Perception woes

Content note: Trans*feindliche Beleidigung

Ich plage mich gerade sehr mit dem Unwohlsein mit meinem Körper. Es fühlt sich so viel falsch an und zumindest einige der Dinge die sich so falsch anfühlen werden sich auch durch Hormone und Operationen nicht verändern. Ich nähere mich den 12 Monaten Testo und habe das Gefühl, das bei weitem noch nicht die Veränderungen eingetreten sind, die ich mir gewünscht hatte. Immer wieder kehre ich zu der Frage zurück, ob die Menschen mich als Mann sehen oder nicht. Ich erlebe es oft, dass Menschen mich anstarren und ich hasse es.

In dieser Grundstimmung bin ich letzten Dienstag auf Dienstreise gefahren um als Dozent bei einem mehrtägigen Workshop an einer Hochschule mitzuwirken. Außer mir gab es noch zwei Dozenten und eine Dozentin. Ich habe mal wieder gemerkt, dass dieses „gemeinsan mit cis Männern auf dem Präsentierteller sitzen“ bei mir Gefühle von Unzulänglichkeit verstärkt. Ich habe das Gefühl, dass ich im Vergleich sofort als trans* erkannt und als „kein richtiger Mann“ gesehen werde. Und ich hasse meinen Körper dafür, dass er nicht kantiger ist und anders proportioniert. Ich hasse mein baby face und dass ich immer noch keinen Bartwuchs habe.

Heute war dann der letzte Workshoptag. Eine teilnehmende Person fragte plötzlich, ob es eine best practice dafür gäbe wie man Geschlecht in Umfragen nicht-binär abfragen kann. Das ergab sich zwar irgendwie aus einer zufälligen Situation, aber hatte mit dem Thema des Workshops überhaupt nichts zu tun. Die Person erzählte dann von Nepal, und dass es da auf allen Formularen eine dritte Geschlechtsoption gebe. Eine andere Person, mit 60 die älteste im Workshop, sprach von Hijras in Pakistan und meinte dann mit Blick auf Umfragen dann: Nicht jede*r wolle sich ja outen.

Ich war einerseits positiv überrascht über diese Offenheit dem Thema gegenüber und auch über die Tatsache, dass beide Personen sich über solche Sachen irgendwie Gedanken machten. Aber gleichzeitig ratterte es bei mir im Hinterkopf: ist das Zufall oder haben sie mich als trans* identifiziert? Und wem mache ich überhaupt was vor? Ich war der einzige im Workshop, der auf möglichst geschlechtergerechte Sprache geachtet hatte. Manchmal denke ich, das allein ist schon etwas das andere stutzig werden lässt. Es gibt eher wenige Männer in meinem beruflichen Umfeld, die das machen. Und dann fragte mich nach Abschluss des Workshops noch eine Person nach meiner Dissertation und ob die online verfügbar sei. Fuuuuuuuuuuu…. Die ist natürlich unter meinem Geburtsnamen veröffentlicht. Wenn die Person mit meinem Nachnamen und dem richtigen Stichwort googelt, findet sie die Arbeit sofort.

Läuft bei mir.

Wäre alles kein Drama. Ich finde es grundsätzlich nicht schlimm, wenn andere mitbekommen dass ich trans* bin. Aber ich wünsche mir sehr, dass dieses Gefühl – „ist doch total offensichtlich, was ich bin“ – mal aufhört und ich mich einfach wie ein ziemlich normaler Typ fühlen kann.

Ich habe mit sehr gemischten Gefühlen den Heimweg angetreten. Komplettiert wurde der Tag dann noch durch eine Person im Bahnhof, die sehr aggressiv auf mich zukam und Geld wollte. Ich hatte eh kein Kleingeld mehr in der Hosentasche und die Art und Weise wie diese Person meinen „personal space“ missachtet hatte war mir auch nicht geheuer und also ich hab verneint. Die Person wandte sich ab und warf mir im weggehen ein „Man or woman, what the f*** are you?“ an den Kopf.

Klar. Keine schlimme Beschimpfung. Keine Gewalt. Und trotzdem hängt mir das nach. Im ersten Moment prallen solche Sprüche an mir ab. Aber sie kommen trotzdem an mich ran, fressen sich ganz langsam durch meinen schützenden Panzer. Diese Person hat mir jetzt genau noch mal bestätigt, was ich eh schon fühle und denke: davon, eindeutig als Mann gelesen zu werden bin ich weit entfernt. Sie hat mich einmal mehr davon überzeugt, dass das was ich im Spiegel sehe wohl auch das sein muss, was andere sehen.

Das hätte es heute echt nicht noch gebraucht.

 

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Sternchen sind politisch

Heute ist etwas passiert, was mich echt immer noch ziemlich sprachlos macht. Ich habe eine Mail an den Verteiler einer institutionsübergreifenden Arbeitsgruppe verschickt, in der ich eine Formulierung mit Gendersternchen verwendet habe. Ich habe zugegebenermaßen kurz überlegt, ob ich das Sternchen nutzen soll – oder stattdessen eine Formulierung mit einem Partizip (z.B. Studierende) oder eine binäre Formulierung (z.B. Studentinnen und Studenten).

Aber schon über die Frage, ob ich mich jetzt „traue“, das Sternchen zu benutzen, habe ich mich geärgert. Ich finde es wichtig, inklusive Formulierungen zu benutzen – aber ich komme auch nicht gut damit klar „anzuecken“. Egal. Das Sternchen blieb, die Mail ging raus. Sollen „die Leute“ doch mit den Augen rollen.

Fünf Minuten kam eine deftige Antwort von einer Person, die sich aufgrund der von mir gewählten Schreibweise aus der Arbeitsgruppe verabschiedet hat.

Wegen eines Sternchens.

Das ist eine Person, die übrigens bei einem großen deutschen Unternehmen beschäftigt ist, das sich ganz klar für „Diversity“ ausspricht. Aber bei Sternchen hört der Spaß bei einzelnen Mitarbeitern*innen anscheinend auf.

Das Verhalen der Person ist eigentlich so lächerlich und unprofessionell, dass ich darüber nicht mal mit den Schultern zucken sollte. Aber es beschäftigt mich schon ganz schön – oder sagen wir mal, eigentlich beschäftigt meine Reaktion darauf mich mehr. Ich habe mich nämlich prompt gefragt, ob ich was falsch gemacht habe. Ich habe mich gefragt, wie die anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe darüber denken – und ob die wohl hinter mir stehen, oder ob sie das auch unpassend und unangemessen finden. Und bei all dem ärgere ich mich über mich selbst, weil ich es immer allen recht machen will und Angst davor habe, was passiert, wenn andere mich nicht mögen … mich scheiße finden. Das ist mein Erbe aus Kindheit und Jugend. Ich ärgere mich darüber, weil ich es als Schwäche empfinde, wie stark ich immer nach den anderen schaue.

Was mich auch beschäftigt ist, dass diese Person, die sich da so unprofessionell verhalten hat, mich durchaus kennt – aus einer Zeit, in der ich schon mit männlichem Namen beruflich unterwegs war, aber in der ich noch nicht in der Hormontherapie war. Und klar frage ich mich, ob die Reaktion auch so ausgefallen wäre, wenn einer der cis-Männer aus der AG die Mail so geschrieben hätte. Oder ob es da halt doch auch um mehr ging, als „nur“ ein Sternchen.

Ein Glück, dass ich mit der Mail kein Foto mitgeschickt habe.

Von mir.

In meinem Einhorn-T-Shirt.

Planes, trains, hotels

Drei Viertel meines Dienstreisemarathons liegen hinter mir. Puh. Ein Vortrag, zwei Workshops. Flugzeuge und Züge. Heißt halt auch: Sicherheitschecks und Ticketkontrollen mit Ausweis als Identifikation. Beides hat bei mir im Vorfeld ein bisschen für Bauchschmerzen gesorgt. Kein Drama, aber ich könnte gut ohne diesen Extrastress leben.

One day!

Am Flughafen wartet der Körperscanner beim Sicherheitscheck auf mich. Der mag keine Binder – da wird dann im Brustbereich durch das komprimierte Gewebe angezeigt: „da ist was, was (bei Männern*) da nicht hingehört“. Mich stresst diese Situation – auch, weil ich nicht weiß, wie die Leute vom Sicherheitspersonal mich lesen und zu wem sie mich zum „Abtasten“ schicken. Dieses mal wurde ich „zum Kollegen“ geschickt. Der guckte mich dann erstmal aber ziemlich irritiert an und fragte, ob ich Mann sei. „Ja“. Er guckt weiter skeptisch, ich hebe an zu erklären, dass ich ein Kompressionsshirt trage. Er unterbricht und fragt wieder, „Mann?“. Jahaaaaaa. Das Abtasten war dann zum Glück schnell vorbei, aber diese Angst „aufzufliegen“ ist echt unangenehm. Und am Montag darf ich das gleiche nochmal machen.

Die Zugfahrt am Mittwoch wurde dann dadurch spannend, dass die Dienstreisestelle das Ticket in einer Verkettung unglücklicher Umstände auf den männlichen Namen gebucht hatte – dieses dann aber mit meinem Personalausweis auf den alten Namen als Identifikation verknüpft hat. Auch wenn ich das sicher ohne größere Probleme zu bekommen hätte klären können (zumal es kein Sparticket war und ich auch den dgti-Ergänzungsausweis habe), habe ich wirklich keine große Lust, in einem Großraumabteil voller Menschen zu erklären, was da los ist. Also wieder Schwitzen auf der Hin- und Rückfahrt. Vor allem, als die Zugbegleitungsperson sich den Ausweis gaaaanz genau anguckt. Helpppp! War dann aber anscheinend OK, oder die Diskrepanz ist nicht aufgefallen.

Bei der letzten Dienstreise war es dann so, dass die Dienstreisestelle das Hotel auf den weiblichen Namen gebucht hatte. Das ist prinzipiell nicht problematisch, aber ich hab so absolut keine Lust mehr, irgendwo als „Frau Sowieso“ angesprochen zu werden. Naja. Ich dachte, lass es einfach über mich ergehen und gut ist. Ich kam abends mit einigen Kolleg*innen dort an und hab mich als letztes in die Schlange gestellt, weil ich nicht wollte, dass die das mit dem Namen eventuell mitbekommen. Da waren zwei dabei, die mich nur als „Herr Tomi“ kennen. Als ich dann dran war meinte ich nur, ich hätte eine Reservierung für „Nachname“. Rezeptionsperson sucht im Computer….wiederholt noch mal fragend den Nachnamen und fand offenbar nicht das richtige. Ich sagte dann sowas wie „Da steht wahrscheinlich noch ein falscher Vorname“. „Ah, ja! Deswegen habe ich das nicht gefunden, das passte ja nicht! Dann ändern wir das gleich“. Offensichtlich hatte die Person mich als männlich gelesen_gehört und das mit dem weiblichen Namen nicht zusammenbekommen.

Bitte was?

Made my day! :D Und es nimmt mir ein bisschen die Angst, die ich immer noch habe, wenn ich auf binär getrennte Toiletten gehen muss. Also, aufs Herren WC. Ich hab immer noch Sorge, dass mich jemand schief anguckt oder anspricht. Am Bahnhof in Frankfurt bin ich zur Toilette und dachte, schnell rein, schnell raus. Und dann war da eine ziemlicher Auflauf. Erst vor der Toilette stehen, dann vor den Kabinen warten. Schwitzen. Auf den Boden starren, bloß niemanden versehentlich ansehen. Aber auch das habe ich unbeschadet überstanden.

Jetzt ist erstmal Wochenende. Ich hab meinen Mann gebeten, dass wir morgen endlich über das Haus reden. Das steht jetzt für morgen nachmittag auf dem Plan. Abends ist er zum Glück weg. Sturmfreie Bude. Da kann ich mich dann je nach Stimmungslage nach dem Gespräch wahlweise verkriechen oder auf dem Tisch tanzen.

Out!

Was für eine Woche! Es war die Woche mit „Tag x“ – Namensänderung und komplettes coming out auf der Arbeit. Es war ja alles von langer Hand geplant und los ging es schon vorletzte Woche mit der Information der Teamleiter_innen durch die Abteilungsleitung. Ab da war „es“ dann zumindest kein wirkliches Geheimnis mehr, denn es wurde kein Stillschweigen vereinbart. Da war ich das erste Mal ziemlich nervös o_O. Völlig unbegründet eigentlich. Ein Kollege kam vorbei und fragte nur, ob er den neuen Namen ab sofort benutzen soll (Ja, bitte :D). Eine Kollegin hat mich beglückwünscht, mehr passierte erstmal nicht.

Am Montag bekam der Flurfunk dann etwas mehr Futter – da wurde die Namensänderung in einer Teamsitzung kommuniziert. Gleichzeitig hat die Gleichstellung die Abteilungsleiter_innen der anderen Abteilungen informiert. Im Nachgang bekam ich ein, zwei nette Emails. Dienstag sollte dann die Umstellung der Emailadresse etc. stattfinden. Ab 8 Uhr saß ich hibbelig am Schreibtisch. Und saß… und saß… und es passierte: nix. Gegen mittag habe ich versucht, die IT zu erreichen, um mal nachzufragen. Keiner ging dran. Aaaaahhhhh!

Am frühen Nachmittag war es denn endlich (ENDLICH) soweit: der Name war von der IT geändert worden und die Änderung tröpfelte langsam – seeeeehr langsam – durch die ganzen Systeme und Webseiten. Aber egal, die Emailadresse funktionierte. Es folgten eine Mail der Abteilungsleitung, dann eine von mir – jeweils nur an die Kolleg_innen in der Abteilung. Zum Schluss dann noch eine Mitteilung der Verwaltung an die weiteren Kolleg_innen an diesem Standort.

Puh! Es folgten viele sehr nette Mails an diesem und dem nächsten Tag und im großen und ganzen lief die Woche wirklich gut. Es gab wenige Ausrutscher (in meinem Beisein zumindest) und nur zwei Kolleg_innen haben aus meiner Sicht eher unangebrachte Fragen gestellt. Eine Kollegin geht mir seit Dienstag aus dem Weg, aber das tangiert mich ehrlich gesagt nicht besonders. Ich vermute, sie weiß nicht, wie sie mit der Situation umgehen soll und/oder hat Angst, etwas falsch zu machen.

Wie fühlt sich das jetzt an? Komisch. Nicht so erleichternd, wie ich mir gedacht hatte, aber auf jeden Fall viel besser als vorher. Ich glaube, dadurch dass die „Friktion“, unter der ich im Sozialen immer gelitten habe (also, dass ich mich falsch angesprochen fühlte) jetzt weniger geworden ist, rückt leider das Körperliche mehr in den Vordergrund. Die Tatsache, dass mir völlig klar ist, dass die anderen mich eigentlich als Frau lesen belastet mich natürlich nach wie vor – es war aber auch nicht zu erwarten, dass das verschwindet. Ich hab immer noch das Gefühl, den anderen zu viel zuzumuten und dass ich eigentlich kein Recht habe, diese männliche Rolle für mich zu reklamieren. Ich hoffe, ein bisschen mehr Normalität zumindest bei uns im Betrieb hilft, das ein bisschen abzumildern.

Problem Nr. 2 – ihr ahnt es schon: DIE TOILETTEN-SITUATION /o\. Der Plan war eigentlich, direkt auf die Männertoilette zu wechseln. Aber es kostet mich echt Überwindung – vor allem, weil ich das Gefühl habe, die anderen denken, ich gehöre da nicht hin. Ich sterbe gerade bei dem Gedanken, da jemanden zu treffen. Eigentlich total albern. Ich werde aber nächsten Monat auf einen anderen Flur ziehen – ich hoffe, dass ich den Sprung dann schaffe ;-). Und vorher muss ich noch jemanden zur WC-Etikette interviewen :’D.

Gestern habe ich mich dann kurzerhand noch bei meiner Schwimmgruppe geoutet – sie haben es besser aufgenommen, als ich vermutet hätte. Es gibt da die eine oder andere Person mit eher „verkrusteten“ Ansichten zum Thema gender (und anderen Themen) – viel „mansplaining“ und „cisplaining“. Mein Lieblingskandidat wollte mir z.B: direkt erklären, warum aus seiner Sicht „Geschlechtsumwandlung“ der richtige Begriff ist (meine Meinung zu dem Thema hab ich hier schon mal aufgeschrieben). So halt. Aber dabei blieb es im Wesentlichen auch. Nach wie vor scheint die für viele Menschen die brennendste Frage zu sein, was meine sexuelle Orientierung ist und auf welche Toilette ich gehe.

So. Mal schauen, was die neue Woche bringt. Gedanklich bin ich schon beim nächsten Schritt: Hormonersatztherapie. Ich war letzte Woche zu einem Infogespräch in einer urologischen Praxis, die Trans*personen behandelt. Das hat sich gut und richtig angefühlt!

Gefühlsroulette

Heute hatte ich einen ziemlich emotionalen Tag und nach einem leichten „Höhenflug“ die letzten Tage bin ich leider wieder ein bisschen abgestürzt. Es sind irgendwie viele Sachen zusammengekommen.

Zu Hause geht es mir schlecht mit der Situation, die mehr oder weniger unverändert ist. Gehen wäre vermutlich richtig, aber ich schaffe es immer noch nicht. Auf der Arbeit hat sich hingegen viel bewegt in den letzten Tagen. Nächste Woche stellt die Verwaltung alles auf den neuen Namen um, was sie jetzt schon umstellen kann. Heute war schon eine Sitzung, in der Führungspersonen informiert wurden. Da dort kein „Stillschweigen“ vereinbart wurde, ist das Thema jetzt raus und macht wahrscheinlich langsam die Runde. Nächste Woche, nach der offiziellen „Namensumstellung“, schicke ich dann mit der Abteilungsleiterin noch eine Email rum und das war es dann hoffentlich.

Obwohl ich mir wegen heute eigentlich keine großen Sorgen gemacht hatte, war ich dann doch ziemlich nervös plötzlich. Ich habe kaum was auf die Kette bekommen, hab geschwitzt und vergessen zu essen. Eigentlich total albern, aber leider macht mein Körper da nicht unbedingt, was der Kopf ihm sagt.

Dann bekam ich eine Email von einem tollen Freund. Ich habe ihn 1999 bei einem Auslandsaufenthalt kennen gelernt. Wir sehen uns nur alle paar Jahre mal, weil er in den USA lebt, haben zwischendurch wenig Kontakt und hatten uns sogar schon mal über Jahre aus den Augen verloren. Aber er ist einfach ein sehr guter Freund auf den ich mich immer verlassen kann und wenn wir uns sehen ist es, als wäre keine Zeit vergangen. Wir machen da weiter, wo wir halt vor zwei Jahren aufgehört haben. Er ist ein unglaublich herzlicher Mensch. Ich hatte ihm heute eine Mail geschrieben und erzählt, was gerade passiert. Naja… nach seiner Antwort saß ich dann erst Mal heulend vor dem PC, weil sie mich so berührt und traurig gemacht hat. Er hat sehr tolle Worte für mich und meinen Mann gefunden, die mir aber eben noch mal vor Augen geführt haben, was ich alles verliere. Er (mein Kumpel) war auch traurig darüber, weil er meinen Mann halt auch sehr mag und sich gar nicht so recht vorstellen kann, dass wir nicht mehr die „inseparable unit“ sind, als die er uns kennen gelernt hat.

 

Die Anspannung heute, die Erleichterung, dass nichts „explodiert“ ist auf der Arbeit, erste nette Reaktionen von Kolleg_innen, die Mail von meinem Kumpel – das war ein bisschen viel. Ich fühle mich völlig ausgelaugt gerade und ich merke, wie erschöpft ich emotional eigentlich bin – und wie sehr mich das körperlich direkt runterzieht. Ich denke oft, ich müsste eigentlich schon den gesamten Vorrat an Emotionen aufgebraucht haben, den ein Mensch so durchschnittlich für sein Leben hat. Aber so funktioniert das wohl nicht.

Rauskommen, rauskommen

Ich war die letzten zwei Wochen ja fleißig und habe mein coming out auf der Arbeit vorangetrieben. Der Plan für die Umstellung des Namens im Januar steht und ist mit allen relevanten Personen abgestimmt. Nach diesem „Pflichtteil“ habe ich die letzten Tage vor meinem Urlaub noch für die „Kür“ genutzt und ein paar Menschen „vorgewarnt“, damit sie nicht im Januar nicht aus allen Wolken fallen ;-).

Von den Reaktionen her ist es eigentlich überall neutral bis positiv gewesen. Ich denke aber, dass das Thema bei einigen erstmal sacken muss und es wird sich erst im Laufe der Zeit rausstellen, wie gut oder schlecht sie damit (bzw. mit mir) im Alltag dann klarkommen.

Meistens lief es irgendwie so (face to face oder am Telefon):

Ich: „Ich wollte noch Bescheid sagen, dass sich bei mir im nächsten Jahr was ändert“ (An dieser Stelle <3 für den Kollegen der entsetzt aufstöhnte, weil er dachte, ich hätte gekündigt und dann ganz erleichtert wirkte, als ich ihm sagte, worum es geht).

Mein Gegenüber: „Respekt“, „Herzlichen Glückwunsch zu der Entscheidung“, „Ach, spannend“ (von diesen Varianten finde ich die Glückwünsche übrigens noch am angemessensten ;-))

Dann kamen meist ein paar Fragen vom Gegenüber, Erläuterungen von mir. Ich musste mehrfach erklären, dass man in Deutschland natürlich nicht einfach seinen Geschlechtseintrag in amtlichen Dokumenten ändern lassen kann, sondern sich einer psychologischen Begutachtung unterziehen muss. Schlucken musste ich darüber, dass die meisten meiner Gegenüber das erstmal ganz einleuchtend fanden („Ach ja, klar“). Das ist ja echt so ein Thema, bei dem ich mich bremsen muss, weil es mich so wütend macht. Wenn ich aber erkläre, warum ich dieses System nicht OK finde, fangen meine Gesprächspartner_innen durchaus auch manchmal an zu überlegen. Das finde ich ganz gut.

Ein bisschen Bammel hatte ich vor dem Telefonat mit einem bestimmten Kollegen, den ich wirklich sehr mag und schätze, mit dem ich aber ein manchmal etwas schwieriges Verhältnis habe. Ich bin mir nicht wirklich sicher, was er von mir hält und seine Reaktion konnte ich nicht gut einschätzen. Ich habe ihm also eröffnet, dass sich mein Name nächstes Jahr ändert und ich meine Transition beginne.

Geschocktes Schweigen am anderen Ende.

Dann er so, etwas erschüttert: „Aber warum denn <neuer Name>? Das ist doch ungefähr so wie <nennt einen relativ stigmatisierten Mädchennamen>“.

*Hust*

Wir hatten dann noch eine längeres Gespräch bezüglich des Namens. Es war in Ordnung und ich habe keinen großen seelischen Schaden genommen ;-). Aber das war schon so ein Angstszenario von mir, das es mir besonders schwer gemacht hat, mich für einen Namen zu entscheiden und ihn dann auch anderen Menschen zu sagen. Die Vorstellung, dass jemand (vor allem jemand, der mir wichtig ist) den Namen nicht mögen könnte war und ist für mich gar nicht so leicht auszuhalten. Das liegt sicher auch daran, dass ich insgesamt schlecht damit klarkomme wenn ich das Gefühl habe, jemand mag mich nicht und findet mich unsympathisch. Da werden bei mir direkt die vielen schlimmen Erlebnisse in Sachen „Mobbing“ wieder wach, die sich durch meine ganze Schulzeit gezogen haben.

Insofern liebe Cis- (= nicht-trans*)-Menschen. Wenn eine Trans*person Euch den neuen, gewählten Namen mitteilt, hinterfragt ihn einfach mal nicht, auch wenn er Euch nicht gefällt. Für die meisten von uns ist dieser Name ein großes Ding. Er ist in gewisser Weise ein Befreiungsschlag und dieses „sich selbst einen Namen aussuchen_geben“ ist ein wichtiger Schritt in der Identitätsfindung bzw. Selbstbehauptung im richtigen Geschlecht.

Und dann müssen wir an so vielen Stellen darum kämpfen, dass wir diesen Namen auch tragen dürfen. Wir werden ständig mit der Frage nach unserem „richtigen“ Namen konfrontiert (in der Vorstellung vieler cis-Menschen ist das unser Geburtsname), wenn wir uns mit einem Namen vorstellen, der aus Sicht unseres Gegenübers nicht zu uns passt. Also, springt da mal über Euren Schatten und sagt uns einfach „Schöner Name, passt zu Dir!“.

 

Soon now

So, zur Abwechslung mal etwas Positives: der Weg zur Umstellung meines Namens auf der Arbeit nimmt langsam Gestalt an. Es wird wohl Mitte Januar losgehen.

Eine für mich große Hürde war das Outing beim Chef der Verwaltung, weil es per Telefon passieren musste und ich ihn überhaupt nicht kenne, aber es lief trotzdem gut (ich bin echt nicht gut im telefonieren und mit mir fremden Menschen ist es extraschwer). Bin mir nicht sicher, wieviel dummes Zeug ich geredet habe, aber er hat sehr nett reagiert.

Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, mich nicht als „transsexuell“ oder „transident“ oder „transgender“ zu outen, sondern einfach zu sagen, dass ich im nächsten Jahr den Wechsel_die Transition von der weiblichen in die männliche Geschlechterrolle vollziehe. Das ist für mich Beschreibung, mit der ich gut klarkomme und die ich für mich persönlich relativ OK finde:

  • Ich muss nicht die „im falschen Körper“-Formulierung bemühen, die ich für mich nicht passend finde.
  • Ich muss auch nicht behaupten, ich würde mein „Geschlecht ändern“, von Frau zu Mann. Denn ich ändere ja tatsächlich mein Geschlecht nicht, sondern versuche eine Änderung darin zu erwirken, wie andere mich wahrnehmen und mit mir umgehen.
  • Ich muss keine Begriffe verwenden, die ich falsch und irreführend finde („transsexuell“) oder von denen ich nicht sicher bin, dass mein Gegenüber sie wirklich versteht („transident“, „transgender“).

Natürlich vereinfacht auch diese Umschreibung bestimmte Dinge. Denn in meiner Wahrnehmung muss ich eigentlich auch keine Rolle wechseln, denn ich bin der, der ich bin. Aber so eine Coming Out-Situation will ich auch nicht überfrachten – schon in meinem eigenen Interesse. Ich will, dass mein Gegenüber schnell versteht worum es geht. Die Details kann man später immer noch klarstellen, wenn nötig.

Jetzt werde ich jedenfalls mit meinen unmittelbaren Vorgesetzten klären, wie wir weiter vorgehen. Die beiden, sowie drei Kolleginnen, wissen schon Bescheid. Aber ich arbeite in einer nicht ganz kleinen Firma, die mehrere Standorte hat und schon die Abteilung in der ich arbeite ist so groß, dass ich nicht alle wirklich persönlich kenne.

Parallel muss ich mir jetzt wohl auch mal überlegen, wie ich meinen weiteren Bekanntenkreis informiere. Alle, denen ich es persönlich sagen wollte, wissen Bescheid. Ich bin geneigt, den Rest einfach über soziale Medien zu „informieren“, indem ich dort endlich meinen Namen ändere ;-).