Ereignisüberschlagung

Was war das für eine Woche. Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Gerade geht es Schlag auf Schlag und meine Emotionen fahren Achterbahn mit mir. Oder Schlitten?

<Hier könnt ihr euch ein Bild von mir denken, wie ich aufgeregt im Kreis laufe>

Ich versuch’s mal der Reihe nach. Letzte Woche Samstag habe ich mir eine Wohnung angeschaut – Maisonette, Balkon, ziemlich ruhige Sackgasse, in der Nähe von meinem jetztigen Wohnort. Ich wollte erst gar nicht, weil ich die Nase von Besichtigungen voll hatte. Zwei Kolleginnen haben mich überredet doch gucken zu fahren. Na gut. Ich fand die Wohnung ganz okay, wollte aber noch mal drüber nachdenken. Hab mich aufs Rad gesetzt und dann nach einer Runde durch die Hügellandschaft hier entschieden, dass ich sie nach einer zweiten Besichtigung kaufen würde wenn sie dann noch verfügbar ist. Das war ca. 2 Stunden nach dem Besichtigungstermin. Als ich den Makler am Samstag nicht mehr erreicht habe um am gleichen Tag direkt noch mal hinzufahren, hatte ich die Wohnung innerlich schon abgeschrieben. Aber nun habe ich sie gestern ein zweites Mal besichtigt, zugesagt und der Makler* hat heute schon dem Notariat Bescheid gesagt. Ich bin noch etwas zurückhaltend mit Freude weil ich Angst habe dass doch noch irgendwas schief geht – aber wenn alles klappt habe ich Anfang August eine Wohnung. Drückt mir bitte die Daumen!

Heute Abend nach der Arbeit habe ich die ganzen Unterlagen für den Kredit soweit wie möglich fertig gemacht und dann heißt es erst einmal warten. Zunächst mal auf den Termin im Notariat bei dem mein Mann und ich die Trennungsvereinbarung unterzeichnen. Der ist Ende des Monats.

Im Moment bin ich vor allem aufgeregt, aber gestern überkam mich auch eine große Trauer. Jetzt wird es real mit Trennung, Scheidung, auf mich selbst gestellt sein. Mein Mann war gestern mit mir die Wohnung ansehen und für ein paar Momente war eigentlich alles wie früher. Wir haben uns gut verstanden, gelacht. Seit dem letzten Termin beim Notar* (über den ich glaube ich nicht geschrieben hatte) bekommt er es tatsächlich hin, korrekte Pronomen für mich zu verwenden. Und der Himmel ist uns nicht auf den Kopf gefallen.

Tja – und ratet, was heute außerdem im Briefkasten lag? Post vom Amtsgericht. Ich habe übernächste Woche den Anhörungstermin für die Vornamens- und Personenstandsänderung. Das zweite Gutachten war auch mit im Umschlag. Ich hab keinen Blick reingeworfen bis jetzt – der Kreditkram war wichtiger. Es ist 18 Seiten lang. Das tue ich mir heute nicht mehr an.

Uff. Und jetzt sind auf meiner Liste eigentlich noch mehr Themen, über die ich gerne schreiben würde (das war jetzt ungefähr die Hälfte der ganzen Dinge, die diese Woche so passiert sind und die mich beschäftigen), aber mir fallen die Augen gleich zu.

Morgen ist auch noch ein Tag.

 

Tief durchatmen

Content note: Übergriffige psychologische Begutachtung, Sexualität

Gestern hatte ich das erste Gutachten in der Post. Es wurde mir direkt vom Gericht zugeschickt (eigentlich hatte die begutachtende Person gesagt, sie würde mir eine Kopie schicken… whatever). Es ist das Gutachten des zweiten Gesprächs und ich war erst einmal total erleichtert, dass ich es nun habe. Irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl wieder ein bisschen besser atmen zu können – als wenn der Elefant, der da immer auf meinem Brustkorb sitzt, sich mal für einen Moment die Beine vertreten gegangen.

Wohlweislich habe ich das Gutachten gestern nicht gelesen. Ich habe nur kurz auf die letzte Seite geguckt, wo die Aussagen zu den Aspekten stehen die das Gericht eigentlich überprüft haben möchte: dass ich seit mindestens drei Jahren unter dem „Zwang“ stehe, dem „anderen (sic!) Geschlecht“ anzugehören; dass sich das voraussichtlich nicht mehr ändern wird; dass ich bei meiner Geburt „nach dem äußeren Erscheinungsbild eindeutig weiblichen Geschlechts“ war. Sah soweit okay aus. Mehr habe ich mich nicht getraut, weil ich nach dem letzten Telefonat mit der begutachtenden Person schon Sorgen hatte, was da wohl alles in dem Gutachten drin stehen würde und ich mir den Tag nicht kaputt machen wollte.

Heute habe ich es nun also gelesen (gezwungenermaßen, denn bevor ich das an den MDK schicke für den OP-Antrag werde ich Passagen schwärzen). Es ist schlimmer, als ich befürchtet hatte. Worauf ich mich einigermaßen mental vorbereitet hatte war: „sezieren“ meiner Persönlichkeit, geschlechts-stereotypische und pathologisierende Zuschreibungen. Nach dem Telefonat hatte ich auch die Erwartung, dass da ein paar Sachen drinstehen könnten die ich so nicht gesagt habe – und das fühlte sich nach diesem Gespräch schon recht mulmig an.

Tja. Was jetzt tatsächlich in diesem Gutachten steht ist zu bestimmt 60-70% frei erfunden. Zwar stimmen die grundsätzlichen Aussagen über mich zumindest tendenziell, aber die begutachtende Person illustriert diese mit Begebenheiten die ich angeblich berichtet haben soll, die aber einfach komplett ausgedacht sind. Ich habe nichts von dem berichtet. Nichts davon ist passiert. Noch nicht mal „so ähnlich“. Mir ist echt die Luft weggeblieben. Das ist so unglaublich übergriffig und anmaßend, dazu fällt mir nichts mehr ein. Wie kommt diese Person dazu?

Sie legt mir und meinen Eltern Worte und Aussagen in den Mund, die völlig aus der Luft gegriffen sind. Sie berichtet Dinge die meine Eltern angeblich gesagt und getan haben sollen, die nie geschehen sind und die völlig dem zuwiderlaufen, was ich als Kind von meinen Eltern erfahren habe.

Sie dichtet mir eine falsche sexuelle Orientierung an – ich soll mich schon früh zu Frauen hingezogen gefühlt haben. Was zur Hölle? Wäre ja nicht schlimm wenn es so wäre, aber nope? Und natürlich hat sie sich noch weitere Sachen zum Thema Sexualität ausgedacht, die nicht stimmen und über die wir überhaupt nicht gesprochen haben.

Als i-Tüpfelchen steht dann in der für das Gericht ausschlaggebenden Zusammenfassung noch eine unfreiwillig(?) uneindeutige Formulierung drin, die man isoliert so lesen kann als würde ich mein Geschlecht als „weiblich“ definieren. Ich hoffe mal, dass das Gericht das überliest.

Es fühlt sich schlimm an das alles zu lesen. Übergriffig und gewaltvoll. Dieses Dokument liegt jetzt bei Gericht in einer Akte mit meinem Namen drauf und ich kann nichts dagegen machen, ohne mir selbst zu schaden. Denn da mir die begutachtende Person vorher keine Kopie geschickt hat, könnte ich jetzt nur noch zum Gericht gehen und mich dort darüber beschweren, dass das Gutachten falsch ist. Ich weiß nicht genau, was dann passiert – aber ich vermute es würde darauf hinauslaufen, dass ich noch ein drittes Gutachten bezahlen und abwarten muss. Ohne Garantie, dass das dann besser oder faktentreuer wird.

Lustig wird auch wenn das zweite Gutachten kommt und dort völlig andere Sachen drinstehen. Ich vermute zwar, dass das bei Gericht eh niemand so richtig liest – aber ist trotzdem kein wirklich gutes Gefühl.

Ich hab echt keine Worte dafür wie sehr ich dieses System verachte und wie verdammt wütend es mich macht.

All the pain money can buy

 

Content note: Depression, Suizidgedanken

Ich hänge durch. Die letzten Tage waren irgendwie schlimm und ich sehr traurig. Ich zweifele im Moment und hinterfrage die Entscheidungen, die ich in den letzten zwei Jahren getroffen habe. Diese Zweifel sind beängstigend und es hat eine Weile gedauert bis ich verstanden habe, dass es bei der Frage „hätte ich besser als Frau weitergelebt?“ nicht darum geht wer ich bin oder nicht. Es ist kein Zweifel an meiner Identität, sondern Ausdruck der Trauer darüber, dass ich die allerwichtigste Bezugsperson in meinem Leben verloren habe durch die Entscheidung im richtigen Geschlecht (oder zumindest einem richtigeren) zu leben. Mein Mann, egal wie er sich jetzt auch verhält, war sehr lange bedingungslos für mich da und er war der einzige Mensch, bei dem ich mich sicher und aufgehoben gefühlt habe. Das bekomme ich nie zurück.

In den letzten Tagen habe ich mir ein paar Mal gewünscht, ich hätte ihm nicht erzählt was mit mir los ist. Ich hab mir ein paar Mal gedacht „das war es nicht wert“. Und mir ist sehr klar, dass ich wahrscheinlich nicht in einem Stück hier sitzen würde, wenn ich nicht angefangen hätte mein Leben zu ändern, aber trotzdem fühlt es sich in diesem negativen Strudel an, als sei es das nicht wert gewesen. In solchen Momenten denke ich bei mir „dann wär die ganze Scheiße halt jetzt schon vorbei und das wäre auch ok“. Diese Gedanken sind am Samstagabend sehr eskaliert, aber bevor sonst noch was eskalieren konnte ist mein Mann nach Hause gekommen und ich hab den Weg ins Bett gefunden und geschafft einzuschlafen. Sonntag habe ich vornehmlich heulend und Serien guckend im Bett und auf der Couch verbracht und heute war ich bei meinen Eltern und bin nachmittags noch eine Runde mit dem Rad gefahren. Morgen gehe ich wieder arbeiten und hab dann hoffentlich einfach nicht mehr so viel Zeit, diese quälenden Gedanken zu denken. Frei haben tut mir auf einer bestimmten Ebene echt nicht gut, obwohl ich kräftemäßig ziemlich am Limit war und die freien Tage dringend gebraucht habe.

Samstag hatte ich übrigens noch einen Anruf von der zweiten Begutachtungsperson. Ganz großes Kino. Das mit dem Gutachten ist so schwierig, weil die drölfzigtausend Fragebögen die ich ausfüllen musste ergeben haben, das eine Depression vorliegt. Mach‘ Sachen?! Warum ich die denn wahrheitsgemäß ausgefüllt hätte? Tja. Die Ironie ist, dass ich zu der Person sagte „Wenn ich die ausfülle werden Sie feststellen, dass ich eine Depression habe“ und als Antwort bekam „Das hat keinen Einfluss“. Und es ist nicht so, als hätte ich nicht überlegt, wie wahrheitsgemäß ich antworte (und bestimmte Sachen habe ich halt überhaupt nicht erwähnt – Suizidgedanken zum Beispiel). Aber: ich habe dort nach dem Gespräch bestimmt fünf verschiedene ziemlich umfangreiche Fragebögen ausgefüllt, die alle letztlich was ähnliches testen, alle mehr oder wenig ähnlich fragen, aber halt nicht exakt identisch. Und einen Fragebogen sollte ich zu Hause ausfüllen. Nicht wahrheitsgemäß zu antworten hätte wahrscheinlich zu irgendwelchen ziemlich auffälligen Ungereimtheiten geführt – und die Sorge, mich deswegen noch mehr von diesem Mist über mich ergehen lassen zu müssen war mindestens genauso groß, wie die Sorge das die Depression Probleme macht. Tja. Vor dem Gutachten gruselt es mich jedenfalls jetzt schon, weil ich am Telefon ein paar Sachen zu hören bekam die ich angeblich gesagt haben soll, die ich aber definitiv nicht gesagt habe.

Kackcistem.

Haha, außerdem hab ich jetzt einen Ohrwurm weil ich googeln musste woher eigentlich der Beitragstitel noch mal kommt. Ist der Titel eines Fastball-Albums mit zwei Songs, die ich rauf und runter gehört habe damals:

„Nowhere road“ und „Out of my head“.

Tja.

Alles dreht sich

Was war das denn für ein Tag bitte? Ich komme gar nicht hinterher mit den ganzen Eindrücken, Gedanken und Gefühlen, die ich jetzt irgendwie verarbeiten müsste um gleich schlafen zu können o_O. Und nein, nicht das ihr jetzt denkt es sei was nerviges passiert – eigentlich fast nur positive und/oder schöne Sachen. Aber in meinem Kopf dreht sich alles.

Zum Beispiel gab es Geschenke. Von meinem Chef bekam ich heute morgen nachträglich zum Geburtstag ein Päckchen besonderen Kaffee geschenkt. Hat mich total gefreut und darüber hinaus hat es um mich rum den ganzen Tag nach frischem Kaffee geduftet. Und heute Abend setzte ein <3 Mensch noch einen obendrauf und ich bin jetzt stolzer Besitzer einer Einhorntasse und einer selbstbestickten Baumwolltasche mit einem Wal drauf! AAAAHHHHH! (Ich hab eine klitzekleine Wal-Fixierung, müsst ihr wissen). Ich bin ganz aus dem Häuschen!

Und noch zwei Sachen fand ich heute zumindest erleichternd: ich war noch mal wegen eines möglichen Kredits bei diesem Finanzberater*. Der hatte mir nach dem letzten Gespräch ziemlich viele SMS geschickt mit Hinweisen auf Wohnungen… auch am Wochenende und mitten in der Nacht und das wir mir echt zu viel – auch weil ich denke, dass es eine Strategie ist bei mir ein „Verpflichtungsgefühl“ zu erzeugen den Kreditvertrag dann über ihn zu machen. Jedenfalls bin ich dann in den heutigen Termin eher mit dem Wunsch gegangen, eine klare Grenze zu ziehen und hatte mich irgendwie schon gewappnet gegen möglichen Druck, der da aufgebaut würde. Es war dann aber ziemlich entspannt und er hat von sich aus signalisiert, dass er keine oder weniger Angebote schicken wird (ist halt auch gar nicht seine „Kernaufgabe“) und er hat mir verschiedene Finanzierungsvarianten gut erklärt, ohne da irgendwelchen Druck aufzubauen. Wahrscheinlich gehört das mit zur Taktik, aber ich bin diesbezüglich nicht mehr so angespannt wie die letzten Tage.

Positiv fand ich dann so eine Kleinigkeit, die für mich trotzdem irgendwie viel wert war/ist. Ich hatte beim ersten Termin schon direkt die Situation mit Blick auf meinen Mann und mich erklärt und eben auch gesagt, dass ich amtlich noch einen anderen Namen habe. War kein Problem. Heute habe ich dann noch mal darauf hingewiesen, dass ich den Kreditvertrag wohl noch unter meinem amtlichen Namen werde schließen müssen. Der Berater sagte dann etwas in der Art, dass das überhaupt kein Problen ist, er sich aber denken könne dass das für mich ein ungutes Gefühl ist und ich mich damit unwohl fühle. Ich bin immer so überrascht, wenn mir wildfremde Personen, die ich als cis-männlich lese und als eher bürgerlich-konservativ wahrnehme (womit ich natürlich völlig daneben liegen kann), signalisieren dass sie verstehen dass das eine für mich emotional belastende Situation ist. Und wenn ich drüber nachdenke fand ich auch nett, wie er sich letztes Mal entschuldigte, weil er angenommen hatte ich sei mit einer Frau verheiratet :D.

Und dann war da noch … Post vom MDK.

Uaaah.

Ich hab mich erst gar nicht getraut, den Brief aufzumachen. Aber dann habe ich natürlich doch reingeschaut: sie bitten mich darum, die Gutachten für die Personenstandsänderung einzureichen, bevor über den Antrag abschließend entschieden wird. Ich bin nicht verpflichtet das zu tun, aber ich hatte in meinem Antrag geschrieben dass ich bereit wäre, sie nachzureichen wenn erforderlich. Dazu habe ich mich entschlossen, weil ich ja den geforderten ausführlichen Bericht meines Ex-Theras nicht habe und auch sehr gerne vermeiden würde, mit dem noch mal in Kontakt zu treten und dieses ganze Theater wegen der Kostenübernahme für den Bericht wieder von vorne zu beginnen. Insofern ist es jetzt zwar ärgerlich, dass ich die Gutachten abwarten muss, aber ich bin sehr froh dass sie nichts mehr von meinem Ex-Therapeuten wollen und anscheinend auch die Chromosomenanalyse vom Tisch ist.

So. Und jetzt bin ich schon etwas sortiertet in meinen Gedanken und schaue mal, ob ich mich soweit runterfahren kann, dass ich vielleicht schlafen kann!

Grenzen

Gestern war ein völlig ruinöser Tag, der mir ziemlich viel Kraft geraubt hat. Ich wünsche mir sehr ich würde endlich mal lernen Grenzen zu ziehen. Die Klappe aufzumachen, anstatt in Schockstarre zu verfallen. Ich hatte gestern einen Angsttermin mit meinem Mann. Wir waren beim Notar*, um zu klären, wie die „Vermögenssituation“ im Fall der Trennung geregelt werden kann. Angst hatte ich nicht wegen des Termins an sich, sondern weil ich mir vorstellte, wie mein Mann da sitzt und von „meiner Frau“ spricht und mich damit meint. Und wie er weibliche Pronomen für mich benutzt. Schon der Gedanke an diese Situation hat gereicht, mich erstarren zu lassen. Mir tut das buchstäblich körperlich weh… alles zieht sich zusammen. Ich empfinde dieses wissentlich falsch gendern als eine Form von psychischer Gewalt und ich schaffe es nicht, mich dagegen zu wehren.

Leider wurde es genauso schlimm, wie ich befürchtet hatte. Es war mir nacher gar nicht mehr möglich überhaupt aufzunehmen, was der Notar gesagt hat. Ich hab nur versucht, irgendwie durch diese Situation zu kommen. Hinterher bin ich völlig abgestürzt. Und auch in dieser Situation hat mein Mann meine Grenzen noch mehrfach missachtet, indem er einfach in mein Zimmer gekommen ist, in das ich  mich zurückgezogen hatte. Und das Schlimme ist, er merkt noch nicht mal, dass es ein Problem gibt. Er hat sich nicht ein bisschen damit auseinandergesetzt. Ich hab  eine solche Wut und ich bin so verzweifelt, weil ich nicht hinbekomme ihm deutlich zu machen, dass er damit aufhören muss.

Überhaupt hat das Gespräch beim Notar völlig absurde Dinge zutage gefördert. Z.B. dass mein Mann sich offensichtlich nicht scheiden lassen will. Wahrscheinlich denkt er, dass er mir damit einen Gefallen tut – weil es für mich eine größere finanzielle Absicherung für die Zukunft ist. Ich wünschte er würde verstehen, dass mir diese Art von „Fürsorge“ gestohlen bleiben kann. Ich will, dass er mich als Person anerkennt und mir den Respekt entgegen bringt, den ich verdient habe. Ohne das ist nichts von dem, was der da versucht irgendetwas wert.

Und weil der Tag noch nicht „schön“ genug war, habe ich erfahren, dass die eine begutachtende Person mein Personenstandsänderungsgutachten „hofft“ bis Ende April fertigzustellen. Das sind also noch  mal mindestens vier Wochen. Von der anderen Person habe ich gar nichts gehört auf meine Nachfrage. Es gab noch ein anderes Ereignis, das mich ziemlich fertig gemacht hat und insgesamt war der Tag gestern so richtig für die Tonne.

Aber hurra, morgen komme ich so spät nach Hause dass ich meinen Mann nicht sehen muss und Freitag hab ich frei.

Transitionsmanagementerfolgs-Meldung

Heute hatte ich den nächsten Termin bei dem Psychiater*, der mir einen kurzen Bericht (Diagnose, Differentialdiagnostik) für den Mastektomie-Antrag schreiben soll. Ihr erinnert euch. Diese Begenung war irgendwie weniger merkwürdig als die letzte. Obwohl der Einstieg in den Termin etwas stressig war: ich war pünktlich, aber der vorherige Termin lief noch. Und die Tür zum Sprechzimmer bewirkte exakt null Schalldämpfung /o\. Ich hasse sowas – ich will nicht hören, was da hinter der Tür gesprochen wird. Also konzentrierte ich mich sehr auf mein Handy und sang innerlich sehr laut vor mich hin. Hat ganz gut funktioniert, aber ich wäre am liebsten so lange zurück in den Hausflur gegangen.

LALALALALALALALAAAAA.

Der Termin selbst war dann ruckzuck vorbei und ich bekomme das „Attest“ zugeschickt. Keine weiteren Termine – hurra! Wir haben kurz über die Mastektomie und weitere Operationen gesprochen (vor allem: Phalloplastik => Bildung eines sogenannten „Neo-Penis“ aus eigener Haut; Hysterektomie => Entfernung der Gebärmutter; Ovarektomie => Entfernung der Eierstöcke).

Diese ganzen OPs stehen momentan nicht weit oben auf meiner Prioritätenliste. Insbesondere die „Phalloplastik“ ist mir persönlich derzeit ein viel zu krasser Eingriff für die bestenfalls zu erreichenden Ergebnisse. Umso mehr, als diese Operation (oder vielmehr: die Operationen, mit einer kommt man nicht hin) ein ziemlich hohes Potenzial für Komplikationen hat. Und da ich ohnehin ziemlichen Respekt (ja, okay, ANGST) vor Vollnarkosen habe, lasse ich das erstmal.

Darüber haben wir also gesprochen und es war sehr angenehm, dass der Psychiater gut darüber informiert war, mir die OP weder ein- noch ausreden wollte und mir dabei halt die ganze Zeit zwar „Themen-/Gesprächsangebote“ machte, aber ohne dass ich gezwungen war über ein bestimmtes Thema zu sprechen.

Da ich das auch noch auf meiner Liste hatte, habe ich ihn auf das Thema Antidepressiva angesprochen. Ich habe zwar gerade wieder etwas mehr den Eindruck, dass es ohne geht (vielleicht der Plazebo- oder tatsächliche Effekt von Vitamin D + Tageslichtlampe) – aber es wäre ja trotzdem für den Fall der Fälle gut, wenn ich für die Zukunft eine Anlaufstelle hätte. Er hat eine eher kritische/differenzierte Meinung zu Antidepressiva, was mir sehr entgegen kommt – aber ich kann mich diesbezüglich an ihn wenden, wenn ich den Bedarf sehe. Sieht also so aus, als hätte ich eine okaye, transerfahrene Psychiatriepraxis gefunden. Yay!

Am Wochenende habe ich den Antrag für die Krankenkasse schon so weit fertig gemacht – jetzt warte ich also noch auf eins der Gutachten von der Personenstandsänderung und das Schreiben vom Psychiater und dann geht das Ding in die Post.

Ebenfalls in der Post hatte ich heute die Eingangsbestätigung für den Psychotherapie-Antrag, datiert von letzter Woche. Innerhalb der nächsten vier Wochen muss also eine Entscheidung über den Antrag erfolgen. Ich hoffe, ich muss keinen Widerspruch einlegen – das würde den Zeitplan bezüglich des Beginns der Gruppentherapie ziemlich ins Wanken bringen.

Was gibt es sonst noch?

Ich werde (wie schon mal angedeutet) in einer Ringvorlesung einen Vortrag zum Thema trans* halten und freue mich da sehr drauf!

Angeregt durch den Monsterherzblog habe ich mir vorgenommen, mal wieder regelmäßig progressive Muskelentspannung zu üben. Jetzt bin ich noch auf der Suche nach einem für mich angenehmen Audiotrack für die Anleitung. Gar nicht so einfach… Es soll am besten keine Musik dabei sein, es soll eine tiefe Stimme sein und es soll auch noch angenehm gesprochen sein. Von der TK gibt es z.B. einen kostenlosen Download, aber für ich klingt das wie eine Computerstimme – irgendwie nicht meins. Dann habe ich jemanden mit einer für meine Ohren tollen Stimme und Intonation gefunden, aber die Person ist auch NLP-Trainer und den Rest der Webseite fand ich etwas gruselig. Damit kann ich auch nicht entspannen :D. Naja, ein paar Sachen habe ich gefunden und probiere sie jetzt nach und nach durch.

Mein „12 Monate auf Testo“-Datum rückt näher… im April ist das erste Jahr schon rum. Say whaaaaaaaa?

ICH HAB IMMER NOCH KEINEN BARTWUCHS UND ICH PRANGERE DAS AN!

Tomi vs the Cistem, Teil 2

Gestern war der zweite Begutachtungstermin und dafür, dass ich wirklich, wirklich nicht besonders nervös war ist vorher ganz schön viel schiefgelaufen.

Dass ich zu früh aufwache, kenne ich ja mittlerweile schon. Um halb fünf, fünf ist meine Nacht meistens vorbei und ich wälze mich nur noch hin und her, bin aber zu müde aufzustehen. Naja. Gestern war ich dann gegen viertel vor vier wach. Ich glaube, es hatte weniger mit Anspannung wegen der Begutachtung, sondern mit Anspannung wegen der Wohnungssuche zu tun. Irgendwann gegen halb fünf hab ich den Computer angemacht und mich mit Emails etc. abgelenkt. Um fünf stand ich dann senkrecht im Bett, weil im Wohnzimmer die Musikanlage plötzlich von alleine anging (ja, das macht sie manchmal) und in voller verdammter Lautstärker ein hochdeprimierendes Stück von Bowie spielte. Um halb sieben bin ich dann völlig neben der Spur aufgestanden und habe versucht unter der Dusche wach zu werden. Und mit Kaffee. Das gelang nur teilweise, weil ich den vollen Thermobecher (400ml) in der Küche beim Deckel draufschrauben einmal komplett über mich und mein Begutachtungsoutfit geschüttet hab. Kaffee bis auf die Unterwäsche. Was hab ich geflucht. So laut, dass mein Mann aufstand und die Sauerei in der Küche weggemacht hat während ich mich umgezogen habe (ja, ich bin ihm ein bisschen dankbar dafür ;)).

Weil ich am Bahnhof noch Zeit hatte, hab ich dort noch einen doppelten Espresso getrunken und bin dann ziemlich über-kaffeiniert aber ohne Frühstück in der Praxis aufgeschlagen. Beste Voraussetzungen :D.

Diese Begegnung war komplettes Kontrastprogramm zum letzten Termin, in wirklich jeder Hinsicht. Um es vorwegzunehmen, es ist alles sehr gut gelaufen und ich werde den eigentlich angekündigten zweiten Termin nicht wahrnehmen müssen. Aber ich habe doch gemischte Gefühle zu dem Gespräch. Einiges hat mich „angetickt“ und war mir unangenehm. Aber der Reihe nach.

Begrüßt wurde ich sehr freundlich und mit einem lockeren Spruch sowie der Versicherung es gebe nichts weswegen ich nervös sein müsse. Es wurde von vornherein deutlich gemacht, dass ich keine Angst vor einem negativen Gutachten haben muss. Das finde ich sehr fair.

Trotzdem hat das Gespräch mich ziemlich gefordert und es gab einige Sachen, mit denen ich mich nicht wohl gefühlt habe. Das hatte zum einen mit der Art des Fragens zu tun. Die begutachtende Person war da nicht zimperlich. Sehr direkt. Teils mit Zuschreibungen/sehr definitiven „Feststellungen“ mich und meine Persönlichkeit betreffend. Und ingesamt auf eine Art und Weise die mir das Gefühl gab, ich sollte provoziert, aus der Reserve gelockt werden, damit ich mal „aus mir raus“ gehe.

Ich kann mir vorstellen, dass das im therapeutischen Kontext für einige Menschen gut funktioniert. Denn oft geht es ja in Therapien darum, eigene Grenzen zu verschieben und so ein „provozieren“ kann dazu beitragen dass Menschen ihre Komfortzone mal verlassen. Ich komme mit so etwas nicht wirklich gut klar und es bewirkt eher, dass ich mich angegriffen fühle und dicht mache – umso mehr, wenn ich jemanden noch so gar nicht kenne. Es ging viel in die Richtung, ich solle mich nicht immer so klein machen und so zurücknehmen etc. pp. Ein Aufhänger dafür war, dass ich meinen akademischen Titel nicht mit auf den Lebenslauf geschrieben habe. Die Person lag nicht einmal falsch mit ihrer Wahrnehmung von mir und den Gründen, warum der Titel da nicht stand. Aber trotzdem habe ich mich mit der Art des Fragens und diesem „abgestempelt werden“ sehr unwohl gefühlt.

Das zweite das mich gestört hat war dass es irgendwie immer wieder um das Thema Sex und Partnerschaft ging. Und dabei schwang in Aussagen meines Gegenübers stark mit, dass mein Leben ohne Partnerschaft und Sex ja wohl nicht „komplett“ sein könne; und dass ich da doch jetzt mal langsam ein paar Gedanken dran verschwenden solle, wie und was ich mir als zukünftige Partnerschaft vorstelle. Klar ist das ein wichtiges Thema. Aber halt keins, dass ich erzwungenermaßen mit einer Person diskutieren möchte die ich nicht kenne und die gegenüber dem Gericht von der Schweigepflicht entbunden ist.

Das hat teilweise vielleicht etwas mit Schamgefühlen zu tun. Aber was mir viel mehr Sorgen bereitet ist die Vorstellung, was für Informationen da über mich zu den Akten gegeben werden. Die AfD hat vorletztes Jahr in Thüringen eine kleine Anfrage dazu gestellt, wieviele homosexuelle Menschen und trans* Menschen es dort gibt (siehe den Bericht im Tagesspiegel hier). Wenn ich mir das politische Klima in Europa und anderswo so anschaue, lege ich keinen gesteigerten Wert darauf, dass solche Informationen in Gerichtsakten mit meinem Namen drauf stehen.

Eine letzte Sache die mich beschäftigt ist: die begutachtende Person mochte mich scheinbar und war mir wohlgesonnen. Das ist gut für mich und ich bin dankbar, dass ich nicht das Gefühl hatte beweisen zu müssen, dass ich wirklich „ich“ bin. Was mir aber ebenfalls ein mulmiges Gefühl macht(e) ist, dass sie mir schon nach sehr kurzer Zeit sagte, dass ich authentisch auf sie wirke; sie hätte gar keine Zweifel, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Aber nur wenig später sprach sie dann davon, dass trans* ja jetzt auch so eine Modeerscheinung wäre und sie erst letztens jemandem begegnet sei, die_der so eine Mode-trans* Person war.

Uff.

Diese Aussage ist es, die mich „angetickt“ hat. Sie berührt den Kern dessen, was mich an diesem Begutachtungssystem wohl am allermeisten aufregt und belastet: das Wissen, dass da jemand aus dem Bauch heraus entscheiden kann ob ich jetzt wirklich trans* genug, authentisch genug bin um diesen „staatlich geprüft“ Stempel zu bekommen. Ich denke mir halt: es kann 100 Gründe geben warum jemand nicht „authentisch“ auf eine andere Person wirkt, und diese Gründe können auf beiden Seiten liegen – bei der begutachteten und bei der begutachtenden Person.

Ich bin ziemlich sicher, dass der Person der ich da gestern gegenüber saß all das bewusst ist und dass sie bei der Urteilsbildung über mich und meine Geschlechtsidentität und bei der Verfassung des Gutachtens verantwortungsvoll und fair vorgeht. (Das denke ich vor allem, weil ich der Person die mir diese*n Gutachter*in empfohlen hat vertraue). Erfahrungen anderer zeigen aber, dass dies nicht bei allen Gutachter*innen der Fall ist und dass es in diesem gesamten Verfahren viel Willkür gibt (ich habe mich darüber ja schon mal ausgelassen hier auf dem Blog).

Puh.

Nach dem Gespräch, das etwa eine Stunde gedauert hat, durfte ich dann wie angekündigt noch einen ganzen Stapel Fragebögen zur psychischologischen Diagnostik ausfüllen. Es waren sicher fünf und einen habe ich noch für zu Hause mitbekommen. Mir rauchte echt der Kopf hinterher und besonders ätzend war, dass ich einige der Fragebögen eh schon das eine oder andere Mal ausgefüllt hatte (bei meinem letzten Therapeuten) und dass die Fragen teils sehr ähnlich waren. Der Fragebogen für zu Hause enthielt u.a. eine exakt identische Fragebatterie wie einer, den ich gestern ausgefüllt hatte. Ich habe mich gefragt, ob das ein Test war („Mal schauen ob Tomi sich traut, den einfach nicht auszufüllen“. Oder: „Gucken wir mal, ob die Antworten in den beiden Fragebögen ausreichend übereinstimmen“). Aber ich hab jetzt einfach alles ausgefüllt und mache mir keine weiteren Gedanken drüber ;-).

Nach dem Begutachtungstermin war ich völlig am Ende, weil ich so übermüdet war. Irgendwie habe ich es trotzdem geschafft auf der Arbeit wenigstens das Nötigste noch fertig zu bekommen – dafür konnte ich mir heute dann frei nehmen. Ich habe letzte Nacht bestimmt neun Stunden geschlafen (also, was bei mir so „schlafen“ heißt), bin leider aber immer noch völlig im Eimer.Aber hurra, das Thema Begutachtung ist hoffentlich durch. Jetzt muss ich nur noch auf die Gutachten warten.