Zurückblick

Da stand doch noch was auf meiner Huch-schon-1-Jahr-Hormone-Agenda. Vor nicht ganz einem Jahr haben H. und ich das erste Mal Fotos gemacht. Sechs digitale Ordner mit Bildern gibt es mittlerweile von mir.

Jedes mal wenn ein neuer Ordner dazu kommt, schaue ich auch die früheren Bilder durch. Es ist ein komisches Gefühl jedes Mal, immer noch, und auf vielen Fotos mag ich mich nach wie vor nicht sehen. Aber aus jeder Serie gibt es auch ein, zwei (drei?) Bilder die ich mag. Irgendwie.

Und irgendwie habe ich es auch aufgeben, nach Veränderungen zu gucken. Also: nach Veränderungen die sich präzise Herauspräparieren lassen und die dann als irgendeine Form von „Fortschritt“ messbar sind auf meiner internalisierten Männlichkeitsskala. Ich sehe Veränderungen. Aber was jetzt genau anders ist und wie ich diese Veränderunge nennen soll? Älter sehe ich aus.

Neulich auf dem Fahrrad ging mir durch den Kopf wie sehr alles was mit „Transition“ zu tun hat in ziemlich absoluten, binären Gegensätzen gedacht ist. Die meisten der Begriffe mit denen wir da hantieren haben damit zu tun, von A nach B zu kommen, von einem Pol zu einem anderen, dazwischen eine Metamorphose. So habe ich es mir glaube ich auch mit den Fotos gedacht – dass ich mir irgendwann diese Bilder ansehe und sage „das bin ich nicht mehr“.

Aber – vielleicht funktioniert es ganz anders. Vielleicht geht es viel weniger darum ob und wie weit ich mich von meinem „alten Ich“ entferne, sondern darum wie sich mein Blick auf mich verändert. Und vielleicht kann ich mir jetzt die Bilder von vor einem Jahr ansehen und dort viel mehr von meinem „gegenwärtigen Ich“ entdecken, als es mir damals möglich war.

Von neulich auf dem Rad schwirrt mir immer noch ein Satzfetzen im Kopf herum: „Transition passiert im Kopf“. Das ist keine ausschließliche Wahrheit, aber ein bisschen, manchmal, stimmt es vielleicht.

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Freifall

Heute hatte ich also das erste Vorgespräch bezüglich der Mastektomie. Die Operateurin war sehr nett, offen, empathisch. Sie hat bestätigt, was ich schon erwartet hatte – ich werde um die sogenannten „großen Schnitte“ nicht herumkommen. Das bedeutet u.a. zwei Narben – oder, wenn es schlecht läuft eine durchgehende – quer über die Brust. Die Narben machen mir nicht solche Sorgen, mit denen hab ich eh gerechnet.

Es bleibt das ungute, verunsicherte Gefühl – es ist letztlich ein Blindflug. Ich habe keinen Einfluss darauf, wie das Ergebnis wird. Das Bauchgefühl muss stimmen. Hier stimmt es gerade nicht, aber ich merke auch, dass ich da noch ein paar Dinge für mich klarkriegen muss. Irgendwo gibt es ein Störgefühl…eine Alarmglocke, die zwar nicht laut schrillt, aber sie ist wahrnehmbar.

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Ich fahre nach dem Termin zu H. Leihkamera für den Urlaub abholen. Es tut gut, gerade nicht allein mit mir zu sein, Kaffee zu trinken und so zu tun, als wäre nicht alles in Unordnung. Wir reden über Gott und die Welt und das Fotoprojekt. Über neue Locations und andere Blickwinkel. Mehr Bewegung. Ich in Aktion. Mein Körper reagiert prompt. Anspannung. Bingo. Wir haben mal wieder eine meiner Grenzen getroffen. Okay, Kunststück, davon gibt wahrscheinlich mehr, als ich zählen kann. Ich bin ein Minenfeld.

Vielleicht ist es eine von den Grenzen, die es wert sind ausgelotet zu werden.

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Zu Hause zwischen Wäschewaschen und Essen machen im Internet weiter nach OP-Erfahrungsberichten und Fotos suchen. Ich kriege Panik. Mache einen zweiten Termin für ein Infogespräch in einer anderen Klinik. Wartezeit: 7 Wochen. Mehr Panik. Ich hab das Gefühl, dass mir die Zeit davonrennt.

Erstmal aufs Rad, Beine machen und Gedanken laufen lassen. Bergauf – es arbeitet, mein Körper lässt viele Gedanken auf mich los, ungerichtet, scheinbar wahllos aneinandergereiht. Sie drehen sich um mich, das Gefühl unzulänglich zu sein, ein Versager. Sie drehen sich um Fotos, den Verlust von Kontrolle. Meine Beine brennen, warum geht da nicht mehr?

Bergab – hochschalten, den Lenker tief greifen, klein machen, antreten und mich fallen lassen. Abwärts mit 60, 65 km/h und meine Aufmerksamkeit ist nur noch vor mir auf der Straße, auf der nächsten Kurve. Volle Konzentration, eine Illusion von Kontrolle. Nicht denken.

Nach nicht mal einer Minute ist die Abfahrt vorbei. Wieder bergauf. Repeat.

50 Kilometer später haben verschiedene Dinge einen Namen, die wahllosen Gedanken eine zerbrechliche Ordnung. Nichts davon ist eine Überraschung. Oder vielleicht ist die Überraschung, wie ich es immer schaffe das Thema zu maskieren, um das sich scheinbar doch immer alles dreht: das mich selbst (nicht) als wertvoll ansehen können. Und das immer gleiche Muster: vergebliche Versuche, mehr Kontrolle über meinen Körper zu erlangen, in der Hoffnung, das Selbstwertvakuum damit irgendwie füllen zu können.

You’re doing it wrong!

Ich glaube, das ist es, was teilweise gerade hinter diesem selbstgemachten Druck steht, die Mastek jetzt, so schnell wie möglich zu machen. Am besten ohne die Hürden der Krankenkasse. Klar gibt es auch viele pragmatische Gründe, das jetzt schnell über die Bühne zu bringen. Aber ich setze mich mit dem „ich will das jetzt“, als Selbstzahler, unter Zugzwang und das macht mir Panik.

Also. Die Welt geht nicht unter, wenn ich mir mehr Zeit für die Entscheidung über das „wo“ nehme (haha, das klingt in der Theorie so gut). Keine Brüste mehr zu haben würde mein Leben sehr viel einfacher machen. Aber ich weiß auch, dass ich mich auch ohne Brüste nicht mehr werde wertschätzen können, als jetzt.

Mehr Kontrolle wird nicht dazu führen, dass ich mir selbst wertvoller werde. Im Umkehrschluss bedeutet ein bisschen Kontrolle aus der Hand geben vielleicht, dass ich neue Erfahrungen machen kann. Hatten wir das nicht schon mal? 

Fotos „in Aktion“ bedeuten auch Kontrolle abgeben (oder sie nur retrospektiv ausüben zu können, bei der Auswahl der Bilder). Bewegungen, Gesten, Mimik. Kann ich nicht alles kontrollieren und es gibt mir das Gefühl von Blöße und großer Verletzbarkeit.

Mal schauen, ob ich mich dem annähern kann.

 

A million miles away

Heute, gut sieben Wochen nach der ersten Fotosession, sind wir wieder auf den Dachboden gestiegen. Freitagnachmittag. Das Gebäude menschenleer. Unterm Dach ein ganz anderes Licht, als letztes Mal, aber dafür etwas vertrautere Atmosphäre. Ich weiß, ich muss mich nicht verstellen. Muss nicht fröhlich wirken, obwohl ich es vielleicht nicht bin. Kein „Jetzt lächel doch mal“.

Ich sehe mich selbst, wie ich mich in der Linse spiegele wenn sie ganz nah kommt.

H. balanciert auf einem Stuhl, ziemlich wackelig. „Wenn ich jetzt runterfalle, lachst du dann?“ – „Bitte nicht!“ sage ich und fange an zu lachen.

Lachen ist schwierig. Es macht meine Gesichtszüge weich und meine Stimme hell. Es erinnert mich an Zeiten, in denen mein Mann und ich zusammen lachen konnten und es den Anschein hatte, als könnten wir vielleicht glücklich sein.

Mit anderen lachen heißt, für einen Moment meinen Schutzschild senken. Und da auf dem Dachboden ist es irgendwie ok.

Später. Fotos durchgucken. Kaffee. Reden über jetzt und früher. Über Geschlecht und sexuelle Orientierung. Über Mastektomie und Haare auf meinem Bauch.

H. fragt nach Bildern aus meinem Früher. „Früher“ ist meine Blackbox in die ich nicht gerne schaue. Ich mache sie auf, zu Hause.

1999. Ich mit knallroten Haaren, Sonnenbrille, mit einem Menschen, in den ich sehr verschossen war.

2006. Ich mit Fohawk. Im Rock und Flipflops.

2007. Ich, grinsend hinter einer Flasche Brown Dog Ale.

2010. Ich, im Kostüm. Lila Strumpfhose. Lachend.

2012. Ich, in einer violetten Bluse, die auch ein Hemd sein könnte.

2013. Ich, im Wind, verschmitzt dreinschauend.

So viele Fotos auf denen ich lache, obwohl mir nicht zum lachen zumute war. So viele Fotos, auf denen ich meinen Mann sehe, als er noch glücklich aussah. Ich weine um diesen Mann. Und um diesen anderen Menschen da auf den Bildern, der ich mal war, aber auch nicht.

Situation normal, all f*cked up

Diese Woche war echt anstrengend. Mein Mann hat allen Fässern den Boden ausgeschlagen. Ich bin immer noch sprachlos und kann nicht gut darüber schreiben. Die Situation zu Hause ist noch schlimmer geworden, als sie ohnehin schon war und ich schaffe es nicht, mich daraus zu befreien.

Am Montag bin ich Gefahr gelaufen, alles wieder über Bord zu werfen, was ich mir in den letzten Monaten erarbeitet habe. Meine Twitterbubble hat mich aufgefangen <3.

Ich glaube der größte Konflikt entsteht für mich gerade einerseits durch den Wunsch, einfach wegzulaufen und mich aus dieser privaten Situation rauszuziehen. Diese Missachtung, Nichtbeachtung, Abneigung, die mir da jeden Tag entgegenschlägt ist unerträglich. Aber andererseits will ich nicht die Möglichkeit verspielen, vielleicht doch in meinem zu Hause bleiben zu können – auch wenn sie sehr klein ist.

Und weil es für die Woche noch nicht genug war, bin ich gestern mit meinem Therapeuten in die Bearbeitung ziemlich schwieriger Kindheits-/Jugenderinnerungen gestartet. Ich hab mich entschieden, „EMDR“ auszuprobieren. Das ist eine Methode, die helfen kann, als traumatisch Erlebtes zu verarbeiten. Ich tue mich schwer damit das, was ich da erlebt habe, wirklich als Trauma zu bezeichnen. Dafür kommt es mir nicht „schwer“ genug vor. Aber andererseits prägen diese Erfahrungen mich bis heute und sie haben immer noch sehr starke Auswirkungen – z.B. darauf, wie ich meine sozialen Beziehungen gestalten kann.

Diese Erfahrungen sind keine „komplexen“ Traumata. Und ich erwarte nicht, dass die Bearbeitung mein Selbst-Erleben oder die Art und Weise, wie ich mit anderen in Beziehung treten kann, radikal ändert. Aber vielleicht ist das ein (relativ gut erreichbarer) Hebel, mit dem ich zumindest eine kleine Verbesserung herbeiführen kann.

Die Sitzung war unglaublich anstrengend, auf verschiedenen Ebenen. Das fing damit an, dass für diese Methode – bei der visuelle Reize gesetzt werden – mein Therapeut mit seinem Stuhl näher an mich ranrücken musste. Er saß zwar objektiv betrachtet immer noch recht weit von mir entfernt, aber es war mir trotzdem zu nah. Dazu addiere man dann die ganzen Ängste und Emotionen bezüglich meines Manns, die Gefühle, die von der Erinnerung an die Erlebnisse ausgelöst wurden UND die Angst, die ich vorher vor diesen Gefühlen hatte. Puh o.O

Es war sehr fordernd und ich hab immer wieder sehr starke Angstgefühle gehabt. Es hat 2 Stunden gedauert, bevor ich wieder aus der Praxis rausgegangen bin. Aber komischerweise war ich zu diesem Zeitpunkt völlig ruhig und mein Kopf hatte mal Pause. Kein Gedankenflackern, keine Gefühle. Ich wünsch‘ mir manchmal, es könnte immer so sein.

Morgen ist übrigens der zweite Fototermin. Nochmal gemischte Gefühle. Ich freue mich eigentlich drauf, aber ich habe Angst vor dem, was ich auf den Fotos (nicht) sehen werde. Ich nehme zwar Veränderungen an mir wahr, aber das bewegt sich alles in Dimensionen, die auf Fotos nicht zu sehen sein werden.

Ich weiß gerade nicht, ob ich das gut aushalten kann.

Lo and behold

Ich war gestern beim Friseur. Endlich! Haare sind ein ziemlich großes Ding für mich. Ich hab Friseur_innenbesuche gehasst, seit ich denken kann. Nie war ich zufrieden mit dem, was dabei rauskam. Nie hab ich „richtig“ ausgesehen hinterher. Naja. Heute habe ich eine Idee, warum das so war – aber vielleicht waren es auch einfach alles keine guten Friseur_innen ;-).

Vor über 10 Jahren (o.O) hab ich meinen jetzigen Friseur gefunden und seitdem gab es tatsächlich nicht ein einziges Mal den Fall, dass ich einen Haarschnitt nicht mochte (außer in der Übergangszeit zwischen zwei Frisuren vielleicht). Ich glaube, in dieser Zeit sind Haare/Frisur so wichtig für mich geworden, weil sie vielleicht das einzige an meinem Körper waren, das ich so gestalten konnte, dass ich es gut fand.

Nach fast sechs Wochen sind gestern gefühlt 800g Haare runtergekommen und ich hab mich hinterher großartig gefühlt. Ich habe mich glaube ich lange nicht mehr so über einen Haarschnitt gefreut. Als ich dann auf die S-Bahn wartete um nach Hause zu fahren habe ich mit dem Handy ein Foto von mir gemacht. Das ist schon ziemlich ungewöhnlich, weil ich das aus bekannten Gründen echt selten mache – nur so als Maßstab dafür, wie gut dieses frisch-geschoren-Gefühl war :-).

Zu Hause hab ich mir das Bild angeschaut und darauf einen stillen, reserviert blickenden Menschen gesehen. Alles wie immer eigentlich, aber ich fand es schon bemerkenswert, wie groß die Diskrepanz zwischen dem Innen und dem, was man sehen konnte war. Es ist, als würde ich eine unbewegliche Maske tragen.

Ich musste in diesem Moment wieder daran denken, dass der Fotograf mich gefragt hat, was ich mir von dem Fotoprojekt wünsche und was aus meiner Sicht das Ziel des Projekts wäre. Ich fand und finde die Frage gar nicht so leicht zu beantworten. Klar, es geht irgendwie darum, Veränderungen zu dokumentieren. Aber welche eigentlich? Ich glaube, dass es mir nicht nur darum geht das sichtbar zu machen, was sich körperlich, an der Oberfläche verändert – durch die Hormone und mögliche OPs.

Natürlich ist das kein unwichtiger Aspekt: Fotografien ermöglichen es Veränderungen sichtbar zu machen, die sich so langsam und graduell vollziehen, dass sie gerade für mich – als die Person, die sie durchläuft – nur schwer sichtbar und greifbar sein werden. In diesem Sinne dienen die Bilder sicherlich irgendwie auch einer Selbstvergewisserung. Vielleicht will ich sehen können, dass ich wirklich auf dem Weg bin.

Aber was ist mit den Dingen, die sich „unter der Oberfläche“ vollziehen und die sich noch unglaublich viel schwerer greifen lassen, als die körperlichen Veränderungen? Kann man auf Bildern sehen, wie ich mich fühle – mit mir, meinem Körper? Ob ich mich selbstsicherer fühle, gelassener? Ob ich mich selber vielleicht ein ganz kleines bisschen besser annehmen und mögen kann?

Es wäre spannend, wenn sich das auf den Fotos einfangen ließe. Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass ich vielleicht gelernt habe, ein wenig von dem nach Außen zu lassen, was sich so in meinem Innen abspielt.

Be_bilder_ungen

Fotografien sind für mich ungefähr genauso große Herausforderungen, wie Spiegel. Ich schaue nicht in Spiegel. Und ich mache keine Fotos von mir (oder lasse sie machen), wenn ich es irgendwie vermeiden kann. Beides ruft bei mir oft enorme Verzweiflung über diesen, meinen Körper hervor. Ich fokussiere auf all die Details, die ich nicht ertragen kann, weil sie halt von anderen Menschen als „weiblich“ gelesen werden. Ich kann mich nicht im Ganzen betrachten – ich sehe da nichts Ganzes, sondern etwas fragmentiertes, grotesk verzerrtes.

Und während Spiegel halt „nur“ ein Bild zurückwerfen, sind Kameras eine Verkörperung des Blicks der Anderen. Letztlich bestimmt die_r Fotograf_in Fokus und Bildausschnitt, setzt mich „in Szene“ und definiert so den Rahmen, in dem mein Abbild dann gelesen wird. Ähnlich wie auf der Theaterbühne setze ich mich so dem Blick und Urteil „der anderen“ aus, ohne wirklich steuern zu können, was sie sehen.

Mein doppelter Boden bei solchen Drahtseilakten sind normalerweise Worte. Mir ihnen kann ich mir meine „Deutungshoheit“ was meine Identität und meinen Körper angeht oft zurückerobern. Ich erkläre anderen, wie ich mir wünsche, dass sie mich sehen_deuten, gebe Interpretationshilfe sozusagen. Das ist bei Fotografien in dieser Form schwer möglich. Da steht erst einmal ein Bild, ganz für sich. Und da bin ich dann eben auf die Bildsprache angewiesen, die die_r Fotograf_in beherrscht und steuert, auf die ich aber eben nur eingeschränkt Einfluss habe, weil ich sie nicht beherrsche.

Maximaler Kontrollverlust.

Beste Voraussetzungen dafür also, mich freiwillig vor eine Kamera zu stellen, ne?

Tja. Nun habe ich mich trotzdem drauf eingelassen und habe gestern angefangen, gemeinsam mit einem Fotografen den Prozess, in dem ich da gerade bin, zu dokumentieren. Ich habe vor Beginn der HRT lange hin und her überlegt, ob ich überhaupt Fotos will und wie sie entstehen sollen. Da sind halt einerseits die ganzen schwierigen Gefühle, die ich oben beschrieben habe. Andererseits ist dieser Prozess, in dem ich mich jetzt befinde etwas Einmaliges. Ich bin irgendwie auf dem Weg zu mir selbst – egal wie holprig dieser Weg auch sein mag – und ich will das voll auskosten. Ich will, wie schon mit dem Theaterprojekt, an Grenzen gehen und spüren, wie sich das anfühlt; erleben, was es mit mir macht – und vielleicht auch, was es mit anderen macht.

Und dann hat mir das Leben quasi jemanden vor die Füße geworfen, bei dem mein Bauchgefühl sagte: das kann passen. Das erste Mal kam dieser Fotograf auf meinem Radar, weil er Naziaufmärsche der Umgebung dokumentiert – mit einem entlarvenden, kritischen Blick, der so viel von der unsäglichen, aggressiven und beängstigenden Stimmung bei diesen Veranstaltungen transportiert, dass sich mir die Nackenhaar aufstellen, wenn ich die Bilder betrachte. Als dann im letzten Jahr hier die ersten Geflüchteten in Turnhallen untergebracht wurden, hat er ein Fotoprojekt gestartet, bei dem die Geflüchteten ihren Alltag in den Camps, ihr Leben hier, mit Kameras dokumentieren. Es gab mittlerweile mehrere Ausstellungen der entstandenen Fotografien. Und weil er kurzfristig in der Nähe meiner Arbeitsstelle jemanden suchte, die_r beim Aufhängen der Bilder helfen kann, bin ich rübergestiefelt.

Wir hatten, bevor ich meinen Namen bei Facebook geändert hatte, schon mal Nachrichten geschrieben. Nun schrieb ich bei der Kontaktaufnahme wegen der Hilfe für die Ausstellung mit dem männlichen Namen. Keine wahrnehmbare Irritation bei der ersten Begegnung. Wir hängen Bilder. Irgendwann mal zwischendurch halb Frage, halb Feststellung: „Und Du bist also so transgendermäßig unterwegs?“ Ich grinse über den Satz in mich rein – jemand, die_r einen besseren, respektvolleren Weg findet, mich nach meiner Geschlechtsidentität zu fragen als „Warst Du mal eine Frau?“ hat schon mal einen Stein bei mir im Brett. „Ich hatte mir schon den Kopf darüber zerbrochen, warum in aller Welt ich einen Mann mit ‚Liebe Frau XY‘ angeschrieben hatte“.

Gestern haben wir – nach einem Vorgespräch vor ein paar Wochen – die ersten Fotos gemacht. Ich hatte natürlich ein mulmiges Gefühl (siehe ganz oben), aber ich hab es überlebt :D. Wir hatten eine spannende Kulisse für die Aufnahmen – einen riesigen, staubigen Dachboden mit Luken, durch die Licht einfällt. Rau verputzte Wände. Fotos ohne Blitz, eine Gesichtshälfte im Schatten, irgendwie clean, kühl. Nicht lächeln müssen.

„Hier guckst Du ganz schön machomäßig“.

Werd ich irgendwann mal der, den man da auf den Bildern sieht? Nee, besser andersrum: vielleicht sehe ich auf den Bildern irgendwann mal den, der ich eigentlich glaube zu sein.