Slow motion

Meine Gedanken kreisen. Gerade habe ich das Gefühl, dieser Berg vor mir wird nicht kleiner. Immer, wenn ich eine Hürde genommen habe, türmen sich fünf neue vor mir auf. Ich frage mich, mal wieder, ob ich jemals an einen Punkt komme, an dem ich „einfach nur so“ mein Leben leben kann. Ohne Kämpfen und Zweifeln und Angsthaben.

Ich weiß, dass ich in solchen Momenten versuchen sollte, nicht zu weit in die Zukunft zu denken. One day at a time. Aber es ist schwer diesen Berg der da vor mir liegt einfach so auszublenden. Und so wird gerade „one day at a time“ zu einem „one hour at a time“ und das ist sehr mühsam. In Minischritten zu gehen, wenn die Distanz, die du überwinden musst gefühlt noch die eines Ultramarathons ist, braucht ziemlich viel Willensstärke.

Mich belastet die Langsamkeit, mit der alles zu gehen scheint. Die Langsamkeit, mit der das Testo seine Wirkung entfaltet. Die nervenaufreibende Millimeterarbeit, zu der sich die Trennung von meinem Mann entwickelt hat. Meine Unfähigkeit, Prozesse zu beschleunigen – entweder, weil ich das Problem bin, oder weil es nicht in meiner Macht liegt. Oder beides.

Ein ganz großer Brocken, der da noch vor mir liegt ist die Personenstandsänderung. Ich bin mittlerweile soweit, dass ich die prinzipiell möchte. Aber ich habe den Antrag immer noch nicht gestellt, weil schon der Gedanke and die psychologische Begutachtung, der ich mich im Rahmen des Verfahrens unterziehen muss, in mir so viel Panik und dann auch so viel Wut lostritt, dass ich mich dem gerade nicht stellen kann. Mir ist in den letzten Wochen klarer geworden, dass diese Panik wohl auch etwas mit vergangenen, als traumatisch erlebten Situationen zu tun hat. Also arbeite ich mit meinem Therapeuten daran, damit besser umzugehen. Aber die von der Kasse bezahlten Stunden sind aufgebraucht und die Erfolgsaussichten für einen Verlängerungsantrag eher gering.

Und natürlich ist mein Körper immer noch eine genauso große Baustelle, wie eh und je. Different but same. Meine Gedanken kreisen um die Mastektomie und ich habe ziemlich große Angst davor, wie ich wohl mit mir selbst klarkomme, wenn ich vorher für mehrere Wochen das Testo absetzen muss und hinterher wochenlang keinen Sport machen kann. Testo und Bewegung sind das Klebeband, ohne das ich gerade einfach auseinanderfallen würde, weil so viele Risse durch mich und meinen Körper laufen.

Ich bin ein Labyrinth aus Bruchkanten.

 

Still right here, still fighting

Content note: erwähnt Sport und Essen als Mittel, Kontrolle über sich selbst auszuüben

Nee, ich hab die Kurve immer noch nicht gekriegt und hab fast ein schlechtes Gewissen, hier auf dem Blog weiterhin Trübsal zu blasen. Aber dann erinnere ich mich daran, dass das hier ja meine Party ist und Schreiben mir hilft, Dinge zu be- oder verarbeiten. Da müsst ihr jetzt also durch.

Ich hab das, was das Spiegelkabinett letzte Woche ausgelöst hat, immer noch nicht hinter mir gelassen. Ich hasse gerade so ziemlich alles an mir und meinem Körper und ich bin wütend und traurig darüber, dass ich mich dem nicht entziehen kann und dass ich immer noch keine gute Strategie habe, mit diesen Gefühle irgendwie umzugehen. Ich wünsche mir so, mich irgendwann einfach nur OK finden zu können und ich habe keine Ahnung, ob ich das jemals haben werde.

Mir ist klar, dass ich mich selbst anders sehe, als die anderen mich – aber wie kann ich lernen meinen Blick zu verändern? Die Strategie, die ich meistens fahre ist, einfach nicht hinzusehen. Aber das ist halt nicht wirklich eine gute Lösung. Ich weiß (und wusste das auch vor Beginn der Hormontherapie), dass Testo dieses Problem nicht lösen würde. Ich mag alle Veränderungen, die es bis jetzt bewirkt hat und diese Veränderungen haben dazu geführt, dass ich bestimmte Aspekte meines Körpers besser aushalten kann, aber es wird einfach nicht mal annähernd alle meine grundsätzlichen Probleme mit mir selbst lösen.

Ich bin diese Scheiße (pardon) so leid. Ich merke, wie Verhaltensweisen und Denkmuster wieder akuter werden von denen ich weiß, dass sie nicht hilfreich sind – weil sie das Problem nicht lösen und weil sie mich, wenn es schlecht läuft, weiter runterziehen. Einige davon haben damit zu tun, dass ich versuche mehr Kontrolle über meinen Körper zu bekommen, vor allem über Sport oder Essen. Dahinter steht, glaube ich, irgendwie ein Wunsch nach Anerkennung, denn dieses „sich beherrschen“ ist ja eine Verhaltensweise_Eigenschaft, die in unserer Gesellschaft positiv belegt ist.

Mich selber „voraussetzunglos“ wertschätzen kann ich nicht. Also versuche ich es mit dieser Krücke, über den Blick der anderen.

Funktioniert übrigens nicht.

Irgendwie passend dazu hat Twitter gestern die Helden in meine Timeline gespült und ich habe mich an „Alles“ erinnert.

Würde ich tanzen? Ich glaube ja.

Unberührbar

Content note: Körper-/Selbsthass

Heute bin ich wieder richtig ins Fallen gekommen und ich hasse gerade irgendwie alles. Jedesmal erschreckt es mich wieder, wie groß eigentlich mein „Absturzpotenzial“ immer noch ist und wie wenig es braucht, mich über diese Klippe zu schubsen.

Eigentlich ging es mir ganz gut, aber mir ist ein Hotelzimmer dazwischen gekommen.  Hotelzimmer sind viel zu oft viel zu voll mit Spiegeln. Das, in dem ich übernachten musste hatte drei. Davon zwei Ganzkörperspiegel, und es war mir schlicht unmöglich ihnen auszuweichen. Das hat mir auch mal wieder vor Augen geführt, wieviel von diesem „mir geht’s ganz gut, ich komme mit meinem Körper klar“ darauf baut, dass ich einfach nie nie nie „so richtig“ in den Spiegel schaue, vor allem dann nicht, wenn der ganze Körper zu sehen ist.

Heute und gestern durfte ich also mal wieder erleben, was es mit mir macht, mich im Spiegel zu sehen. Ich kann meinen Gefühlen dazu immer noch nicht gut Ausdruck verleihen. Es ist eine tiefe Verzweiflung und ganz viel Hass. Das schlimme ist, mir ist klar dass ich wohl eine verzerrte Wahrnehmung von mir habe, aber ich kann die nicht umgehen oder „objektivieren“. Und ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob es wirklich hauptsächlich mit internalisierten Genderstereotypen zu tun hat. Ich sehe einen Körper, der völlig (für mich) „falsch“ proportioniert ist. Ich sehe etwas grotesk-unförmiges und ich ertrage es nicht. Schon darüber zu schreiben, was ich denn sehe und was mich so fertig macht ist nicht wirklich möglich. Da hängt auch so viel Scham dran, ich weiß nicht, wie ich das jemals überwinden oder bearbeiten können soll, wenn ich es noch nicht mal wirklich aussprechen kann.

Ich fühle ich mich so unglaublich einsam. Ich fühle mich allein mit diesen Empfindungen. Ich glaube, dass ich für mich selbst wahrscheinlich nie gut genug sein werde und ich übertrage das automatisch auf andere, denen ich genauso unterstelle, dass sie mich nicht mögenswert finden können. Ich fühle mich unberührbar und unerreichbar, für mich selbst und für andere, und es ist schlimm gerade.

Nicht so, wie du denkst

Es tut doch nicht weh, einfach mal nicht automatisch und aus dem bloßen Augenschein heraus Annahmen darüber zu machen, was für ein Geschlecht eine andere Person hat. Könnte es nicht sein, dass es nicht so ist wie du denkst?

Das Zitat stammt aus dem Theaterstück, an dem ich mitgewirkt habe. Es war mein persönliches Statement – eine Botschaft,  die ich direkt und eigentlich fast ohne die „4. Wand“ ans Publikum richten konnte.

Ich habe mir gewünscht, dieses Publikum ein bisschen dafür zu sensibilisieren, wie sehr es mich und andere trans*Menschen belastet, dass alle Welt von (körperlichen) Äußerlichkeiten auf das Geschlecht schließt, um dann möglichst in jeder Kommunikation auf dieses angenommene Geschlecht zu verweisen und Bezug zu nehmen. Dieses falsch gegendert werden, jeden Tag, immer und immer wieder ist so unglaublich zermürbend. Jeden Tag aufs neue bekomme ich vor Augen geführt, dass mein Geschlecht für die anderen nicht nur unsichtbar, sondern nicht einmal vorstellbar ist.

Wir sind die Abweichung von einer Norm, die so mächtig und alles-durchdringend ist, dass es den meisten Menschen noch nicht einmal möglich ist zu sehen, dass ihre Art der alltäglichen Kommunikation für manche sehr verletzend ist und dass eben nicht alle Platz finden unter dem großen Schirm dieser Norm. Also lassen sie uns im Regen stehen.

Dabei würde es so wenig kosten, einfach mal ab und zu nach dem ersten visuellen Eindruck innerlich einen Schritt zurück zu treten und sich daran zu erinnern, dass der Augenschein nichts, rein gar nichts, über das Geschlecht einer Person verrät. Es kostet so wenig, ab und zu mal geschlechtsneutrale Formulierungen zu benutzen. Den cis-Leuten, die ihr damit ansprecht, tut es nicht weh. Aber falls durch Zufall eine trans*Person unter den Angesprochenen ist, könnt ihr für diese Person das Leben möglicherweise gerade ein bisschen erträglicher machen. Ihr könnt uns eine winzige Atempause verschaffen, in der wir einmal nicht daran erinnert werden, dass wir nicht in euer System passen.

Mich macht dieses falsch gegendert werden gerade mal wieder richtig kaputt und dünnhäutig. Jeden Tag schreibt ihr mit euren Worten die Frau ein, die ihr da zu sehen meint.

***

Vor ein paar Tagen in dem Laden, in dem ich mir die immer gleiche Suppe hole, wenn ich es mal nicht geschafft habe, mir mein eigenes Mittagessen mitzubringen. Eine Gruppe von Menschen diskutiert in Englisch und einer asiatischen Sprache darüber, was sie essen wollen. „Vielleicht möchte die Dame erst bestellen?“ Die Person hinter der Theke meint mich. Unsicherheit, Traurigkeit, und Wut steigen in mir hoch. „Nicht ‚Dame‘ bitte“. Zugegebenermaßen eine halbherzige Korrektur. Aber versucht mal, völlig fremden Menschen unter den Augen von etwa 8-10 Zuschauer_innen zu erklären, warum sie daneben liegen. „‚Junge Frau‘ dann?“ Mir gelingt es, den Fluch, der mir auf den Lippen liegt, wieder runterzuschlucken. „Wenn schon, dann ‚Herr‘. Oder einfach gar nichts“. Keine Reaktion. Es ist so, als hätte ich nichts gesagt.

***

An der Rezeption des Hotels, in dem ich vorgestern auf einer Dienstreise übernachtet habe. „Ich habe eine Reservierung auf den Namen <Nachname>“. Die Person tippt auf der Computertastatur. Guckt. Zögert. „Wie ist denn der Vorname?“ Ich nenne meinen männlichen Vornamen. „Ach….. ah so“. Ich rechne der Person an, dass sie zumindest versucht so zu tun, als sei sie nicht irritiert.

***

Bei der dienstlichen Veranstaltung, auf der ich gestern war. Der Organisator vertut sich im Plenum direkt in der ersten halben Stunde mit der Anrede. Danke. Damit auch alle, die vielleicht vorher zumindest minimal unsicher waren, wie es um mich und mein Geschlecht denn wohl so bestellt sein mag, auch wissen, was Sache ist. Klar. Keine böse Absicht. Ich kann es ihm noch nicht mal übel nehmen. Er spricht nur das aus, was eh alle sehen. Aber ich hasse meinen Körper so dafür, dass er so aussieht wie der einer Frau. Und ich bin so sauer auf dieses „cistem“, das mir jeden Tag wieder vor Augen führt, dass ich eine Abweichung bin.

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Und dann ist da die Person, die mich abends auf dem Bahnsteig anspricht. „Hey Bruder, hast du ein bisschen Kleingeld für mich?“ Und ich traue mich nicht mehr, den Blick zu heben oder was zu sagen aus Angst, dass er feststellen könnte, dass er sich „vertan“ hat.

Out!

Was für eine Woche! Es war die Woche mit „Tag x“ – Namensänderung und komplettes coming out auf der Arbeit. Es war ja alles von langer Hand geplant und los ging es schon vorletzte Woche mit der Information der Teamleiter_innen durch die Abteilungsleitung. Ab da war „es“ dann zumindest kein wirkliches Geheimnis mehr, denn es wurde kein Stillschweigen vereinbart. Da war ich das erste Mal ziemlich nervös o_O. Völlig unbegründet eigentlich. Ein Kollege kam vorbei und fragte nur, ob er den neuen Namen ab sofort benutzen soll (Ja, bitte :D). Eine Kollegin hat mich beglückwünscht, mehr passierte erstmal nicht.

Am Montag bekam der Flurfunk dann etwas mehr Futter – da wurde die Namensänderung in einer Teamsitzung kommuniziert. Gleichzeitig hat die Gleichstellung die Abteilungsleiter_innen der anderen Abteilungen informiert. Im Nachgang bekam ich ein, zwei nette Emails. Dienstag sollte dann die Umstellung der Emailadresse etc. stattfinden. Ab 8 Uhr saß ich hibbelig am Schreibtisch. Und saß… und saß… und es passierte: nix. Gegen mittag habe ich versucht, die IT zu erreichen, um mal nachzufragen. Keiner ging dran. Aaaaahhhhh!

Am frühen Nachmittag war es denn endlich (ENDLICH) soweit: der Name war von der IT geändert worden und die Änderung tröpfelte langsam – seeeeehr langsam – durch die ganzen Systeme und Webseiten. Aber egal, die Emailadresse funktionierte. Es folgten eine Mail der Abteilungsleitung, dann eine von mir – jeweils nur an die Kolleg_innen in der Abteilung. Zum Schluss dann noch eine Mitteilung der Verwaltung an die weiteren Kolleg_innen an diesem Standort.

Puh! Es folgten viele sehr nette Mails an diesem und dem nächsten Tag und im großen und ganzen lief die Woche wirklich gut. Es gab wenige Ausrutscher (in meinem Beisein zumindest) und nur zwei Kolleg_innen haben aus meiner Sicht eher unangebrachte Fragen gestellt. Eine Kollegin geht mir seit Dienstag aus dem Weg, aber das tangiert mich ehrlich gesagt nicht besonders. Ich vermute, sie weiß nicht, wie sie mit der Situation umgehen soll und/oder hat Angst, etwas falsch zu machen.

Wie fühlt sich das jetzt an? Komisch. Nicht so erleichternd, wie ich mir gedacht hatte, aber auf jeden Fall viel besser als vorher. Ich glaube, dadurch dass die „Friktion“, unter der ich im Sozialen immer gelitten habe (also, dass ich mich falsch angesprochen fühlte) jetzt weniger geworden ist, rückt leider das Körperliche mehr in den Vordergrund. Die Tatsache, dass mir völlig klar ist, dass die anderen mich eigentlich als Frau lesen belastet mich natürlich nach wie vor – es war aber auch nicht zu erwarten, dass das verschwindet. Ich hab immer noch das Gefühl, den anderen zu viel zuzumuten und dass ich eigentlich kein Recht habe, diese männliche Rolle für mich zu reklamieren. Ich hoffe, ein bisschen mehr Normalität zumindest bei uns im Betrieb hilft, das ein bisschen abzumildern.

Problem Nr. 2 – ihr ahnt es schon: DIE TOILETTEN-SITUATION /o\. Der Plan war eigentlich, direkt auf die Männertoilette zu wechseln. Aber es kostet mich echt Überwindung – vor allem, weil ich das Gefühl habe, die anderen denken, ich gehöre da nicht hin. Ich sterbe gerade bei dem Gedanken, da jemanden zu treffen. Eigentlich total albern. Ich werde aber nächsten Monat auf einen anderen Flur ziehen – ich hoffe, dass ich den Sprung dann schaffe ;-). Und vorher muss ich noch jemanden zur WC-Etikette interviewen :’D.

Gestern habe ich mich dann kurzerhand noch bei meiner Schwimmgruppe geoutet – sie haben es besser aufgenommen, als ich vermutet hätte. Es gibt da die eine oder andere Person mit eher „verkrusteten“ Ansichten zum Thema gender (und anderen Themen) – viel „mansplaining“ und „cisplaining“. Mein Lieblingskandidat wollte mir z.B: direkt erklären, warum aus seiner Sicht „Geschlechtsumwandlung“ der richtige Begriff ist (meine Meinung zu dem Thema hab ich hier schon mal aufgeschrieben). So halt. Aber dabei blieb es im Wesentlichen auch. Nach wie vor scheint die für viele Menschen die brennendste Frage zu sein, was meine sexuelle Orientierung ist und auf welche Toilette ich gehe.

So. Mal schauen, was die neue Woche bringt. Gedanklich bin ich schon beim nächsten Schritt: Hormonersatztherapie. Ich war letzte Woche zu einem Infogespräch in einer urologischen Praxis, die Trans*personen behandelt. Das hat sich gut und richtig angefühlt!

Teufelskreise

Je länger unser Urlaub dauert, desto mehr habe ich das Gefühl, mich in einer Blase — oder mehr noch, einem Wattebausch zu befinden. Ich fühle mich abgeschnitten, von mir selbst, von anderen. Ich fühle mich allein und irgendwie hilflos. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, ob die Entscheidung für die Transition richtig ist. Ob es mir damit wirklich besser gehen wird. Ich fühle mich, wie im luftleeren Raum. Ich weiß, was ich alles nicht will. Ich weiß, wer ich nicht bin. Aber ich habe Angst, dass die Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe, die falschen sind. Ich kann mir nicht vorstellen, wer ich sein werde, wenn ich die Transition vollziehe. Was ist, wenn ich die Person, die ich im Spiegel sehe, dann immer noch hasse? Was ist, wenn sich mein Körper immer noch nicht gut anfühlt, oder zumindest besser? Was ist, wenn ich mich als Mann ebensowenig angesprochen fühle wie jetzt, wenn die Menschen mich als Frau und mit weiblichen Pronomen ansprechen?

Ich weiß, dass diese Zweifel ziemlich normal sind. Sie sind wahrscheinlich ein weiteres gutes Argument für einen Alltagstest, bevor ich mit den Hormonen anfange. Aber sie quälen mich und treiben mich in eine Spirale aus unguten, dunklen Gedanken. Ich merke das richtig körperlich. Ich fühle mich, als würde mir ein Zentnergewicht auf der Brust sitzen. Ich bekomme kaum Luft, so sehr erdrücken mich diese Gedanken.

Ob das irgendwann mal aufhört?

Selbst|Körper|Bilder

Um das Thema Körperbild schleiche ich schon ganz schön lange herum und weiß nicht so recht, wie ich mich ihm nähren nähern soll (Tippfehler, hallo, Freud).

Mein Körper und wie ich ihn wahrnehme sind etwas, das mich schon lange „quält“. Ich habe mich in meinem Körper, nie richtig heimisch oder aufgehoben gefühlt. Es ist ein Körper, mit dem ich bislang keinen Frieden machen konnte — auch, oder gerade in den vielen Jahren, in denen mir nicht bewusst war, was der eigentliche Knackpunkt ist: nämlich meine Genderidentität.

Ich bin aufgewachsen in und mit einem Körper, der nicht passte — weder mir noch den anderen. Letzteres habe ich vor allem in der Schule über Jahre hinweg erfahren dürfen. Ich war „zu“ groß, tendenziell untergewichtig und so gar nicht „mädchenhaft“. „Es“ und „Elend“ waren da noch die netteren Sachen, die ich von meinen werten Mitschülern (weniger den Schülerinnen) zu hören bekommen habe.

Ich glaube unterdessen, dass das Mobbing mit dafür gesorgt hat, dass mein eigenes Unbehagen über meinen Körper und dem, was mit ihm in der Pubertät so passierte, überdeckt wurde. Was ich damit meine ist: wenn es eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung anderer und meiner Selbstwahrnehmung gegeben hätte, dann wäre ich vielleicht eher auf die Idee gekommen, meine Selbstwahrnehmung zu hinterfragen. Genau das ist letztlich in den letzten Jahren vor meinem Coming out (auch mir selbst gegenüber) passiert. In einem letzten, schon recht verzweifelten Versuch, mich irgendwie in die weibliche Rolle einzupassen, habe ich angefangen, mich femininer zu kleiden. Es gab plötzlich Handtaschen statt Messenger Bag, Kleider statt Jeans, Ballerinas statt Treter. Plötzlich habe ich positive Rückmeldungen zu meinem Aussehen bekommen. Jedes Mal, wenn ich ein Kleid an hatte, habe ich (ich übertreibe) von jeder zweiten Person zu hören bekommen „wie toll das aussieht“. Nur, dass ich mich darüber nicht gefreut habe, sondern immer verzweifelter und wütender wurde. Ich hab mich verkleidet gefühlt, wie eine Drag Queen und wollte meinen Mitmenschen am liebsten entgegen schreien: „Seht ihr nicht, dass das nicht ich bin?“. Ich glaube, das war ein Faktor, der mich dazu gebracht hat, meine Genderidentität ernsthaft zu hinterfragen. (Nur um das zu verdeutlichen: Kleidung hat nichts mit der Genderidentität zu tun, man kann sich feminin kleiden und Mann sein — aber für mich führte meine Reaktion auf diese positiven Rückmeldungen dazu, dass ich mich endlich „geschlechtskonform“ gekleidet habe der entscheidende Riss in meiner Identitätsfassade).

Aber als Jugendlicher und junger Erwachsener habe ich die Klippe „Genderidentität“ meistens irgendwie umschifft. Manchmal gab es da Brüche, die sich aufgetan haben, aber es war offenbar ein Thema, dem ich mich nicht stellen konnte. Also habe ich die Brüche geleimt und die Risse gekittet und für mein Unbehagen andere Ventile gesucht. Wenn ich also so zurückblicke, sehe ich, dass sich mit Blick auf meinen Körper zwei Dinge durch mein Leben ziehen: Probleme mit meinem Gewicht/dem Essen und die Tatsache, dass ich immer und teils exzessiv Sport gemacht habe. Und trotzdem nie zufrieden war mit meinem Körper.

Sport ist immer ein Bestandteil meines Lebens gewesen. Die Liste von Sportarten, die ich mal mehr oder weniger ernsthaft praktiziert habe ist lang: Handball, Rudern, Badminton, Kickboxen, Laufen, Rennrad, Schwimmen, um mal nur die „wichtigsten“ zu nennen. Dazu eigentlich seit ich 19 Jahre alt war ohne größere Unterbrechung (bis vor kurzem) Besuche im Fitnessstudio, phasenweise 5 Mal pro Woche. Wenn ich das so schreibe sieht das ganz schön viel aus. Ich fand es immer „normal“.

Gleichzeitig habe ich immer mit meinem Gewicht gekämpft. Es gab seit der Pubertät glaube ich nur wenige kurze Phasen, in denen ich tatsächlich mal „normalgewichtig“ war. Wenn mein BMI mal um die 18 war, war das schon ziemlich gut — obwohl ich nur selten bewusst gehungert habe. Und obwohl ich dünn war und von anderen eine „tolle Figur“ bescheinigt bekam, habe ich mich immer „unproportioniert“ oder „fett“ gefühlt. Ich schaue nicht in Spiegel, bis heute, weil das was ich sehe, mich verzweifeln lässt. Die Grenzen von gender dysphoria zur body dysmorphic disorder verlaufen da wahrscheinlich fließend. Und mein Verhältnis zum Thema „Essen“ war und ist schwierig.

Genau an diesen „Flickstellen“ ist meine ganze schöne Fassade dann schließlich vor etwa drei Jahren langsam zerbröselt, als ich über meinen Körper und meine Nahrungsaufnahme ziemlich die Kontrolle verloren habe. Die Kurzfassung ist: Massive Nahrungsmittelintoleranzen gepaart mit einer Histamin-Sensitivität plus Erschöpfungszustände, die irgendwann dafür gesorgt haben, dass ich nicht mal mehr ein paar Treppenstufen gehen konnte, ohne mich zu quälen. Siehe auch hier.

Das Gewicht ging weiter in den Keller, Sport konnte ich irgendwann nicht mehr machen und damit fehlte mir einer meiner wichtigsten Kompensationsmechnismen. Das war, neben der Geschichte mit der Kleidung, wahrscheinlich der wesentliche Faktor, der dazu geführt hat, dass ich mich — gezwungenermaßen — mit mir und meinem Verhältnis zu meinem Körper beschäftigt habe. Herausgekommen ist irgendwann, Schritt für Schritt, das Eingeständnis, dass ich trans* bin; dass ich einen Körper habe, in dem ich mich fremd fühle und den ich nur gezwungenermaßen (er)nähre.

Seit ich dieses Wissen habe, hat sich die Wahrnehmung meines Körpers schon verändert. Ich verstehe z.B. mittlerweile viel besser, was mich stört. Wo vorher ein diffuses Missempfinden war, steht jetzt ein viel stärker gerichtetes (leider negatives) Gefühl. Das ist nicht weniger schmerzhaft, aber wenn man weiß, wo der Schuh drückt, kann man leichter etwas dagegen tun. Für mich hat sich mit dieser Erkenntnis eine Tür geöffnet, vielleicht irgendwann das, was ich fühle, mit dem, was ich im Spiegel sehe etwas mehr in Einklang bringen kann (und der Spiegel kann hier das Ding an der Wand oder ein anderer Mensch sein).

Ein erster Schritt in diese Richtung war — Obacht — doch wieder der Sport, allerdings mit dem klar formulierten Ziel der Gewichtszunahme. Im Moment sieht es so aus, als sei das Konzept aufgegangen, obwohl das Ende der Fahnenstange dessen, was ich ohne Testosteron und vor allem mit immer noch eingeschränkter Nahrungsmittelverträglichkeit schaffen kann, wohl langsam erreicht ist. Aber immerhin: ich wiege im Moment so viel, wie in meinem ganzen Leben noch nicht und habe tatsächlich einen normalen BMI. Das entscheidende dabei ist, dass ich (dank eines tollen Trainers!) zugenommen habe, ohne meine Dysphorie wesentlich weiter anzuheizen. Ich habe es geschafft, Muskelmasse zuzulegen. Und wenn mir jetzt ein anderer Mann sagt, ich habe ja muskulösere Arme, als er, dann ist das auch ein Kompliment, über das ich mich freuen kann.

Damit ist Sport zwar doch wieder eine Krücke dafür geworden, den Zustand, in dem ich gerade bin (nicht hier, nicht da) besser zu überbrücken. Ich habe aber (im Gegensatz dazu, wie es bislang oft war) nicht das Gefühl, dass ich Sport nutze, um meinen Körper zu besiegen, sondern um ihn ein bisschen heimeliger zu machen. Und das ist gar nicht so schlecht.