige Begegnung. Ich hab ja bei einem Theaterstück mitgespielt. Im Foyer des Theaters hingen Fotos von uns mit Namen (ich hatte mich für meinen Klarnamen entschieden). Nach einer Aufführung kam eine Person zu mir und fing an mich mit ziemlich persönlichen Fragen zu löchern und eröffnete das Gespräch damit, das sie mich gerade erstmal gegoogelt hätte und jetzt wüßte wo ich arbeite etc. Von der Person selbst habe ich außer einem Vornamen nichts erfahren… Das war schon ziemlich grenzwertig.

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  2. Natürlich ist es für Außenstehende wie mich schwierig richtig mit der Thematik umzugehen, man will alles richtig machen tritt aber doch schnell in ein Fettnäpfchen, z.b. das mit dem Namen muss einem halt erstmal bewusst sein. Den Machern der Doku war es allerdings bewusst, weswegen ich es auch fatal finde immer wieder den Geburtsnamen der Person zu nennen. Ich frage mich in solchen Momenten was das Ziel dieser Doku gewesen ist, solche Filme sollen doch eigentlich aufklären..

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    1. Ja, so sehe ich es auch. Ich (und ich denke mal die meisten anderen auch) nehme solche „Fettnäpfchen“ prinzipiell nicht übel, wenn sie passieren! Genausowenig bin ich böse, wenn Menschen die mich von früher kennen sich mal vertun. Alles kein Beinbruch!
      Aber ich bin wütend auf die Medien, die – wie du schon sagst – da eine ganz andere Verantwortung haben und die ja die Chance hätten aufzuklären. *seufzt laut*

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  3. Ich muss sagen, ich fand die Sendung eigentlich echt okay – bis auf die Sache mit Sophia. Das geht überhaupt nicht! Vor allem, weil sie selbst sagt, dass niemand ihren Namen sagen darf.
    Den ganzen Rest fand ich verhältnismäßig gut dargestellt und erklärt für eine Sendung, die größtenteils wahrscheinlich Menschen sich ansehen, die mit dem Thema trans* noch nie/kaum in Berührung gekommen sind. Hab schon wesentlich schlimmeres gesehen.
    (Aber das ist meine Meinung, die ich nur mal mitteilen wollte.)

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    1. Oh ja, ich hab auch schon viel schlimmeres gesehen :D Ich hab mich auch schon wieder ein bisschen abgeregt, aber die Sache mit Sophia „entwertet“ für mich total viel an der Sendung. Ich würde glaube ich über alles andere viel mehr hinwegsehen, wenn das nicht gewesen wäre. Bin mal gespannt, ob sie da noch was zu sagen…

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    1. Ich schätze, dass die Mutter das Ganze noch nicht richtig verarbeitet hat und sich vom Sohn noch nicht verabschiedet hat. Die Schmerzen, die sie dabei hat, sind noch sehr sichtbar. Dass sie für den Abschied / Loslassen noch etwas Zeit braucht, sollten wir alle respektieren (wie alles andere auch, natürlich).

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      1. Danke für deinen Kommentar! Ja, ich sehe auch dass es gerade für die Mutter schwer ist, auch nach vier Jahren noch. Ich habe die Macher*innen auch so verstanden, dass sie das zeigen wollten und auch deswegen der alte Name verwendet wird. Ich möchte nicht kleinreden, dass es für die Eltern schwer ist – auch weil sie Angst haben dass Sophia von anderen Ablehnung erfährt. Das formulieren sie ja auch. Ich glaube, Sophia berührt u.a. deswegen sehr viel in mir, weil ich weiß wie es ist sich sein ganzes Leben lang mit Schuldgefühlen zu kämpfen, weil man es den Eltern „schwer gemacht“ hat. Das lässt mich auch mit meinen über 40 Jahren nicht los.
        Ich bin froh, dass die Macher*innen den alten Namen aus dem Mediathektext entfernt haben. Damit nehmen sie das Brennglas ein bisschen weg davon.
        Meine Gedanken dazu sind auch echt noch unfertig, sorry wenn es etwas durcheinander ist ;).

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  4. Hallo Tomi,
    wir hatten da auch reingeschaltet und das ein oder andere ist mir auch unangenehm aufgefallen, obwohl ich die Sendung an sich schon interessant fand. „Person war mal {Geschlecht} und ist heute {Geschlecht}“ oder „wurde als xxx geboren und nennt sich heute….“.
    Mich würde aber interessieren, was wäre denn aus Trans* Sicht angemessen als Formulierung? „Wurde als Junge in einem Mädchenkörper geboren“, das klingt für mich z.B. nach spirituell angehauchtem Comedyfilm, als wäre eine Seele versehentlich in die falsche Hülle geflutscht…wie würdest du es ausdrücken, ohne dass es verletztend oder ignorant ist? Da hätte ich gerne Nachhilfe 😉

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    1. Hihi, „in die falsche Hülle geflutscht“ :D

      Ich antworte heute Abend in Ruhe! Kann natürlich nur aus Tomi-Sicht, nicht für alle trans* Leute sprechen.

      Ich hab mich auch mittlerweile wieder etwas abgeregt. Die Doku ist nicht prinzipiell schlecht und wenn man den Personen selbst mehr zuhört als dem voice over, dann wird sie noch besser ;).

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  5. Ich kenne nur einen trans* Menschen persönlich, daher habe ich nicht viel Erfahrung im Umgang mit dieser Fragestellung. Ich habe damals (80er) von der „Umwandlung“ wie es meine Eltern nannten erfahren, und fand es als Kind nicht weiter bemerkenswert. Meine Fragen dazu wurden beantwortet, und damit war für mich das Thema auch schon durch… Interessanterweise steht dieser Mensch auch in ihrem Wikipedia Artikel als Frau bezeichnet, dort findet sich auch ein Abschnitt über ihre Mädchenjahre. Im gesamten Netz steht nichts anderes wenn man ihren Namen googelt, und auch bei youtube ist sie zu sehen, immer nur als Frau bezeichnet. Das ist das einzige reale Beispiel das ich kenne, und ich hatte gehofft, dass das in seiner Konsequenz für alle trans* Personen gilt… Es tut mir immer wieder leid – und es macht mich wütend- zu lesen, dass das meistens nicht der Fall ist.

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    1. Danke für deine Worte :). Es ist schön, dass es bei dieser Person so selbstverständlich ist, dass sie immer Mädchen/Frau war.
      Ich denke, diese Sichtbarkeit des Themas in den Medien ist Fluch und Segen zugleich – es ist gut, weil es viel über das Thema zu lernen und erfahren gibt. Aber halt auch anstrengend, weil dort sehr viele Stereotype reproduziert werden und eben wenig auf die „Feinheiten“ geachtet wird. Aber ich denke, da müssen wir durch. Und ich hoffe einfach, dass es vor allem für die, die jetzt noch Kinder sind einfacher wird.

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