Hier, dings, Sprache!

Ich habe meine Kritik an der BILDblog-Kolumne von meinem Blog runter genommen – weil ich die Möglichkeit bekommen habe, ihn auf dem Blog des Autors* der Kolumne zu veröffentlichen. Hier habe ich den Beitrag jetzt versteckt, weil ich nicht eine zu offensichtliche Verbindung zu meinem Blog haben möchte – einfach, weil er in erster Linie für mich persönlich ist und mir beim „Durcharbeiten“ der Dinge dient, die mich bewegen. Dass ich das hier so semi-öffentlich tue ist zwar in gewisser Weise auch politisch, aber aufgrund der viel größeren Reichweite des Blogs, auf dem der Beitrag nun steht habe ich mich entschieden, das zu trennen. Ich bin mit der vergleichsweise geringen Reichweite, die ich jetzt habe sehr zufrieden. Natürlich freue ich mich über neue Leser*innen, aber ich will auch nicht überrannt werden ;).

Ich finde es toll, dass der Autor* der Kolumne meiner Kritik, die ja durchaus nicht zimperlich und in Teilen vielleicht auch polemisch war, diesen Raum gegeben hat. Er hat mich ausdrücklich ermutigt, meine Argumentation nicht „zu verwässern“ und so habe ich meine Vorwürfe nicht noch mal abgemildert oder relativiert. Das ist etwas, das mir ziemlich schwerfällt – weil ich immer schnell denke, meine Gedanken/Gefühle haben keine Berechtigung.

Gleichzeitig habe ich ein bisschen Sorge, was für Reaktionen von anderen kommen – insbesondere auch denjenigen, die meine Art zu Schreiben für anstrengend und unnötig halten. Damit beziehe ich mich nicht so sehr auf meine (zugegebenermaßen auch anstrengenden) Schachtelsätze, sondern auf die Sternchen, Unterstriche und Wortneuschöpfungen, die ich so verwende um meine Texte mit Blick auf gerschlechtsspezifische Formulierungen inklusiver und weniger starr binär zu gestalten.

Für diejenigen von Euch, die sich damit noch nicht so viel beschäftigt haben vielleicht ein paar Worte dazu, was das eigentlich soll: ich möchte anerkennen und sichtbar machen, dass es Menschen gibt deren Geschlechtsidentität sich nicht in die oft ausschließlich verwendeten Kategorien „Mann“ oder „Frau“ einordnen lässt. Ich wünsche mir, dass es sprachliche Normalität wird, Geschlecht nicht mehr als etwas darzustellen, das nur „1“ oder „0“ sein kann. Mann oder Frau. Es gibt Männer und es gibt Frauen, aber das sind eben nur zwei Geschlechter unter vielen anderen. Wenn wir sprachliche Mittel wie das Binnen-I oder einen Schrägstrich verwenden – also LeserInnen, Leser/-innen – dann machen wir diese Identitäten unsichtbar und schließen sie aus.

Persönlich habe ich mich schon immer sehr über die „Alibi-Fußnote“ in den vielen (gerade auch akademischen) Texten aufgeregt, in der steht: „Wir verwenden die männliche Form, aber Frauen sind natürlich mitgemeint“. Mal abgesehen davon, dass die gewählte Formulierung wieder suggeriert es gebe nur zwei Geschlechter – Menschen lesen und verstehen Texte in der rein männlichen Form anders, als wenn Formulierungen gewählt werden die alle Geschlechter einschließen. Es gibt Studien die zeigen, dass unser Gehirn sich schwer damit tut, beim Lesen und Verstehen die Transferleistung zu erbringen die männliche Form auf alle Geschlechter zu beziehen (Anatol Stefanowitsch schreibt z.B. immer mal wieder darüber, siehe z.B. hier auf dem Sprachlog).

Mir ist es wichtig ein größeres Bewusstsein dafür zu schaffen, dass „gendergerechte Sprache“ nicht nur Sprache ist, die Männer und Frauen einschließt. Ich wähle dafür die Sternchen und die Unterstriche, oder ich versuche sogenannte „substantivierte Partizipien“ zu verwenden (z.B. „die Teilnehmenden“). Letztere sind dann aber halt weniger eine Sichtbarmachung, mehr eine Neutralisierung.

Ich schreibe deswegen trans* und bezeichne mich so – auch wenn ich wahrscheinlich sehr weit im „männlichen“ Bereich des Spektrums der Geschlechter bin. Ich nutze diesen Ausdruck um zu sagen: denkt daran, dass es nicht nur trans* Menschen gibt, die Männer oder Frauen sind.

Aus dem gleichen Grund versuche ich vermehrt, statt von „Transmännern“ von trans*Männlichkeiten oder trans*maskulinen Personen zu sprechen – um auszudrücken, dass ich auch Personen einschließen möchte die sich vielleicht – wie ich – im „männlichen Bereich“ des Spektrums bewegen, sich aber deswegen trotzdem nicht als „Mann“ beschreiben. Analog dazu trans*Weiblichkeiten statt Transfrauen.

(Überhaupt muss ich noch mal über den Begriff des „Spektrums“ nachdenken, weil mir das eigentlich zu wenig Dimensionen impliziert).

Bei all dem bin ich auch nicht immer konsequent. Vor allem im Gesprochenen fällt es mir noch schwerer, solche Formulierungen selbstverständlich zu verwenden. Auch weil ich Angst vor negativen Reaktionen bei meinem Gegenüber habe. Aber ich versuche, konsequenter zu werden.

Ein Problem mit den Sternchen und Unterstrichen ist, dass sie die Lesbarkeit von Texten für Menschen erschwert, die z.B. auf Screenreader oder auf Leichte Sprache angewiesen sind. Das sind Schuhe, die ich mir auch anziehen muss – meine Texte sind generell nicht sehr barrierefrei.

Auf den cismännlichen Akademiker dem das einfach „zu umständlich“ ist nehme ich eher keine Rücksicht. (Das bedeutet, dass ich die Diskussion darum auf der Arbeit ziemlich oft führe. Wenn ich denn die Chance dazu überhaupt bekomme: Sternchen sind politisch, wenn ihr euch erinnern möchtet).

Zum Thema Sprache für alle Geschlechter gibt es ein tolles Video von Ash. Vor allem geht Ash auch auf die gesprochene Sprache ein. (Überhaupt findet Ihr auf Ashs Blog viele wichtige Anregungen und Erklärungen zu den Themen Geschlecht, Sprache, beHinderungen).

Und die Rosenblatts haben gerade ein schönes erklärendes Poster zu Leichter Sprache veröffentlicht. Das Poster enthält auch weitere Links dazu.

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Einschreibungen

Im Theaterprojekt haben wir letztens über wissenschaftliche Theorien zum Thema Transidentität diskutiert. Das Team – insbesondere die Regisseurin und der Dramaturg – scheint da ganz schön tief eingestiegen zu sein und das Thema wird auch im Stück aufgegriffen werden.

Da gibt es einerseits Versuche, die Entstehung von Transidentität zu erklären – z.B. gilt der Hormonspiegel der Person, die das Kind austrägt, als möglicher Entstehungsfaktor. Andererseits gibt es immer wieder Studien, die nach körperlichen Indikatoren für Transidentität suchen. Da wird dann zum Beispiel überprüft, ob eine transidente Frau nicht auch ein „weibliches Gehirn“ hat und entsprechende Hirnströme zeigt, etc.

Mir ist bewusst, dass es viele trans*Menschen gibt, die gerne wüssten, warum sie so sind wie sie sind und das ist natürlich vollkommen in Ordnung so.

Ich habe aber mal wieder gemerkt, was für ein massives Unbehagen mir solche Versuche bereiten, Transidentität körperlich messbar und nachweisbar zu machen. Ich denke, das hat damit zu tun, dass solche Studien aus meiner Sicht auf der Idee beruhen, es gebe ein „biologisches Geschlecht“, das am besten auch noch binär ist. Also: „Es gibt ‚biologische‘ Männer und ‚biologische‘ Frauen – und Körper lassen sich eindeutig in die eine oder in die andere Kategorie einordnen. Und wenn jetzt jemand daher kommt und meint, er_sie habe ein anderes Geschlecht, als bei Geburt zugewiesen, dann muss es dafür ja notwendig körperliche Indikatoren geben“.

Da zieht sich mir innerlich alles zusammen. Die Vorstellung vom binären „biologischen Geschlecht“ ist ein sozial konstruierter Mythos. (Wer da ein bisschen drüber lesen möchte, kann dies bei Heinz-Jürgen Voß tun). Aus meiner Sicht können wir nur gewinnen, wenn wir uns ein für allemal davon verabschieden Körper nach Augenschein in vorgefertigte Geschlechterkisten einzusortieren. Es führt doch nur wieder zu weiteren Normierungen und zu einer Abwertung und Stigmatisierung von Menschen, die nicht in die Norm passen.

Für mich bedeutet dieser Drang das Geschlecht einer trans*Person „messen“ zu wollen auch, dass es wieder einmal nicht genug ist, dass ich doch weiß welches Geschlecht ich habe. Mein Geschlecht ist nach Meinung der Wissenschaft offenbar nur dann valide und „natürlich“, wenn es auch körperlich „eingeschrieben“ ist. Dagegen wehre ich mich.

 

Theater, Bebi!

Vor zwei Wochen trudelte ein Aufruf für ein Theaterprojekt in meine Timeline, das Trans* und Inter-Menschen suchte, um gemeinsam mit professionellen Schauspieler_innen und Tänzer_innen ein Stück zum Thema Identität auf die Bühne zu bringen. Ich habe (untypisch für mich) nur kurz überlegt und mich dann dort gemeldet.

Ich habe eigentlich keine Affinität zu Theater und schaue mir selbst eher selten Stücke an. Aber ich finde das Projekt interessant und denke, dass das für mich eine spannende Erfahrung sein könnte.

Eigentlich läuft „auf der Bühne stehen“ allem entgegen, womit ich mich so wohlfühle: Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Ich mag es nicht, wenn Leute mich ansehen und ich mich irgendwie beobachtet fühle. Ich falle nicht gerne auf. Ich mache mich gerne klein (was bei meiner Größe gar nicht so einfach ist). Ich versuche, möglichst keinen Platz zu beanspruchen. Das habe ich „schon immer“ so empfunden, aber seit ich nun überall geoutet bin und mit meinem männlichen Namen auftrete ist dieses Empfinden noch mal stärker geworden – gerade, wenn ich mich in öffentlichen, stark binär gegenderten Räumen bewege. Ich hab oft das Gefühl, ich habe nicht das Recht, mir dort „Raum zu nehmen“ und dort (körperlich) präsent zu sein.

Beste Voraussetzung also, sich mal komplett in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wildfremder Menschen zu stellen :D.

Aber im Ernst. Auf der Bühne stehen hat für mich genau damit zu tun, sich Raum zu nehmen und eine Präsenz zu zeigen – körperlich, stimmlich. Und ich glaube, dass es für mich spannend und gewinnbringend wäre, mich damit im Rahmen dieses Projekts mal auseinanderzusetzen und mal zu schauen, was mit diesen „Widerständen“ passiert, ob sie sich verändern und ob für mich vielleicht auch noch mal ein anderes Körpergefühl dabei rauskommt. Mehr Selbstverständlichkeit. Nicht immer (gefühlt) neben mir stehen. Mal hier sein und präsent sein.

Gestern war ich bei einem ersten Kennenlernworkshop. Das war komisch (vor allem, weil zwei Leute abgesprungen waren und ich also mit nur noch einer weiteren Trans*person ziemlich auf dem Präsentierteller und dem Team gegenüber stand :D). Aber es hat auch Spaß gemacht. Ich muss noch mal in mich gehen – auch ob ich das zeitlich so alles hinbekomme – aber wenn mir das machbar erscheint, bin ich glaube ich dabei!

 

Wo ist denn hier der Notausgang?

Ich komme nicht klar.

Ich verstehe nicht, was gerade passiert und ich habe ziemliche Angst. Vor ein paar Wochen hatte ich das Gefühl, dass mein Leben eine Richtung hat — also, dass es mir gelungen ist, ihm eine Richtung zu geben. Das erste Mal seit so langer Zeit. Das erst Mal überhaupt vielleicht.

Ich habe gerade das Gefühl diese Perspektive zerrinnt mir zwischen den Fingern. Ich stelle meine Entscheidung mit der Hormontherapie zu beginnen, die Transition zu vollziehen, in Frage. Ich habe solche Angst davor, mein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen. Viel von dem zu verlieren, was ich jetzt habe. Meinen Mann, unser gemeinsames Leben, die Sicherheit, die es mir gibt. Aber in dem Moment, in dem ich mich von der Entscheidung zurückziehe, denke ich, dass ich es vielleicht nicht schaffen werde mein Leben überhaupt weiterzuleben.

Ich will die Entscheidung, mit der ich einen wichtigen Teil meines Lebens zerstöre, nicht treffen müssen. Aber leben will ich mein Leben so auch nicht.

Beitrag 1354 aus unserer Reihe: Wasch mich, aber mach mich nicht nass.

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Und ich kreise auch wieder um das Thema Name und Anrede. Ich ertrage es kaum noch, wenn andere mich als Frau ansprechen. Meinen Geburtsnamen mag ich kaum noch schreiben oder hören, mich damit vorstellen. Aber plötzlich habe ich Angst, dass sich ein männlicher Name, die männliche Anrede vielleicht auch nicht richtig anfühlen wird. Was mache ich denn dann? Ich möchte schon als Mann wahrgenommen werden. Weiblicher Name und Pronomen gehen gar nicht. Ich glaube eigentlich auch nicht, dass ich non-binary oder vielleicht agender bin.

Ich fühle mich, als würde ich zwischen allen Stühlen sitzen und weiß nicht, wo ich hingehöre.

Weil ich ich bin, habe ich auch das Gefühl, mich für das ewige Gejammer hier entschuldigen zu müssen. Aber ist ja Quatsch. Ist doch mein Blog.

Selbst|Körper|Bilder

Um das Thema Körperbild schleiche ich schon ganz schön lange herum und weiß nicht so recht, wie ich mich ihm nähren nähern soll (Tippfehler, hallo, Freud).

Mein Körper und wie ich ihn wahrnehme sind etwas, das mich schon lange „quält“. Ich habe mich in meinem Körper, nie richtig heimisch oder aufgehoben gefühlt. Es ist ein Körper, mit dem ich bislang keinen Frieden machen konnte — auch, oder gerade in den vielen Jahren, in denen mir nicht bewusst war, was der eigentliche Knackpunkt ist: nämlich meine Genderidentität.

Ich bin aufgewachsen in und mit einem Körper, der nicht passte — weder mir noch den anderen. Letzteres habe ich vor allem in der Schule über Jahre hinweg erfahren dürfen. Ich war „zu“ groß, tendenziell untergewichtig und so gar nicht „mädchenhaft“. „Es“ und „Elend“ waren da noch die netteren Sachen, die ich von meinen werten Mitschülern (weniger den Schülerinnen) zu hören bekommen habe.

Ich glaube unterdessen, dass das Mobbing mit dafür gesorgt hat, dass mein eigenes Unbehagen über meinen Körper und dem, was mit ihm in der Pubertät so passierte, überdeckt wurde. Was ich damit meine ist: wenn es eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung anderer und meiner Selbstwahrnehmung gegeben hätte, dann wäre ich vielleicht eher auf die Idee gekommen, meine Selbstwahrnehmung zu hinterfragen. Genau das ist letztlich in den letzten Jahren vor meinem Coming out (auch mir selbst gegenüber) passiert. In einem letzten, schon recht verzweifelten Versuch, mich irgendwie in die weibliche Rolle einzupassen, habe ich angefangen, mich femininer zu kleiden. Es gab plötzlich Handtaschen statt Messenger Bag, Kleider statt Jeans, Ballerinas statt Treter. Plötzlich habe ich positive Rückmeldungen zu meinem Aussehen bekommen. Jedes Mal, wenn ich ein Kleid an hatte, habe ich (ich übertreibe) von jeder zweiten Person zu hören bekommen „wie toll das aussieht“. Nur, dass ich mich darüber nicht gefreut habe, sondern immer verzweifelter und wütender wurde. Ich hab mich verkleidet gefühlt, wie eine Drag Queen und wollte meinen Mitmenschen am liebsten entgegen schreien: „Seht ihr nicht, dass das nicht ich bin?“. Ich glaube, das war ein Faktor, der mich dazu gebracht hat, meine Genderidentität ernsthaft zu hinterfragen. (Nur um das zu verdeutlichen: Kleidung hat nichts mit der Genderidentität zu tun, man kann sich feminin kleiden und Mann sein — aber für mich führte meine Reaktion auf diese positiven Rückmeldungen dazu, dass ich mich endlich „geschlechtskonform“ gekleidet habe der entscheidende Riss in meiner Identitätsfassade).

Aber als Jugendlicher und junger Erwachsener habe ich die Klippe „Genderidentität“ meistens irgendwie umschifft. Manchmal gab es da Brüche, die sich aufgetan haben, aber es war offenbar ein Thema, dem ich mich nicht stellen konnte. Also habe ich die Brüche geleimt und die Risse gekittet und für mein Unbehagen andere Ventile gesucht. Wenn ich also so zurückblicke, sehe ich, dass sich mit Blick auf meinen Körper zwei Dinge durch mein Leben ziehen: Probleme mit meinem Gewicht/dem Essen und die Tatsache, dass ich immer und teils exzessiv Sport gemacht habe. Und trotzdem nie zufrieden war mit meinem Körper.

Sport ist immer ein Bestandteil meines Lebens gewesen. Die Liste von Sportarten, die ich mal mehr oder weniger ernsthaft praktiziert habe ist lang: Handball, Rudern, Badminton, Kickboxen, Laufen, Rennrad, Schwimmen, um mal nur die „wichtigsten“ zu nennen. Dazu eigentlich seit ich 19 Jahre alt war ohne größere Unterbrechung (bis vor kurzem) Besuche im Fitnessstudio, phasenweise 5 Mal pro Woche. Wenn ich das so schreibe sieht das ganz schön viel aus. Ich fand es immer „normal“.

Gleichzeitig habe ich immer mit meinem Gewicht gekämpft. Es gab seit der Pubertät glaube ich nur wenige kurze Phasen, in denen ich tatsächlich mal „normalgewichtig“ war. Wenn mein BMI mal um die 18 war, war das schon ziemlich gut — obwohl ich nur selten bewusst gehungert habe. Und obwohl ich dünn war und von anderen eine „tolle Figur“ bescheinigt bekam, habe ich mich immer „unproportioniert“ oder „fett“ gefühlt. Ich schaue nicht in Spiegel, bis heute, weil das was ich sehe, mich verzweifeln lässt. Die Grenzen von gender dysphoria zur body dysmorphic disorder verlaufen da wahrscheinlich fließend. Und mein Verhältnis zum Thema „Essen“ war und ist schwierig.

Genau an diesen „Flickstellen“ ist meine ganze schöne Fassade dann schließlich vor etwa drei Jahren langsam zerbröselt, als ich über meinen Körper und meine Nahrungsaufnahme ziemlich die Kontrolle verloren habe. Die Kurzfassung ist: Massive Nahrungsmittelintoleranzen gepaart mit einer Histamin-Sensitivität plus Erschöpfungszustände, die irgendwann dafür gesorgt haben, dass ich nicht mal mehr ein paar Treppenstufen gehen konnte, ohne mich zu quälen. Siehe auch hier.

Das Gewicht ging weiter in den Keller, Sport konnte ich irgendwann nicht mehr machen und damit fehlte mir einer meiner wichtigsten Kompensationsmechnismen. Das war, neben der Geschichte mit der Kleidung, wahrscheinlich der wesentliche Faktor, der dazu geführt hat, dass ich mich — gezwungenermaßen — mit mir und meinem Verhältnis zu meinem Körper beschäftigt habe. Herausgekommen ist irgendwann, Schritt für Schritt, das Eingeständnis, dass ich trans* bin; dass ich einen Körper habe, in dem ich mich fremd fühle und den ich nur gezwungenermaßen (er)nähre.

Seit ich dieses Wissen habe, hat sich die Wahrnehmung meines Körpers schon verändert. Ich verstehe z.B. mittlerweile viel besser, was mich stört. Wo vorher ein diffuses Missempfinden war, steht jetzt ein viel stärker gerichtetes (leider negatives) Gefühl. Das ist nicht weniger schmerzhaft, aber wenn man weiß, wo der Schuh drückt, kann man leichter etwas dagegen tun. Für mich hat sich mit dieser Erkenntnis eine Tür geöffnet, vielleicht irgendwann das, was ich fühle, mit dem, was ich im Spiegel sehe etwas mehr in Einklang bringen kann (und der Spiegel kann hier das Ding an der Wand oder ein anderer Mensch sein).

Ein erster Schritt in diese Richtung war — Obacht — doch wieder der Sport, allerdings mit dem klar formulierten Ziel der Gewichtszunahme. Im Moment sieht es so aus, als sei das Konzept aufgegangen, obwohl das Ende der Fahnenstange dessen, was ich ohne Testosteron und vor allem mit immer noch eingeschränkter Nahrungsmittelverträglichkeit schaffen kann, wohl langsam erreicht ist. Aber immerhin: ich wiege im Moment so viel, wie in meinem ganzen Leben noch nicht und habe tatsächlich einen normalen BMI. Das entscheidende dabei ist, dass ich (dank eines tollen Trainers!) zugenommen habe, ohne meine Dysphorie wesentlich weiter anzuheizen. Ich habe es geschafft, Muskelmasse zuzulegen. Und wenn mir jetzt ein anderer Mann sagt, ich habe ja muskulösere Arme, als er, dann ist das auch ein Kompliment, über das ich mich freuen kann.

Damit ist Sport zwar doch wieder eine Krücke dafür geworden, den Zustand, in dem ich gerade bin (nicht hier, nicht da) besser zu überbrücken. Ich habe aber (im Gegensatz dazu, wie es bislang oft war) nicht das Gefühl, dass ich Sport nutze, um meinen Körper zu besiegen, sondern um ihn ein bisschen heimeliger zu machen. Und das ist gar nicht so schlecht.

Ein Plädoyer für einen respektvollen Sprachgebrauch

Ich rege mich mal wieder auf.

Gerade seit dem coming out von Caitlyn Jenner und ihrem „Auftritt“ auf dem Cover der Vanity Fair ist das Thema Trans* in den Medien sehr präsent. Ich bin froh darüber, denn es bringt Sichtbarkeit und im Idealfall vielleicht auch mehr Akzeptanz für Trans*menschen. Noch schöner als Akzeptanz wäre aber Respekt und daran hapert es leider nur allzuhäufig — zumindest im Sprachgebrauch. Klar, oft ist es einfach Unwissenheit, aber gerade Journalistinnen und Journalisten mag ich das nicht nachsehen. Sie haben eine besondere Verantwortung, denn sie tragen wesentlich zur Meinungsbildung bei. Und deswegen erwarte ich, dass sie über solch sensible Themen in einer respektvollen Art und Weise schreiben — im Zweifel erfordert das eben, dass man sich informiert und/oder jemanden fragt, der oder die sich damit auskennt. Keine Raketenwissenschaft.

Entzündet hat sich mein Zorn zuletzt insbesondere an der SPIEGEL ONLINE Kolumne von Jan Fleischhauer (wer es sich antun möchte möge hier nachlesen). Ich versuche, meine Kritik an seinen kruden Thesen zum Thema binäre Geschlechterordnung und Trans*menschen mal außen vor zu lassen (und auch die ziemlich dumme und beleidigende Pauschalisierung am Ende). Stattdessen folgen ein paar Zitate (alle aus „Die Gender Lüge“ von Jan Fleischhauer) mit meinen Gedanken dazu.

1. Zitat „…Transsexuelle wie der Olympiasieger Bruce Jenner“ (Abstract)

  • Auch wenn hierüber in der Community kein Konsens herrscht: viele Trans*menschen mögen den Begriff „transsexuell“ nicht. Denn Transidentität hat nichts mit der Sexualität zu tun sondern, genau, mit der Gender Identität. Der Begriff ist nicht prinzipiell abwertend, aber er ist eigentlich überholt.
  • Es ist aus meiner Sicht aber respektlos gegenüber Caitlyn, sie nach ihrem coming out und der Änderung ihres Namens noch als Bruce anzusprechen oder in dieser Form auf sie Bezug zu nehmen. Hier hätte man ohne Not eine Formulierung finden können wie „Die Olympiasiegerin Caitlyn Jenner (vormals Bruce)…“. Hätte niemandem weh getan und wäre genauso deutlich gewesen.
    Der Beginn der Transition ist für uns in der Regel ein Neuanfang. Und auch, wenn viele von uns ihren Frieden mit dem „alten“ Selbst gemacht haben, erinnert uns der alte Name oft an eine schwere, schmerzvolle Zeit. Mit der Transition lassen wir ganz viel Ballast hinter uns und es ist ein Zeichen des Respekts uns diesen Ballast nicht auf Schritt und Tritt hinterherzutragen.

2. Zitat: „Der Beifall zu der öffentlich zelebrierten Geschlechtsumwandlung wächst, je weiter man politisch nach links neigt“

Ich wünsche mir, Cismenschen würden zumindest versuchen zu begreifen, dass wir unser Geschlecht nicht umwandeln sondern anpassen. Wir sprechen im 21. Jahrhundert von geschlechtsangleichenden Maßnahmen (z.B.. gender confirming surgery). Dies bringt zum Ausdruck, dass sich eben nicht unser Geschlecht ändert, sondern dass wir unseren Körper und die Rolle in der wir leben dem richtigen Geschlecht anpassen.
Die Rede von der „Umwandlung“ suggeriert zudem, dass wir einfach entscheiden können, vom Mann zur Frau (oder umgekehrt) zu „werden“. Tatsächlich sind und bleiben wir (mit Blick auf unsere Geschlechtsidentität) einfach wer wir sind. Wir „tunen“ nur unsere Körper, damit der Rest der Gesellschaft es auch begreift und uns entsprechend behandelt — z.B. indem er uns mit den richtigen Pronomen und dem richtigen Namen anspricht.

Dann zitiert Fleischhauer eine Freundin:

3. Zitat „Nun kommt ein Mann mit falschen Brüsten, künstlich verkleinerter Nase und abgesägtem Kinn, und alle bewundern seinen Mut.“ Was nach Ansicht meiner Freundin nur belegt, dass Männer sich eben immer noch mehr herausnehmen dürfen als Frauen.

Wieder wird Jenner als Mann bezeichnet. Mehrfach. Und es ist immer noch respektlos.

Wie kann jemand, der so schreibt sich ernsthaft wundern, dass viele Trans*menschen sich nur dann wohl in ihrer Haut fühlen, wenn das „Passing“ stimmt — d.h. wenn sie anstandslos als „richtige“ Frauen und Männer durchgehen. Fleischhauer selbst zeigt doch, wie schwer es ihm fällt, Jenner als Frau zu sehen, zu akzeptieren und zu respektieren. Anders kann ich mir nicht erklären, warum er immer wieder als Mann auf sie Bezug nimmt. Wie kann er sich da wundern, dass viele Transfrauen und -männer sich danach sehnen, den gesellschaftlichen Erwartungen bezogen auf ihr Äußeres und ihr Auftreten möglichst zu entsprechen. Oft ist das der Preis, den wir für ein bisschen Normalität zahlen.

Sub|ver|si|on

Als Trans*person die Entscheidung zu treffen, eine wie auch immer geartete Transition zu vollziehen, ist eine der schwierigeren Aufgaben, die das Leben einem so stellen kann. Und zumindest für mich kann ich sagen, dass mir die Entscheidung vor allem deswegen schwer fällt, weil ich damit massiv in bestehende Beziehungen eingreife — mit teils weitreichenden Konsequenzen. Aber es gibt einen zweiten Aspekt, der mir viel Kopfzerbrechen bereitet hat. Dieser hat teils mit dem Thema des vorangegangenen Beitrags zu tun, nämlich der Frage, wie sich Gender – verstanden als soziales Konstrukt – zum Körper, dem „Materiellen“, verhält.

Ich lehne die Vorstellung ab, dass es zwei Geschlechter gibt, die dadurch eindeutig bestimmt sind, mit welchen körperlichen Merkmalen jemand geboren wurde. Wenn das so wäre, gäbe es keine Trans*menschen (also Menschen, die sich nicht dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlen) und ob jemand Mann oder Frau ist, ließe sich anhand einfacher „Messungen“ überprüfen — z.B. durch Analyse der Chromosomen oder der Geschlechtshormone.

Entgegen der landläufigen Meinung gibt es aber Frauen mit natürlich hohem Testosteronspiegel, oder Männer mit zwei X Chromosomen (Klinefelter Syndrom). Das heißt, auch wenn dieses Prinzip von den körperlichen Merkmalen auf das Geschlecht zu schließen meistens funktioniert, ist es eben trotzdem kein Naturgesetz. Die Tatsache, dass es aber so behandelt wird, macht vielen Menschen das Leben ziemlich schwer. Wenn ich zum Beispiel möchte, dass in meinem Ausweis mein richtiges Geschlecht steht (M), dann muss ich mich — weil meine körperlichen Merkmale augenscheinlich etwas anderes sagen — einer umfassenden Begutachtung unterziehen deren Ziel es ist zu beurteilen, dass ich es auch wirklich, wirklich ernst meine und mir nicht etwa einen Spaß erlaube, wenn ich „behaupte“, ich sei ein Mann. (Klar, da könnte ja sonst jede_r kommen — nicht auszudenken, was dem Staat da für Scherereien entstehen würden).

Was mich an diesen Begutachtungen unter anderem aufregt (wenn wir mal außer Acht lassen, wie demütigend es ist, beweisen zu müssen, dass man tatsächlich die Person ist, die man man eben ist) ist, dass sie sowohl Geschlechterstereotype zementiert, als auch die Vorstellung aufrecht erhält, dass Trans*identität eine Transgression ist, die der staatlichen/institutionellen Kontrolle bedarf. In dem Moment, in dem ich mich dafür entscheide, in die Transition zu gehen, liefere ich mich diesem System nicht nur aus, sondern stärke es sogar noch.

Ein Beispiel (nicht fiktiv): Eine Frau, die schon lange nicht mehr in der männlichen Rolle lebt, die weibliche Hormone erhält und nun endlich auch ihren Personenstand angleichen möchte, bekommt durch die Gutachterin bescheinigt: sie sei zwar im großen und ganzen überzeugend als Frau, zeige aber einen noch „männlichen Habitus“. Wenn ich so etwas höre, könnte ich unter die Decke gehen (auch, wenn die betreffende Frau grünes Licht für die Personenstandsänderung bekommen hat). Wann lernen Gutachter_innen (und der Rest der Gesellschaft bitte gleich mit), dass Gender ein komplexes Konstrukt ist und dass auch eine Frau mit Verhaltens- und Ausdrucksweisen, die unsere Gesellschaft männlich konnotiert, trotzdem eine Frau ist. Und wenn sie durch und durch butch ist, ist sie immer noch genauso eine Frau. (Vgl. dazu die wunderschöne Infografik von Sam Killerman).

Genderbread Person v.3
Genderbread Person v3 (cc0) Mehr unter http://itspronouncedmetrosexual.com/2015/03/the-genderbread-person-v3/

Binäre Trans*menschen lernen aus solchen Geschichten, dass sie nur dann „wirklich“ Mann/Frau sind und bei der Begutachtung keine Probleme bekommen, wenn sie den Stereotypen entsprechen. Die Gesellschaft akzeptiert uns nur dann als das Geschlecht, das wir sind, wenn wir unsere Körper und Verhaltensweisen diesen cis-heteronormativen Vorstellungen und Erwartungen anpassen (schöner Comicstrip zu dem Thema hier). Das führt wiederum dazu, dass unsere Gutachter_innen stromlinienförmige Trans*lebensläufe und massentauglich choreografierte Performanzen von der zu begutachtenden Personen dargeboten bekommen — Darstellungen, die genau dem Schema entsprechen, das sie erwarten. Was wiederum dazu führt, dass sie denken, wer „wirklich“ trans* ist, der muss auch einen solchen Lebenslauf haben, muss die Stereotype bedienen, darf keinen Habitus haben, der dem des „Wunschgeschlechts“ widerspricht.

Und da bin ich jetzt endlich an dem Punkt, mit dem ich lange gekämpft habe. Wie kann ich mich in die soziale und medizinische Transition begeben, ohne diesem System in die Hände zu spielen? Denn wenn ich mich von A (Frau) nach B (Mann) bewege, dann erfülle ich doch genau wieder das, was die Gesellschaft gerne hätte: ein binäres System, in dem die Dinge schwarz oder weiß, null oder eins sind. In meinem Ärger darüber spielt auch der Widerwille eine Rolle mir einzugestehen, dass ich — so vermeintlich kritisch und reflektiert ich mit dem Thema Gender umgehe — mich irgendwie eben trotzdem danach sehne, so behandelt zu werden „wie jeder andere Mann“ und mir wünsche einen Körper zu haben, der mehr dem entspricht, was wir üblicherweise als männlich wahrnehmen. Dies steht im Konflikt zu meiner Auffassung, dass es „(auf)richtiger“ und „ehrenwerter“ wäre, das System von innen heraus zu destabilisieren: Subversion. Indem ich z.B. in der männlichen Rolle lebe, ohne Hormonersatztherapie. Indem ich mit anderen darüber ins Gespräch komme. Indem ich dafür kämpfe, als Mann anerkannt zu werden, auch wenn mein Körper etwas anderes zu sagen scheint.

Darauf habe ich lange rumgekaut. Eine wirkliche Lösung für dieses Dilemma gibt es nicht. Ich habe, für den Moment, meinen Frieden mit diesem Problem gemacht. Ich akzeptiere, dass ich ein Bedürfnis habe (einen männlicheren Körper, entsprechend der männlichen Rolle behandelt zu werden) und dass es in Ordnung ist, dieses Bedürfnis zu befriedigen — auch wenn ich weiß, dass ein Teil dieses Bedürfnisses daraus resultiert, wie ich sozialisiert wurde und welchen Botschaften über Männer und Frauen ich mein ganzes Leben lang ausgesetzt war. Es gibt einen Teil von mir, der sich einfach nach einem kleinen bisschen Normalität sehnt. Das bedeutet nicht, dass ich nicht weiter versuchen werde, der Cis-Heteronormativität etwas entgegenzusetzen. Ich bin stolz darauf zu sein, wer ich bin und werde mich nicht verstecken. Aber ich habe nicht die moralische Pflicht immer und um jeden Preis subversiv zu sein.