Abschiednehmen (Mastek, die 1.)

Content note: Operation, Krankenhaus, Medikamente, Essen.

Ich bin wieder zu Hause! Endlich! Und völlig groggy, weil es im Krankenhaus für mich weder ausreichend Schlaf noch annähernd genug zu Essen gab. Ich habe die letzten fünf Tage überwiegend von glutenfreiem Weißbrot, Margarine und Bananen gelebt. Ich kann nichts davon mehr sehen. Leider hat es exakt einen einzigen Tag geklappt, dass ich für meine Allergien und Unverträglichkeiten passendes Essen bekommen habe. Ansonsten hörte ich jeden Tag: „Also in meiner Liste steht Sie bekommen Vollkost“. Fuck yeah.

Dass ich nicht schlafen würde, darauf hatte ich mich vorher schon einigermaßen versucht einzustellen, aber es hat dann natürlich trotzdem geschlaucht. Ich tue ja schon kein Auge zu, wenn irgendjemand neben mir laut atmet. Die Kombi aus zeitweise zwei Schnarchern in den Betten neben mir und nur auf dem Rücken liegen können war da nicht hilfreich. Mehr als zwei Stunden am Stück habe ich glaube ich nur in der zweiten Nacht geschlafen.

Aber zu den Dingen, die Euch wahrscheinlich viel mehr interessieren: was ist außer nicht essen und nicht schlafen in der letzten Woche passiert?

Sonntag habe ich ja erst mal das Entspannungsprogramm gestartet: Lamatrekking. Mit drei Freund*innen. Zwei Stunden Wanderung mit so einem flauschigen Tierchen am Halfter! Einizger (kleiner) Wermutstropfen war die verbale Dauerberieselung durch die Person, die unsere Wanderung als Guide begleitete. (Die hatte schon mindestens 30 Minuten getextet, bevor wir überhaupt ein Lama zu Gesicht bekamen ;)). Aber es war trotzdem schön und ich habe ziemlich wenig an die bevorstehende OP gedacht.

Am Abend hat mein Mann mich dann in die Stadt gefahren, in der das Krankenhaus ist. Ich hatte mir dort in der Nähe der Klinik kurzentschlossen ein Hotelzimmer reserviert, weil ich mir nicht zugetraut habe, den ca. eineinhalbstündigen Weg nüchtern und nervös mit ÖPNV am Operationstag selbst zurückzulegen. Dass mein Mann angeboten hat mich zu fahren war überraschend und ich fand es sehr nett von ihm. Zum Abschied hat er mich umarmt… all the feelz :/.

Im Hotel kam dann so ein bisschen der Moment von dem ich erwartet habe, dass er kommt und vor dem ich auch Angst hatte. Ich hatte bis dahin fast jegliche Gedanken daran weggeschoben, wie gravierend und im wahrsten Sinne des Wortes einschneidend dieser Schritt ist, den ich da am nächsten Tag gehen würde. Und natürlich holte mich das ein. Es war nicht so sehr die Angst, dass ich meine Brüste wiederhaben wollen würde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das passiert. Aber das Wissen, dass ich da mit einem verhältnismässig heilem Körper reingehen und mit Narben und Wunden wieder rauskommen würde – das hat mich bedrückt und mir Angst gemacht. Und es war ein Moment des Abschieds von einem Stück von mir, auf den ich mich im Nachhinein glaube ich lieber besser vorbereitet hätte.

Ich habe ja schon hier und da mal geschrieben, dass für mich diese Metapher vom „falschen Körper“ nicht passend ist. Egal, wie wenig ich meinen Körper mag – es ist mein Körper. Die Mastektomie ist in gewisser Weise ein Zugeständnis – an (von mir verinnerlichte) Idealvorstellungen davon, wie männliche Körper auszusehen haben. Der Eingriff gibt mir die Freiheit, mich wieder in bestimmten Räumen zu bewegen – zum Beispiel in Umkleiden oder Schwimmbädern – ohne angestarrt, angefeindet, oder sogar rausgeworfen zu werden. Für diese Freiheit bezahle ich mit einer Versehrung.

Am Abend vor dem OP-Tag haben sich diese Gedanken und auch Traurigkeit darüber noch mal ziemlich viel Raum genommen – Raum, den ich ihnen vorher nicht gegeben hatte.

Ich habe ein letztes Foto von mir gemacht, mit Brüsten, das Bild zurückgeworfen vom Badezimmerspiegel.

Dann habe ich mit Freund*innen noch Nachrichten hin- und hergeschrieben, mein Antihistaminikum genommen (Müdigkeit war in diesem Fall eine erwünschte Nebenwirkung), an die kuschligen Lamas gedacht und dann habe ich einigermaßen geschlafen bis zum nächsten Morgen.

Teil 2: hier entlang.

Und ein Flauschlama :)

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Fight or flight

Content note: Mobbing, Schule, soziale Phobie. Falls ihr das nicht lesen möchtet, springt einfach zum letzten Absatz – da gibt es netteres zu lesen :-)

Ich fühle mich gerade sehr antriebslos und müde. Wahrscheinlich spielen die bevorstehenden Veränderungen eine Rolle, aber auch – auf der gesellschaftlichen Ebene – ein Gefühl von Ohnmacht das mir gerade mal wieder sehr präsent ist. Das hat viel damit zu tun, wie über trans* Personen in den Medien berichtet wird; und auch damit, wer überhaupt in den Medien und „der Gesellschaft“ gehört wird. Da sind Mechanismen und Prozesse am Werk die letztlich dafür sorgen dass marginalisiert Menschen weiter marginalisiert bleiben. Es ist sehr schwer, das aufzubrechen. Ich fühle mich gerade nicht gut vorbereitet und „gewappnet“ darüber zu mehr zu schreiben, aber es wird dazu bestimmt bald noch mal einen Beitrag (oder Beiträge) hier geben.

Tja, und auf der persönlichen Ebene. Mich beschäftigt immer noch (meine Reaktion) auf den nervigen Typen vom Schwimmen. Ich habe das Feld geräumt, „kampflos“ sozusagen, weil ich das Gefühl habe keine Kraft für die Auseinandersetzung zu haben. Einerseits denke ich mir, ich hab keine Verpflichtung mich mit dem Typen auseinanderzusetzen. Habe ich auch nicht – aber das ist andererseits nur die halbe Wahrheit. Denn die Person der ich damit schade bin ich selbst. Dadurch, dass ich dem Konflikt aus dem Weg gehe verliere ich etwas, was wichtig war – Anschluss, Sozialkontakte, ein Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Mit etwas Abstand (und weil andere mich mit der Nase drauf gestoßen haben, ahem) sehe ich, dass das natürlich ein Muster ist das ich wiederhole. Dieses Muster hat glaube ich viel damit zu tun, was ich als Jugendlicher in der Schule erlebt habe. Ich wurde gemobbt, gehörte nirgendwo dazu und habe glaube ich versucht mich zu schützen, indem ich mich isoliert habe. Das ging über mehrere Jahre. Mit dem Abi habe ich allen Kontakt zu Mitschüler*innen abgebrochen, mit einer Ausnahme. Wenn ich jemanden aus meinem Abijahrgang sehe, gehe ich in Deckung. Wobei, mittlerweile erkennen Leute mich auch nicht mehr, was sehr cool ist :D.

Aber ich schweife ab. Ich habe jedenfalls in dieser Zeit keine positiven Erfahrungen damit gesammelt, für mich einzustehen und mich zu behaupten. Gewachsen ist in dieser Zeit auch eine soziale Phobie die es mir ziemlich unmöglich gemacht hat mit fremden Menschen in Kontakt zu treten. Die Angst abgelehnt zu werden, irgendwas falsch zu machen, mich lächerlich zu machen…. viel zu groß. Es hat mehrere Jahre Therapie gebraucht, mich wieder halbwegs „funktional“ im Kontakt mit anderen Menschen zu machen, aber die Verhaltensmuster sind mir geblieben. Ich erkenne sie jetzt meistens ganz gut und gehe wenn möglich nicht in die Vermeidung, auch wenn meine „Angstmelder“ anschlagen. Aber wenn ich in einen Konflikt gerate schaffe ich es nicht, für mich einzustehen sondern gebe nach und/oder ziehe mich einfach komplett aus der Situation raus. Konfrontationen halte ich exakt null aus. Umso mehr, wenn ich das Gefühl habe dass ich nicht einer einzelnen Person gegenüberstehe, sondern halt einer Gruppe. So war es in der Schwimmgruppe, wo ich von den anderen keine Unterstützung im Konflikt bekomme, und es gab dieses Jahr noch eine andere aber teils ähnliche Situaton in anderem Zusammenhang. Das Resultat war jedenfalls auch da das gleiche: ich hab mich rausgezogen (allerdings war das etwas vielschichtiger und verstrickter, als die Schwimmsache).

Und was mach ich jetzt mit dieser Erkenntnis? Muster durchbrechen klingt so gut, ist aber leider auch schwer. Vor allem, wenn sie aus eher schlimmen Erfahrungen entstanden sind.

Und sonst noch? Heute war ich das drölzigste Mal im Notariat – dieses Mal, um die Grundschuld für die Bank auf die Wohnung eintragen zu lassen. Im Gepäck hatte ich den rechtskräftigen Beschluss zur Namensänderung (und übrigens auch meinen vorläufigen Perso!). Damit kann ich nämlich jetzt die Vormerkung für die Eintragung ins Grundbuch auf den neuen Namen machen und muss es später im Grundbuch nicht noch ändern. Dazu hat der Notar* dann so aus dem Stegreif einen sehr komplizierten Satz handschriftlich in die Urkunde eingefügt. Der war so lang, dass eigentlich kein Platz dafür war und die Schrift wurde immer kleiner und kleiner. Ich musste ein bisschen lachen – und die Person, die das nachher entziffern muss tut mir auch ein bisschen leid. Jedenfalls steht da jetzt so etwas wie „Der Erschienene (also ich) beantragt unter Vorlage einer beglaubigten Ablichtung des Beschlusses xy des Amtsgerichts xy dass die Eintragung der Vormerkung und so weiter und so fort auf den Namen TOMI erfolgen soll“ (ich krieg es nicht mehr ganz zusammen, aber war allerschönstes Jurist*innendeutsch ;)). Die Kreditverträge habe ich am Mittwoch unterschrieben und kann darunter jetzt also auch einen Haken machen.

Aus dem Ruder

Ich erlebe gerade die etwas paradoxe Situation dass sich einiges (auf)löst, ich aber trotzdem das Gefühl habe dass Dinge mir komplett entgleiten. Wenn ich die Rahmenbedingungen betrachte, das „Außen“, dann scheint das geordnetet als noch vor ein paar Wochen. Ich konnte in den letzten drei Tagen zwei große Haken hinter Sachen machen: Freitag hatte ich den Beschluss zur Vornamens- und Personenstandsänderung im Briefkasten – und er ist schon rechtskräftig. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Heute habe ich per Mail die Bestätigung bekommen, dass der Kredit genehmigt ist. Damit steht die Finanzierung für die Wohnung nun und eigentlich könnte ich ein bisschen durchatmen.

Aber mein Innen kommt nicht hinterher. Ich liege nachts wach und realisiere langsam, was das alles bedeutet. Ausziehen bedeutet: ich werde allein sein, vielleicht für den Rest meines Lebens, und es macht mir ziemlich große Angst. Mir ist in den letzten Tagen noch mal so deutlich geworden, was durch die Trennung alles schon weggebrochen ist – vor allem im „Sozialen“. Was ich jetzt schon alles nicht mehr habe, obwohl es früher so wichtig war. Zum Beispiel die Rennradtouren und -urlaube, die mein Mann und ich gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Freund*innen gemacht haben. Ich bin schon lange nicht mehr Teil dieser Gruppe, weil mein Mann dort stärker „verankert“ war. Also fahre ich alleine. Aber es ist nicht das gleiche und eine neue Gruppe ist nicht in Sicht.

Als der Beschluss da war wegen der Namensänderung war ich nicht erleichtert. Ich war nur traurig. Mit der neuen Geburtsurkunde radiere ich den letzten Rest meines „alten“ Lebens aus, so fühlt es sich an. Und ich habe keinen Zweifel, dass es die richtige Entscheidung ist diesen Weg so zu gehen, aber gerade ist die Trauer darüber was ich alles verloren habe viel größer als das Gefühl etwas gewonnen zu haben.

 

Alles schwebt

…und das ist nicht gut. Unsicherheit macht bei mir ein Überforderungsgefühl. Mich machen diese ganzen schwebenden / noch offenen Themen bei denen „irgendwann mal“ eine Entscheidung ansteht echt fertig. Ich habe das Gefühl, das alles voneinander abhängt und ich irgendwie keinen Pflock einschlagen kann so lange alles andere noch in der Schwebe ist. Das lähmt mich. Aber eins nach dem anderen Abarbeiten funktioniert irgendwie auch nicht, damit wäre ich in drei Jahren dann noch beschäftigt, fürchte ich.

Mich stresst die Wohnsituation bzw. die Wohnungssuche und ein Teil dieses Stresses ist hausgemacht. Ich habe ja dieses eine Neubauprojekt im Auge und würde das gerne „festzurren“, aber von Seiten des Maklers* und Bauträgers geht das nur schleppend voran. Diese Wohnung soll Mitte nächsten Jahres bezugsfertig sein, also brauche ich was zur Miete in der Zwischenzeit. Ich besichtige Wohnungen. Aber gleichzeitig gucke ich halt auch noch weiter nach Wohnungen zum Kauf, weil ich mich nicht drauf verlassen kann die eine favorisierte Wohnung zu bekommen. Und weil ich denke, dass ich doch vielleicht noch etwas finde, wo ich sofort einziehen kann ohne diese Zwischenlösung „Miete“, die zusätzliches Geld und Nerven kosten wird.

Tja. Ich verfange mich in so Denkschleifen wie „was ist wenn ich jetzt was miete, aber dann doch noch was zum Kauf finde wo ich sofort einziehen kann?“. Dann habe ich was zugesagt, die Vermieter*innen haben anderen Personen abgesagt, ich habe vielleicht schon einen Mietvetrag unterschrieben und dann muss ich alles wieder zurückabwickeln und verursache allen (mir eingeschlossen) jede Menge Ärger und auch unnötige Kosten. Ich habe nicht gelernt, mit sowas umzugehen. Und dieses Stressgefühl ist gerade sehr real, weil ich mir gestern eine Wohnung angeschaut habe die echt ganz schön wäre, bei der ich mich aber heute zurückmelden muss.

Dann die Frage: was ist wenn ich die Mastek-OP wieder Erwarten doch irgendwann demnächst mal genehmigt bekomme? Wie schnell bekomme ich einen OP-Termin? Was ist, wenn ich unmittelbar nach der OP umziehen müsste? Ich kann dann nichts tragen. Für den Umzug und die Phase des „sich einrichtens“ wäre das echt maximal unpraktisch (bzw. ich denke, es wäre einfach nicht machbar).

Und bevor ich aber überhaupt drüber nachdenken kann, eine Finanzierung für die von mir favorisierte Wohnung auf die Beine zu stellen, muss ich mit meinem Mann eine notarielle Trennungsvereinbarung treffen. Das ist emotional auf so viele Arten schwierig, dass ich auch das vor mir herschiebe. Jetzt gerade haben wir hier mal 20 min gesessen und darüber gesprochen und jetzt sitze ich hier am Küchentisch und heule – weil es so real macht, dass ich so viel von dem, was mir ans Herz gewachsen ist verlieren werde.

Naja und vor dem Hintergrund erscheint mir „eine Mietwohnung“ suchen so, als würde ich den vierten Schritt vor dem ersten machen, aber andererseits halte ich es auch nicht mehr aus, mit meinem Mann unter einem Dach zu wohnen glaube ich.

Komplexitätsreduktionsszenario 1 wäre: warten, bis sich das mit der favorisierten Eigentumswohnung mit Fertigstellung 2018 entscheidet. Wenn das geklärt ist eine Mietwohnung für den Übergang suchen. Hätte den Vorteil, dass ich besser planen kann und vielleicht auch schon für die Mastek einen genaueren Zeitplan habe.

Komplexitätsreduktionsszenario 2: jetzt sofort was mieten und nicht mehr nach weiteren Eigentumswohnungen suchen bis sich das mit der Eigentumswohnung für 2018 entscheidet.

Ich glaube, Szenario 1 ist mir gerade lieber aber ich habe das Gefühl, ich rede es mir schön und favorisiere es auch deswegen, weil es mir ermöglicht eine Entscheidung (die für den Auszug) aufzuschieben. Ich finde es so ätzend, dass ich meinen Gefühlen nicht diesbezüglich vertraue.

Arrrggggghhhhh!

Aber, on the bright side, hatte ich gestern einen ganz schönen Tag. Ich war bei einer Demo, bei der mit viel Musik, Ballons und Konfetti gegen Rechts protestiert wurde. Ich bin froh, dass ich dort nach meinen Wohnungsbesichtigungen noch hingefahren bin. Dank der Medienberichterstattung im Vorfeld hatte ich ein etwas mulmiges Gefühl, aber es war wirklich ziemlich okay. Bevor der Demozug losging hatte ich eine Situation, die ich etwas stressig fand, weil ich plötzlich am Rand einer (fröhlichen, aber großen) Menschenmasse in einer ziemlich engen Straße stand und das Gefühl hatte weder vor noch zurück zu kommen. Aber zum Glück hat sich das nach einer Weile wieder entzerrt und der Demonstrationsszug durch die Stadt selbst war schön. Es macht mir echt immer wieder etwas Hoffnung für die Welt, wenn ich sehe wie viele so ganz unterschiedliche Menschen sich da zusammenfinden. Ich weiß, dass solche Demos nicht viel konkret bewirken – aber sie geben mir das Gefühl, dass es eben doch viele Menschen gibt, deren Werte offenbar irgendwie eine Schnittmenge haben mit meinen. Realistisch (pessimistisch?) betrachtet ist diese Schnittmenge wahrscheinlich oft nicht groß – aber es gibt sie. Es gab natürlich einige Aussagen auf Plakaten die ich kritikwürdig finde, weil sie behindertenfeindlich waren oder transfeindlich. Aber es gab eben auch ganz viele gut – kreativ und nicht „-istisch“ (also sex_istisch_, etc.) – formulierte Sprüche auf den Bannern und Plakaten.

Mein heimlicher Favorit wurde von einem Kind begeistert am Straßenrand geschwenkt: ein Bild von einer Katze, die die Zunge rausstreckt mit dem Slogan „AfD wegschlecken“ :-D.

Was wäre wenn

Heute war ich beim VdK bei einer Beratung zu meinem Antrag auf Kostenübernahme für die Mastektomie. Eigentlich wollte ich da ja hin, bevor ich den Antrag stelle. Aber da die Termine schon Anfang des Jahres bis jetzt ausgebucht waren und ich nicht so lange warten wollte mit dem Antrag, war ich dort nun für eine was-wäre-wenn Beratung. Ich wollte vor allem klären, was passiert wenn die Kasse einen ausführlicheren Bericht von meinem Ex-Therapeuten fordert, diesen aber nicht zahlen will.

Tja. Letztlich konnten wir darüber nur spekulieren, denn was genau passiert und in welcher Form die Kasse möglicherweise ablehnt oder Unterlagen nachfordert steht in den Sternen. Was die Person, die mich beraten hat aber betonte war:

  1. Die Chance, Geld wiederzubekommen, das ich ggf. vorab aus eigener Tasche bezahle ist sehr gering (also sowohl bezogen auf die gesamte OP, als auch auf den Bericht des Ex-Therapeuten).
  2. Mit außervertraglichen Psychotherapeuten wird alles komplizierter
  3. Wenn ich den Klageweg gehen muss, dann kann es sicher zwei Jahre dauern bis ich die OP habe.

Über dieses letzte Szenario denke ich jetzt besser nicht nach.

Jetzt warte ich also erstmal ab, was von der Kasse zurück kommt. Beim VdK war der nächste freie Termin im Juni, den haben wir auf Verdacht mal gemacht. Ich hoffe so sehr, dass ich ihn nicht brauche, aber wirklich dran glauben tue ich nicht.

C:\>format c:

Negative Gefühle sind echt ätzend. Mir gelingt es gerade eher schlecht meine Trauer über die Trennung von meinem Mann in Schach zu halten. Ständig tauchen Erinnerungen und Gefühle auf, die ich lange relativ gut kalt gestellt hatte (und das dürfte von mir aus auch gerne so bleiben). Dieser Verlust ist schmerzhaft. Und auch wenn ich weiß, dass das irgendwann vorbei geht ist das vorherrschende Gefühl gerade der Wunsch diese ganze Beziehung wäre nie passiert. Und ich will diese Erinnerungen nicht mehr haben, weder in meinem Kopf noch in Form von Fotos, Videos, Gegenständen. Den materiellen Kram kann ich wegwerfen. Aber die Erinnerungen von meiner inneren Festplatte löschen wird wohl nicht möglich sein.

Im Moment habe ich ständig Gedanken im Kopf an gemeinsame Urlaube und Erlebnisse. Ich kriege immer wieder so Panikmomente in denen ich denke: nutz‘ die wenige Zeit die du noch hast um mit diesem mal geliebten Menschen noch ein bisschen Zeit zu verbringen bevor er für immer weg ist – aber dann fällt mir ein, dass wir keine Basis mehr haben, keine Grundlage mehr die es uns ermöglichen würde Zeit miteinander zu verbringen ohne uns selbst zu quälen.

Und ich weiß nicht wohin mit meiner Trauer darüber. Ich weiß ja noch nicht mal, wohin mit mir selber (haha, literally…weil sich in Sachen Wohnsituation frühestens Mitte März was entscheiden könnte).

Neben der Spur

Jeden Tag hoffe ich, endlich Post von den Gutachter*innen für die Personenstandsänderung zu kriegen. Fehlanzeige. Auch nach fast sieben Wochen hat das Amtsgericht es offenbar nicht hingerkriegt, die Gutachter*innen offiziell zu bestellen. Ich fühle mich so wütend und ausgeliefert.

Mit der Krankenkasse und meinem Ex-Therapeuten bewege ich mich auch nur millimeterweise vorwärts. Es gab ein Gespräch zwischen Sachbearbeiterin* und Therapeut. Letzterer schreibt mir, dass ich in Vorkasse gehen soll, dann die Rechnung bei der Kasse einreichen kann und diese mir dann Geld zurückerstatten. Zum Umfang der Rückerstattung werde die Kasse sich mit mir in Verbindung setzen. Ich solle 500 € anzahlen.

Das mache ich auf keinen Fall, bevor ich nicht eine schriftliche Auskunft der Kasse habe. wieviel sie erstatten. Und ich überweise keinen Cent mehr als das, was die Kasse mir auch zurückerstattet. Ich habe jetzt schon 30€ für den Therapie-/Befundbericht gezahlt, den ich für die psychiatrische Praxis brauche, die die geforderte „klinisch-psychiatrische Diagnostik und Differentialdiagnostik“ macht.

Unnnnggghhhhhhhh.

In dieser Praxis hatte ich übrigens heute einen Termin. Dachte ich. Ich bin eher von der Arbeit weg, um pünktlich dort zu sein. War ein paar Minuten zu früh, hab vor der Praxis rumgelungert. Dann habe ich geklingelt. Keiner macht auf. Oh, oh. In Phasen wie der momentanen, in der ich mich eh von allem überfordert fühle, merke ich die sozialen Ängste, die ich früher sehr stark hatte, wieder deutlich mehr. Das führt dazu, dass es mir total schwer fällt, dann ein zweites Mal zu klingeln. Weil, was wenn die Person drinnen davon genervt ist, wenn ich so ungeduldig bin? Die hat bestimmt einen guten Grund nicht sofort zu öffnen (viel besser als *mein* Grund zu klingeln). Au weia. Aber ich hab es trotzdem ganz gut hinbekommen. Nochmal geklingelt. Ein bisschen gewartet. Dann bin ich über meinen Schatten gesprungen und hab die auf dem Praxisschild angegebene Mobilnummer gewählt. Keiner geht dran. Dann die Festnetznummer und eine Nachricht auf der Sprachbox hinterlassen.

Da ich dann genug gefroren hatte, bin ich zurück zu Bahn gestiefelt. Und habe dabei festgestellt, dass der Termin erst morgen ist. Im Handy stand es richtig, aber auf der Arbeit hatte ich es falsch eingetragen. AAAAHHHHHHHH. Und was jetzt? Noch eine Nachricht hinterlassen? Ich hab dann entschieden, eine Mail zu schreiben (damit ich auch echt JEDEN verfügbaren Kommunikationskanal genutzt habe).

Und das beste? Jetzt muss ich morgen schon wieder früher von der Arbeit weg und es bringt meinen ganzen Wochenplan bezüglich Fitnessstudio durcheinander /o\.

Ach ja. Und nebenher muss ich mich noch für oder gegen eine bestimmte Wohnung entscheiden. Und zwar pronto. Aber das würde den Beitrag hier sprengen. Davon erzähle ich Euch dann nächstes Ma.

Cliffhanger, kann ich.