Alle oder keine*r?

(Anmerkung vorab: ich hab meine Gedanken noch nicht so richtig gut sortiert – ich hoffe, dass ich nicht zu viele wichtige Aspekte/Diskriminierungsachsen und -dimensionen ausgeblendet oder vergessen habe. Bitte stupst mich an, wenn das so ist – ich ergänze den Beitrag dann).

Als ich gestern nach einem Workshopvormittag nachmittags auf dem Bahnsteig auf meinen Zug gen Heimat wartete haben mich die Neuigkeiten zum Thema „Öffnung der Ehe“ erreicht. Waaaaas? Da guckt man mal ein paar Stunden nicht in dieses Internet und dann überschlagen sich die Ereignisse?

Im ersten Moment habe ich mich total gefreut – endlich sieht es so aus, als sei diese Form der staatlichen Diskriminierung bald Geschichte. Und ich freue mich auch immer noch für diejenigen, die so lange dafür gekämpft haben und für die es nun z.B. endlich die Möglichkeit geben wird, Kinder zu adoptieren.

Aber je mehr ich dann gestern so las, desto enttäuschter und ängstlicher wurde ich.

Da ist zum einen die Art und Weise wie es nun zu dieser überraschenden Abstimmungsankündigung gekommen ist. Nach jahrelangem Blockieren und Verzögern mit hanebüchenen Argumenten geht es nun plötzlich schnell, weil Politiker*innen die Eheöffnung als Verschiebemasse im Taktieren um den Machterhalt nutzen. Da geht es doch nicht darum, dass sie (insbesondere bei CDU und SPD) erkannt hätten, dass homosexuellen Männer- und Frauenpaaren die gleichen Rechte zustehen wie hetero-Paaren. Aber wenn es um Macht geht, kann man ja schonmal ein Auge zudrücken…

Zum anderen – und da kommt die Angst ins Spiel – überschlugen sich in den sozialen Medien und anderswo Beiträge und Kommentare mit dem Tenor „Wir sind am Ziel! Jetzt haben wir alles erreicht“. Da sind zum Beispiel Kommentare wie dieser hier von Jan Schnorrenberg aus der Presseabteilung des Schwulen Museums:

„Heute endet ein Kapitel der homosexuellen Emanzipationsgeschichte. Es kommt zu spät für viel zu viele Menschen und Aktivist_innen, aber für so viele junge LSBTIQ wird es in (sic) in zehn Jahren eine Selbstverständlichkeit sein. Sie werden unsere Wut und Frustration über die jahrzehntelange Untätigkeit der Großen Koalition nur aus Erzählungen kennen. Sie werden sich outen, ohne darüber nachzudenken ob ihre Liebe vom Staat überhaupt akzeptiert wird. Und es wird gut sein. So sollte es sein. Das ist das Rad der Zeit, welches die Ideologien der Ungleichheit langsam, aber bestimmt unter sich begräbt.“ (https://www.facebook.com/spektrallinie/posts/1564351423596479)

Da verwendet mal wieder jemand die Formel „LSBTIQ“ ofenbar ohne sich wirklich Gedanken darüber gemacht zu haben, wofür die Buchstaben stehen.

Lesbisch, Schwul, Bi, Trans, Inter, Queer.

Erstens: die Hälfte dieser Identitäten hat nicht – oder nicht ausschließlich – etwas damit zu tun, wen ich liebe. Ich kann zum Beispiel trans oder inter sein und hetero. Geschlechtsidentität ≠ sexuelle Orientierung. Die Diskriminierungsmechanismen und -erfahrungen sind andere und sie gehen nicht weg, nur weil die Ehe für schwule Männer und lesbische Frauen geöffnet wird. Es ist symptomatisch, wie häufig von der „Ehe für alle“ die Rede ist und dabei vergessen wird, wer bei „alle“ leider alles durchs Raster fällt. Es wird zum Beispiel nicht beachtet, dass Heiraten nur möglich ist wenn man eins der beiden amtlich anerkannten Geschlechter im Pass stehen hat. Geschlechter die sich nicht im binären System verorten lassen finden nach wie vor keine Berücksichtigung. Und was ist zum Beispiel mit behinderten Menschen? @JulesEins hat eine (zu Recht wütende) Tweetkette dazu verfasst: https://twitter.com/JulesEins/status/880008718670323712.

Zweitens: diese Idee dass sich LSBTIQ in Zukunft ohne Bedenken outen könnten weil es bald eine Eheöffnung geben wird, ist auf so vielen Ebenen einfach Mist. Ja, möglicherweise finden bestimmte schwule und lesbische Partnerschaften nun mehr Akzeptanz. Aber:

  • Gewalttaten gegen LSBTIQ Personen nehmen zu (Danke an eine liebe Person bei Twitter, die mich darauf noch mal hingewiesen hat). MANEO, das schwule Anti-Gewalt Projekt Berlin verzeichnete in 2016 z.B. einen erneuten Anstieg von gewaltsamen Übergriffen. In 2016 waren es 632 neue Meldungen, die sich vorwiegend auf Vorfälle in Berlin bezogen (MANEO Report 2016, S. 28). Andere Statistiken sprechen eine ähnliche Sprache.
  • Bisexualität, Trans- oder Intergeschlechtlichkeit, queere Identitäten oder sexuelle Orientierungen, Asexualität und andere Identitäten und Orientierungen sind weit, weit weg davon, in irgendeiner Weise gesellschaftlich normalisiert und akzeptiert zu sein. Wenn eine Person noch dazu zum Beispiel nicht weißdeutsch ist und/oder eine Behinderung hat, steigt mit einem Outing das Risiko Opfer von Diskriminierung und Gewalt zu werden nochmals erheblich an. Intersektionalität ist ein Ding!

Kommentare wie der von Jan Schnorrenberg verschleiern das – und das ist die Stelle, an der ich Angst bekomme. Ich habe eine (vielleicht, hoffentlich unberechtigte) Angst, dass einige jetzt aufhören weiter zu kämpfen – „weil jetzt ja alles erreicht ist“. Das macht mir auch deswegen Sorgen, weil ich gleichzeitig eine Art Backlash befürchte – zum Beispiel wenn es um die rechtliche Anerkennung nichtbinärer Geschlechter geht. So von wegen „Jetzt habt ihr doch die Ehe für alle, was wollt ihr denn noch?“

Und ich hoffe einfach, dass diejenigen deren Ziele jetzt erreicht sind sich trotzdem weiter engagieren und dass sie ihre erkämpften Privilegien auch für die nutzen, die noch weiterkämpfen müssen für Selbstbestimmung und Akzeptanz.

*****

Der MANEO Report 2016 verfügbar unter: http://www.maneo.de/infopool/dokumentationen.html. (CN: Verwendet „-phobie“ für „-feindlichkeit“).

 

Nachtrag

Content note: erwähnt Mobbing in der Schule und trans*feindliche Äußerungen im letzten Abschnitt

Die Nacht ist rum, die Sonne scheint und ich werde mich gleich aufs Rad setzen. Vorher möchte ich aber kurz auf zwei Kommentare antworten, die ich auf meinen gestrigen Beitrag von Euch bekommen habe :) (Danke dafür!). Ich mache das mal in einem eigenen Beitrag, weil es wichtige Fragen/Punkte sind, mit denen ich mich ja selber auch viel beschäftige oder beschäftigt habe.

Luise fragt:

Aber wie definiert sich denn das von dir angestrebte Mann-sein?
Sind feminine cis-Männer auch Männer?
Und warum kämpfen so viele Trans-Menschen so sehr dafür, dass cis-Leute endlich diese Mann-/Frau-Definition aufgeben oder zumindest lockern – wenn dann aber doch sie SELBST so verbissen darum kämpfen, als „ihr Geschlecht“ wahrgenommen zu werden?!

Und Plejade schreibt:

Aber im Grunde ist es doch ganz egal ob Du als Mann oder Frau oder irgendwas dazwischen wahrgenommen wirst. Wir alle sind Menschen, in endloser Vielfalt, lebendig.

Der Reihe nach: für mich hat „Mann-sein“ tatsächlich nichts damit zu tun, wie jemand aussieht oder sich präsentiert. Mir fällt es leicht einen Mann oder eine Frau auch da zu sehen, wo andere das vielleicht nicht oder noch nicht tun. Ich selbst werde wahrscheinlich immer eher „feminin“ aussehen, was ich per se nicht schlimm finde. Aus mir muss jetzt kein Hugh Jackman werden (um mal nicht Chuck Norris zu bemühen ;-)).

Aber der Mist mit dem Geschlecht ist, dass es ein so grundsätzlicher Teil alltäglicher Kommunikation – verbal und nicht-verbal – ist und dass es in unserer Gesellschaft ein so allgegenwärtiges Mittel ist, Menschen in Schubladen zu stecken und auf bestimmte Weise mit ihnen umzugehen. Wir sind noch nicht da, dass andere zuerst „den Menschen“ sehen – äußerliche Merkmale werden sofort herangezogen, um diesen Menschen einzuordnen (und das gilt natürlich nicht nur für die sogenannten Geschlechtsmerkmale, sondern auch für Hautfarbe, das Vorliegen einer be_Hinderung, etc.).

Und so lange das so ist und so lange andere Geschlecht als eine so unabdingbare, nicht zu vernachlässigende Kategorie wahrnehmen und nutzen, kann ich für mich selbst zwar wissen, was mein Geschlecht ist – es wird aber nicht von anderen anerkannt werden. Und diese fehlende „Anerkennung“, dieses Nicht-Gesehen Werden höhlen aus, wenn man sie jeden Tag erfährt (selbst wenn es nicht böse Absicht der anderen ist – ich hatte hier z.B. drüber geschrieben).

Manchmal sind solche Schubladen sinnvoll und wichtig. Sie helfen uns, weil wir nicht jedes Mal alles aushandeln und abfragen können. Wir müssen uns auf Erfahrungswerte verlassen, bestimmte Register ziehen können, sonst bekommen wir unseren Alltag nicht mehr auf die Kette. Aber: für mich (und zum Glück auch andere, aber eben noch nicht die Mehrheit) ist die Bedeutung die bestimmten Schubladen zugeschrieben wird – darunter eben auch „Geschlecht“, viel zu hoch.

Für mich ist das Aufbrechen des rigiden (und schlicht falschen) zweigeschlechtlichen Modells der erste Schritt dahin, dass Geschlecht nicht mehr so ein wichtiges Mittel zur Strukturierung unserer Wirklichkeit ist. Wenn wir es schaffen uns mehr von diesen binären Stereotypen zu lösen, wenn z.B. bestimmte Kleidung oder Verhaltensweisen weniger männlich oder weiblich konnotiert sind – und eben auch bestimmte körperliche Merkmale – wird es vielleicht leichter Geschlecht im alltäglichen Umgang ein bisschen in den Hintergrund treten zu lassen. (Ich bin ein Idealist, ich weiß).

Ich kämpfe nicht dafür, dass wir Definitionen von Mann und Frau aufgeben. Es gibt ja Männer und es gibt Frauen. Aber ich kämpfe erstens dafür, die Definition wer Mann und wer Frau ist nicht an (ziemlich wahllosen) biologischen Merkmalen festzumachen; und zweitens, noch viel wichtiger, kämpfe ich dagegen dass „Mann“ und „Frau“ als die einzigen existierenden, die „wahren“ Geschlechter angesehen werden.

Jede*r von uns hat das Recht, so angesprochen und anerkannt zu werden wie es für diese Person richtig ist – und es wäre wunderbar, wenn Menschen einfach aufhören würden vom Äußeren auf das Geschlecht zu schließen. Das ist aber gerade nicht realistisch (auch wenn wir hart dran arbeiten ;-)). Und so ist es halt im derzeitigen System für mich leider wichtig, dass Menschen mich auf eine bestimmte Weise wahrnehmen – und ich versuche, ihnen einen Schubs in die für mich richtige Richtung zu geben. (Dazu gibt es übrigens einen schönen Comic von Sophie Labelle – leider hab ich ihn nur auf Facebook gefunden). Es wäre für mich übrigens viel weniger schlimm dass Menschen mich nicht eindeutig zuordnen können, wenn das für sie nicht automatisch heißen würde: ah, wenn diese Person kein Mann ist dann muss sie ja eine Frau sein. Das ist für mich jedes Mal ein Schlag ins Gesicht. Ich bin keine Frau.

Und noch eine Frage von Luise:

Mag es sein, dass oft garnicht so sehr die „anderen“ dein Problem sind?
Sondern vielleicht dein eigenes Wahrnehmen deiner Selbst?

Jein :D. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist – aber vielleicht habe ich in den vorigen Absätzen schon geschafft anzudeuten, dass das sehr schwer zu trennen ist. Meine Wahrnehmung von mir selbst passiert ja nicht in einem Vakuum. Ich habe Werte, Sichtweisen, Normen verinnerlicht. Und auch wenn ich so oft und gut es geht versuche, sie kritisch zu reflektieren und zu hinterfragen: diese Dinge sind mir tief eingeschrieben. Die Äußerung gestern zum Beispiel. Ich denke, sie hat mich eben auch deswegen getroffen weil ich in dieser Weise in meiner Kindheit und Schulzeit von anderen verhöhnt und abgelehnt wurde. Für meine Mitschüler_innen war ich „es“. Und wenn du jeden Tag herausfordernd, abschätzig gefragt wirst „bist du ein Junge oder bist du ein Mädchen“ hinterlässt das Spuren und Reaktionsmuster, die abzulegen echt schwer ist.

Um Worte ringen

Ich kämpfe immer noch damit, gute Worte für das zu finden, was mich seit den von der Polizei durchgeführten Kontrollen und der Diskussion darüber – in den Medien, in meinem sozialen Umfeld – beschäftigt und bewegt. Wütend macht. Desillusioniert hat. Traurig und wieder ein bisschen resignierter gemacht hat.

Im Kern stammen diese Gefühle glaube ich daher, dass ich – mal wieder, aber irgendwie auch heftiger als zuvor – erlebe, wie wenig Bewusstsein es eigentlich in der so genannten „Mehrheitsgesellschaft“ für (strukturelle, alltägliche) Diskriminierung und Feindlichkeit gegenüber bestimmten Menschengruppen gibt. Und wie wenig Bereitschaft es oft gibt diejenigen zu Wort kommen zu lassen und zu hören, die unmittelbar betroffen sind – sei es bei der Bewertung bestimmter Ereignisse oder bei der Schilderung der Konsequenzen, die solche Ereignisse für diese Menschen in ihrem Alltag haben.

Dabei werden oft alle Register des „Silencing“ gezogen. Zum Beispiel, indem die Art und Weise wie die Kritik geäußert wird abgewertet wird („zu emotional“, „unsachlich“, „zu aggressiv“). Oder indem die Erfahrungen dieser Person als „Einzelfall“ abgetan werden, der im Vergleich mit den Erfahrungen und Deutungen der Mehrheit nicht beachtenswert und relevant ist.

Ich bin weiß. Ich habe keine Möglichkeit zu wissen oder auch nur ansatzweise nachzuempfinden wie es ist, von Rassismus betroffen zu sein. Aber ich weiß, wie ich mich fühle, wenn ich zum hundertsten Mal mit einer transfeindlichen Meinung oder Aussage konfrontiert werde. Und da geht es ganz häufig nicht um große, offensichtliche Ungerechtigkeiten oder Beschimpfungen. Es sind die kleinen Nadelstiche, die ich jeden Tag abbekomme, die mir unglaublich zusetzen und die bei mir z.B. dazu führen, dass ich irgendwann keine Kraft mehr habe für ruhige, sachliche Diskussionen.

Für mich sind es z.B. die dreihundert Variationen von „Aber IN WIRKLICHKEIT/URSPRÜNGLICH bist du eine Frau“, die mich aushöhlen. Ich erkläre dann vielleicht 299 Mal mehr oder weniger gedulgig, dass die körperlichen Merkmale eben nichts darüber aussagen, welches Geschlecht eine Person wirklich hat. Und dann kommt der nächste schlecht recherchierte Artikel bei SPIEGEL Online, der ZEIT, oder der Süddeutschen, der genau das wieder reproduziert und beim 300. Mal platzt mir der Kragen. Mir dann von Personen, die nicht das Gleiche erleben wie ich, Aussagen anhören zu müssen wie: „Jetzt reg dich nicht so auf“, „die wissen es nicht besser/meinen es doch nicht böse“, „von jemandem, der so emotional ist, lasse ich mir gar nichts sagen“ ist…. sagen wir mal nicht hilfreich.

Diese und ähnliche Aussagen werten meine Erfahrungen ab und relativieren das, was ich jeden Tag erlebe. Sie drücken, wenn ich es mal überspitze, solche Dinge aus wie: „Aber wir haben es doch auch schwer mit diesen ganzen Minderheiten die alle wollen, dass wir uns auf die einstellen“. Oder „Wenn dein Ton mir nicht passt kann an dem Inhalt deiner Botschaft auch nichts Ernstzunehmendes sein“.  Und „Jetzt erkläre ich dir mal, was ich als nicht-betroffene Person für Diskriminierung halte“.

Und das Schlimme für mich ist, dass solche Aussagen ganz oft auch von Menschen kommen, die mir und anderen trans* Personen prinzipiell wohlgesonnen sind. Die „wollen“ mir eigentlich gar nichts – aber trotzdem passiert es, dass sie aus ihrer (mit Blick auf die Cisgeschlechtlichkeit privilegierten) Position heraus verletzende_diskriminierende Strukturen rechtfertigen und/oder teilweise reproduzieren.

Ich würde mir wünschen, dass grundsätzlich die Stimmen derjenigen mehr gehört werden, die von Diskriminierung betroffen sind. Und dass diejenigen, die nicht unmittelbar betroffen sind solche – oft ungemütlichen, vielleicht auch als ungerecht oder „unpassend“ empfundenen – Standpunkte trotzdem erst einmal stehen lassen und sie nicht einfach sofort wegwischen. Ich wünsche mir, dass vor allem etwas differenzierter mit diesen Standpunkten umgegangen wird – wenn ihr nicht alles davon richtig findet oder annehmen könnt, vielleicht sind trotzdem einzelne Gedanken und Aussagen dabei, die bei euch an der richtigen Adresse sind oder die für euch einen guten Einstieg in die Beschäftigung mit dem Thema darstellen.

Nein, ich habe keine Regel, keine Empfehlung, wo man da die Grenze ziehen sollte – was man aushalten und einfach mal hinnehmen sollte. Mein eigenes Rezept ist, einfach möglichst oft meine Standpunkte und Aussagen zu hinterfragen und möglichst viel und oft Menschen zuzuhören, die anders als ich von Diskriminierung betroffen sind. Denn das, was ich hier schreibe gilt für mich genauso. Ich haue auch ganz oft daneben und merke immer wieder, wie stark ich bestimmte diskriminierende, „-istische“ Sichtweisen und Denkmuster internalisiert habe. Auch transfeindliche, heterosexistische – obwohl ich von beidem selbst betroffen sind. Und eben auch rassistische oder behindertenfeindliche Denkweisen, die mir noch nicht einmal bewusst waren, bis ich mit der Nase drauf gestoßen wurde.

Also. Ein Plädoyer für mehr Zuhören. Und dafür, die Stimmen von Betroffenen vielleicht einfach mal zu verstärken, auch wenn ihr nicht 100% der gleichen Meinung seid.

Übrigens finde ich, dass Johannes Kram vom Nollendorfblog das echt gut hinbekommen hat, nachdem ich ja hier Kritik an seiner Wortwahl in seinem Artikel über Identitätspolitiken geübt hatte. Meine Kritik steht nun auf seinem Blog, einfach erst mal so, ganz unkommentiert durch ihn. Ich finde gut, dass er das erst einmal so „aushält“ und so stehenlässt, obwohl er vermutlich meine Sicht immer noch nicht zu 100% teilt (dabei hab ich mir solche Mühe gegeben ;-)).

Das war jetzt ziemlich durcheinander und der rote Faden ist ein bisschen ausgefranst. Ich lasse noch drei Dinge zum Nachlesen bzw. Ansehen da, die ein paar Aspekte die mir wichtig sind weiter erklären oder ausführen und vielleicht noch mal etwas anders beleuchten.

 

Some days are worse than others

CN: Pathologisierung, Trans*feindliche Äußerungen, Zwangsbegutachtung, Übergriffigkeit von Gutachter*innen, Heteronormativität

Heute ist wohl so ein Tag. Ich kämpfe mit den Nachwirkungen von gestern und weiß immer noch nicht so recht wohin mit meinen Gefühlen und meiner Wut. Ich versuche, nicht in eine „ist doch eh alles sinnlos“ Haltung zu verfallen, obwohl diese Gedanken gerade sehr stark sind. Ich weiß auch, dass diese Gedanken wieder weggehen, aber es ändert nichts daran, dass es ätzend und anstrengend und kraftraubend ist, sie zu haben.

Ich bin wütend auf meinen Therapeuten, aber auch wütend auf mich, weil ich mal wieder denke, es steht mir nicht zu und ich hab kein Recht auf diese Gefühle. Zumal sie mich nicht weiterbringen, ich kann halt gute Mine machen und das Spiel mitspielen oder nicht. Ist ja meine Entscheidung. Haha.

Ich bin wütend auf ihn, aber viel wütender bin ich auf das System. Das System, dass mich pathologisiert und als „krank“ abstempelt. Das System, dass es gleichzeitig nicht hinbekommt, mir als trans*Person eine gute, trans*freundliche medizinische Behandlung zu gewährleisten. Stattdessen sitze ich da mit einem Therapeuten, der mich allen Ernstes fragt, warum ich das Begutachtungsverfahren als demütigend und pathologisierend empfinde. Der mir dann sagt, dass er sich auch über die Hürden ärgert, die ihm in den Weg gelegt werden, um als Psychotherapeut von der Kasse anerkannt zu werden, aber er sich dem halt trotzdem ergeben muss, wenn er diese Anerkennung will.

Es. ist. nicht. vergleichbar.

Ich muss mich diesem Verfahren unterwerfen, weil der Gesetzgeber(tm) mich als krank betrachtet. Ich muss mich diesem Verfahren unterwerfen, weil es in einem Gesetz festgeschrieben steht, das auch heute noch fordert ich müsse für die Änderung des Geschlechtseintrags

  • „dauernd fortpflanzungsunfähig“ (sprich: sterilisiert) sein
  • und mich „einem [meine] äußeren Geschlechtsmerkmale verändernden operativen Eingriff unterzogen [haben], durch den eine deutliche Annäherung an das Erscheiungsbild des anderen [sic] Geschlechts erreicht worden ist“ (TSG §8 (1)).

Ein Gesetz, in dem auch steht, dass eine Vornamensänderung wieder rückgängig gemacht wird, wenn

  • „nach Ablauf von dreihundert Tagen nach der Rechtskraft der Entscheidung ein Kind des Antragstellers geboren wird“
  • oder wenn „der Antragsteller eine Ehe schließt“ (TSG §7 (1)). 

Keiner dieser Paragrafen darf mehr angewendet werden, da es seit Mitt der 2000er Jahre nach und nach Gerichtsurteile gab, die diese und andere Paragrafen als unwirksam erklärt haben, weil sie mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sind. (Siehe z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Transsexuellengesetz)

Dennoch: das ist der Diskurs, in dem wir uns bewegen, wenn wir über psychologische Zwangsbegutachtung reden. Zwangssterilisation. Zwangsscheidung. Das wurde so praktiziert. Der ganze Tenor dieses Gesetzes ist: Du bist eine pathologische Abweichung von der Norm. 

Und es hilft nicht, dass der Gesetzgeber seit über zehn Jahren weiß, dass dieses Gesetz in großen Teilen verfassungswidrig ist und bislang keine Anstrengungen unternommen hat, es zu reformieren. Erst jetzt kommt langsam Bewegung in die Sache. Aber die Würde des Menschen ist unantastbar, ne?

Dieser gesetzliche Rahmen wird gleichzeitig von vielen Gutachter*innen als Freibrief mißbraucht, trans*Menschen zu demütigen und zu pathologisieren. Ich weiß aus persönlichen Gesprächen von Fällen, in denen der zu begutachtenden Person vorgeworfen wurde pädophil zu sein und in denen „körperliche Untersuchungen“ erzwungen wurden; Gespräche, in denen die zu begutachtende Person vor dem_der Gutachter_in „schaulaufen“ musste. Es ist absolut üblich, dass in den Begutachtungsverfahren Intelligenztests durchgeführt werden; dass Abweichungen von der Norm der Heterosexualität negativ kommentiert und kritisch hinterfragt werden; es besteht ein massiver Druck, überkommenen Geschlechterklischees und generell der Binärgeschlechtlichkeit zu entsprechen. Es ist die Regel, dass Begutachtungsgespräche stark auf den Bereich der Sexualität fokussieren, weil bei vielen Gutachter*innen immer noch nicht angekommen ist, dass trans* keine sexuelle Orientierung ist.

Natürlich gibt es Gutachter*innen, die respektvoll mit uns umgehen und die bemüht sind, uns keine Steine in den Weg zu legen. Aber viele von uns haben nicht die Möglichkeit zu wählen, weil z.B. die Gerichte nicht überall Wünsche der Antragsteller*innen berücksichtigen – oder weil sie einfach keine trans*freundlichen Gutachter*innen in ihrer Nähe kennen.

Und ich will vor diesem Hintergrund von meinem Therapeuten verdammt noch mal Verständnis dafür, dass ich mich über dieses System aufrege. Klar muss ich mich dem Verfahren unterwerfen und mitspielen, wenn ich irgendwann mal offizielle Dokumente mit meinem richtigen Namen und Geschlechtseintrag haben will. 

But I won’t come quietly.

What the…? (2)

Die ersten drei Tage auf dem Rad sind vorbei und meine Beine freuen sich über ein bisschen Erholung am Ruhetag heute. Ich bin unterdessen ziemlich froh, dass ich den Urlaub gebucht habe – auch wenn einige Mitreisende ziemlich anstrengend sind. Es tut gut, so weit weg von zu Hause zu sein und mit etwas Abstand auf die Dinge zu schauen, die mich da so jeden Tag beschäftigen.

Was mich ein bisschen … „verstört“ ist glaube ich das richtige Wort… ist, dass ich plötzlich offensichtlich weitgehend als Mann gelesen werde. Auch von Leuten, die meine Stimme noch nicht gehört haben (die mittlerweile beim Passing echt hilft) und die meinen Namen nicht kennen. How???? Ich finde es einerseits toll, aber mich begleitet auch eine unterschwellige Angst, die anderen aus der Gruppe könnten „Verdacht schöpfen“ und rausfinden, dass ich kein cis-Mann bin. Das ist einerseits eine Angst davor, dass sie mich dann anders behandeln würden, aber ich denke auch, dass da gerade bei den alleinreisenden Männern* einige dabei sind, die ein größeres Problem mit mir hätten.

Das führt dazu, dass ich ziemlich vorsichtig bin. Schwimmen werde ich nicht gehen, da der Schwimmbinder zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Ich trage unter dem Radtrikot den Binder und ein schwarzes Radunterhemd, damit er sich nicht abzeichnet oder durchscheint. Da meine Binder ziemlich bequem sind, schränkt mich das beim Fahren nicht weiter ein, denke ich. Zumindest habe ich keine merklichen Probleme mit der Luft. Was etwas nerviger ist ist, dass ich mich nicht getraut habe, meinen „Frauen*sattel“ aufs Rad zu machen. Ich hab zwar den Schriftzug „Ldy“ überklebt, aber es ist trotzdem ziemlich eindeutig ein Sattel für Leute mit einer Anatomie, die den meisten Leuten als „weiblich“ gilt. Morgen fahren wir einen „Marathon“ und ich glaube, ich werde ihn jetzt trotzdem drauf machen… das wird sonst noch mehr Quälerei, als programmgemäß ohnehin schon ;-). Last not least ist da noch das Problem Radhosen und fehlende Beule. Nachdem ich mir das zwei Tage bei den anderen angeschaut habe, habe ich mich entschieden, eins meiner Buff-Tücher umzufunktionieren. Das erfüllt den Zweck ganz gut und macht keine übertriebenen Wölbungen.

Dann ist da noch die Toilettensituation und die Sorge, ob es in den Cafés, in denen wir Zwischenstopps machen, auch wirklich immer Kabinen gibt. Scheint aber Standard zu sein.

Ein nicht so schöner Nebeneffekt des Passing ist, dass Tüpen(TM) mir gegenüber mit ihren sexistischen Sprüche nicht hinterm Berg halten. Meine Fresse. Der Amateur-Rennradsport ist in meiner Wahrnehmung eh ein Sammelbecken für Machotypen, sie sich und anderen irgendwas beweisen müssen. Mein Rad, mein Schnitt, meine gefahrenen Kilometer. Und natürlich wissen sie alles besser, was vor allem die beiden Frauen* volle Breitseite mitbekommen, die ohne Begleitung hier sind.

Das schlimmste ist, dass einer von den ganz üblen Tüpen mich offenbar ins Herz geschlossen hat UND dass er aus der gleichen Ecke kommt, wie ich und sich zum Radfahren verabreden will. Helpppppp o_O. Ich weiß nicht, ob das so ein Welpen-Effekt ist – ich glaube, es halten mich hier alle für ziemlich jung. Das macht wohl unter anderem der fehlende Bartwuchs… Aber das ist so ein Typ, wenn der mitbekommt, dass ich nicht hetero bin will er wahrscheinlich nix mehr mit mir zu tun haben. Vielleicht erzähle ich ihm was von einem eifersüchtigen Freund oder von meinem letzten Besuch beim CSD :D.

Jetzt geh ich mal mein Rad putzen und den „Mädchen*sattel“ draufmachen. Da ich sowieso ein Alu-Rad („aber Mann braucht doch CARBON!!!11!“) mit „Mädchenkurbel“ fahre (drei Kettenblätter statt zwei und damit ein paar leichtere Gänge), bin ich bei den Tüpen eh schon durchgefallen :D.

Radfahren gegen sexistische Kackscheizse, hell yeah!

Horror vacui

Content note: erwähnt essen, Gewicht, Gewichtsverlust

horror vacui (lat. «Scheu vor der Leere») bezeichnet in der Kunst den Wunsch, alle leeren Flächen, besonders in der Malerei und im Relief, mit Darstellungen oder Ornamenten zu füllen.“ (Wikipedia)

Erkenntnis der letzten Tage: I don’t know how to urlaub o.O

Ich habe mich ja eigentlich sehr auf die Zeit hier alleine gefreut, aber die Kombi aus „alleine sein“ und „Urlaub haben“ ist schwieriger, als gedacht. Ich muss mich ziemlich anstrengen, meinen Tagen ein bisschen Struktur zu geben und nicht zu viel Zeit mit Grübeln zu verbringen. Ich schlage mich ganz gut, aber zu dem Preis, dass ich nicht wirklich zur Ruhe komme.

Was nicht funktioniert ist regelmäßiges Kochen/Essen. Wenn ich arbeiten muss, klappt das irgendwie besser – wahrscheinlich, weil ich insgesamt meine Tage inklusive Essen besser planen muss, wenn ich von morgens bis abends unterwegs bin. Home alone fehlt mir die Lust, mir irgendwas zu machen. Prompt ist es mit dem Gewicht wieder abwärts gegangen. Nicht viel, aber ich habe die – für mich – magische 70er Grenze wieder unterschritten. Ich habe ziemlich lange dafür gekämpft, die zu knacken und bin ein bisschen deprimiert, dass ein paar Tage reichen, wieder drunter zu rutschen.

Überhaupt bin ich irgendwie verunsichert, dass das Testo beim Gewicht nicht mehr bewirkt bislang. Ich habe ganz am Anfang der Behandlung einen Satz gemacht, der mich halt auch über diese magische Grenze gehoben hat, aber nun stagniert es wieder. Ich hatte mich mental auf 8-10 Kilo im ersten Jahr eingestellt – was bei meiner nicht ganz unbelasteten Geschichte mit Blick auf essen/Gewicht gar keine so leichte Vorstellung war und ist. De facto waren es nach sechs Monaten in der Spitze mal 2,5 hart erkämpfte Kilo, mit denen ich mich sehr wohl gefühlt habe. Was mich daran frustriert ist, dass geringe Gewichtszunahme auch eine Stagnation bei den Muskeln bedeutet. Ich bin und bleibe ein „hard gainer“ wie er im Buche steht, fürchte ich. Und zack ist da wieder eine Grenze, die mir mein Körper mir setzt und die mich dazu zwingt, mich mit Themen auseinanderzusetzen, an die ich eigentlich nicht ran will.

Same old, same old. Selbstwertvakuum und so.

Was mich auch angefressen hat ist, dass meine Eltern sich in ihrem Urlaub mit meinem Mann getroffen haben. Sie sind in derselben Urlaubsregion, zufällig, und er hatte das vorgeschlagen. Samstag trudelte ein Foto von (m)einem fröhlich aussehenden Mann und meiner Mutter in meine Inbox. Und plötzlich habe ich Angst, was meine Eltern und mein Mann wohl über mich reden. Denke, dass sie – oder zumindest mein Mann – meinen Geburtsnamen und die falschen Pronomen verwenden; dass er das Treffen benutzt, um mich in ein schlechtes Licht zu rücken… Letzteres spielt sich höchstwahrscheinlich nur in meinem Kopf ab, aber ich merke, wie stark bei mir die Angst ist, meine Eltern könnten ihre Unterstützung für mich „relativieren“. Es gibt keinen Anlass, das zu denken – aber das gemeine an solchen Ängsten ist ja, dass man sie mit rationalen Überlegungen nicht unbedingt ausräumen kann.

Um mich auf andere Gedanken zu bringen (haha, Vorsicht, Sarkasmus), hatte ich mir für heute vorgenommen, mich mit dem Thema Vornamens- und Personenstandsänderung zu beschäftigen. Also: einen Musterbrief für den Antrag suchen/anpassen und vor allem den trans*bezogenen Lebenslauf anzufangen, den manche Gerichte – vor allem aber die Gutachter_innen – haben wollen. Dieser Lebenslauf soll dazu dienen, einen Überblick darüber zu geben, welche Entwicklung man so vollzogen hat bis zu der Entscheidung, die Personenstandsänderung in Angriff zu nehmen.  Angefangen von „Schon als Kind wollte ich nie mit Puppen (respektive Baggern) spielen“ bis hin zu coming outs, bereits ergriffenen medizinischen Maßnahmen etc. (Ich hab übrigens mit Barbies und Baggern gespielt).

Mit Unterstützung aus zwei Internetforen und meiner Twitterbubble habe ich die wichtigsten Punkte für diesen Lebenslauf nun zusammen. Ich muss sie morgen nur noch „schön“ formulieren. Um den zeitlichen Ablauf meiner Selbstfindung und der frühen Schritte in meiner Transition nachvollziehen zu können, musste ich noch mal ziemlich viel in einem meiner eigenen Threads in einem der Foren wühlen und aua, das hat mich mitgenommen – da sind natürlich all die Tiefs drin, die ich mit meinem Mann durchlebt habe in den letzten zwei Jahren.

Wenn ich den Lebenslauf fertig habe, muss ich mich noch um eine Geburtsurkunde und Meldebscheinigung kümmern – und mich entscheiden, welche Gutachter_innen ich vorschlagen möchte. Beim für mich zuständigen Amtsgericht ist das zum Glück möglich und ich könnte sogar meinen eigenen Therapeuten vorschlagen. Das hätte den Vorteil, dass ich nicht vor zwei wildfremden Menschen die Hosen runterlassen muss und dass die Kosten vielleicht nicht so hoch ausfallen, weil er mich und meine Geschichte ja kennt und entsprechend nicht so viel Zeit auf das Gutachten verwenden müsste. Und (win-win): er könnte es für den von der Krankenkasse geforderten Bericht über mich und meine Entwicklung teilweise wiederverwerten, wenn ich die Kostenübernahme für die Mastektomie beantrage. Darüber werde ich mit ihm beim nächsten Termin in zwei Wochen sprechen.

In mir sträubt sich nach wie vor alles gegen dieses Gerichtsverfahren und die psychologische Begutachtung. Aber ich will das auch nicht mehr ewig vor mir haben. Ich sehne mich nach einer Zeit, in der ich einfach mal nichts mehr in Angriff nehmen muss in Bezug auf die Anerkennung meines Geschlechts oder in Bezug auf körperliche Angleichung. Keine Ärzt_innen-, Gerichts- oder Gutachter_innentermine mehr. (Ach ja, und keine Scheidung mehr vor mir haben, das würde auch helfen). So eine Transition frisst einfach so viel Zeit und so viele Ressourcen.

Ich sag’s euch, das hat sich das cistem ausgedacht, damit wir die queerfeministische Revolution nicht nebenher planen können!

 

Anecken

 

Heute wurde ich (mal wieder) von einer fremden Person im Schwimmbad dafür angemacht, dass ich in der „falschen“ Dusche sei. Ich solle gefälligst „zu den Männern“ rübergehen. Die Person stürmte raus und ich hatte Angst, dass sie als nächstes mit einer Badeaufsichtsperson wiederkommt.

Das Schwimmen ist für mich wichtig. Es tut meinem Körper gut. Auch, weil es mir hier viel besser gelingt, meine (Leistungs-)Grenzen zu achten, als zum Beispiel beim Radfahren. Und es ist für mich eine wenig voraussetzungsvolle Möglichkeit, soziale Kontakte zu haben, denn wir sind eine feste Gruppe, die sich jede Woche trifft. Normalerweise machen wir einen „Technikkurs“ zusammen (Schwimmtraining light ;-)). Der Vorteil des Kurses ist, dass er in einem nicht-öffentlichen Bad stattfindet und ich dort also nicht ständig fremden Menschen begegne. Seit ich einen Schwimmbinder habe fühle ich mich zumindest im Wasser halbwegs ok damit, dass mein Körper so ist, wie er ist.

In den Sommerferien, außerhalb der Kurszeiten, gehen wir gemeinsam in verschiedene öffentliche Schwimmbäder. Und das wird merklich schwieriger, denn ich ecke mit meinem Aussehen in den binär-gegenderten Bereichen mehr und mehr an.

Ich versuche die Zeit, die ich mich in Toiletten oder Duschen aufhalte so kurz wie möglich zu halten. Den „Herrenbereich“ zu benutzen traue ich mich nicht, solange ich die Mastektomie (Angleichung der Brust) nicht hinter mir habe. Trotzdem falle ich auf und werde offensichtlich von anderen irgendwie als Bedrohung wahrgenommen.

Aus diesem Grund habe ich zum Beispiel aufgehört, mich in Sammelduschen mit dem Rücken zu den anderen zu drehen – obwohl ich mich so deutlich wohler fühlen würde – , da die Kombination aus „Herren“Badehose und Statur offenbar schnell dazu führt, dass Personen mich ansprechen und auffordern, den Damenbereich zu verlassen. Die „full frontal“ Taktik hat heute leider aber auch nicht geholfen. Keine Ahnung, ob die Person ihre Brille abgelegt hatte und nicht gut sehen konnte. Ich hab jetzt nicht gerade C-Körbchen, aber da gibt es trotzdem nicht viel zu deuteln… o.O

Die Person ist dann aus dem Duschbereich in Richtung Schwimmbecken rausgegangen, ich fluchte (mehr oder weniger) leise vor mich hin und wollte nur so schnell wie möglich mein Zeug zusammenpacken und weiteren möglichen Konfrontationen aus dem Weg gehen.

Es war noch eine weitere Person in der Dusche, für mich nur teilweise sichtbar, weil in der Mitte des Raums ein Sichtschutz war, sodass man die Duschen auf der anderen Seite nicht komplett einsehen konnte.  Plötzlich stand sie neben mir.

„Machen Sie sich nichts draus. Mich stört das nicht. Jeder soll das so machen, wie es für ihn richtig ist“.

Ich war_bin so dankbar für die Worte dieser Person, die offenbar zumindest eine Ahnung davon hatte, was da gerade los war und die mich ganz offensichtlich beruhigen und unterstützen wollte. Ich glaube, wenn sie nicht gewesen wäre, würde mir wahrscheinlich der Mut fehlen, mich nächste Woche wieder in ein Schwimmbad zu trauen. So oder so kostet es mich jedesmal Überwindung. Aber nicht mehr Schwimmen zu gehen bedeutet halt auch, die positiven Begleiterscheinungen, die es für mich hat, aufzugeben – und das will ich eigentlich nicht.

Also bis auf weiteres Augen zu und durch /o\.