Wundersame Wandlungen

In den Kommentaren zu meinem „Menschen hautnah“ Artikel warf Goldtopf die Frage auf, welche besseren Alternativen es zu den von mir kritisierten Formulierungen „wurde als Junge/Mädchen geboren und ist jetzt…“ oder „wurde mit einem Jungen-/Mädchenkörper geboren“ gibt. Das sind Formulierungen, die praktisch in jedem Medienbeitrag zum Thema trans* zu finden sind und die auch sonst im Alltag ziemlich oft reproduziert werden.

Vorab muss ich sagen, dass alles was ich hier jetzt dazu schreibe meine Sicht ist und dass sicherlich nicht alle trans* Personen diese so teilen. Formulierungen, die ich schlimm finde, sind für andere völlig in Ordnung. Und grundsätzlich gilt sowieso, dass Selbstschreibungen anderer trans* Personen zu respektieren sind. Punkt. D.h. wenn eine trans* Person eine der oben beispielhaft genannten Formulierungen für sich als passend erachtet, dann ist das so. Unsere Erfahrungen und Empfindungen diesbezüglich sind sehr unterschiedlich und von ganz vielen Faktoren geprägt. Deutungshoheit haben wir nur über uns selbst, nicht aber über die (sehr heterogene) Gruppe aller trans* Personen. Was ich aber speziell in den Medien vermisse ist ein Bewusstsein genau dafür: dass Formulierungen, die *eine* Person als Selbstbeschreibung nutzt eben nicht notwendig für alle trans* Personen okay oder passend ist. (Naja. Und wenn wir ehrlich sind, dann schaffen Medien ist ganz oft noch nicht mal, die ziemlich konsensfähigen Basics zu beachten).

So. Was stört mich an den Formulierungen, die da oben stehen? Und was könnte man stattdessen sagen?

„War mal….ist jetzt“. Ich glaube tatsächlich die allermeisten trans* Personen würden von sich sagen, dass sie schon immer das Geschlecht hatten/waren von dem sie (heute) wissen dass es ihr richtiges ist. Also in meinem Fall: ich war tatsächlich nie Mädchen/Frau sondern immer schon Junge/Mann, auch wenn ich lange nicht die Worte hatte das auszudrücken. Die Kategorie „Mädchen/Frau“ ist etwas, das mir aufgrund körperlicher Merkmale übergestülpt wurde. Zu sagen, ich sei früher Mädchen gewesen und jetzt auf wundersame Weise zum Jungen/Mann geworden ist schlichtweg falsch.

Entsprechend sage ich von mir auch nicht „ich wurde als Mädchen geboren“, sondern: „mir wurde bei Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen“. Das ist jetzt sicher eine Formulierung, die in der Alltagssprache nicht allen so flüssig über die Lippen geht oder ohne weiteres beim Gegenüber verstanden wird. Eine etwas weniger voraussetzungvolle Alternative könnte zum Beispiel sein: „Hat früher als Mädchen/Frau/Junge/Mann gelebt und lebt heute im richtigen Geschlecht als …“. Der TriQ-Leitfaden für Journalist*innen (PDF) schlägt als Alternative auch Formulierungen vor, die ausdrücken dass eine trans* Person ihre männliche/weibliche/nichtbinäre/etc. Geschlechtsidentität nun „auch nach außen lebt“ (siehe S. 8). Das finde ich auch ganz gut!

Diese Idee man sei früher das eine und heute das andere Geschlecht drückt sich auch in dem unsäglichen (und leider sehr schwer in Vergessenheit zu bringenden) Begriff der „Geschlechtsumwandlung“ aus. Dem wiederum liegt sehr stark die Vorstellung zugrunde, wir alle hätten ein „wahres“ biologisches/körperliches Geschlecht, das trans* Personen durch medizinische Eingriffe dann so ab- oder umwandeln, dass es nicht mehr sichtbar ist. Und nur, wenn man körperlich nicht mehr als „altes Geschlecht“ erkennbar ist, hat man den Weg ins „neue Geschlecht“ endlich geschafft. (Au weia, mir rollen sich die Zehennägel auf, wenn ich das so schreibe). Was mich zu „wurde in einem Jungen-/Mädchenkörper geboren“ bringt.

Das ist eine Formulierung, die eng verknüpft ist mit der Aussage eine trans* Person sei „im falschen Körper“ geboren. Das ist etwas, das man auch ganz oft als Selbstbeschreibung hört und es ist als solche selbstverständlich zu respektieren – denn es drückt dann eben aus wie die Person ihr Verhältnis zu ihrem Körper empfindet. Dennoch würde ich mir wünschen, dass diese Aussage nicht so benutzt wird, als würde sie das Erleben aller trans* Personen adäquat beschreiben.

Für mich(!) knüpft diese Aussage viel zu sehr an die von mir abgelehnte Idee an, es gebe ein unhintergehbares und für immer festgeschriebenes „natürliches“ körperliches Geschlecht. Es ist gesellschaftliche Konvention, dass wir bestimmte körperliche Merkmale mit einem bestimmten Geschlecht verknüpfen, nicht Biologie. Im Rahmen dieser Konvention ist mein Körper ein „Frauenkörper“. Am Arsch! Ich wehre mich dagegen. Und so würde ich über mich sagen: genauso, wie ich schon immer Junge/Mann war, war auch mein Körper schon immer männlich, auch wenn er vom Rest der Gesellschaft nicht als solcher (an)erkannt wurde/wird. Entsprechend wünsche ich mir für mich, dass einfach darauf verzichtet wird zu sagen, ich sei in einem Mädchenkörper geboren. Stattdessen würde ich dann wieder eine Formulierung wählen die zeigt, dass mir bei Geburt leider aufgrund meiner körperlichen Merkmale ein falsches Geschlecht zugewiesen wurde.

Zum Abschluss vielleicht noch etwas Grundsätzliches: wichtig finde ich auch, dass gewählte Formulierungen klar zum Ausdruck bringen dass trans* Personen einfach ihr Geschlecht _sind_. So wie cis Personen eben auch einfach Mann oder Frau sind. Häufig liest oder hört man nämlich dann so Aussagen wie „xy identifiziert sich als Mann/Frau/nichtbinär/agender…“ oder „empfindet sich als“. Davon bin ich selbst auch nicht frei! Aber es impliziert immer so hintenrum, dass es einen Unterschied zwischen (körperlichem) Geschlecht und Geschlechtsidentität gebe und dass der nicht zu markierende Norm(al)zustand ja sei, dass beides irgendwie deckungsgleich ist. Wenn cis Personen „sind“, trans* Personen sich aber nur „identifizieren als“, dann klingt das ein bisschen so, als würden wir uns in einem willentlichen Akt ein bestimmtes Geschlecht geben. Das läuft dem Erleben und Empfinden vieler trans* Personen entgegen, die sich wünschen „einfach so“ als ihr Geschlecht anerkannt zu werden. Insofern gilt auch hier: auch wenn dies für manche Personen eine passende Selbstbeschreibung ist, lässt sich das nicht verallgemeinern und entsprechend versuche ich mittlerweile, solche Formulierungen zu vermeiden (und freue mich, wenn andere das auch versuchen :-)).

So. Das war jetzt sehr viel über Tomi und wie er die Welt sah ;-). Falls Ihr andere gute Alternativen zu „war mal, ist jetzt“ habt, teilt sie gerne in den Kommentaren!

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Nachgetragen

So. Ich wollte heute aber noch was raushauen, das passte nur thematisch nicht so richtig zu dem vorigen Post und so mache ich lieber zwei Beiträge draus. Ich wollte noch dieses und jenes zu meinem „Menschen hautnah“ Post nachtragen. Den habe ich, wie unschwer zu bemerken war, mit ziemlicher Wut im Bauch geschrieben. Ich habe oft das Gefühl, nach einer so emotional vorgetragenen Kritik wieder „zurückrudern“ und relativieren zu müssen. Habe ich wirklich das Recht wütend zu sein? Bin ich zu undankbar? Internalisiertes tone policing – kann ich!

Wie auch immer – ich stehe weiter zu meiner Wut und Enttäuschung und meine Kritik an der Dokumentation steht auch weiterhin. Aber.

Ja, es gibt ein „aber“ :D.

Ich möchte ein paar Dinge nachtragen.

Erstens. Über meinen Ärger und meine Kritik habe ich natürlich hauptsächlich auf negative Aspekte der Dokumentation hingewiesen. Das Positive ist dabei in den Hintergrund getreten. Ich will deswegen noch mal sagen dass ich die Geschichten der portraitierten trans* Personen berührend und sowohl mut- als auch traurigmachend fand. Und so schade ich es finde, dass der voice- over Kommentar für mein Gefühl viel zu stark deutend und „vereindeutigend/vereinfachend“ eingegriffen hat – die so offen geäußerten Gedanken und Erfahrungen der Protagonist*innen  waren eben doch ein großes, gutes Gegengewicht dazu. Und mir wurde von einigen Freund*innen und Bekannten mittlerweile gesagt, dass ihnen vor allem das im Gedächtnis geblieben ist und sie berührt hat – nicht der darübergesprochene Kommentar. Das hat mich etwas versöhnt :).

Zweitens. Ebenfalls ein bisschen versöhnt hat mich, dass das Redaktionsteam auf die von mir und anderen formulierte Kritik am Umgang mit Sophia _überhaupt_ reagiert hat. Das ist durchaus nicht üblich.
Sie haben mir mitgeteilt, dass alle Personen ihre Einwilligung in die Nennung der alten Namen gegeben haben („Sophia und ihre Eltern eingeschlossen“). Dazu muss ich sagen, dass ich weiterhin skeptisch bin inwieweit es Sophia möglich gewesen wäre hier gegen einen möglichen Wunsch oder Vorschlag der Eltern zu entscheiden. Das ist von außen aber schlichtweg nicht zu beurteilen und es ist müßig weiter darüber zu spekulieren. Das Redaktionsteam hat aber erstens erkannt, dass sie transparenter hätten machen sollen dass die Einwilligung aller Personen vorlag; zweitens – und das finde ich wirklich gut – haben sie Sophias alten Namen aus dem Infotext in der Mediathek entfernt. Man erfährt ihn jetzt wirklich nur noch, wenn man die Doku anschaut.

Drittens wollte ich jetzt eigentlich noch was zur Frage von Goldtopf schreiben – nämlich was denn bessere Formulierungen als „wurde als Junge/Mädchen geboren und ist jetzt…“ wären – aber ich glaube da muss ich doch weiter ausholen und mache das besser morgen! Stay tuned!

Menschen hautnah? Bleibt mir von der Pelle

Gestern habe ich die WDR-Dokumentation über trans Kinder und junge Erwachsene in der Mediathek geguckt. Ich weiß nicht warum ich erwartet hatte, dass sie irgendwie okayer sein würde als alles andere, was in den Medien so zu dem Thema herumgeistert. (einzige Ausnahme sind vielleicht die Beiträge aus der Reihe über Feli und Jim bei PULS – die sind vergleichsweise in Ordnung). Vielleicht, weil ich immer noch diese Vorstellung habe, dass bei den öffentlich-rechtlichen Sendern und gerade auch bei dem Format „Menschen hautnah“ solche Themen irgendwie fundierter, respektvoller behandelt werden als bei RTL2.

Tja.

Falsch gedacht. Auch wenn die Respektlosigkeit und der Voyeurismus hier auf leiseren Pfoten daherkommt als vielleicht anderswo. Das macht es für mein Empfinden aber eher schlimmer als besser, weil es für weniger informierte Personen schwieriger wird zu erkennen, das etwas in der Darstellung problematisch ist.

Was regt mich so auf? Vieles, mehr dazu unten. Aber das was mir den Magen umdreht ist, wie der WDR mit einem 8-jährigen Mädchen umgeht. Sophia. Sie wird schon in der Kurzbeschreibung der Sendung in der Mediathek erwähnt. Und zwar mit ihrem alten Namen.

Exkurs: Geburtsnamen sind ein schwieriges Thema für viele trans* Personen. Sie sind oft verbunden mit viel Schmerz, Verletzung, Verlust. Wir kämpfen hart und lange dafür, mit unseren neuen, richtigen Namen angesprochen und akzeptiert zu werden. Und doch ist die mit Abstand häufigste Frage, die ich von anderen gestellt bekomme: wie hießt du früher? Und genauso funktioniert Medienberichterstattung über trans* Personen in der Regel. „Person war mal {Geschlecht} und ist heute {Geschlecht}“. Und: „Person hieß früher {Geburtsname} und heißt heute {richtiger Name}“. Wenn das mit der Zustimmung der jeweiligen Person erfolgt, ist das natürlich in Ordnung. Wobei ich mir sehr wünschen würde dass Medienberichterstattung verdeutlicht, dass diese Zustimmung eingeholt wurde und dass es nicht grundsätzlich in Ordnung ist, den alten Namen zu verwenden.

Im Fall von Sophia habe ich schon als ich den Beschreibungstext für die Doku las die Stirn ein wenig gerunzelt. Auch in der Doku wird ihr alter Name mehrfach verwendet, sowohl im Voice-Over Kommentar, als auch durch die Eltern von Sophia. Und dann haben die Macher*innen eine Sequenz von Sophia in die Doku geschnitten in der sie sehr deutlich sagt, dass sie ihren alten Namen nicht nennen möchte und dass sie vor allem nicht möchte dass er noch verwendet wird. Sie verrät, dass er mit „P“ anfängt, aber mehr möchte sie nicht preisgeben.

Ich bin so wütend. Was gibt den Macher*innen und den Eltern das Recht sich über den Wunsch dieses Kindes so eklatant hinwegzusetzen? Ich finde solche Dokus über und mit Kindern sind eh schon eine extrem diffizile Angelegenheit – das Kind hat ein Recht am eigenen Bild und am Schutz seiner Privatsphäre. Im Vorfeld der Aufnahmen und Interviews müssen die Beteiligten aufgeklärt werden darüber was mit den Aufnahmen passiert und sie müssen zustimmen – freiwillig und ohne das (versteckter) Druck auf sie ausgeübt wird. Es ist schwer vorstellbar, dass Sophia aus freien Stücken ihre Zustimmung dazu gegeben hat dass ihr alter Name in dieser Weise veröffentlicht wird. Jetzt ist er über das halbe Internet plakatiert und tausende von Menschen kennen ihn.

Die Botschaft, die bei mir ankommt ist mal wieder: Selbstbestimmung für trans* Menschen ist eine Illusion. Und das gilt hundertfach für Kinder und Jugendliche, denen abgesprochen wird dass sie selbst wissen was gut und richtig für sie ist. Es werden so tolle Personen portraitiert in dieser Doku, die alle in großartiger Weise für sich sprechen und erklären was sie empfinden, was sie sich wünschen. Aber die Macher*innen schaffen es nicht, das für sich stehen zu lassen. Stattdessen gibt es einen voice-over Kommentar, der diese Erzählungen und Aussagen immer wieder relativiert und missachtet. Beispiel? Eine der portraitierten Personen (ich meine, es ist Sophia) sagt sinngemäß: ich war nie ein Junge, ich war schon immer ein Mädchen. Der Kommentar hingegegen wiederholt immer und immer wieder Aussagen wie: „xy war früher Junge/Mädchen“, „wurde als Junge/Mädchen geboren“, „ist körperlich Junge/Mädchen“… Ich habe halbwegs Verständnis dafür, dass ein solches TV-Format den Zuschauer*innen nicht unmittelbar ein „biologisches Geschlecht ist eine Konstruktion“ vor den Latz knallen möchte. Aber es wäre ohne weiteres möglich gewesen die portraitierten Personen für sich sprechen zu lassen – ohne ihnen über den voice-over Kommentar die Deutungshoheit über ihr Geschlecht und ihre Geschichte zu nehmen. Dafür hätte es aber ein größeres Verständnis für die Materie gebraucht – vor allem aber, und das ist das Wichtigste: mehr Respekt für das Wissen und die Entscheidungen dieser Personen.

Der WDR hat eine riesige Chance verspielt zu zeigen, dass trans* Kinder und Jugendliche ein Recht auf Selbstbestimmung haben. Dass sie gehört und ernst genommen werden müssen. Dass sie Respekt verdient haben.

Auf Twitter gibt es auch einige gute Threads mit Kritik an der Doku – schaut z.B. mal hier:

@AbstraktesHerz https://twitter.com/AbstraktesHerz/status/891012299070242818

@Marabufeder https://twitter.com/marabufeder/status/891049704678711296

——————- Nachtrag (01/08/17) ———————

Ich habe heute eine Antwort auf meine kurze Nachricht an die Redaktion bekommen. Alle portraitierten Personen – Sophia eingeschlossen – haben demnach in die Nennung ihres alten Namens eingewilligt. Ich muss gestehen, ohne der Redaktion irgendetwas unterstellen zu wollen, dass ich skeptisch bin inwieweit Sophia wirklich unbeeinflusst (z.B. von Wünschen ihrer Eltern) diese Entscheidung treffen konnte. Aber das kann ich nicht beurteilen. Persönlich, aus meinem eigenen Erleben heraus, hätte ich mir gewünscht dass im Zweifel auf die Nennung des Namens verzichtet wird – mindestens im voice over-Kommentar. Aber – und das finde ich sehr gut: die Redaktion hat den alten Namen aus dem Infotext in der Mediathek entfernt. Danke dafür!

Alle oder keine*r?

(Anmerkung vorab: ich hab meine Gedanken noch nicht so richtig gut sortiert – ich hoffe, dass ich nicht zu viele wichtige Aspekte/Diskriminierungsachsen und -dimensionen ausgeblendet oder vergessen habe. Bitte stupst mich an, wenn das so ist – ich ergänze den Beitrag dann).

Als ich gestern nach einem Workshopvormittag nachmittags auf dem Bahnsteig auf meinen Zug gen Heimat wartete haben mich die Neuigkeiten zum Thema „Öffnung der Ehe“ erreicht. Waaaaas? Da guckt man mal ein paar Stunden nicht in dieses Internet und dann überschlagen sich die Ereignisse?

Im ersten Moment habe ich mich total gefreut – endlich sieht es so aus, als sei diese Form der staatlichen Diskriminierung bald Geschichte. Und ich freue mich auch immer noch für diejenigen, die so lange dafür gekämpft haben und für die es nun z.B. endlich die Möglichkeit geben wird, Kinder zu adoptieren.

Aber je mehr ich dann gestern so las, desto enttäuschter und ängstlicher wurde ich.

Da ist zum einen die Art und Weise wie es nun zu dieser überraschenden Abstimmungsankündigung gekommen ist. Nach jahrelangem Blockieren und Verzögern mit hanebüchenen Argumenten geht es nun plötzlich schnell, weil Politiker*innen die Eheöffnung als Verschiebemasse im Taktieren um den Machterhalt nutzen. Da geht es doch nicht darum, dass sie (insbesondere bei CDU und SPD) erkannt hätten, dass homosexuellen Männer- und Frauenpaaren die gleichen Rechte zustehen wie hetero-Paaren. Aber wenn es um Macht geht, kann man ja schonmal ein Auge zudrücken…

Zum anderen – und da kommt die Angst ins Spiel – überschlugen sich in den sozialen Medien und anderswo Beiträge und Kommentare mit dem Tenor „Wir sind am Ziel! Jetzt haben wir alles erreicht“. Da sind zum Beispiel Kommentare wie dieser hier von Jan Schnorrenberg aus der Presseabteilung des Schwulen Museums:

„Heute endet ein Kapitel der homosexuellen Emanzipationsgeschichte. Es kommt zu spät für viel zu viele Menschen und Aktivist_innen, aber für so viele junge LSBTIQ wird es in (sic) in zehn Jahren eine Selbstverständlichkeit sein. Sie werden unsere Wut und Frustration über die jahrzehntelange Untätigkeit der Großen Koalition nur aus Erzählungen kennen. Sie werden sich outen, ohne darüber nachzudenken ob ihre Liebe vom Staat überhaupt akzeptiert wird. Und es wird gut sein. So sollte es sein. Das ist das Rad der Zeit, welches die Ideologien der Ungleichheit langsam, aber bestimmt unter sich begräbt.“ (https://www.facebook.com/spektrallinie/posts/1564351423596479)

Da verwendet mal wieder jemand die Formel „LSBTIQ“ ofenbar ohne sich wirklich Gedanken darüber gemacht zu haben, wofür die Buchstaben stehen.

Lesbisch, Schwul, Bi, Trans, Inter, Queer.

Erstens: die Hälfte dieser Identitäten hat nicht – oder nicht ausschließlich – etwas damit zu tun, wen ich liebe. Ich kann zum Beispiel trans oder inter sein und hetero. Geschlechtsidentität ≠ sexuelle Orientierung. Die Diskriminierungsmechanismen und -erfahrungen sind andere und sie gehen nicht weg, nur weil die Ehe für schwule Männer und lesbische Frauen geöffnet wird. Es ist symptomatisch, wie häufig von der „Ehe für alle“ die Rede ist und dabei vergessen wird, wer bei „alle“ leider alles durchs Raster fällt. Es wird zum Beispiel nicht beachtet, dass Heiraten nur möglich ist wenn man eins der beiden amtlich anerkannten Geschlechter im Pass stehen hat. Geschlechter die sich nicht im binären System verorten lassen finden nach wie vor keine Berücksichtigung. Und was ist zum Beispiel mit behinderten Menschen? @JulesEins hat eine (zu Recht wütende) Tweetkette dazu verfasst: https://twitter.com/JulesEins/status/880008718670323712.

Zweitens: diese Idee dass sich LSBTIQ in Zukunft ohne Bedenken outen könnten weil es bald eine Eheöffnung geben wird, ist auf so vielen Ebenen einfach Mist. Ja, möglicherweise finden bestimmte schwule und lesbische Partnerschaften nun mehr Akzeptanz. Aber:

  • Gewalttaten gegen LSBTIQ Personen nehmen zu (Danke an eine liebe Person bei Twitter, die mich darauf noch mal hingewiesen hat). MANEO, das schwule Anti-Gewalt Projekt Berlin verzeichnete in 2016 z.B. einen erneuten Anstieg von gewaltsamen Übergriffen. In 2016 waren es 632 neue Meldungen, die sich vorwiegend auf Vorfälle in Berlin bezogen (MANEO Report 2016, S. 28). Andere Statistiken sprechen eine ähnliche Sprache.
  • Bisexualität, Trans- oder Intergeschlechtlichkeit, queere Identitäten oder sexuelle Orientierungen, Asexualität und andere Identitäten und Orientierungen sind weit, weit weg davon, in irgendeiner Weise gesellschaftlich normalisiert und akzeptiert zu sein. Wenn eine Person noch dazu zum Beispiel nicht weißdeutsch ist und/oder eine Behinderung hat, steigt mit einem Outing das Risiko Opfer von Diskriminierung und Gewalt zu werden nochmals erheblich an. Intersektionalität ist ein Ding!

Kommentare wie der von Jan Schnorrenberg verschleiern das – und das ist die Stelle, an der ich Angst bekomme. Ich habe eine (vielleicht, hoffentlich unberechtigte) Angst, dass einige jetzt aufhören weiter zu kämpfen – „weil jetzt ja alles erreicht ist“. Das macht mir auch deswegen Sorgen, weil ich gleichzeitig eine Art Backlash befürchte – zum Beispiel wenn es um die rechtliche Anerkennung nichtbinärer Geschlechter geht. So von wegen „Jetzt habt ihr doch die Ehe für alle, was wollt ihr denn noch?“

Und ich hoffe einfach, dass diejenigen deren Ziele jetzt erreicht sind sich trotzdem weiter engagieren und dass sie ihre erkämpften Privilegien auch für die nutzen, die noch weiterkämpfen müssen für Selbstbestimmung und Akzeptanz.

*****

Der MANEO Report 2016 verfügbar unter: http://www.maneo.de/infopool/dokumentationen.html. (CN: Verwendet „-phobie“ für „-feindlichkeit“).

 

Nachtrag

Content note: erwähnt Mobbing in der Schule und trans*feindliche Äußerungen im letzten Abschnitt

Die Nacht ist rum, die Sonne scheint und ich werde mich gleich aufs Rad setzen. Vorher möchte ich aber kurz auf zwei Kommentare antworten, die ich auf meinen gestrigen Beitrag von Euch bekommen habe :) (Danke dafür!). Ich mache das mal in einem eigenen Beitrag, weil es wichtige Fragen/Punkte sind, mit denen ich mich ja selber auch viel beschäftige oder beschäftigt habe.

Luise fragt:

Aber wie definiert sich denn das von dir angestrebte Mann-sein?
Sind feminine cis-Männer auch Männer?
Und warum kämpfen so viele Trans-Menschen so sehr dafür, dass cis-Leute endlich diese Mann-/Frau-Definition aufgeben oder zumindest lockern – wenn dann aber doch sie SELBST so verbissen darum kämpfen, als „ihr Geschlecht“ wahrgenommen zu werden?!

Und Plejade schreibt:

Aber im Grunde ist es doch ganz egal ob Du als Mann oder Frau oder irgendwas dazwischen wahrgenommen wirst. Wir alle sind Menschen, in endloser Vielfalt, lebendig.

Der Reihe nach: für mich hat „Mann-sein“ tatsächlich nichts damit zu tun, wie jemand aussieht oder sich präsentiert. Mir fällt es leicht einen Mann oder eine Frau auch da zu sehen, wo andere das vielleicht nicht oder noch nicht tun. Ich selbst werde wahrscheinlich immer eher „feminin“ aussehen, was ich per se nicht schlimm finde. Aus mir muss jetzt kein Hugh Jackman werden (um mal nicht Chuck Norris zu bemühen ;-)).

Aber der Mist mit dem Geschlecht ist, dass es ein so grundsätzlicher Teil alltäglicher Kommunikation – verbal und nicht-verbal – ist und dass es in unserer Gesellschaft ein so allgegenwärtiges Mittel ist, Menschen in Schubladen zu stecken und auf bestimmte Weise mit ihnen umzugehen. Wir sind noch nicht da, dass andere zuerst „den Menschen“ sehen – äußerliche Merkmale werden sofort herangezogen, um diesen Menschen einzuordnen (und das gilt natürlich nicht nur für die sogenannten Geschlechtsmerkmale, sondern auch für Hautfarbe, das Vorliegen einer be_Hinderung, etc.).

Und so lange das so ist und so lange andere Geschlecht als eine so unabdingbare, nicht zu vernachlässigende Kategorie wahrnehmen und nutzen, kann ich für mich selbst zwar wissen, was mein Geschlecht ist – es wird aber nicht von anderen anerkannt werden. Und diese fehlende „Anerkennung“, dieses Nicht-Gesehen Werden höhlen aus, wenn man sie jeden Tag erfährt (selbst wenn es nicht böse Absicht der anderen ist – ich hatte hier z.B. drüber geschrieben).

Manchmal sind solche Schubladen sinnvoll und wichtig. Sie helfen uns, weil wir nicht jedes Mal alles aushandeln und abfragen können. Wir müssen uns auf Erfahrungswerte verlassen, bestimmte Register ziehen können, sonst bekommen wir unseren Alltag nicht mehr auf die Kette. Aber: für mich (und zum Glück auch andere, aber eben noch nicht die Mehrheit) ist die Bedeutung die bestimmten Schubladen zugeschrieben wird – darunter eben auch „Geschlecht“, viel zu hoch.

Für mich ist das Aufbrechen des rigiden (und schlicht falschen) zweigeschlechtlichen Modells der erste Schritt dahin, dass Geschlecht nicht mehr so ein wichtiges Mittel zur Strukturierung unserer Wirklichkeit ist. Wenn wir es schaffen uns mehr von diesen binären Stereotypen zu lösen, wenn z.B. bestimmte Kleidung oder Verhaltensweisen weniger männlich oder weiblich konnotiert sind – und eben auch bestimmte körperliche Merkmale – wird es vielleicht leichter Geschlecht im alltäglichen Umgang ein bisschen in den Hintergrund treten zu lassen. (Ich bin ein Idealist, ich weiß).

Ich kämpfe nicht dafür, dass wir Definitionen von Mann und Frau aufgeben. Es gibt ja Männer und es gibt Frauen. Aber ich kämpfe erstens dafür, die Definition wer Mann und wer Frau ist nicht an (ziemlich wahllosen) biologischen Merkmalen festzumachen; und zweitens, noch viel wichtiger, kämpfe ich dagegen dass „Mann“ und „Frau“ als die einzigen existierenden, die „wahren“ Geschlechter angesehen werden.

Jede*r von uns hat das Recht, so angesprochen und anerkannt zu werden wie es für diese Person richtig ist – und es wäre wunderbar, wenn Menschen einfach aufhören würden vom Äußeren auf das Geschlecht zu schließen. Das ist aber gerade nicht realistisch (auch wenn wir hart dran arbeiten ;-)). Und so ist es halt im derzeitigen System für mich leider wichtig, dass Menschen mich auf eine bestimmte Weise wahrnehmen – und ich versuche, ihnen einen Schubs in die für mich richtige Richtung zu geben. (Dazu gibt es übrigens einen schönen Comic von Sophie Labelle – leider hab ich ihn nur auf Facebook gefunden). Es wäre für mich übrigens viel weniger schlimm dass Menschen mich nicht eindeutig zuordnen können, wenn das für sie nicht automatisch heißen würde: ah, wenn diese Person kein Mann ist dann muss sie ja eine Frau sein. Das ist für mich jedes Mal ein Schlag ins Gesicht. Ich bin keine Frau.

Und noch eine Frage von Luise:

Mag es sein, dass oft garnicht so sehr die „anderen“ dein Problem sind?
Sondern vielleicht dein eigenes Wahrnehmen deiner Selbst?

Jein :D. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist – aber vielleicht habe ich in den vorigen Absätzen schon geschafft anzudeuten, dass das sehr schwer zu trennen ist. Meine Wahrnehmung von mir selbst passiert ja nicht in einem Vakuum. Ich habe Werte, Sichtweisen, Normen verinnerlicht. Und auch wenn ich so oft und gut es geht versuche, sie kritisch zu reflektieren und zu hinterfragen: diese Dinge sind mir tief eingeschrieben. Die Äußerung gestern zum Beispiel. Ich denke, sie hat mich eben auch deswegen getroffen weil ich in dieser Weise in meiner Kindheit und Schulzeit von anderen verhöhnt und abgelehnt wurde. Für meine Mitschüler_innen war ich „es“. Und wenn du jeden Tag herausfordernd, abschätzig gefragt wirst „bist du ein Junge oder bist du ein Mädchen“ hinterlässt das Spuren und Reaktionsmuster, die abzulegen echt schwer ist.

Um Worte ringen

Ich kämpfe immer noch damit, gute Worte für das zu finden, was mich seit den von der Polizei durchgeführten Kontrollen und der Diskussion darüber – in den Medien, in meinem sozialen Umfeld – beschäftigt und bewegt. Wütend macht. Desillusioniert hat. Traurig und wieder ein bisschen resignierter gemacht hat.

Im Kern stammen diese Gefühle glaube ich daher, dass ich – mal wieder, aber irgendwie auch heftiger als zuvor – erlebe, wie wenig Bewusstsein es eigentlich in der so genannten „Mehrheitsgesellschaft“ für (strukturelle, alltägliche) Diskriminierung und Feindlichkeit gegenüber bestimmten Menschengruppen gibt. Und wie wenig Bereitschaft es oft gibt diejenigen zu Wort kommen zu lassen und zu hören, die unmittelbar betroffen sind – sei es bei der Bewertung bestimmter Ereignisse oder bei der Schilderung der Konsequenzen, die solche Ereignisse für diese Menschen in ihrem Alltag haben.

Dabei werden oft alle Register des „Silencing“ gezogen. Zum Beispiel, indem die Art und Weise wie die Kritik geäußert wird abgewertet wird („zu emotional“, „unsachlich“, „zu aggressiv“). Oder indem die Erfahrungen dieser Person als „Einzelfall“ abgetan werden, der im Vergleich mit den Erfahrungen und Deutungen der Mehrheit nicht beachtenswert und relevant ist.

Ich bin weiß. Ich habe keine Möglichkeit zu wissen oder auch nur ansatzweise nachzuempfinden wie es ist, von Rassismus betroffen zu sein. Aber ich weiß, wie ich mich fühle, wenn ich zum hundertsten Mal mit einer transfeindlichen Meinung oder Aussage konfrontiert werde. Und da geht es ganz häufig nicht um große, offensichtliche Ungerechtigkeiten oder Beschimpfungen. Es sind die kleinen Nadelstiche, die ich jeden Tag abbekomme, die mir unglaublich zusetzen und die bei mir z.B. dazu führen, dass ich irgendwann keine Kraft mehr habe für ruhige, sachliche Diskussionen.

Für mich sind es z.B. die dreihundert Variationen von „Aber IN WIRKLICHKEIT/URSPRÜNGLICH bist du eine Frau“, die mich aushöhlen. Ich erkläre dann vielleicht 299 Mal mehr oder weniger gedulgig, dass die körperlichen Merkmale eben nichts darüber aussagen, welches Geschlecht eine Person wirklich hat. Und dann kommt der nächste schlecht recherchierte Artikel bei SPIEGEL Online, der ZEIT, oder der Süddeutschen, der genau das wieder reproduziert und beim 300. Mal platzt mir der Kragen. Mir dann von Personen, die nicht das Gleiche erleben wie ich, Aussagen anhören zu müssen wie: „Jetzt reg dich nicht so auf“, „die wissen es nicht besser/meinen es doch nicht böse“, „von jemandem, der so emotional ist, lasse ich mir gar nichts sagen“ ist…. sagen wir mal nicht hilfreich.

Diese und ähnliche Aussagen werten meine Erfahrungen ab und relativieren das, was ich jeden Tag erlebe. Sie drücken, wenn ich es mal überspitze, solche Dinge aus wie: „Aber wir haben es doch auch schwer mit diesen ganzen Minderheiten die alle wollen, dass wir uns auf die einstellen“. Oder „Wenn dein Ton mir nicht passt kann an dem Inhalt deiner Botschaft auch nichts Ernstzunehmendes sein“.  Und „Jetzt erkläre ich dir mal, was ich als nicht-betroffene Person für Diskriminierung halte“.

Und das Schlimme für mich ist, dass solche Aussagen ganz oft auch von Menschen kommen, die mir und anderen trans* Personen prinzipiell wohlgesonnen sind. Die „wollen“ mir eigentlich gar nichts – aber trotzdem passiert es, dass sie aus ihrer (mit Blick auf die Cisgeschlechtlichkeit privilegierten) Position heraus verletzende_diskriminierende Strukturen rechtfertigen und/oder teilweise reproduzieren.

Ich würde mir wünschen, dass grundsätzlich die Stimmen derjenigen mehr gehört werden, die von Diskriminierung betroffen sind. Und dass diejenigen, die nicht unmittelbar betroffen sind solche – oft ungemütlichen, vielleicht auch als ungerecht oder „unpassend“ empfundenen – Standpunkte trotzdem erst einmal stehen lassen und sie nicht einfach sofort wegwischen. Ich wünsche mir, dass vor allem etwas differenzierter mit diesen Standpunkten umgegangen wird – wenn ihr nicht alles davon richtig findet oder annehmen könnt, vielleicht sind trotzdem einzelne Gedanken und Aussagen dabei, die bei euch an der richtigen Adresse sind oder die für euch einen guten Einstieg in die Beschäftigung mit dem Thema darstellen.

Nein, ich habe keine Regel, keine Empfehlung, wo man da die Grenze ziehen sollte – was man aushalten und einfach mal hinnehmen sollte. Mein eigenes Rezept ist, einfach möglichst oft meine Standpunkte und Aussagen zu hinterfragen und möglichst viel und oft Menschen zuzuhören, die anders als ich von Diskriminierung betroffen sind. Denn das, was ich hier schreibe gilt für mich genauso. Ich haue auch ganz oft daneben und merke immer wieder, wie stark ich bestimmte diskriminierende, „-istische“ Sichtweisen und Denkmuster internalisiert habe. Auch transfeindliche, heterosexistische – obwohl ich von beidem selbst betroffen sind. Und eben auch rassistische oder behindertenfeindliche Denkweisen, die mir noch nicht einmal bewusst waren, bis ich mit der Nase drauf gestoßen wurde.

Also. Ein Plädoyer für mehr Zuhören. Und dafür, die Stimmen von Betroffenen vielleicht einfach mal zu verstärken, auch wenn ihr nicht 100% der gleichen Meinung seid.

Übrigens finde ich, dass Johannes Kram vom Nollendorfblog das echt gut hinbekommen hat, nachdem ich ja hier Kritik an seiner Wortwahl in seinem Artikel über Identitätspolitiken geübt hatte. Meine Kritik steht nun auf seinem Blog, einfach erst mal so, ganz unkommentiert durch ihn. Ich finde gut, dass er das erst einmal so „aushält“ und so stehenlässt, obwohl er vermutlich meine Sicht immer noch nicht zu 100% teilt (dabei hab ich mir solche Mühe gegeben ;-)).

Das war jetzt ziemlich durcheinander und der rote Faden ist ein bisschen ausgefranst. Ich lasse noch drei Dinge zum Nachlesen bzw. Ansehen da, die ein paar Aspekte die mir wichtig sind weiter erklären oder ausführen und vielleicht noch mal etwas anders beleuchten.

 

Some days are worse than others

CN: Pathologisierung, Trans*feindliche Äußerungen, Zwangsbegutachtung, Übergriffigkeit von Gutachter*innen, Heteronormativität

Heute ist wohl so ein Tag. Ich kämpfe mit den Nachwirkungen von gestern und weiß immer noch nicht so recht wohin mit meinen Gefühlen und meiner Wut. Ich versuche, nicht in eine „ist doch eh alles sinnlos“ Haltung zu verfallen, obwohl diese Gedanken gerade sehr stark sind. Ich weiß auch, dass diese Gedanken wieder weggehen, aber es ändert nichts daran, dass es ätzend und anstrengend und kraftraubend ist, sie zu haben.

Ich bin wütend auf meinen Therapeuten, aber auch wütend auf mich, weil ich mal wieder denke, es steht mir nicht zu und ich hab kein Recht auf diese Gefühle. Zumal sie mich nicht weiterbringen, ich kann halt gute Mine machen und das Spiel mitspielen oder nicht. Ist ja meine Entscheidung. Haha.

Ich bin wütend auf ihn, aber viel wütender bin ich auf das System. Das System, dass mich pathologisiert und als „krank“ abstempelt. Das System, dass es gleichzeitig nicht hinbekommt, mir als trans*Person eine gute, trans*freundliche medizinische Behandlung zu gewährleisten. Stattdessen sitze ich da mit einem Therapeuten, der mich allen Ernstes fragt, warum ich das Begutachtungsverfahren als demütigend und pathologisierend empfinde. Der mir dann sagt, dass er sich auch über die Hürden ärgert, die ihm in den Weg gelegt werden, um als Psychotherapeut von der Kasse anerkannt zu werden, aber er sich dem halt trotzdem ergeben muss, wenn er diese Anerkennung will.

Es. ist. nicht. vergleichbar.

Ich muss mich diesem Verfahren unterwerfen, weil der Gesetzgeber(tm) mich als krank betrachtet. Ich muss mich diesem Verfahren unterwerfen, weil es in einem Gesetz festgeschrieben steht, das auch heute noch fordert ich müsse für die Änderung des Geschlechtseintrags

  • „dauernd fortpflanzungsunfähig“ (sprich: sterilisiert) sein
  • und mich „einem [meine] äußeren Geschlechtsmerkmale verändernden operativen Eingriff unterzogen [haben], durch den eine deutliche Annäherung an das Erscheiungsbild des anderen [sic] Geschlechts erreicht worden ist“ (TSG §8 (1)).

Ein Gesetz, in dem auch steht, dass eine Vornamensänderung wieder rückgängig gemacht wird, wenn

  • „nach Ablauf von dreihundert Tagen nach der Rechtskraft der Entscheidung ein Kind des Antragstellers geboren wird“
  • oder wenn „der Antragsteller eine Ehe schließt“ (TSG §7 (1)). 

Keiner dieser Paragrafen darf mehr angewendet werden, da es seit Mitt der 2000er Jahre nach und nach Gerichtsurteile gab, die diese und andere Paragrafen als unwirksam erklärt haben, weil sie mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sind. (Siehe z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Transsexuellengesetz)

Dennoch: das ist der Diskurs, in dem wir uns bewegen, wenn wir über psychologische Zwangsbegutachtung reden. Zwangssterilisation. Zwangsscheidung. Das wurde so praktiziert. Der ganze Tenor dieses Gesetzes ist: Du bist eine pathologische Abweichung von der Norm. 

Und es hilft nicht, dass der Gesetzgeber seit über zehn Jahren weiß, dass dieses Gesetz in großen Teilen verfassungswidrig ist und bislang keine Anstrengungen unternommen hat, es zu reformieren. Erst jetzt kommt langsam Bewegung in die Sache. Aber die Würde des Menschen ist unantastbar, ne?

Dieser gesetzliche Rahmen wird gleichzeitig von vielen Gutachter*innen als Freibrief mißbraucht, trans*Menschen zu demütigen und zu pathologisieren. Ich weiß aus persönlichen Gesprächen von Fällen, in denen der zu begutachtenden Person vorgeworfen wurde pädophil zu sein und in denen „körperliche Untersuchungen“ erzwungen wurden; Gespräche, in denen die zu begutachtende Person vor dem_der Gutachter_in „schaulaufen“ musste. Es ist absolut üblich, dass in den Begutachtungsverfahren Intelligenztests durchgeführt werden; dass Abweichungen von der Norm der Heterosexualität negativ kommentiert und kritisch hinterfragt werden; es besteht ein massiver Druck, überkommenen Geschlechterklischees und generell der Binärgeschlechtlichkeit zu entsprechen. Es ist die Regel, dass Begutachtungsgespräche stark auf den Bereich der Sexualität fokussieren, weil bei vielen Gutachter*innen immer noch nicht angekommen ist, dass trans* keine sexuelle Orientierung ist.

Natürlich gibt es Gutachter*innen, die respektvoll mit uns umgehen und die bemüht sind, uns keine Steine in den Weg zu legen. Aber viele von uns haben nicht die Möglichkeit zu wählen, weil z.B. die Gerichte nicht überall Wünsche der Antragsteller*innen berücksichtigen – oder weil sie einfach keine trans*freundlichen Gutachter*innen in ihrer Nähe kennen.

Und ich will vor diesem Hintergrund von meinem Therapeuten verdammt noch mal Verständnis dafür, dass ich mich über dieses System aufrege. Klar muss ich mich dem Verfahren unterwerfen und mitspielen, wenn ich irgendwann mal offizielle Dokumente mit meinem richtigen Namen und Geschlechtseintrag haben will. 

But I won’t come quietly.