Sichtbarkeit

Heute ist #TDOV – Trans Day of Visibility.

Der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist dazu übrigens nur Folgendes eingefallen (das verlinkte Bild enthält das Bild eines Osterhasens mit dem Schriftzug „Wir wünschen frohe Ostern“):

Danke auch. Ich finde es schon…bedauerlich (das ist ein Euphemismus). Es sagt einiges über den Stellenwert aus, den die Beseitigung von Transfeindlichkeit/Diskriminierung gegen trans* Personen dort hat. Ich bin seit der Bundestagswahl ohnehin so gefrustet und wütend und vor allem hoffnungslos – nicht nur in Bezug auf die Möglichkeit einer Verbesserung der Lebenssituation von trans* Personen, sondern insgesamt was die Bekämpfung von Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit angeht, ganz besonders Rassismus. Da passte dieser Tweet (bzw. das Fehlen eines Tweets zum #TDOV) leider sehr ins Bild.

Ich glaube, dieser Frust und diese Resignation sind ein Grund dafür, dass ich weniger hier schreibe. Es kommt mir oft so sinnlos vor – obwohl ich weiß, wieviele tolle und aufmerksame Leser_innen ich hier habe, denen es nicht egal ist was ich von mir gebe! <3 Aber ich hab gerade den Eindruck, dass gesellschaftlich, politisch so viel den Bach runtergeht und ich weiß nicht, ob ich dem was entgegenzusetzen habe.

Trotzdem oder deswegen jetzt ein paar lose Gedanken zum #TDOV.

Erstens: Sichtbar sein können ist ein Privileg.

Am #TDOV geht es u.a. darum, darauf hinzuweisen dass es trans* Menschen gibt und dass sie immer noch viel Diskriminierung, Feindlichkeit und Gewalt erfahren. Es geht auch darum, anderen Hoffnung zu machen und ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein sind – denn es gibt so viele trans* Personen, die sich nicht outen können und die nicht sichtbar werden können: weil sie Angst um ihre Arbeitsstelle, ihre Familie, ihr Leben haben müssen. Es gibt auf Twitter einen tollen #TDOV Thread von @cuffedCattling, wo das auch thematisiert wird (neben der Frage, warum es diesen Tag leider immer noch geben muss): https://twitter.com/cuffedCatling/status/980000621599305728.

Zweitens: Nicht sichtbar sein müssen ist ein Privileg.

Wenn ich will, gehe ich mittlerweile dank des Testosterons ziemlich „unsichtbar“ durchs Leben. Ich habe das Glück, dass mein Äußeres jetzt zu dem passt, wie die Leute sich jemanden vorstellen, den sie automatisch mit „Herr“ und „er“ ansprechen. Nur Leute, die mich schon lange kennen, verhauen sich ab und zu noch mit den Pronomen.

Den Schutz, den dieses Unsichtbarsein mir gibt, haben ganz viele trans* Personen nicht. Das betrifft vor allem Menschen, deren Geschlecht nicht in das binäre System passt, das leider immer noch bei den meisten Menschen als Norm in den Köpfen steckt. Es betrifft auch trans* Personen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht in die vorherrschenden cisnormativen Idealvorstellungen von dem passen, wie Männer(tm) und Frauen(tm) auszusehen, sich zu verhalten, und zu kleiden haben – z.B. weil ihnen der Zugang zu medizinischen Maßnahmen verwehrt wird, oder weil sie diese nicht wünschen.

Wenn diese Personen mit den richtigen Pronomen und dem richtigen Namen angesprochen werden wollen, müssen sie sich erklären und immer wieder dran erinnern, dass/wie sie richtig angesprochen werden. Ich hab es in der Phase erlebt, als ich noch nicht als männlich wahrgenommen wurde – wie zermürbend dieses immer wieder drauf aufmerksam machen und erklären ist; und wie niederschmetternd es ist, das jedes Mal wieder aufs neue tun zu müssen. Für mich ist das vorbei, aber für ganz viele von uns ist das eben keine Phase die endet, sondern es ist ihre Lebensrealität. Immer.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der es für jede_n möglich ist, sich im Alltag, im rechtlichen und im medizinischen System zu bewegen, ohne sich ständig erklären zu müssen und ohne ständig für die eigenen Rechte aufstehen und kämpfen zu müssen. Ein für jede_n zugänglicher dritter Geschlechtseintrag wäre ein großer Schritt in diese Richtung (-> https://www.facebook.com/AktionStandesamt/).

Drittens: Wir schulden niemandem Sichtbarkeit.

Heute morgen las ich an mehreren Stellen von (deutschen) trans* Organisationen Postings zum #TDOV in denen nicht nur von Sichtbarkeit die Rede war, sondern auch von „Transparenz“ (siehe z.B. hier: https://www.facebook.com/ngvtnrw/posts/1862608360438317).

Puh. Ich weiß, dass ich mit Blick auf Sprache und die Bedeutungen, die in Worten mitschwingen, sensibler bin als andere. Aber der vorgeschlagene Hashtag #ZeigTransparenz und die Aufforderung „Seid transparent“… da stellen sich mir die Nackenhaare auf. Transparenz bedeutet in der Duden-Definition „Durchschaubarkeit“ und „Nachvollziehbarkeit“. Das ruft für mich sofort den Diskurs auf, in dem trans* Personen vorgeworfen wird, sie würden andere täuschen wenn sie sich nicht „proaktiv“ outen. Als hätte die Umwelt einen Anspruch, ein Recht darauf zu erfahren, dass jemand trans* ist. Besonders heftig ist dies im Kontext von „Dating“, aber es spielt auch eine Rolle in dieser ganzen verdammten Diskussion darum, welche Toiletten trans* Personen (und vor allem trans* Weiblichkeiten) denn wohl benutzen dürfen.

Ich mache mich sichtbar, wenn ich das für richtig und vor allem für sicher halte – aber ich schulde niemandem eine Erklärung darüber, wer ich bin und was für einen Weg ich gegangen bin. Das ist nichts, was irgendwer einfordern kann. Genau diese Assoziation weckt aber die Verwendung des Transparenzbegriffs aus meiner Sicht. Und auch, wenn das vielleicht eine Feinheit ist, die nicht so vielen Menschen auffällt, mich tickt es an, dass das nun ausgerechnet von trans* Gruppen reproduziert wird.

So.

Irgendwie würde ich eigentlich gern mit was Positivem enden – aber die Tatsache, dass ich heute wegen einer Erkältung zu Hause bleiben musste, anstatt mit zwei lieben Menschen zu einer trans*inter Open Stage zum #TDOV zu gehen hat meine Laune nicht gerade gebessert.

*Fuchtelnd ab*

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Herr Tomi und die Liebe

Content note: Cissexismus, Transfeindlichkeit, Körper, Sexualität, Gewalt

Vor ganz langer Zeit hat Mrs Tingley mich angestupst, etwas zum Thema Liebe zu schreiben.

Help.

Das ist ein Thema, um das ich einen sehr großen Bogen mache. Ich hab hier vor einer Weile mal im Blog geschrieben, dass ich versuche mich darauf einzustellen, dass ich allein bin und wahrscheinlich auch bleibe und es gab sehr viele Reaktionen und Widerspruch darauf. Klar, ich bin nach über 15 Jahren frisch getrennt. Und ich bin Zweckpessimist, der sich einredet sein Blick auf die Dinge wäre einfach realistisch. Aber selbst wenn ich versuche diese Aspekte zur Seite zu schieben, bleiben viele Faktoren, die die Hürden sehr hoch erscheinen lassen.

Die (oder besser: eine) Realität ist, dass ich mich als schwule trans* Person in einem Umfeld bewege, in dem cis-männliche Körper die Norm sind und in dem Abweichungen von dieser Norm häufig zum K.O. Kriterium werden. In der cis-schwulen Community gelten trans Männer nicht als „richtige“ Männer, insbesondere dann nicht wenn sie sich nicht weitreichenden medizinischen Maßnahmen (sprich: Hormone und OPs) unterzogen haben. Das Aufzubrechen ist unglaublich schwer, denn es gibt wenige Dinge wo wir alle so vehement mit der Vorstellung von „Natürlichkeit“ und „angeboren sein“ argumentieren, wie beim Begehren. Wir alle erleben, wen_was wir anziehend finden als naturgegeben. Als schwuler trans Mann bekommst du dann zu hören „Ich stehe halt auf Schw*nze“ (pardon my French).

Klar – Begehren ist zunächst Mal kein Prozess, den wir bewusst steuern.  Aber unser Begehren ist trotzdem extrem stark von cisnormativen Vorstellungen geprägt, wie „Männerkörper“ und „Frauenkörper“ (denkt Euch 10 Mal mehr Anführungszeichen!) auszusehen haben. Das haben wir alle von klein auf gelernt und so sehr verinnerlicht, dass wir es nicht anders als „natürlich“ erleben_beschreiben. Und was meint ihr, von wievielen schwulen trans Männern ich schon die Aussage gehört habe, dass sie es sich nicht vorstellen könnten mit einem anderen trans Mann zusammen zu sein? Internalisierte Transfeindlichkeit, anyone?

***Ein wichtiger Einschub: als weiße, männliche Person habe ich in Situationen in denen ich als trans Mann erkannt werde in aller Regel immer noch weniger zu befürchten, als transweibliche Personen – umso mehr, wenn sie Schwarz und_oder PoC sind -, die ein extrem hohes Risiko haben Opfer von Gewalttaten zu werden. Alles was ich hier schreibe gilt für Transweiblichkeiten um ein vielfaches potenziert, was die Diskriminierung und die Gefahr, Gewalt zu erleben angeht***

Ja, ja, Tomi jetzt hast du viel über Körper und Sexualität geredet – aber was ist denn mit der Liebe?

Liebe und Sexualität sind zwei sehr verschiedene paar Schuhe und das eine geht hervorragend ohne das andere. Aber auch hier haben wir einen gesellschaftlichen Diskurs, der unter dem Verweis auf „Natürlichkeit“ etwas ganz anderes normalisiert (nämlich: „Liebesbeziehung ohne Sexualität kann doch gar nicht gehen11!!!!“). Damit wird es sehr schwer, Fragen nach dem Körper und der Sexualität aus der Liebe herauszuhalten. Ich glaube fest daran dass, wenn eine starke emotionale Bindung besteht (dings… Liebe meine ich), die Bedeutung eines Normkörpers in den Hintergrund tritt. Aber an diesen Punkt überhaupt erst Mal mit einer Person zu kommen, ohne dass man direkt pauschal abgelehnt wird weil man keinen Normkörper hat? Das ist ziemlich schwer.

Wenn wir jetzt noch in die Gleichung mitaufnehmen, dass ich ein sozial-ängstlicher Mensch bin der Situationen meidet in denen er Ablehnung/Zurückweisung befürchtet; der Angst hat sich an andere zu binden, weil Bindung verletzlich macht; und der sich zumindest in 3D (sprich: in der offline-Welt) nur in einem sehr kleinen Kreis von Personen bewegt und halbwegs sicher fühlt, dann sind die Chancen auf eine Liebe_Beziehung bei mir gerade ziemlich klein. Ganz ehrlich? Allein die Vorstellung ich würde eine Person kennenlernen und müsste mich dann irgendwann outen ist Grund genug, niemanden mehr kennenlernen zu wollen. Das heißt nicht, dass nicht doch schon Übermorgen alles anders sein kann – aber der zweckpessimistische Realist in mir möchte da nicht drauf bauen.

Das war jetzt die lange Erklärung dazu, warum ich das Thema „romantische“ Liebe erst Mal hinter die Seitenlinie verbannt habe. Aber zum Glück geht Liebe auch ohne „Romantik“ und ich habe ziemlich viel Liebe in meinem Leben für meine Freund*innen und meine on- und offline Community! <3

*******

Zum Abschluss noch der Hinweis auf zwei Videos:

Riley J Dennis spricht über das Thema „genital preferences“ und Transfeindlichkeit (Content note: benutzt im Titel und teilweise im Video -phobia für -feindlichkeit; erwähnt r*pe und Trauma im Video): Link. Riley redet unglaublich schnell – hier findet ihr ein Transkript des Videos: https://everydayfeminism.com/2017/04/cissexist-say-never-date-trans/.

In diesem Video der Kampagne „Ich weiß was ich tu“ berichten trans* und cis Personen, wie sie mit dem Thema „trans* und schwul“ umgehen. Das Video ist auch Teil dieser Informationsseite (CN für Sexualität, Sexualpraktiken): https://www.iwwit.de/trans.

Aufreger der Woche

Content note: Sexismus, (Inszenierung von) Voyeurismus, Sexualisierung von Kindern, Heteronormativität

Zugegeben, so einen Beitrag könnte ich jeden Tag schreiben, aber in der letzten Woche hat mich eine Begebenheit besonders aufgeregt. Ich habe eine Lieblingskaffeebude. Dort halte ich eigentlich immer am Ende meiner Rad-Ausfahrten an, trinke einen Kaffee und genieße die Aussicht die man dort hat. Die „Bude“ ist so ein kleiner Wagen und wird als Ein-Mann*-Betrieb bewirtschaftet.

Vorletzte Woche oder so war ich da und bekam mit, wie eine Karnevals-Tanz-Gruppe Fotos machte. „Tanzmariechen“ heißen die hier und die Kostüme bestehen aus Hut, einer Art Uniformjacke, kurzen Röcken und hohen Stiefeln. Eine Woche später dann postete der Betreiber* des Kaffeewagens ein Foto von der Gruppe auf Facebook: fünf oder sechs Gruppenmitglieder standen in einer Reihe an der Theke des Kaffeewagens, leicht nach vorne in Richtung Theke gebeugt. Das Foto war aus einer mäßigen Entfernung (andere Straßenseite) von unten aufgenommen – Blick unter die Röcke inklusive. Im Vordergrund des Bilds sah man, ebenfalls von hinten, ein kleines Kind mit seinem Roller, blau gekleidet, das zu der Gruppe die da am Tresen stand, rüberschaute. Der Blickwinkel war der gleiche, wie der der Kamera.

Ich hätte kotzen können echt. Zum einen der voyeuristische Blick(winkel), den die fotografierende Person da eingenommen, inszeniert und mit der Veröffentlichung des Fotos legitimiert hat. Dazu die bewusste Reduzierung der abgebildeten Personen auf ein Körperteil. Mag sein, dass zumindest die Mitglieder der Tanzgruppe ihr Einverständnis für das Foto und die Veröffentlichung gegeben haben – aber das ist aus dem Kontext in dem das Bild veröffentlicht wurde nicht mehr herzuleiten. Es könnte genauso gut ein zufälliger Schnappschuss sein, der unbeobachtet aufgenommen wurde.

Und dann dieses Kind da im Vordergrund, da läuft es mir richtig kalt den Rücken runter. Das Bild suggeriert, dass das Kind (das durch die blaue Kleidung unter Garantie von der Mehrzahl der Betrachter*innen  als männlich gelesen wird) den gleichen Blick einnimmt wie die fotografierende Person. Ich finde das gruselig, wie da über die Perspektive das Schauen des Kindes mit einer Bedeutung aufgeladen wird, die da einfach nichts zu suchen hat.

Aber wehe, jemand möchte Kinder über andere sexuelle Orientierungen als Heterosexualität aufklären. Dann heißt das plötzlich „Frühsexualisierung“. Aber Normalisierung von Heterosexualität ist natürlich völlig okay. DAS ist ja natürlich, ne?

Jetzt reg ich mich schon wieder auf.

Ach ja, ich hab zu dem Bild einen Kommentar hinterlassen und es wurde später tatsächlich gelöscht. Aber um den Kaffeeladen habe ich jetzt trotzdem erst Mal einen Bogen gemacht. Mir ist schon klar, dass das keine „böse Absicht“ war, sondern vermutlich einfach unreflektiert. Aber sich diese Unreflektiertheit bewahren zu können – in Zeiten in denen u.a. #metoo gerade überall diskutiert wird… Das ist Ausdruck eines ganzen Korbs voller Privilegien und unter Umständen auch einer Haltung des „Was hat das denn mit mir zu tun, ich bin ja gar nicht sexistisch“.

Grrrrrr!

 

Reblog: Offizieller nichtbinärer Geschlechtseintrag

Ihr habt es wahrscheinlich heute in den Medien mitbekommen: das Bundesverfassungsgericht hat heute der Klage von Vanja (http://dritte-option.de/) auf einen dritten Geschlechtseintrag „inter*/divers“ neben männlich und weiblich stattgegeben. Das ist der Hammer und ich freue mich unglaublich!!!

Das könnte bedeuten, dass neben inter* Personen auch nichtbinäre trans* Personen in Zukunft einen „positiven“ Geschlechtseintrag haben können – bislang war ein leerer Geschlechtseintrag nämlich das maximal mögliche.  Ihr könnt auf dem geschlechtsneutral Blog nachlesen, was das jetzt bedeutet :-).

Die Neuigkeit gleich vorneweg: Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass in Deutschland ein 3. Geschlechtseintrag geschaffen werden muss! Und jetzt der Reihe nach, wie es dazu kam: Bis vor vier Jahren gab es in Deutschland für amtliche Dokumente nur die 2 Geschlechts-Optionen „männlich“ und „weiblich“. Mit Hilfe des Transsexuellengesetzes war es auf sehr mühsame Art möglich, […]

über Offizieller nichtbinärer Geschlechtseintrag — geschlechtsneutral Ø

Urlaub gleich anders

Mein Urlaub ist schon fast wieder vorbei und insgesamt ist es ganz schön. Leider tendiert die Gästezahl für die Radtouren in dieser Woche gegen 1. Also habe ich Sonntag und Montag 1:1 Betreuung gehabt. Das ist einerseits natürlich sehr luxuriös, aber eigentlich finde ich es doch schöner in einer Gruppe zu fahren – gerade wenn man so 4-6 Stunden unterwegs ist, ist es schon auch anstrengend nur zu zweit zu sein. Auch die Essensrunde ist sehr geschrumpft, hauptsächlich sind jetzt noch Leute aus dem Team da und ein weiterer Gast. Alle sind zum Glück ganz nett – letztes Jahr waren im Vergleich echt ein paar ganz schlimme Typen dabei. Aber trotzdem merke ich, seitdem keine weiblichen* (also, von mir weiblich gelesenen) Gäste mehr dabei sind, dass die verbleibenden Personen sich unverhohlener sexistisch und teils homofeindlich äußern. Es sind meist „nur“ Witze, aber das ist halt auch perfide, denn jede Kritik daran lässt sich über ein „ist ja nur Spaß“ schön aushebeln. Insbesondere eine Person aus dem Team ist ganz vorne mit dabei. Diese Person ist schon über 80 und ich befürchte es ist ziemlich aussichtslos dagegen zu reden oder das gegenüber anderen im Team zu thematisieren. Mehr als ein „das darf man nicht so ernst nehmen“ wird es meiner Einschätzung nach nicht als Reaktion geben.

Und natürlich herrscht Heteronormativität galore – alle nehmen automatisch an, ich sei hetero. Ich find’s so anstrengend, auch weil ich jedes Mal wieder abschätzen muss wo es jetzt ohne negative Konseqzenzen möglich ist das zu korrigieren. Naja, alles wie immer also wenn ich mich aus meiner „bubble“ bewege.

Heute war Ruhetag und eigentlich wäre Ruhe wirklich gut für meine Beine gewesen. Fiel dann aber aus wegen „ist nicht“. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen mit dem Bus nach Palma zu fahren, aber ich habe schon beim Abfahrzeiten raussuchen gemerkt, dass es emotional schwierig ist. Das letzte Mal, als ich diese Tour gemacht habe war es gemeinsam mit meinem Mann und tja. Also habe ich ein paar Tränen vergossen und bin dann doch aufs Rad gestiegen (mit dem festen Vorsatz ganz langsam und locker zu machen). Es ist unheimlich tolles Wetter und die Landschaft hier ist so schön. Ich hab es noch nie so grün gesehen hier, es hat offenbar in den Sommermonaten auch mal geregnet. Ich bin eine schöne, aber nicht zu anspruchsvolle Strecke gefahren. Dass „Schönes an mich ranlassen“ dazu führt, dass ich traurig(er) werde stimmt leider immer noch. Also mehr Tränen. Ich glaube, die Traurigkeit kommt daher dass ich in diesen Momenten realisiere, dass es niemanden gibt mit dem ich das Schöne teilen kann – und auch, dass es niemanden mehr geben wird der dafür Sorge (mit)trägt, dass es mir gutgeht oder ich mich wohlfühle. Dafür muss ich selbst Sorge tragen und das erscheint mir gerade eine sehr große Last.

Kein Netz und kein doppelter Boden.

Wundersame Wandlungen

In den Kommentaren zu meinem „Menschen hautnah“ Artikel warf Goldtopf die Frage auf, welche besseren Alternativen es zu den von mir kritisierten Formulierungen „wurde als Junge/Mädchen geboren und ist jetzt…“ oder „wurde mit einem Jungen-/Mädchenkörper geboren“ gibt. Das sind Formulierungen, die praktisch in jedem Medienbeitrag zum Thema trans* zu finden sind und die auch sonst im Alltag ziemlich oft reproduziert werden.

Vorab muss ich sagen, dass alles was ich hier jetzt dazu schreibe meine Sicht ist und dass sicherlich nicht alle trans* Personen diese so teilen. Formulierungen, die ich schlimm finde, sind für andere völlig in Ordnung. Und grundsätzlich gilt sowieso, dass Selbstschreibungen anderer trans* Personen zu respektieren sind. Punkt. D.h. wenn eine trans* Person eine der oben beispielhaft genannten Formulierungen für sich als passend erachtet, dann ist das so. Unsere Erfahrungen und Empfindungen diesbezüglich sind sehr unterschiedlich und von ganz vielen Faktoren geprägt. Deutungshoheit haben wir nur über uns selbst, nicht aber über die (sehr heterogene) Gruppe aller trans* Personen. Was ich aber speziell in den Medien vermisse ist ein Bewusstsein genau dafür: dass Formulierungen, die *eine* Person als Selbstbeschreibung nutzt eben nicht notwendig für alle trans* Personen okay oder passend ist. (Naja. Und wenn wir ehrlich sind, dann schaffen Medien ist ganz oft noch nicht mal, die ziemlich konsensfähigen Basics zu beachten).

So. Was stört mich an den Formulierungen, die da oben stehen? Und was könnte man stattdessen sagen?

„War mal….ist jetzt“. Ich glaube tatsächlich die allermeisten trans* Personen würden von sich sagen, dass sie schon immer das Geschlecht hatten/waren von dem sie (heute) wissen dass es ihr richtiges ist. Also in meinem Fall: ich war tatsächlich nie Mädchen/Frau sondern immer schon Junge/Mann, auch wenn ich lange nicht die Worte hatte das auszudrücken. Die Kategorie „Mädchen/Frau“ ist etwas, das mir aufgrund körperlicher Merkmale übergestülpt wurde. Zu sagen, ich sei früher Mädchen gewesen und jetzt auf wundersame Weise zum Jungen/Mann geworden ist schlichtweg falsch.

Entsprechend sage ich von mir auch nicht „ich wurde als Mädchen geboren“, sondern: „mir wurde bei Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen“. Das ist jetzt sicher eine Formulierung, die in der Alltagssprache nicht allen so flüssig über die Lippen geht oder ohne weiteres beim Gegenüber verstanden wird. Eine etwas weniger voraussetzungvolle Alternative könnte zum Beispiel sein: „Hat früher als Mädchen/Frau/Junge/Mann gelebt und lebt heute im richtigen Geschlecht als …“. Der TriQ-Leitfaden für Journalist*innen (PDF) schlägt als Alternative auch Formulierungen vor, die ausdrücken dass eine trans* Person ihre männliche/weibliche/nichtbinäre/etc. Geschlechtsidentität nun „auch nach außen lebt“ (siehe S. 8). Das finde ich auch ganz gut!

Diese Idee man sei früher das eine und heute das andere Geschlecht drückt sich auch in dem unsäglichen (und leider sehr schwer in Vergessenheit zu bringenden) Begriff der „Geschlechtsumwandlung“ aus. Dem wiederum liegt sehr stark die Vorstellung zugrunde, wir alle hätten ein „wahres“ biologisches/körperliches Geschlecht, das trans* Personen durch medizinische Eingriffe dann so ab- oder umwandeln, dass es nicht mehr sichtbar ist. Und nur, wenn man körperlich nicht mehr als „altes Geschlecht“ erkennbar ist, hat man den Weg ins „neue Geschlecht“ endlich geschafft. (Au weia, mir rollen sich die Zehennägel auf, wenn ich das so schreibe). Was mich zu „wurde in einem Jungen-/Mädchenkörper geboren“ bringt.

Das ist eine Formulierung, die eng verknüpft ist mit der Aussage eine trans* Person sei „im falschen Körper“ geboren. Das ist etwas, das man auch ganz oft als Selbstbeschreibung hört und es ist als solche selbstverständlich zu respektieren – denn es drückt dann eben aus wie die Person ihr Verhältnis zu ihrem Körper empfindet. Dennoch würde ich mir wünschen, dass diese Aussage nicht so benutzt wird, als würde sie das Erleben aller trans* Personen adäquat beschreiben.

Für mich(!) knüpft diese Aussage viel zu sehr an die von mir abgelehnte Idee an, es gebe ein unhintergehbares und für immer festgeschriebenes „natürliches“ körperliches Geschlecht. Es ist gesellschaftliche Konvention, dass wir bestimmte körperliche Merkmale mit einem bestimmten Geschlecht verknüpfen, nicht Biologie. Im Rahmen dieser Konvention ist mein Körper ein „Frauenkörper“. Am Arsch! Ich wehre mich dagegen. Und so würde ich über mich sagen: genauso, wie ich schon immer Junge/Mann war, war auch mein Körper schon immer männlich, auch wenn er vom Rest der Gesellschaft nicht als solcher (an)erkannt wurde/wird. Entsprechend wünsche ich mir für mich, dass einfach darauf verzichtet wird zu sagen, ich sei in einem Mädchenkörper geboren. Stattdessen würde ich dann wieder eine Formulierung wählen die zeigt, dass mir bei Geburt leider aufgrund meiner körperlichen Merkmale ein falsches Geschlecht zugewiesen wurde.

Zum Abschluss vielleicht noch etwas Grundsätzliches: wichtig finde ich auch, dass gewählte Formulierungen klar zum Ausdruck bringen dass trans* Personen einfach ihr Geschlecht _sind_. So wie cis Personen eben auch einfach Mann oder Frau sind. Häufig liest oder hört man nämlich dann so Aussagen wie „xy identifiziert sich als Mann/Frau/nichtbinär/agender…“ oder „empfindet sich als“. Davon bin ich selbst auch nicht frei! Aber es impliziert immer so hintenrum, dass es einen Unterschied zwischen (körperlichem) Geschlecht und Geschlechtsidentität gebe und dass der nicht zu markierende Norm(al)zustand ja sei, dass beides irgendwie deckungsgleich ist. Wenn cis Personen „sind“, trans* Personen sich aber nur „identifizieren als“, dann klingt das ein bisschen so, als würden wir uns in einem willentlichen Akt ein bestimmtes Geschlecht geben. Das läuft dem Erleben und Empfinden vieler trans* Personen entgegen, die sich wünschen „einfach so“ als ihr Geschlecht anerkannt zu werden. Insofern gilt auch hier: auch wenn dies für manche Personen eine passende Selbstbeschreibung ist, lässt sich das nicht verallgemeinern und entsprechend versuche ich mittlerweile, solche Formulierungen zu vermeiden (und freue mich, wenn andere das auch versuchen :-)).

So. Das war jetzt sehr viel über Tomi und wie er die Welt sah ;-). Falls Ihr andere gute Alternativen zu „war mal, ist jetzt“ habt, teilt sie gerne in den Kommentaren!

Nachgetragen

So. Ich wollte heute aber noch was raushauen, das passte nur thematisch nicht so richtig zu dem vorigen Post und so mache ich lieber zwei Beiträge draus. Ich wollte noch dieses und jenes zu meinem „Menschen hautnah“ Post nachtragen. Den habe ich, wie unschwer zu bemerken war, mit ziemlicher Wut im Bauch geschrieben. Ich habe oft das Gefühl, nach einer so emotional vorgetragenen Kritik wieder „zurückrudern“ und relativieren zu müssen. Habe ich wirklich das Recht wütend zu sein? Bin ich zu undankbar? Internalisiertes tone policing – kann ich!

Wie auch immer – ich stehe weiter zu meiner Wut und Enttäuschung und meine Kritik an der Dokumentation steht auch weiterhin. Aber.

Ja, es gibt ein „aber“ :D.

Ich möchte ein paar Dinge nachtragen.

Erstens. Über meinen Ärger und meine Kritik habe ich natürlich hauptsächlich auf negative Aspekte der Dokumentation hingewiesen. Das Positive ist dabei in den Hintergrund getreten. Ich will deswegen noch mal sagen dass ich die Geschichten der portraitierten trans* Personen berührend und sowohl mut- als auch traurigmachend fand. Und so schade ich es finde, dass der voice- over Kommentar für mein Gefühl viel zu stark deutend und „vereindeutigend/vereinfachend“ eingegriffen hat – die so offen geäußerten Gedanken und Erfahrungen der Protagonist*innen  waren eben doch ein großes, gutes Gegengewicht dazu. Und mir wurde von einigen Freund*innen und Bekannten mittlerweile gesagt, dass ihnen vor allem das im Gedächtnis geblieben ist und sie berührt hat – nicht der darübergesprochene Kommentar. Das hat mich etwas versöhnt :).

Zweitens. Ebenfalls ein bisschen versöhnt hat mich, dass das Redaktionsteam auf die von mir und anderen formulierte Kritik am Umgang mit Sophia _überhaupt_ reagiert hat. Das ist durchaus nicht üblich.
Sie haben mir mitgeteilt, dass alle Personen ihre Einwilligung in die Nennung der alten Namen gegeben haben („Sophia und ihre Eltern eingeschlossen“). Dazu muss ich sagen, dass ich weiterhin skeptisch bin inwieweit es Sophia möglich gewesen wäre hier gegen einen möglichen Wunsch oder Vorschlag der Eltern zu entscheiden. Das ist von außen aber schlichtweg nicht zu beurteilen und es ist müßig weiter darüber zu spekulieren. Das Redaktionsteam hat aber erstens erkannt, dass sie transparenter hätten machen sollen dass die Einwilligung aller Personen vorlag; zweitens – und das finde ich wirklich gut – haben sie Sophias alten Namen aus dem Infotext in der Mediathek entfernt. Man erfährt ihn jetzt wirklich nur noch, wenn man die Doku anschaut.

Drittens wollte ich jetzt eigentlich noch was zur Frage von Goldtopf schreiben – nämlich was denn bessere Formulierungen als „wurde als Junge/Mädchen geboren und ist jetzt…“ wären – aber ich glaube da muss ich doch weiter ausholen und mache das besser morgen! Stay tuned!