Aufreger der Woche

Content note: Sexismus, (Inszenierung von) Voyeurismus, Sexualisierung von Kindern, Heteronormativität

Zugegeben, so einen Beitrag könnte ich jeden Tag schreiben, aber in der letzten Woche hat mich eine Begebenheit besonders aufgeregt. Ich habe eine Lieblingskaffeebude. Dort halte ich eigentlich immer am Ende meiner Rad-Ausfahrten an, trinke einen Kaffee und genieße die Aussicht die man dort hat. Die „Bude“ ist so ein kleiner Wagen und wird als Ein-Mann*-Betrieb bewirtschaftet.

Vorletzte Woche oder so war ich da und bekam mit, wie eine Karnevals-Tanz-Gruppe Fotos machte. „Tanzmariechen“ heißen die hier und die Kostüme bestehen aus Hut, einer Art Uniformjacke, kurzen Röcken und hohen Stiefeln. Eine Woche später dann postete der Betreiber* des Kaffeewagens ein Foto von der Gruppe auf Facebook: fünf oder sechs Gruppenmitglieder standen in einer Reihe an der Theke des Kaffeewagens, leicht nach vorne in Richtung Theke gebeugt. Das Foto war aus einer mäßigen Entfernung (andere Straßenseite) von unten aufgenommen – Blick unter die Röcke inklusive. Im Vordergrund des Bilds sah man, ebenfalls von hinten, ein kleines Kind mit seinem Roller, blau gekleidet, das zu der Gruppe die da am Tresen stand, rüberschaute. Der Blickwinkel war der gleiche, wie der der Kamera.

Ich hätte kotzen können echt. Zum einen der voyeuristische Blick(winkel), den die fotografierende Person da eingenommen, inszeniert und mit der Veröffentlichung des Fotos legitimiert hat. Dazu die bewusste Reduzierung der abgebildeten Personen auf ein Körperteil. Mag sein, dass zumindest die Mitglieder der Tanzgruppe ihr Einverständnis für das Foto und die Veröffentlichung gegeben haben – aber das ist aus dem Kontext in dem das Bild veröffentlicht wurde nicht mehr herzuleiten. Es könnte genauso gut ein zufälliger Schnappschuss sein, der unbeobachtet aufgenommen wurde.

Und dann dieses Kind da im Vordergrund, da läuft es mir richtig kalt den Rücken runter. Das Bild suggeriert, dass das Kind (das durch die blaue Kleidung unter Garantie von der Mehrzahl der Betrachter*innen  als männlich gelesen wird) den gleichen Blick einnimmt wie die fotografierende Person. Ich finde das gruselig, wie da über die Perspektive das Schauen des Kindes mit einer Bedeutung aufgeladen wird, die da einfach nichts zu suchen hat.

Aber wehe, jemand möchte Kinder über andere sexuelle Orientierungen als Heterosexualität aufklären. Dann heißt das plötzlich „Frühsexualisierung“. Aber Normalisierung von Heterosexualität ist natürlich völlig okay. DAS ist ja natürlich, ne?

Jetzt reg ich mich schon wieder auf.

Ach ja, ich hab zu dem Bild einen Kommentar hinterlassen und es wurde später tatsächlich gelöscht. Aber um den Kaffeeladen habe ich jetzt trotzdem erst Mal einen Bogen gemacht. Mir ist schon klar, dass das keine „böse Absicht“ war, sondern vermutlich einfach unreflektiert. Aber sich diese Unreflektiertheit bewahren zu können – in Zeiten in denen u.a. #metoo gerade überall diskutiert wird… Das ist Ausdruck eines ganzen Korbs voller Privilegien und unter Umständen auch einer Haltung des „Was hat das denn mit mir zu tun, ich bin ja gar nicht sexistisch“.

Grrrrrr!

 

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Reblog: Offizieller nichtbinärer Geschlechtseintrag

Ihr habt es wahrscheinlich heute in den Medien mitbekommen: das Bundesverfassungsgericht hat heute der Klage von Vanja (http://dritte-option.de/) auf einen dritten Geschlechtseintrag „inter*/divers“ neben männlich und weiblich stattgegeben. Das ist der Hammer und ich freue mich unglaublich!!!

Das könnte bedeuten, dass neben inter* Personen auch nichtbinäre trans* Personen in Zukunft einen „positiven“ Geschlechtseintrag haben können – bislang war ein leerer Geschlechtseintrag nämlich das maximal mögliche.  Ihr könnt auf dem geschlechtsneutral Blog nachlesen, was das jetzt bedeutet :-).

Die Neuigkeit gleich vorneweg: Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass in Deutschland ein 3. Geschlechtseintrag geschaffen werden muss! Und jetzt der Reihe nach, wie es dazu kam: Bis vor vier Jahren gab es in Deutschland für amtliche Dokumente nur die 2 Geschlechts-Optionen „männlich“ und „weiblich“. Mit Hilfe des Transsexuellengesetzes war es auf sehr mühsame Art möglich, […]

über Offizieller nichtbinärer Geschlechtseintrag — geschlechtsneutral Ø

Urlaub gleich anders

Mein Urlaub ist schon fast wieder vorbei und insgesamt ist es ganz schön. Leider tendiert die Gästezahl für die Radtouren in dieser Woche gegen 1. Also habe ich Sonntag und Montag 1:1 Betreuung gehabt. Das ist einerseits natürlich sehr luxuriös, aber eigentlich finde ich es doch schöner in einer Gruppe zu fahren – gerade wenn man so 4-6 Stunden unterwegs ist, ist es schon auch anstrengend nur zu zweit zu sein. Auch die Essensrunde ist sehr geschrumpft, hauptsächlich sind jetzt noch Leute aus dem Team da und ein weiterer Gast. Alle sind zum Glück ganz nett – letztes Jahr waren im Vergleich echt ein paar ganz schlimme Typen dabei. Aber trotzdem merke ich, seitdem keine weiblichen* (also, von mir weiblich gelesenen) Gäste mehr dabei sind, dass die verbleibenden Personen sich unverhohlener sexistisch und teils homofeindlich äußern. Es sind meist „nur“ Witze, aber das ist halt auch perfide, denn jede Kritik daran lässt sich über ein „ist ja nur Spaß“ schön aushebeln. Insbesondere eine Person aus dem Team ist ganz vorne mit dabei. Diese Person ist schon über 80 und ich befürchte es ist ziemlich aussichtslos dagegen zu reden oder das gegenüber anderen im Team zu thematisieren. Mehr als ein „das darf man nicht so ernst nehmen“ wird es meiner Einschätzung nach nicht als Reaktion geben.

Und natürlich herrscht Heteronormativität galore – alle nehmen automatisch an, ich sei hetero. Ich find’s so anstrengend, auch weil ich jedes Mal wieder abschätzen muss wo es jetzt ohne negative Konseqzenzen möglich ist das zu korrigieren. Naja, alles wie immer also wenn ich mich aus meiner „bubble“ bewege.

Heute war Ruhetag und eigentlich wäre Ruhe wirklich gut für meine Beine gewesen. Fiel dann aber aus wegen „ist nicht“. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen mit dem Bus nach Palma zu fahren, aber ich habe schon beim Abfahrzeiten raussuchen gemerkt, dass es emotional schwierig ist. Das letzte Mal, als ich diese Tour gemacht habe war es gemeinsam mit meinem Mann und tja. Also habe ich ein paar Tränen vergossen und bin dann doch aufs Rad gestiegen (mit dem festen Vorsatz ganz langsam und locker zu machen). Es ist unheimlich tolles Wetter und die Landschaft hier ist so schön. Ich hab es noch nie so grün gesehen hier, es hat offenbar in den Sommermonaten auch mal geregnet. Ich bin eine schöne, aber nicht zu anspruchsvolle Strecke gefahren. Dass „Schönes an mich ranlassen“ dazu führt, dass ich traurig(er) werde stimmt leider immer noch. Also mehr Tränen. Ich glaube, die Traurigkeit kommt daher dass ich in diesen Momenten realisiere, dass es niemanden gibt mit dem ich das Schöne teilen kann – und auch, dass es niemanden mehr geben wird der dafür Sorge (mit)trägt, dass es mir gutgeht oder ich mich wohlfühle. Dafür muss ich selbst Sorge tragen und das erscheint mir gerade eine sehr große Last.

Kein Netz und kein doppelter Boden.

Wundersame Wandlungen

In den Kommentaren zu meinem „Menschen hautnah“ Artikel warf Goldtopf die Frage auf, welche besseren Alternativen es zu den von mir kritisierten Formulierungen „wurde als Junge/Mädchen geboren und ist jetzt…“ oder „wurde mit einem Jungen-/Mädchenkörper geboren“ gibt. Das sind Formulierungen, die praktisch in jedem Medienbeitrag zum Thema trans* zu finden sind und die auch sonst im Alltag ziemlich oft reproduziert werden.

Vorab muss ich sagen, dass alles was ich hier jetzt dazu schreibe meine Sicht ist und dass sicherlich nicht alle trans* Personen diese so teilen. Formulierungen, die ich schlimm finde, sind für andere völlig in Ordnung. Und grundsätzlich gilt sowieso, dass Selbstschreibungen anderer trans* Personen zu respektieren sind. Punkt. D.h. wenn eine trans* Person eine der oben beispielhaft genannten Formulierungen für sich als passend erachtet, dann ist das so. Unsere Erfahrungen und Empfindungen diesbezüglich sind sehr unterschiedlich und von ganz vielen Faktoren geprägt. Deutungshoheit haben wir nur über uns selbst, nicht aber über die (sehr heterogene) Gruppe aller trans* Personen. Was ich aber speziell in den Medien vermisse ist ein Bewusstsein genau dafür: dass Formulierungen, die *eine* Person als Selbstbeschreibung nutzt eben nicht notwendig für alle trans* Personen okay oder passend ist. (Naja. Und wenn wir ehrlich sind, dann schaffen Medien ist ganz oft noch nicht mal, die ziemlich konsensfähigen Basics zu beachten).

So. Was stört mich an den Formulierungen, die da oben stehen? Und was könnte man stattdessen sagen?

„War mal….ist jetzt“. Ich glaube tatsächlich die allermeisten trans* Personen würden von sich sagen, dass sie schon immer das Geschlecht hatten/waren von dem sie (heute) wissen dass es ihr richtiges ist. Also in meinem Fall: ich war tatsächlich nie Mädchen/Frau sondern immer schon Junge/Mann, auch wenn ich lange nicht die Worte hatte das auszudrücken. Die Kategorie „Mädchen/Frau“ ist etwas, das mir aufgrund körperlicher Merkmale übergestülpt wurde. Zu sagen, ich sei früher Mädchen gewesen und jetzt auf wundersame Weise zum Jungen/Mann geworden ist schlichtweg falsch.

Entsprechend sage ich von mir auch nicht „ich wurde als Mädchen geboren“, sondern: „mir wurde bei Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen“. Das ist jetzt sicher eine Formulierung, die in der Alltagssprache nicht allen so flüssig über die Lippen geht oder ohne weiteres beim Gegenüber verstanden wird. Eine etwas weniger voraussetzungvolle Alternative könnte zum Beispiel sein: „Hat früher als Mädchen/Frau/Junge/Mann gelebt und lebt heute im richtigen Geschlecht als …“. Der TriQ-Leitfaden für Journalist*innen (PDF) schlägt als Alternative auch Formulierungen vor, die ausdrücken dass eine trans* Person ihre männliche/weibliche/nichtbinäre/etc. Geschlechtsidentität nun „auch nach außen lebt“ (siehe S. 8). Das finde ich auch ganz gut!

Diese Idee man sei früher das eine und heute das andere Geschlecht drückt sich auch in dem unsäglichen (und leider sehr schwer in Vergessenheit zu bringenden) Begriff der „Geschlechtsumwandlung“ aus. Dem wiederum liegt sehr stark die Vorstellung zugrunde, wir alle hätten ein „wahres“ biologisches/körperliches Geschlecht, das trans* Personen durch medizinische Eingriffe dann so ab- oder umwandeln, dass es nicht mehr sichtbar ist. Und nur, wenn man körperlich nicht mehr als „altes Geschlecht“ erkennbar ist, hat man den Weg ins „neue Geschlecht“ endlich geschafft. (Au weia, mir rollen sich die Zehennägel auf, wenn ich das so schreibe). Was mich zu „wurde in einem Jungen-/Mädchenkörper geboren“ bringt.

Das ist eine Formulierung, die eng verknüpft ist mit der Aussage eine trans* Person sei „im falschen Körper“ geboren. Das ist etwas, das man auch ganz oft als Selbstbeschreibung hört und es ist als solche selbstverständlich zu respektieren – denn es drückt dann eben aus wie die Person ihr Verhältnis zu ihrem Körper empfindet. Dennoch würde ich mir wünschen, dass diese Aussage nicht so benutzt wird, als würde sie das Erleben aller trans* Personen adäquat beschreiben.

Für mich(!) knüpft diese Aussage viel zu sehr an die von mir abgelehnte Idee an, es gebe ein unhintergehbares und für immer festgeschriebenes „natürliches“ körperliches Geschlecht. Es ist gesellschaftliche Konvention, dass wir bestimmte körperliche Merkmale mit einem bestimmten Geschlecht verknüpfen, nicht Biologie. Im Rahmen dieser Konvention ist mein Körper ein „Frauenkörper“. Am Arsch! Ich wehre mich dagegen. Und so würde ich über mich sagen: genauso, wie ich schon immer Junge/Mann war, war auch mein Körper schon immer männlich, auch wenn er vom Rest der Gesellschaft nicht als solcher (an)erkannt wurde/wird. Entsprechend wünsche ich mir für mich, dass einfach darauf verzichtet wird zu sagen, ich sei in einem Mädchenkörper geboren. Stattdessen würde ich dann wieder eine Formulierung wählen die zeigt, dass mir bei Geburt leider aufgrund meiner körperlichen Merkmale ein falsches Geschlecht zugewiesen wurde.

Zum Abschluss vielleicht noch etwas Grundsätzliches: wichtig finde ich auch, dass gewählte Formulierungen klar zum Ausdruck bringen dass trans* Personen einfach ihr Geschlecht _sind_. So wie cis Personen eben auch einfach Mann oder Frau sind. Häufig liest oder hört man nämlich dann so Aussagen wie „xy identifiziert sich als Mann/Frau/nichtbinär/agender…“ oder „empfindet sich als“. Davon bin ich selbst auch nicht frei! Aber es impliziert immer so hintenrum, dass es einen Unterschied zwischen (körperlichem) Geschlecht und Geschlechtsidentität gebe und dass der nicht zu markierende Norm(al)zustand ja sei, dass beides irgendwie deckungsgleich ist. Wenn cis Personen „sind“, trans* Personen sich aber nur „identifizieren als“, dann klingt das ein bisschen so, als würden wir uns in einem willentlichen Akt ein bestimmtes Geschlecht geben. Das läuft dem Erleben und Empfinden vieler trans* Personen entgegen, die sich wünschen „einfach so“ als ihr Geschlecht anerkannt zu werden. Insofern gilt auch hier: auch wenn dies für manche Personen eine passende Selbstbeschreibung ist, lässt sich das nicht verallgemeinern und entsprechend versuche ich mittlerweile, solche Formulierungen zu vermeiden (und freue mich, wenn andere das auch versuchen :-)).

So. Das war jetzt sehr viel über Tomi und wie er die Welt sah ;-). Falls Ihr andere gute Alternativen zu „war mal, ist jetzt“ habt, teilt sie gerne in den Kommentaren!

Nachgetragen

So. Ich wollte heute aber noch was raushauen, das passte nur thematisch nicht so richtig zu dem vorigen Post und so mache ich lieber zwei Beiträge draus. Ich wollte noch dieses und jenes zu meinem „Menschen hautnah“ Post nachtragen. Den habe ich, wie unschwer zu bemerken war, mit ziemlicher Wut im Bauch geschrieben. Ich habe oft das Gefühl, nach einer so emotional vorgetragenen Kritik wieder „zurückrudern“ und relativieren zu müssen. Habe ich wirklich das Recht wütend zu sein? Bin ich zu undankbar? Internalisiertes tone policing – kann ich!

Wie auch immer – ich stehe weiter zu meiner Wut und Enttäuschung und meine Kritik an der Dokumentation steht auch weiterhin. Aber.

Ja, es gibt ein „aber“ :D.

Ich möchte ein paar Dinge nachtragen.

Erstens. Über meinen Ärger und meine Kritik habe ich natürlich hauptsächlich auf negative Aspekte der Dokumentation hingewiesen. Das Positive ist dabei in den Hintergrund getreten. Ich will deswegen noch mal sagen dass ich die Geschichten der portraitierten trans* Personen berührend und sowohl mut- als auch traurigmachend fand. Und so schade ich es finde, dass der voice- over Kommentar für mein Gefühl viel zu stark deutend und „vereindeutigend/vereinfachend“ eingegriffen hat – die so offen geäußerten Gedanken und Erfahrungen der Protagonist*innen  waren eben doch ein großes, gutes Gegengewicht dazu. Und mir wurde von einigen Freund*innen und Bekannten mittlerweile gesagt, dass ihnen vor allem das im Gedächtnis geblieben ist und sie berührt hat – nicht der darübergesprochene Kommentar. Das hat mich etwas versöhnt :).

Zweitens. Ebenfalls ein bisschen versöhnt hat mich, dass das Redaktionsteam auf die von mir und anderen formulierte Kritik am Umgang mit Sophia _überhaupt_ reagiert hat. Das ist durchaus nicht üblich.
Sie haben mir mitgeteilt, dass alle Personen ihre Einwilligung in die Nennung der alten Namen gegeben haben („Sophia und ihre Eltern eingeschlossen“). Dazu muss ich sagen, dass ich weiterhin skeptisch bin inwieweit es Sophia möglich gewesen wäre hier gegen einen möglichen Wunsch oder Vorschlag der Eltern zu entscheiden. Das ist von außen aber schlichtweg nicht zu beurteilen und es ist müßig weiter darüber zu spekulieren. Das Redaktionsteam hat aber erstens erkannt, dass sie transparenter hätten machen sollen dass die Einwilligung aller Personen vorlag; zweitens – und das finde ich wirklich gut – haben sie Sophias alten Namen aus dem Infotext in der Mediathek entfernt. Man erfährt ihn jetzt wirklich nur noch, wenn man die Doku anschaut.

Drittens wollte ich jetzt eigentlich noch was zur Frage von Goldtopf schreiben – nämlich was denn bessere Formulierungen als „wurde als Junge/Mädchen geboren und ist jetzt…“ wären – aber ich glaube da muss ich doch weiter ausholen und mache das besser morgen! Stay tuned!

Menschen hautnah? Bleibt mir von der Pelle

Gestern habe ich die WDR-Dokumentation über trans Kinder und junge Erwachsene in der Mediathek geguckt. Ich weiß nicht warum ich erwartet hatte, dass sie irgendwie okayer sein würde als alles andere, was in den Medien so zu dem Thema herumgeistert. (einzige Ausnahme sind vielleicht die Beiträge aus der Reihe über Feli und Jim bei PULS – die sind vergleichsweise in Ordnung). Vielleicht, weil ich immer noch diese Vorstellung habe, dass bei den öffentlich-rechtlichen Sendern und gerade auch bei dem Format „Menschen hautnah“ solche Themen irgendwie fundierter, respektvoller behandelt werden als bei RTL2.

Tja.

Falsch gedacht. Auch wenn die Respektlosigkeit und der Voyeurismus hier auf leiseren Pfoten daherkommt als vielleicht anderswo. Das macht es für mein Empfinden aber eher schlimmer als besser, weil es für weniger informierte Personen schwieriger wird zu erkennen, das etwas in der Darstellung problematisch ist.

Was regt mich so auf? Vieles, mehr dazu unten. Aber das was mir den Magen umdreht ist, wie der WDR mit einem 8-jährigen Mädchen umgeht. Sophia. Sie wird schon in der Kurzbeschreibung der Sendung in der Mediathek erwähnt. Und zwar mit ihrem alten Namen.

Exkurs: Geburtsnamen sind ein schwieriges Thema für viele trans* Personen. Sie sind oft verbunden mit viel Schmerz, Verletzung, Verlust. Wir kämpfen hart und lange dafür, mit unseren neuen, richtigen Namen angesprochen und akzeptiert zu werden. Und doch ist die mit Abstand häufigste Frage, die ich von anderen gestellt bekomme: wie hießt du früher? Und genauso funktioniert Medienberichterstattung über trans* Personen in der Regel. „Person war mal {Geschlecht} und ist heute {Geschlecht}“. Und: „Person hieß früher {Geburtsname} und heißt heute {richtiger Name}“. Wenn das mit der Zustimmung der jeweiligen Person erfolgt, ist das natürlich in Ordnung. Wobei ich mir sehr wünschen würde dass Medienberichterstattung verdeutlicht, dass diese Zustimmung eingeholt wurde und dass es nicht grundsätzlich in Ordnung ist, den alten Namen zu verwenden.

Im Fall von Sophia habe ich schon als ich den Beschreibungstext für die Doku las die Stirn ein wenig gerunzelt. Auch in der Doku wird ihr alter Name mehrfach verwendet, sowohl im Voice-Over Kommentar, als auch durch die Eltern von Sophia. Und dann haben die Macher*innen eine Sequenz von Sophia in die Doku geschnitten in der sie sehr deutlich sagt, dass sie ihren alten Namen nicht nennen möchte und dass sie vor allem nicht möchte dass er noch verwendet wird. Sie verrät, dass er mit „P“ anfängt, aber mehr möchte sie nicht preisgeben.

Ich bin so wütend. Was gibt den Macher*innen und den Eltern das Recht sich über den Wunsch dieses Kindes so eklatant hinwegzusetzen? Ich finde solche Dokus über und mit Kindern sind eh schon eine extrem diffizile Angelegenheit – das Kind hat ein Recht am eigenen Bild und am Schutz seiner Privatsphäre. Im Vorfeld der Aufnahmen und Interviews müssen die Beteiligten aufgeklärt werden darüber was mit den Aufnahmen passiert und sie müssen zustimmen – freiwillig und ohne das (versteckter) Druck auf sie ausgeübt wird. Es ist schwer vorstellbar, dass Sophia aus freien Stücken ihre Zustimmung dazu gegeben hat dass ihr alter Name in dieser Weise veröffentlicht wird. Jetzt ist er über das halbe Internet plakatiert und tausende von Menschen kennen ihn.

Die Botschaft, die bei mir ankommt ist mal wieder: Selbstbestimmung für trans* Menschen ist eine Illusion. Und das gilt hundertfach für Kinder und Jugendliche, denen abgesprochen wird dass sie selbst wissen was gut und richtig für sie ist. Es werden so tolle Personen portraitiert in dieser Doku, die alle in großartiger Weise für sich sprechen und erklären was sie empfinden, was sie sich wünschen. Aber die Macher*innen schaffen es nicht, das für sich stehen zu lassen. Stattdessen gibt es einen voice-over Kommentar, der diese Erzählungen und Aussagen immer wieder relativiert und missachtet. Beispiel? Eine der portraitierten Personen (ich meine, es ist Sophia) sagt sinngemäß: ich war nie ein Junge, ich war schon immer ein Mädchen. Der Kommentar hingegegen wiederholt immer und immer wieder Aussagen wie: „xy war früher Junge/Mädchen“, „wurde als Junge/Mädchen geboren“, „ist körperlich Junge/Mädchen“… Ich habe halbwegs Verständnis dafür, dass ein solches TV-Format den Zuschauer*innen nicht unmittelbar ein „biologisches Geschlecht ist eine Konstruktion“ vor den Latz knallen möchte. Aber es wäre ohne weiteres möglich gewesen die portraitierten Personen für sich sprechen zu lassen – ohne ihnen über den voice-over Kommentar die Deutungshoheit über ihr Geschlecht und ihre Geschichte zu nehmen. Dafür hätte es aber ein größeres Verständnis für die Materie gebraucht – vor allem aber, und das ist das Wichtigste: mehr Respekt für das Wissen und die Entscheidungen dieser Personen.

Der WDR hat eine riesige Chance verspielt zu zeigen, dass trans* Kinder und Jugendliche ein Recht auf Selbstbestimmung haben. Dass sie gehört und ernst genommen werden müssen. Dass sie Respekt verdient haben.

Auf Twitter gibt es auch einige gute Threads mit Kritik an der Doku – schaut z.B. mal hier:

@AbstraktesHerz https://twitter.com/AbstraktesHerz/status/891012299070242818

@Marabufeder https://twitter.com/marabufeder/status/891049704678711296

——————- Nachtrag (01/08/17) ———————

Ich habe heute eine Antwort auf meine kurze Nachricht an die Redaktion bekommen. Alle portraitierten Personen – Sophia eingeschlossen – haben demnach in die Nennung ihres alten Namens eingewilligt. Ich muss gestehen, ohne der Redaktion irgendetwas unterstellen zu wollen, dass ich skeptisch bin inwieweit Sophia wirklich unbeeinflusst (z.B. von Wünschen ihrer Eltern) diese Entscheidung treffen konnte. Aber das kann ich nicht beurteilen. Persönlich, aus meinem eigenen Erleben heraus, hätte ich mir gewünscht dass im Zweifel auf die Nennung des Namens verzichtet wird – mindestens im voice over-Kommentar. Aber – und das finde ich sehr gut: die Redaktion hat den alten Namen aus dem Infotext in der Mediathek entfernt. Danke dafür!

Alle oder keine*r?

(Anmerkung vorab: ich hab meine Gedanken noch nicht so richtig gut sortiert – ich hoffe, dass ich nicht zu viele wichtige Aspekte/Diskriminierungsachsen und -dimensionen ausgeblendet oder vergessen habe. Bitte stupst mich an, wenn das so ist – ich ergänze den Beitrag dann).

Als ich gestern nach einem Workshopvormittag nachmittags auf dem Bahnsteig auf meinen Zug gen Heimat wartete haben mich die Neuigkeiten zum Thema „Öffnung der Ehe“ erreicht. Waaaaas? Da guckt man mal ein paar Stunden nicht in dieses Internet und dann überschlagen sich die Ereignisse?

Im ersten Moment habe ich mich total gefreut – endlich sieht es so aus, als sei diese Form der staatlichen Diskriminierung bald Geschichte. Und ich freue mich auch immer noch für diejenigen, die so lange dafür gekämpft haben und für die es nun z.B. endlich die Möglichkeit geben wird, Kinder zu adoptieren.

Aber je mehr ich dann gestern so las, desto enttäuschter und ängstlicher wurde ich.

Da ist zum einen die Art und Weise wie es nun zu dieser überraschenden Abstimmungsankündigung gekommen ist. Nach jahrelangem Blockieren und Verzögern mit hanebüchenen Argumenten geht es nun plötzlich schnell, weil Politiker*innen die Eheöffnung als Verschiebemasse im Taktieren um den Machterhalt nutzen. Da geht es doch nicht darum, dass sie (insbesondere bei CDU und SPD) erkannt hätten, dass homosexuellen Männer- und Frauenpaaren die gleichen Rechte zustehen wie hetero-Paaren. Aber wenn es um Macht geht, kann man ja schonmal ein Auge zudrücken…

Zum anderen – und da kommt die Angst ins Spiel – überschlugen sich in den sozialen Medien und anderswo Beiträge und Kommentare mit dem Tenor „Wir sind am Ziel! Jetzt haben wir alles erreicht“. Da sind zum Beispiel Kommentare wie dieser hier von Jan Schnorrenberg aus der Presseabteilung des Schwulen Museums:

„Heute endet ein Kapitel der homosexuellen Emanzipationsgeschichte. Es kommt zu spät für viel zu viele Menschen und Aktivist_innen, aber für so viele junge LSBTIQ wird es in (sic) in zehn Jahren eine Selbstverständlichkeit sein. Sie werden unsere Wut und Frustration über die jahrzehntelange Untätigkeit der Großen Koalition nur aus Erzählungen kennen. Sie werden sich outen, ohne darüber nachzudenken ob ihre Liebe vom Staat überhaupt akzeptiert wird. Und es wird gut sein. So sollte es sein. Das ist das Rad der Zeit, welches die Ideologien der Ungleichheit langsam, aber bestimmt unter sich begräbt.“ (https://www.facebook.com/spektrallinie/posts/1564351423596479)

Da verwendet mal wieder jemand die Formel „LSBTIQ“ ofenbar ohne sich wirklich Gedanken darüber gemacht zu haben, wofür die Buchstaben stehen.

Lesbisch, Schwul, Bi, Trans, Inter, Queer.

Erstens: die Hälfte dieser Identitäten hat nicht – oder nicht ausschließlich – etwas damit zu tun, wen ich liebe. Ich kann zum Beispiel trans oder inter sein und hetero. Geschlechtsidentität ≠ sexuelle Orientierung. Die Diskriminierungsmechanismen und -erfahrungen sind andere und sie gehen nicht weg, nur weil die Ehe für schwule Männer und lesbische Frauen geöffnet wird. Es ist symptomatisch, wie häufig von der „Ehe für alle“ die Rede ist und dabei vergessen wird, wer bei „alle“ leider alles durchs Raster fällt. Es wird zum Beispiel nicht beachtet, dass Heiraten nur möglich ist wenn man eins der beiden amtlich anerkannten Geschlechter im Pass stehen hat. Geschlechter die sich nicht im binären System verorten lassen finden nach wie vor keine Berücksichtigung. Und was ist zum Beispiel mit behinderten Menschen? @JulesEins hat eine (zu Recht wütende) Tweetkette dazu verfasst: https://twitter.com/JulesEins/status/880008718670323712.

Zweitens: diese Idee dass sich LSBTIQ in Zukunft ohne Bedenken outen könnten weil es bald eine Eheöffnung geben wird, ist auf so vielen Ebenen einfach Mist. Ja, möglicherweise finden bestimmte schwule und lesbische Partnerschaften nun mehr Akzeptanz. Aber:

  • Gewalttaten gegen LSBTIQ Personen nehmen zu (Danke an eine liebe Person bei Twitter, die mich darauf noch mal hingewiesen hat). MANEO, das schwule Anti-Gewalt Projekt Berlin verzeichnete in 2016 z.B. einen erneuten Anstieg von gewaltsamen Übergriffen. In 2016 waren es 632 neue Meldungen, die sich vorwiegend auf Vorfälle in Berlin bezogen (MANEO Report 2016, S. 28). Andere Statistiken sprechen eine ähnliche Sprache.
  • Bisexualität, Trans- oder Intergeschlechtlichkeit, queere Identitäten oder sexuelle Orientierungen, Asexualität und andere Identitäten und Orientierungen sind weit, weit weg davon, in irgendeiner Weise gesellschaftlich normalisiert und akzeptiert zu sein. Wenn eine Person noch dazu zum Beispiel nicht weißdeutsch ist und/oder eine Behinderung hat, steigt mit einem Outing das Risiko Opfer von Diskriminierung und Gewalt zu werden nochmals erheblich an. Intersektionalität ist ein Ding!

Kommentare wie der von Jan Schnorrenberg verschleiern das – und das ist die Stelle, an der ich Angst bekomme. Ich habe eine (vielleicht, hoffentlich unberechtigte) Angst, dass einige jetzt aufhören weiter zu kämpfen – „weil jetzt ja alles erreicht ist“. Das macht mir auch deswegen Sorgen, weil ich gleichzeitig eine Art Backlash befürchte – zum Beispiel wenn es um die rechtliche Anerkennung nichtbinärer Geschlechter geht. So von wegen „Jetzt habt ihr doch die Ehe für alle, was wollt ihr denn noch?“

Und ich hoffe einfach, dass diejenigen deren Ziele jetzt erreicht sind sich trotzdem weiter engagieren und dass sie ihre erkämpften Privilegien auch für die nutzen, die noch weiterkämpfen müssen für Selbstbestimmung und Akzeptanz.

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Der MANEO Report 2016 verfügbar unter: http://www.maneo.de/infopool/dokumentationen.html. (CN: Verwendet „-phobie“ für „-feindlichkeit“).