Wut oder Traurigkeit oder was weiß ich

Ich hab schon wieder den Kaffee auf. SO RICHTIG!

Aber ist vielleicht ganz gut, weil es mich von meiner ganzen Traurigkeit und überhaupt einer ganzen Reihe von Gefühlen die ich noch nicht mal richtig benennen kann ablenkt. Ich habe heute morgen die Debatte zur Eheöffnung geschaut und hatte da (wenig überraschend) eher gemischte Gefühle. Zum einen aus den Gründen, über die ich schon geschrieben habe. (Zu dem Beitrag habe ich auch noch ein paar gute Update-/Nachtrags-Anregungen bekommen, da kommt demnächst also noch was zur Ergänzung und Klärung).

Hundert Mal „Ehe für alle“ hören und denken „Aber es ist keine Ehe für alle!“. Aber auch: homofeindliche Politiker*innen hören müssen, die von ihren „Werten“ und vom Kindeswohl reden dass es einem speiübel werden konnte. Und das gleiche potenzierte sich dann im Verlauf des Tages in den Medien. Da ist dieser entsetzliche, homofeindliche Kommentar in der FAZ (wenn er euch noch nicht begegnet ist, seid froh und belasst es dabei). Als ich heute Mittag kurz das Radio anmachte, kam im WDR 5 irgendein Kritiker zu Wort – bevor er das Wort „Identitätspolitik“ zu Ende ausgesprochen hatte war das Radio auch schon wieder aus. Echt – könnt ihr nicht einfach mal einen Tag solchen Leuten _keine_ Plattform dafür bieten, ihren Hass in die Welt zu posaunen?

Ich habe tatsächlich den Tag über dann erst einmal nicht mehr in die Medien geschaut. Irgendwie war mir alles zu viel. Und irgendwie hatte das auch damit zu tun, dass ich mich „außen vor“ gefühlt habe bei der Freude und Fröhlichkeit meiner Freund*innen und Bekannten – ich glaube, weil ich selbst gerade so traurig bin keinen Platz und keinen Menschen mehr zu haben, an_bei dem ich mich aufgehoben fühlen kann. Überhaupt tue ich mich gerade mal wieder schwerer mit dem „Leben meistern“.

Da kommt mir eine „Ich hab den Kaffee auf!“ Emotion gerade recht, weil Wut manchmal echt besser auszuhalten ist für mich als diese ständige Traurigkeit.

Zum Kaffee also! (Content note für die nächsten zwei Absätze für „Untenrumorgane“ und Krebsvorsorge)

Kaffee Nummer 1 geht kommt von meiner Krankenkasse. Bei denen hatte ich angefragt, wie nach meiner Personenstandsänderung die Abrechnung geschlechtsspezifischer Vorsorgeuntersuchungen erfolgen kann – und zwar geht es mir da natürlich insbesondere um die „gynäkologische“ Krebsvorsorge. Ich wusste schon, dass das Probleme geben kann – wobei es anscheinend von Kasse zu Kasse verschieden ist. Meine Kasse stellt sich (halb)quer. Eine Person erklärte mir am Telefon, dass eine Abrechnung über eine gynäkologische Praxis nicht möglich wäre und ich in Zukunft in eine urologische Praxis gehen müsse. Auf meine etwas flapsige Bemerkung, dass ich dann jetzt also darauf warten könnte Gebärmutterhalskrebs zu bekommen meinte die Person am Telefon, dass das „der Urologe“ doch auch untersuche könne. Ah ja.

Ich bin erstens mit meiner „Untenrumärztin“ sehr zufrieden und vetraue ihr. Zweitens habe ich „hier“ gerufen, als Endometriose verteilt wurde. Auch da wäre es mir deutlich lieber, wenn meine Ärztin mich da weiter betreuen würde. So. Was mich aber zudem skeptisch macht: wieso soll eine urologische Praxis bei einem männlichen Patienten einen Gebärmutterhalsabstrich besser abrechnen können, als eine gynäkologische Praxis? Das nämlich meinte meine Ärztin schon, dass sie da die Software überlisten müsste. Naja. Ich habe mit der Person von der Krankenkasse nicht weiter diskutiert sondern meinte nur, ich hätte diese Auskunft gerne schriftlich. Dass die so etwas nicht gerne schriftlich rausgeben, habe ich schon gelernt – klar, weil dann habe ich ja was in der Hand, wogegen ich Beschwerde einlegen kann. Die Person sagte mir zu, eine Email zu schreiben. Mal sehen ob/wann ich die bekomme. (Und wenn es hart auf hart kommt, dann gilt Email glaube ich gar nicht als „schriftlich“ – d.h. ich nerve so lange, bis ich einen Brief habe). Mit dem Thema gehe ich nämlich auf jeden Fall noch mal zum VDK (dem Sozialverband in dem ich Mitglied bin) und schaue dann, wie ich dagegen Widerspruch einlegen kann.

Kaffee Nummer 2 wurde noch Mal freundlichst von unserer Bundesregierung gesponsert. Wenn ich eine Hoffnung mit der Eheöffnung verbunden hatte dann, dass es in Zukunft „Regenbogenfamilien“ endlich, endlich etwas leichter haben könnten. Und, was lese ich heute beim LSVD?

Das „Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts“ hat an den Abstammungsregeln nichts geändert.

Mutter eines Kindes ist weiterhin nur die Frau, die das Kind geboren hat (§ 1591 BGB).

Für Kinder, die in eine Ehe hineingeboren werden, bestimmt zwar § 1592 Nr. 1 BGB, dass der Ehemann der zweite rechtliche Elternteil des Kindes ist, gleichgültig ob er tatsächlich der biologische Vater des Kindes ist oder nicht. Aber diese Vorschrift ist nicht um die „Ehefrau der Mutter“ erweitert worden. (http://www.lsvd.de/nc/recht/ratgeber/ehe-fuer-alle.html)

Sprich, es wird weiterhin eine Stiefkindadoption erfolgen müssen, wenn die verheirateten Eltern eines Kindes beide einen weiblichen Personenstand haben. Das heißt, weiterhin werden solche Paare diskriminiert und benachteilig – und dieses Adoptions-Verfahren ist keinen Deut „angenehmer“, als eine Vornamens-/Personenstandsänderung.

REPARIERT DAS, PRONTO!

Alle oder keine*r?

(Anmerkung vorab: ich hab meine Gedanken noch nicht so richtig gut sortiert – ich hoffe, dass ich nicht zu viele wichtige Aspekte/Diskriminierungsachsen und -dimensionen ausgeblendet oder vergessen habe. Bitte stupst mich an, wenn das so ist – ich ergänze den Beitrag dann).

Als ich gestern nach einem Workshopvormittag nachmittags auf dem Bahnsteig auf meinen Zug gen Heimat wartete haben mich die Neuigkeiten zum Thema „Öffnung der Ehe“ erreicht. Waaaaas? Da guckt man mal ein paar Stunden nicht in dieses Internet und dann überschlagen sich die Ereignisse?

Im ersten Moment habe ich mich total gefreut – endlich sieht es so aus, als sei diese Form der staatlichen Diskriminierung bald Geschichte. Und ich freue mich auch immer noch für diejenigen, die so lange dafür gekämpft haben und für die es nun z.B. endlich die Möglichkeit geben wird, Kinder zu adoptieren.

Aber je mehr ich dann gestern so las, desto enttäuschter und ängstlicher wurde ich.

Da ist zum einen die Art und Weise wie es nun zu dieser überraschenden Abstimmungsankündigung gekommen ist. Nach jahrelangem Blockieren und Verzögern mit hanebüchenen Argumenten geht es nun plötzlich schnell, weil Politiker*innen die Eheöffnung als Verschiebemasse im Taktieren um den Machterhalt nutzen. Da geht es doch nicht darum, dass sie (insbesondere bei CDU und SPD) erkannt hätten, dass homosexuellen Männer- und Frauenpaaren die gleichen Rechte zustehen wie hetero-Paaren. Aber wenn es um Macht geht, kann man ja schonmal ein Auge zudrücken…

Zum anderen – und da kommt die Angst ins Spiel – überschlugen sich in den sozialen Medien und anderswo Beiträge und Kommentare mit dem Tenor „Wir sind am Ziel! Jetzt haben wir alles erreicht“. Da sind zum Beispiel Kommentare wie dieser hier von Jan Schnorrenberg aus der Presseabteilung des Schwulen Museums:

„Heute endet ein Kapitel der homosexuellen Emanzipationsgeschichte. Es kommt zu spät für viel zu viele Menschen und Aktivist_innen, aber für so viele junge LSBTIQ wird es in (sic) in zehn Jahren eine Selbstverständlichkeit sein. Sie werden unsere Wut und Frustration über die jahrzehntelange Untätigkeit der Großen Koalition nur aus Erzählungen kennen. Sie werden sich outen, ohne darüber nachzudenken ob ihre Liebe vom Staat überhaupt akzeptiert wird. Und es wird gut sein. So sollte es sein. Das ist das Rad der Zeit, welches die Ideologien der Ungleichheit langsam, aber bestimmt unter sich begräbt.“ (https://www.facebook.com/spektrallinie/posts/1564351423596479)

Da verwendet mal wieder jemand die Formel „LSBTIQ“ ofenbar ohne sich wirklich Gedanken darüber gemacht zu haben, wofür die Buchstaben stehen.

Lesbisch, Schwul, Bi, Trans, Inter, Queer.

Erstens: die Hälfte dieser Identitäten hat nicht – oder nicht ausschließlich – etwas damit zu tun, wen ich liebe. Ich kann zum Beispiel trans oder inter sein und hetero. Geschlechtsidentität ≠ sexuelle Orientierung. Die Diskriminierungsmechanismen und -erfahrungen sind andere und sie gehen nicht weg, nur weil die Ehe für schwule Männer und lesbische Frauen geöffnet wird. Es ist symptomatisch, wie häufig von der „Ehe für alle“ die Rede ist und dabei vergessen wird, wer bei „alle“ leider alles durchs Raster fällt. Es wird zum Beispiel nicht beachtet, dass Heiraten nur möglich ist wenn man eins der beiden amtlich anerkannten Geschlechter im Pass stehen hat. Geschlechter die sich nicht im binären System verorten lassen finden nach wie vor keine Berücksichtigung. Und was ist zum Beispiel mit behinderten Menschen? @JulesEins hat eine (zu Recht wütende) Tweetkette dazu verfasst: https://twitter.com/JulesEins/status/880008718670323712.

Zweitens: diese Idee dass sich LSBTIQ in Zukunft ohne Bedenken outen könnten weil es bald eine Eheöffnung geben wird, ist auf so vielen Ebenen einfach Mist. Ja, möglicherweise finden bestimmte schwule und lesbische Partnerschaften nun mehr Akzeptanz. Aber:

  • Gewalttaten gegen LSBTIQ Personen nehmen zu (Danke an eine liebe Person bei Twitter, die mich darauf noch mal hingewiesen hat). MANEO, das schwule Anti-Gewalt Projekt Berlin verzeichnete in 2016 z.B. einen erneuten Anstieg von gewaltsamen Übergriffen. In 2016 waren es 632 neue Meldungen, die sich vorwiegend auf Vorfälle in Berlin bezogen (MANEO Report 2016, S. 28). Andere Statistiken sprechen eine ähnliche Sprache.
  • Bisexualität, Trans- oder Intergeschlechtlichkeit, queere Identitäten oder sexuelle Orientierungen, Asexualität und andere Identitäten und Orientierungen sind weit, weit weg davon, in irgendeiner Weise gesellschaftlich normalisiert und akzeptiert zu sein. Wenn eine Person noch dazu zum Beispiel nicht weißdeutsch ist und/oder eine Behinderung hat, steigt mit einem Outing das Risiko Opfer von Diskriminierung und Gewalt zu werden nochmals erheblich an. Intersektionalität ist ein Ding!

Kommentare wie der von Jan Schnorrenberg verschleiern das – und das ist die Stelle, an der ich Angst bekomme. Ich habe eine (vielleicht, hoffentlich unberechtigte) Angst, dass einige jetzt aufhören weiter zu kämpfen – „weil jetzt ja alles erreicht ist“. Das macht mir auch deswegen Sorgen, weil ich gleichzeitig eine Art Backlash befürchte – zum Beispiel wenn es um die rechtliche Anerkennung nichtbinärer Geschlechter geht. So von wegen „Jetzt habt ihr doch die Ehe für alle, was wollt ihr denn noch?“

Und ich hoffe einfach, dass diejenigen deren Ziele jetzt erreicht sind sich trotzdem weiter engagieren und dass sie ihre erkämpften Privilegien auch für die nutzen, die noch weiterkämpfen müssen für Selbstbestimmung und Akzeptanz.

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Der MANEO Report 2016 verfügbar unter: http://www.maneo.de/infopool/dokumentationen.html. (CN: Verwendet „-phobie“ für „-feindlichkeit“).

 

Um Worte ringen

Ich kämpfe immer noch damit, gute Worte für das zu finden, was mich seit den von der Polizei durchgeführten Kontrollen und der Diskussion darüber – in den Medien, in meinem sozialen Umfeld – beschäftigt und bewegt. Wütend macht. Desillusioniert hat. Traurig und wieder ein bisschen resignierter gemacht hat.

Im Kern stammen diese Gefühle glaube ich daher, dass ich – mal wieder, aber irgendwie auch heftiger als zuvor – erlebe, wie wenig Bewusstsein es eigentlich in der so genannten „Mehrheitsgesellschaft“ für (strukturelle, alltägliche) Diskriminierung und Feindlichkeit gegenüber bestimmten Menschengruppen gibt. Und wie wenig Bereitschaft es oft gibt diejenigen zu Wort kommen zu lassen und zu hören, die unmittelbar betroffen sind – sei es bei der Bewertung bestimmter Ereignisse oder bei der Schilderung der Konsequenzen, die solche Ereignisse für diese Menschen in ihrem Alltag haben.

Dabei werden oft alle Register des „Silencing“ gezogen. Zum Beispiel, indem die Art und Weise wie die Kritik geäußert wird abgewertet wird („zu emotional“, „unsachlich“, „zu aggressiv“). Oder indem die Erfahrungen dieser Person als „Einzelfall“ abgetan werden, der im Vergleich mit den Erfahrungen und Deutungen der Mehrheit nicht beachtenswert und relevant ist.

Ich bin weiß. Ich habe keine Möglichkeit zu wissen oder auch nur ansatzweise nachzuempfinden wie es ist, von Rassismus betroffen zu sein. Aber ich weiß, wie ich mich fühle, wenn ich zum hundertsten Mal mit einer transfeindlichen Meinung oder Aussage konfrontiert werde. Und da geht es ganz häufig nicht um große, offensichtliche Ungerechtigkeiten oder Beschimpfungen. Es sind die kleinen Nadelstiche, die ich jeden Tag abbekomme, die mir unglaublich zusetzen und die bei mir z.B. dazu führen, dass ich irgendwann keine Kraft mehr habe für ruhige, sachliche Diskussionen.

Für mich sind es z.B. die dreihundert Variationen von „Aber IN WIRKLICHKEIT/URSPRÜNGLICH bist du eine Frau“, die mich aushöhlen. Ich erkläre dann vielleicht 299 Mal mehr oder weniger gedulgig, dass die körperlichen Merkmale eben nichts darüber aussagen, welches Geschlecht eine Person wirklich hat. Und dann kommt der nächste schlecht recherchierte Artikel bei SPIEGEL Online, der ZEIT, oder der Süddeutschen, der genau das wieder reproduziert und beim 300. Mal platzt mir der Kragen. Mir dann von Personen, die nicht das Gleiche erleben wie ich, Aussagen anhören zu müssen wie: „Jetzt reg dich nicht so auf“, „die wissen es nicht besser/meinen es doch nicht böse“, „von jemandem, der so emotional ist, lasse ich mir gar nichts sagen“ ist…. sagen wir mal nicht hilfreich.

Diese und ähnliche Aussagen werten meine Erfahrungen ab und relativieren das, was ich jeden Tag erlebe. Sie drücken, wenn ich es mal überspitze, solche Dinge aus wie: „Aber wir haben es doch auch schwer mit diesen ganzen Minderheiten die alle wollen, dass wir uns auf die einstellen“. Oder „Wenn dein Ton mir nicht passt kann an dem Inhalt deiner Botschaft auch nichts Ernstzunehmendes sein“.  Und „Jetzt erkläre ich dir mal, was ich als nicht-betroffene Person für Diskriminierung halte“.

Und das Schlimme für mich ist, dass solche Aussagen ganz oft auch von Menschen kommen, die mir und anderen trans* Personen prinzipiell wohlgesonnen sind. Die „wollen“ mir eigentlich gar nichts – aber trotzdem passiert es, dass sie aus ihrer (mit Blick auf die Cisgeschlechtlichkeit privilegierten) Position heraus verletzende_diskriminierende Strukturen rechtfertigen und/oder teilweise reproduzieren.

Ich würde mir wünschen, dass grundsätzlich die Stimmen derjenigen mehr gehört werden, die von Diskriminierung betroffen sind. Und dass diejenigen, die nicht unmittelbar betroffen sind solche – oft ungemütlichen, vielleicht auch als ungerecht oder „unpassend“ empfundenen – Standpunkte trotzdem erst einmal stehen lassen und sie nicht einfach sofort wegwischen. Ich wünsche mir, dass vor allem etwas differenzierter mit diesen Standpunkten umgegangen wird – wenn ihr nicht alles davon richtig findet oder annehmen könnt, vielleicht sind trotzdem einzelne Gedanken und Aussagen dabei, die bei euch an der richtigen Adresse sind oder die für euch einen guten Einstieg in die Beschäftigung mit dem Thema darstellen.

Nein, ich habe keine Regel, keine Empfehlung, wo man da die Grenze ziehen sollte – was man aushalten und einfach mal hinnehmen sollte. Mein eigenes Rezept ist, einfach möglichst oft meine Standpunkte und Aussagen zu hinterfragen und möglichst viel und oft Menschen zuzuhören, die anders als ich von Diskriminierung betroffen sind. Denn das, was ich hier schreibe gilt für mich genauso. Ich haue auch ganz oft daneben und merke immer wieder, wie stark ich bestimmte diskriminierende, „-istische“ Sichtweisen und Denkmuster internalisiert habe. Auch transfeindliche, heterosexistische – obwohl ich von beidem selbst betroffen sind. Und eben auch rassistische oder behindertenfeindliche Denkweisen, die mir noch nicht einmal bewusst waren, bis ich mit der Nase drauf gestoßen wurde.

Also. Ein Plädoyer für mehr Zuhören. Und dafür, die Stimmen von Betroffenen vielleicht einfach mal zu verstärken, auch wenn ihr nicht 100% der gleichen Meinung seid.

Übrigens finde ich, dass Johannes Kram vom Nollendorfblog das echt gut hinbekommen hat, nachdem ich ja hier Kritik an seiner Wortwahl in seinem Artikel über Identitätspolitiken geübt hatte. Meine Kritik steht nun auf seinem Blog, einfach erst mal so, ganz unkommentiert durch ihn. Ich finde gut, dass er das erst einmal so „aushält“ und so stehenlässt, obwohl er vermutlich meine Sicht immer noch nicht zu 100% teilt (dabei hab ich mir solche Mühe gegeben ;-)).

Das war jetzt ziemlich durcheinander und der rote Faden ist ein bisschen ausgefranst. Ich lasse noch drei Dinge zum Nachlesen bzw. Ansehen da, die ein paar Aspekte die mir wichtig sind weiter erklären oder ausführen und vielleicht noch mal etwas anders beleuchten.

 

Lying low

Eigentlich hatte ich einen Beitrag zum Thema Privilegien angefangen…aber das ist gerade ein zu dickes Brett für mich. Ich finde das, was sich da gerade wieder im „öffentlichen Diskurs“ abspielt so entmutigend und desillusionierend (ja, offenbar hatte ich noch Illusionen, haha). Ach ja, Stichwort: es geht um Silvester und Köln. Und darum, wie schwer es offenbar für viele ist zu verstehen und anzuerkennen, wie stark Privilegien wirken, jeden Tag, in den allerkleinsten Alltagssituationen.

Ich weiß gerade nicht, wie ich damit umgehen soll. Im Moment ist meine Strategie, mich dahin zurückzuziehen wo ich das Gefühl habe, dass Menschen mich verstehen. Weniger Reibung; weniger mich-rechtfertigen-und-erklären-Müssen. Aber damit trage ich letztlich dazu bei, den Riss der sich da auftut in „der Gesellschaft“ noch zu vertiefen.

Ich frage mich (mal wieder), wie man Bewusstsein für andere Lebensrealitäten als die eigene schaffen kann. Wie gelingt es, über den Tellerrand des Naheliegenden (weil unmittelbar Erfahrbaren) zu schauen – vor allem, wenn gefühlt alles nur 1 oder 0 sein kann, wenn du nur 100% mit mir oder gegen mich sein kannst. Und klar, indem ich mich zurückziehe spiele ich genau das Spiel mit. Ich habe gerade keine Lust mehr zuzuhören und gleichzeitig das Gefühl zu haben, dass meine Argumente und Einwürfe nicht gehört werden (genauso, wie die anderen es sicherlich empfinden).

To be continued, schätze ich.

Machtspiele

Wahrscheinlich ist heute genau der richtige Tag um mir die Wut über ein Thema von der Seele zu schreiben, das mir gerde in der trans* „Community“ immer wieder begegnet.

In der Kurzfassung ist es die „Ich hatte es schwer und deswegen musst du es auch schwer haben“ Argumentation. Verbunden mit einem: „Weil ich diesen steinigen und pathologisierenden Weg gegangen bin, darfst du dich nicht darüber aufregen, dass er steinig und pathologisierend ist“.

Echt, wenn ich mal ein „Was trans* Menschen zu anderen trans* Menschen sagen“  Bullshit Bingo entwerfe, kommen diese Sätze ganz oben auf die Liste. Zu hören bekommt sie zum Beispiel, wer sich beklagt

  • dass das Verfahren zur Personenstandsänderung sich zu lange hinzieht;
  • dass dieses Verfahren pathologisierend und insgesamt kritikwürdig ist;
  • dass Gutachter*innen willkürlich agieren und irgendwelche Machtspielchen spielen…

Man braucht sich nur hinsetzen und langsam bis zehn zählen und schon kommt jemand um die Ecke und belehrt die Person, die sich darüber beklagte, dass andere dieses Verfahren schließlich auch durchstehen mussten und dass diese Erfahrungen eben dazugehören. Gerne wird noch eingeschoben, dass wir dankbar sein müssen „weil wir es hier so viel besser haben, als trans* Menschen in anderen Ländern“.

Letzteres ist eine Abwandlung der „Haben wir keine wichtigeren Probleme als xyz“ Logik, die sich z.B. auch in der Aussage wiederfindet etwas sei ein „Erste Welt Problem“ (first world problem).

Das sind keine Argumente. Es sind Taktiken, andere zum Schweigen zu bringen und sie sind aus ganz vielen Gründen problematisch. Schon allein diese Annahme man könne nicht sowohl „kleine“ Probleme als auch die großen parallel angehen bringt mich dazu, mit den Augen zu rollen – und das ist nur ein kleinerer von vielen Gründen, warum diese „Argumentation“ kritikwürdig ist. Bei „Everyday Feminism“ gibt es zwei Beiträge, die die Probleme damit erklären (leider auf Englisch, aber ich habe bis jetzt keine guten deutschsprachigen Beiträge dazu gefunden): hier („What You’re Really Doing By Dismissing US Feminism for ‘Real’ Issues“, Comic) und hier („Africa Is Not a Derailment Tactic: Why Belittling ‘First World Problems’ Is Oppressive“).

Für mich persönlich ist diese Art andere zum Schweigen zu bringen auch deswegen schlimm, weil sie bei mir die Gedanken verstärkt, mit denen ich meine eigenen Probleme relativiere: „Stell dich nicht so an. Anderen geht es viel schlechter als dir und die meistern das auch. Du hast gar kein Recht, dich wegen solcher Lappalien schlecht zu fühlen“. Es sind die Gedanken, die mich unter anderem daran hindern mir Hilfe zu holen, die ich eigentlich benötigen würde.

Und dieses „Ich musste damals auch den langen, steinigen Weg gehen – deswegen darfst du dich nicht darüber aufregen“?

Merkste selber, ne?

„Das haben wir schon immer so gemacht“.

Diese Logik (eine „Argumentation“ ist es ja gar nicht) rechtfertigt Stillstand und macht es unmöglich, Dinge kritisch zu hinterfragen. Wenn es immer schon so war, dann wird es schon richtig gewesen sein – umso mehr, wenn ich mich diesem System unterwerfen musste. Bei sowas kommt mir echt die Galle hoch. Damit werden Unterdrückungsmechanismen schöngeredet und legitimiert. Und zwar nicht durch diejenigen, die dieses System aus einer Machtposition heraus geschaffen haben, sondern durch die gegen die es sich richtet.

Was bewegt Menschen, so zu „argumentieren“? Internalisierte Trans*feindlichkeit ist vielleicht eine Antwort, wenn ich auf meinen Kontext schaue. Vielleicht hat es manchmal etwas damit zu tun nachträglich einer als sinnlos, entmündigend und demütigend erlebten Prozedur einen Sinn zu verleihen. Aber ganz oft verkürzt sich das in meiner Vorstellung eben zu einem neidvollen „ich gönne anderen nicht, dass sie es leichter haben als ich“.

Ich wünsche mir so sehr, dass Menschen solche Strukturen und Logiken mehr kritisieren anstatt sie unhinterfragt hinzunehmen. Und dass es ihnen gelingt anderen einfach zu gönnen, dass sie es vielleicht mal leichter haben.

The one and only

Gestern bin ich durch Zufall auf einer Seite geladet, auf der ich letztes Jahr mal einen Kommentar zu einer Reportage über zwei trans* Jugendliche hinterlassen hatte. Ich schrieb dort

Ich finde die Reportage gut gemacht.

Anknüpfend an einen früheren Kommentar: Das Thema angleichende OPs und ob/wie man darüber berichtet ist schwierig. Ich persönlich bin es leid, immer wieder implizit oder explizit die Botschaft vermittelt zu bekommen, dass man erst mit dem „richtigen“ Körper ein „richtiger“ Mann / eine „richtige“ Frau ist. Körper sind erstmal Körper mit verschiedenen Merkmalen. Die Bedeutung der Merkmale (Bart = männlich, Brüste = weiblich) hat nichts mit Biologie zu tun, sondern ist sozial konstruiert. Das ist etwas, das man in der Reportage vielleicht noch etwas kritischer hätte beleuchten können (z.B. auch, indem man nicht so oft von „Jungen-/Mädchenkörpern“ spricht).

Erst gestern habe ich dann gesehen, welche Reaktionen auf den Kommentar kamen. Von anderen trans* Personen. Ah nee, entschuldigung. Von wahren Transsexuellen muss es natürlich heißen!

Meine Sternchen und Unterstriche sind nämlich nicht nur für wackere weiße Cis-Männer ein Graus, sondern auch für die einzig RICHTIGEN trans* Menschen: nämlich die, die behaupten, man könne nur richtig trans* sein, wenn man sich transsexuell nennt, an ein binäres Geschlechtersystem (Männer, Frauen, Punkt) glaubt und eine komplette medizinische Angleichung anstrebt. Diese „Transmedikalisten“ lehnen die Vorstellung ab, dass Geschlecht sozial konstruiert sei. Körper sind männlich oder weiblich, haben ein „biologisches Geschlecht“. Dass die Bedeutung, die wir diesen körperlichen Merkmalen zuschreiben nichts naturgegebenes ist sondern das Resultat eines sozialen Aushandlungsprozesses, wollen diese Menschen nicht hören oder verstehen.

Unter diesen selbsternannten, einzig wahren „Transsexuellen“ leiden zum einen diejenigen, die es – aus welchen Gründen auch immer – ablehnen, angleichende operative Maßnahmen zu ergreifen. Aber noch viel heftiger werden Menschen angegriffen, die eben nicht Männer oder Frauen sind, sondern ein anderes Geschlecht haben welches sich nicht mit dem herkömmlichen binären Modell fassen lässt. All diesen Menschen sprechen die Transmedikalisten ihr Geschlecht nämlich mal komplett ab. Entsprechende Äußerungen begegnen mir ständig in den sozialen Medien und mir kommt echt jedes Mal die Galle hoch. Aber, wie auch bei den anderen Trollen und Hatern die einem dort so begegnen: diskutieren bringt nichts. Ich versuche immer ein klares Statement gegen diese Sicht abzugeben und dann nicht weiter zu diskutieren.

Auf die Kommentare zu meiner Aussage oben hätte ich schon gerne noch geantwortet, aber leider sind Kommentare nicht mehr offen. Ist auch ein bisschen spät.

Selbstbezeichnungen darf und soll jede_r wählen so wie es für ihn_sie richtig ist. Aber sobald mir eine Person erzählen will, dass ihre Selbstbezeichnung die einzig wahre sei und dass sich alle anderen dem unterzuordnen haben, stelle ich meine Ohren auf Durchzug.

 

Wie weiter?

Ich fühle ich langsam etwas weniger verzweifelt und erstarrt. Aber immer noch ratlos bezüglich der Frage, welche Konsequenzen ich für mich aus dem Trump-Wahlsieg ziehe. Das erste, was ich gemacht habe, als ich mich wieder etwas handlungsfähiger fühlte war, an die ACLU zu spenden, die sich für die Rechte marginalisierter und diskriminierter Personen einsetzen. Ich packe Euch ein paar Links ans Ende dieses Posts. Falls Ihr spenden könnt und möchtet, wären dies ein paar Optionen. Meistens braucht man allerdings eine Kredikarte.

Was mir deutlich schwerer fällt ist zu entscheiden, was ich hier weiter tun möchte und kann, damit Deutschland nicht eine ähnliche Entwicklung nimmt. Ich mache Dinge, um Vorurteile gegen trans*Menschen abzubauen. Bin da durchaus engagiert und sichtbar – aber letztlich wäre es glaube ich gerade wichtiger, sich noch stärker gegen Rassismus zu engagieren.  Ich gehe zwar zu Demos „gegen Rechts“, aber ich habe nicht das Gefühl, dass das viel bewirkt. Denn damit erreiche ich ja nicht die, bei denen man Vorurteile abbauen müsste – diejenigen, die vielleicht noch nicht auf die Demos der -gidas und Pro-Bewegungen gehen und die vielleicht noch nicht komplett sicher sind, dass sie die AfD wählen werden. Das sind die, mit denen ein Dialog sich ja vielleicht noch lohnen würde. Aber ich hab für mich noch keine gute Idee, wie ich mich da wirksam beteiligen kann.

Ich habe auch immer noch das Gefühl, dass viele meiner Freund*innen an meinem Wohn-/Arbeitsort die Situation nicht ernst nehmen – vermutlich auch deswegen, weil sie zu einer Gruppe von Menschen gehöhren, die zumindest von Mehrfachdiskriminierungen nicht stark betroffen sind. Sie sind fast alle weißdeutsch, haben keinen Migrationshintergrund. Viele…ok, die meisten…sind schwul oder lesbisch, aber sie sind – wie ich – fast alle Akademiker*innen, leben in eher gesicherten ökonomischen Verhältnissen. Wir leben in einer sehr privilegierten Situation; sind stolz darauf, dass wir andere nicht aktiv diskriminieren.  Aber es reicht einfach nicht, sich auf die Schulter zu klopfen dafür, wie tolerant man ist, wenn man gleichzeitig mit dem Hintern auf der bequemen Couch sitzen bleibt. Und ich sitze da vielleicht ein bisschen weniger, als manche meiner Freund*innen, aber auch bei mir ist da Luft nach oben.

Und sonst in meinem Leben? Quäle ich mich mit der Frage, ob ich in eine Mietwohnung ziehen soll. Ich habe mir heute eine angeschaut und bin hin- und hergerissen. Die Vermieter*innen waren nett und politisch auf der richtigen Seite. Wir haben die Wohnung angeschaut und dann noch einen Kaffee getrunken, uns unterhalten. Sie wohnen auch in dem Haus, es wäre also wichtig, dass es passt. Ich habe mir auch ein Herz gefasst und ihnen gesagt, dass ich mitten in der Transition stecke und dass meine Dokumente noch auf den alten Namen laufen. Kein Problem, wie es scheint. Ich muss die Eindrücke von heute erst Mal sacken lassen. Dann vielleicht morgen noch mal mit meinem Mann reden, was bei ihm gerade der Stand der Haus-/Wohnungssuche ist. Aber die Entscheidung kann mir natürlich mal wieder niemand abnehmen. Das, was mir am meisten Sorgen macht ist, dass es ein Altbau ist, der vermutlich eher hellhörig ist. Ich hab Leute über und unter mir. Das macht mir viel anxiety, weil ich so extrem lärmempfindlich bin und gerade das Thema „Schlaf“ bei mir so heikel ist.

Naja. Nun schlafe ich erst einmal eine Nacht drüber, was?

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Falls Ihr für Menschen in den USA spenden wollt, die unter den Folgen einer Trump-Präsidentschaft am stärksten leiden werden, und Anregungen braucht – hier ein paar Vorschläge:

The American Civil Liberties Union, ACLU – setzt sich für die Wahrung der in der Verfassung verankterten Rechte für jede*n ein, insbesondere auch für die Rechte von Immigrant*innen: https://www.aclu.org/

The Southern Poverty Law Center, SPLC – setzt sich für die Rechte benachteiligter Gruppen ein, bekämpft Diskriminierung und Rassismus und beobachtet Hate Groups: https://www.splcenter.org/

The Trevor Project – engagiert sich für LGBTQ-Jugendliche : http://www.thetrevorproject.org/

Planned Parenthood – ist im Bereich „reproductive rights“ aktiv (sexuelle Gesundheit, Abtreibung, Verhütung), ermöglichen aber auch Hormontherapie für trans*Personen: https://www.plannedparenthood.org/

Black Lives Matter – wurde 2012 gegründet, nachdem der unbewaffnete Trayvon Martin von einem Weißen erschossen wurde; setzt sich gegen Gewalt und Rassismus ein: http://blacklivesmatter.com/