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Content note: Körper, Körperbild, (kontrolliertes) Essen, Gewicht

Danke für Eure lieben Kommentare/Nachrichten zum letzten Post <3.

Ich habe wenig geschlafen letzte Nacht, aber immerhin irgendwann zwischen zwei und fünf von Katzenbabys geträumt. Ich weiß auch nicht woher die kamen. Aber sie waren besser als die anderen Sachen, die ich im Moment regelmäßig träume. Zum Beispiel, dass meine Stimme sich wieder zurück verändert und heller wird.

Die Angst, die sich darin ausdrückt überträgt sich insgesamt darauf, wie ich mich im Moment wahrnehme. Ich habe das Gefühl, als würde Testosteron nicht (mehr) wirken. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich wieder viel stärker „weibliche“ Gesichtszüge. Das bilde ich mir aller Wahrscheinlichkeit nach ein, aber es ist schwer für mich das auszuhalten. Ich hasse die Form meines Körpers, die Taille, die Hüften, die Unfähigkeit Muskelmasse aufzubauen. Der erste Impuls den ich in solchen Phasen habe ist oft, weniger und kontrollierter zu essen. Das ist so ein Muster, das drin ist und das noch nicht mal bewusst abläuft. Und es ist eine dieser dysfunktionalen, destruktiven „Strategien“ von denen ich gestern geschrieben habe. Allerdings kriege ich es mittlerweile gut hin, schnell dagegen zu steuern. Irgendwann in den letzten zwei Jahren hat es bei mir „klick“ gemacht und ich habe verstanden, dass ich das Ziel „mehr Muskeln“ nicht erreiche, wenn ich zu wenig esse. Aber gleichzeitig erlebe ich halt wie mir mein Körper bei dem Ziel „Muskelmasse“ immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Und mich damit zu arrangieren dass ich nunmal so „ticke“ und mein Metabolismus halt so ist und sich das wohl auch nicht ändern wird – Testo oder nicht – ist für mich schon schwer. Dieses „mich besser arrangieren“ wäre wohl eins der Therapieziele für die Fortführung der Psychotherapie.

***

Heute morgen bin ich dann sehr übermüdet und gerädert eine Wohnung anschauen gefahren, mal wieder. Sie war…okay…aber ziemlich weit draußen. Mein Weg zur Arbeit würde sich damit etwa verdreifachen, da muss ich noch mal drüber schlafen.

Aber als ich da durch die verschneite Landschaft fuhr, immer schön bergauf, habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, dass ich mich darauf freue im Frühjahr wieder auf dem Rad zu sitzen und die „Berge“ dort hochzufahren. Immerhin. Anders als Schwimmen und Fitnessstudio ist das zumindest nichts, wo ich mich mit binären Umkleiden und meinem halbnackten Körper konfrontieren muss. Es ist gut, dieses Ventil noch zu haben. Ich hoffe, dass das Wetter bald wieder mitspielt und ich zumindest wieder ein bisschen radfahren kann.

Jetzt werde ich ein Brot backen und versuchen, irgendwas außer Kaffee in mich reinzubekommen. Und vielleicht noch ein bisschen zu schlafen. Heute Nachmittag und den Abend bin ich unterwegs, ich hoffe das wird okay.

Täglich grüßt…Krankenkassenkram

Puh, was für ein Tag. Ich bin völlig übernächtigt zur Arbeit heute morgen. Mein Mann hatte irgendwie in der Nacht alle zwei Stunden rumgepoltert, ging ins Bad, zog Schubladen auf und zu, hustete, nieste… ich hab kein Auge zugemacht und stand am Morgen völlig neben mir. Also, noch mehr als sonst.

Um 9 Uhr hatte ich erst Mal einen Termin in der Praxis, die die HRT betreut. Immerhin wurde ich dann (nach 50 Minuten Wartezeit) heute ganz ohne Anrede aufgerufen, besser als mit der falschen, ne?

Die Blutwerte sind alle so wie sie sein sollen. Vom Östrogen ist wohl nicht mehr viel übrig. Soll mir recht sein. Ich habe dann mein Anliegen bezüglich der benötigten Untersuchungen und Befunde für den Mastektomie-Antrag vorgetragen: ich brauche eine „hormonelle und genetische Ausschlussdiagnostik“. Ersteres ist ein Bericht (ratet mal, wer dafür 20€ zahlen musste, weil die Kasse das angeblich nicht übernimmt :)))))?). Zweiteres eine Chromosomenanalyse. Da geht es um den Ausschluss einer Intergeschlechtlichkeit.

Man sollte meinen, dass die Chromosomen der Kasse egal sein könnten, wenn man davon ausgeht, dass ich 1. trans* bin im Sinne von „mich nicht dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig empfinden“ und 2. ich körperliche Merkmale habe (i.e. Brüste), die mich daran hindern, im für mich richtigen Geschlecht unbehelligt zu leben. Aber das wäre ja zu einfach. Ich weiß nicht genau was passiert, wenn mein Chromosomensatz von der „XX“ Variante abweicht, aber da denkt die Kasse sich sicherlich noch mal was schönes für mich aus. Seufz.

Die Kasse fordert außerdem einen „Genitalstatus“ – zu erfüllen über einen Ultraschall des Unterleibs sowie einer „Sichtkontrolle“. Haha. Ich habe dankend abgelehnt, als der Endokrinologe das angeboten hat. Den Befund hole ich mir von meiner „Frauen“ärztin. Ich bin aufgrund einiger Probleme und einer OP oft genug dort gewesen, sodass sie aus meiner Patientenakte wohl so einen Befund zaubern kann. Mal schauen, was das wieder kostet.

Auf der Arbeit habe ich nur ein paar Stunden durchgehalten, dann bin ich nach Hause weil es keinen Sinn mehr machte weiter auf den Bildschirm zu starren. Habe mich natürlich nicht krank gemeldet, sondern für den Tag „Überstunden abgebaut“. Ich war ja schließlich „nur“ matschig in Kopf und Magen und unkonzentriert (Achtung, Ironie).

Um den Tag abzurunden kam nachmittags eine Antwort von meiner Krankenkasse, die mir nicht im geringsten weiterhilft. Das muss ich morgen dann doch noch mal per Telefon klären – es hakt nämlich immer noch daran, dass mein Ex-Therapeut kein Vetragstherapeut ist. Also: sie schreiben mir „Natürlich übernehmen wir die Kosten für den Befundbericht, aber wir übernehmen keine außervertraglichen Leistungen“. Tja. Da meine Therapie eine außervertragliche – aber von der Kasse genehmigte und finanzierte – Leistung war, hilft mir das exakt nullkommanull weiter. Ich hab das zugegebenermaßen teils selber verbockt, weil ich das in der ersten Anfrage nicht explizit geschrieben hatte (ich war erstens davon ausgegangen, dass die alles nötige in meinen Unterlagen sehen können und – offensichtlich etwas sehr unbedarft – dass es zweitens nicht so einen grundsätzlichen Unterschied machen kann, wenn sie die Therapie doch genehmigt haben).

Ich wiederhole mich, aber: haha.

Ich geh jetzt mit Wärmflasche ins Bett und hoffe, dass Magen und Kopf sich morgen wieder etwas beruhigt haben.

A fragile equilibrium (T+184)

Morgen bin ich 184 Tage in der Hormonersatztherapie. Am 22. April ging es los. Es war der für mich radikalste Schritt in meiner „Transition“. Radikaler und furchteinflößender als all die Coming Outs, im privaten und beruflichen.

Irgendwie kommt es mir vor, als wäre das gerade erst ein paar Tage her. Aber 183? Dass es mir vorkommt wie gestern, liegt wohl auch daran, dass ich mich oft fühle, als hätte sich kaum etwas verändert an mir, meinem Körper.

Dabei stimmt das nicht. Vieles hat sich verändert. Ich bin auf dem Weg, mir ein neues Leben zusammenzustückeln. Baustein für Baustein. Jeder ist hart erkämpft. Da ist nichts von der Geradlinigkeit, die ich bei anderen sehe. Da ist nichts durchgetaktet, Schlag auf Schlag. Ich mäandere. Zwei Schritte nach vorne, einen zurück. Manchmal zwei.

Das Gebäude, das ich mir da zusammenschustere ist schief und verwinkelt. Es ist Bricolage und es ist wackelig. Es ist oft einsam. Aber es ist trotzdem verwoben mit anderen. Alten und neuen Menschen in meinem Leben. Einer „Community“, der ich mich zugehörig fühle.

Manche Menschen sind mir verloren gegangen in diesem Jahr. Ein sehr wichtiger, aber auch andere. Nicht so sehr mit einem Knall, sie haben sich einfach irgendwie aus meinem Dunstkreis geschlichen. Es macht mich traurig – es waren Menschen, die mir etwas bedeutet haben und mit denen mich etwas verbunden hat. Aber wichtiger sind die, die geblieben sind und die, die ich dazu gewonnen habe. Die, die weiter mit mir Achterbahn fahren.

183 Tage Testosteron. Es hat Dinge verändert. Am merklichsten wohl meine Stimme. Im Gegensatz zu meinem Spiegelbild mag ich die mittlerweile ganz gerne. Manchmal. Meistens? Wenn ihr mögt, könnt ihr unten nachhören, wie sie sich entwickelt hat.

Auch bei meinem so verhassten Spiegelbild muss sich etwas verändert haben, denn seit etwa drei, vier Wochen scheinen viele (die meisten?) fremden Menschen mich männlich zu lesen. Selbst dann, wenn ich noch nichts gesagt habe. Passing. Es fühlt sich noch an, wie auf Eierschalen zu gehen. Bei jeder Begegnung habe ich unterschwellig Angst, mein Gegenüber könnte mich doch in die weibliche „Kiste“ sortieren. Wenn es passiert, bin ich enttäuscht, verunsichert. Ich bin froh, dass diese Momente weniger werden und ich sehne mich nach einem sicheren Passing. Weil es mein Leben einfacher machen würde und weil es Anspannung rausnehmen würde aus sozialen Interaktionen, die ich ohnehin oft als stressig und aufreibend empfinde.

So sehr ich auf der sozialen Ebene dankbar bin für „Passing“, fürs richtig gelesen und gegendert werden – ich habe auch begriffen, dass Testosteron nicht das grundlegende Problem lösen wird, das ich mit mir und meinem Körper habe. Ich mag jede der Veränderungen, die es bis jetzt bewirkt hat – die Stimme, die Haare auf meinem Bauch, meinen Beinen, langsam auch auf meinen Unterarmen. (Aber immer noch nicht in meinem Gesicht, damnit). Ein paar mehr Muskeln. Nichts davon würde ich wieder hergeben wollen. Aber das sind nicht die Dinge, die dazu führen werden, dass ich mich selber mehr mögen kann.

Ich lerne, dass richtig gegendert werden und sich selbst mögen zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

Aber immerhin steckt in den Schuhen jemand, dessen Stimme ich mag :).

 

Horror vacui

Content note: erwähnt essen, Gewicht, Gewichtsverlust

horror vacui (lat. «Scheu vor der Leere») bezeichnet in der Kunst den Wunsch, alle leeren Flächen, besonders in der Malerei und im Relief, mit Darstellungen oder Ornamenten zu füllen.“ (Wikipedia)

Erkenntnis der letzten Tage: I don’t know how to urlaub o.O

Ich habe mich ja eigentlich sehr auf die Zeit hier alleine gefreut, aber die Kombi aus „alleine sein“ und „Urlaub haben“ ist schwieriger, als gedacht. Ich muss mich ziemlich anstrengen, meinen Tagen ein bisschen Struktur zu geben und nicht zu viel Zeit mit Grübeln zu verbringen. Ich schlage mich ganz gut, aber zu dem Preis, dass ich nicht wirklich zur Ruhe komme.

Was nicht funktioniert ist regelmäßiges Kochen/Essen. Wenn ich arbeiten muss, klappt das irgendwie besser – wahrscheinlich, weil ich insgesamt meine Tage inklusive Essen besser planen muss, wenn ich von morgens bis abends unterwegs bin. Home alone fehlt mir die Lust, mir irgendwas zu machen. Prompt ist es mit dem Gewicht wieder abwärts gegangen. Nicht viel, aber ich habe die – für mich – magische 70er Grenze wieder unterschritten. Ich habe ziemlich lange dafür gekämpft, die zu knacken und bin ein bisschen deprimiert, dass ein paar Tage reichen, wieder drunter zu rutschen.

Überhaupt bin ich irgendwie verunsichert, dass das Testo beim Gewicht nicht mehr bewirkt bislang. Ich habe ganz am Anfang der Behandlung einen Satz gemacht, der mich halt auch über diese magische Grenze gehoben hat, aber nun stagniert es wieder. Ich hatte mich mental auf 8-10 Kilo im ersten Jahr eingestellt – was bei meiner nicht ganz unbelasteten Geschichte mit Blick auf essen/Gewicht gar keine so leichte Vorstellung war und ist. De facto waren es nach sechs Monaten in der Spitze mal 2,5 hart erkämpfte Kilo, mit denen ich mich sehr wohl gefühlt habe. Was mich daran frustriert ist, dass geringe Gewichtszunahme auch eine Stagnation bei den Muskeln bedeutet. Ich bin und bleibe ein „hard gainer“ wie er im Buche steht, fürchte ich. Und zack ist da wieder eine Grenze, die mir mein Körper mir setzt und die mich dazu zwingt, mich mit Themen auseinanderzusetzen, an die ich eigentlich nicht ran will.

Same old, same old. Selbstwertvakuum und so.

Was mich auch angefressen hat ist, dass meine Eltern sich in ihrem Urlaub mit meinem Mann getroffen haben. Sie sind in derselben Urlaubsregion, zufällig, und er hatte das vorgeschlagen. Samstag trudelte ein Foto von (m)einem fröhlich aussehenden Mann und meiner Mutter in meine Inbox. Und plötzlich habe ich Angst, was meine Eltern und mein Mann wohl über mich reden. Denke, dass sie – oder zumindest mein Mann – meinen Geburtsnamen und die falschen Pronomen verwenden; dass er das Treffen benutzt, um mich in ein schlechtes Licht zu rücken… Letzteres spielt sich höchstwahrscheinlich nur in meinem Kopf ab, aber ich merke, wie stark bei mir die Angst ist, meine Eltern könnten ihre Unterstützung für mich „relativieren“. Es gibt keinen Anlass, das zu denken – aber das gemeine an solchen Ängsten ist ja, dass man sie mit rationalen Überlegungen nicht unbedingt ausräumen kann.

Um mich auf andere Gedanken zu bringen (haha, Vorsicht, Sarkasmus), hatte ich mir für heute vorgenommen, mich mit dem Thema Vornamens- und Personenstandsänderung zu beschäftigen. Also: einen Musterbrief für den Antrag suchen/anpassen und vor allem den trans*bezogenen Lebenslauf anzufangen, den manche Gerichte – vor allem aber die Gutachter_innen – haben wollen. Dieser Lebenslauf soll dazu dienen, einen Überblick darüber zu geben, welche Entwicklung man so vollzogen hat bis zu der Entscheidung, die Personenstandsänderung in Angriff zu nehmen.  Angefangen von „Schon als Kind wollte ich nie mit Puppen (respektive Baggern) spielen“ bis hin zu coming outs, bereits ergriffenen medizinischen Maßnahmen etc. (Ich hab übrigens mit Barbies und Baggern gespielt).

Mit Unterstützung aus zwei Internetforen und meiner Twitterbubble habe ich die wichtigsten Punkte für diesen Lebenslauf nun zusammen. Ich muss sie morgen nur noch „schön“ formulieren. Um den zeitlichen Ablauf meiner Selbstfindung und der frühen Schritte in meiner Transition nachvollziehen zu können, musste ich noch mal ziemlich viel in einem meiner eigenen Threads in einem der Foren wühlen und aua, das hat mich mitgenommen – da sind natürlich all die Tiefs drin, die ich mit meinem Mann durchlebt habe in den letzten zwei Jahren.

Wenn ich den Lebenslauf fertig habe, muss ich mich noch um eine Geburtsurkunde und Meldebscheinigung kümmern – und mich entscheiden, welche Gutachter_innen ich vorschlagen möchte. Beim für mich zuständigen Amtsgericht ist das zum Glück möglich und ich könnte sogar meinen eigenen Therapeuten vorschlagen. Das hätte den Vorteil, dass ich nicht vor zwei wildfremden Menschen die Hosen runterlassen muss und dass die Kosten vielleicht nicht so hoch ausfallen, weil er mich und meine Geschichte ja kennt und entsprechend nicht so viel Zeit auf das Gutachten verwenden müsste. Und (win-win): er könnte es für den von der Krankenkasse geforderten Bericht über mich und meine Entwicklung teilweise wiederverwerten, wenn ich die Kostenübernahme für die Mastektomie beantrage. Darüber werde ich mit ihm beim nächsten Termin in zwei Wochen sprechen.

In mir sträubt sich nach wie vor alles gegen dieses Gerichtsverfahren und die psychologische Begutachtung. Aber ich will das auch nicht mehr ewig vor mir haben. Ich sehne mich nach einer Zeit, in der ich einfach mal nichts mehr in Angriff nehmen muss in Bezug auf die Anerkennung meines Geschlechts oder in Bezug auf körperliche Angleichung. Keine Ärzt_innen-, Gerichts- oder Gutachter_innentermine mehr. (Ach ja, und keine Scheidung mehr vor mir haben, das würde auch helfen). So eine Transition frisst einfach so viel Zeit und so viele Ressourcen.

Ich sag’s euch, das hat sich das cistem ausgedacht, damit wir die queerfeministische Revolution nicht nebenher planen können!

 

Slow motion

Meine Gedanken kreisen. Gerade habe ich das Gefühl, dieser Berg vor mir wird nicht kleiner. Immer, wenn ich eine Hürde genommen habe, türmen sich fünf neue vor mir auf. Ich frage mich, mal wieder, ob ich jemals an einen Punkt komme, an dem ich „einfach nur so“ mein Leben leben kann. Ohne Kämpfen und Zweifeln und Angsthaben.

Ich weiß, dass ich in solchen Momenten versuchen sollte, nicht zu weit in die Zukunft zu denken. One day at a time. Aber es ist schwer diesen Berg der da vor mir liegt einfach so auszublenden. Und so wird gerade „one day at a time“ zu einem „one hour at a time“ und das ist sehr mühsam. In Minischritten zu gehen, wenn die Distanz, die du überwinden musst gefühlt noch die eines Ultramarathons ist, braucht ziemlich viel Willensstärke.

Mich belastet die Langsamkeit, mit der alles zu gehen scheint. Die Langsamkeit, mit der das Testo seine Wirkung entfaltet. Die nervenaufreibende Millimeterarbeit, zu der sich die Trennung von meinem Mann entwickelt hat. Meine Unfähigkeit, Prozesse zu beschleunigen – entweder, weil ich das Problem bin, oder weil es nicht in meiner Macht liegt. Oder beides.

Ein ganz großer Brocken, der da noch vor mir liegt ist die Personenstandsänderung. Ich bin mittlerweile soweit, dass ich die prinzipiell möchte. Aber ich habe den Antrag immer noch nicht gestellt, weil schon der Gedanke and die psychologische Begutachtung, der ich mich im Rahmen des Verfahrens unterziehen muss, in mir so viel Panik und dann auch so viel Wut lostritt, dass ich mich dem gerade nicht stellen kann. Mir ist in den letzten Wochen klarer geworden, dass diese Panik wohl auch etwas mit vergangenen, als traumatisch erlebten Situationen zu tun hat. Also arbeite ich mit meinem Therapeuten daran, damit besser umzugehen. Aber die von der Kasse bezahlten Stunden sind aufgebraucht und die Erfolgsaussichten für einen Verlängerungsantrag eher gering.

Und natürlich ist mein Körper immer noch eine genauso große Baustelle, wie eh und je. Different but same. Meine Gedanken kreisen um die Mastektomie und ich habe ziemlich große Angst davor, wie ich wohl mit mir selbst klarkomme, wenn ich vorher für mehrere Wochen das Testo absetzen muss und hinterher wochenlang keinen Sport machen kann. Testo und Bewegung sind das Klebeband, ohne das ich gerade einfach auseinanderfallen würde, weil so viele Risse durch mich und meinen Körper laufen.

Ich bin ein Labyrinth aus Bruchkanten.

 

Still right here, still fighting

Content note: erwähnt Sport und Essen als Mittel, Kontrolle über sich selbst auszuüben

Nee, ich hab die Kurve immer noch nicht gekriegt und hab fast ein schlechtes Gewissen, hier auf dem Blog weiterhin Trübsal zu blasen. Aber dann erinnere ich mich daran, dass das hier ja meine Party ist und Schreiben mir hilft, Dinge zu be- oder verarbeiten. Da müsst ihr jetzt also durch.

Ich hab das, was das Spiegelkabinett letzte Woche ausgelöst hat, immer noch nicht hinter mir gelassen. Ich hasse gerade so ziemlich alles an mir und meinem Körper und ich bin wütend und traurig darüber, dass ich mich dem nicht entziehen kann und dass ich immer noch keine gute Strategie habe, mit diesen Gefühle irgendwie umzugehen. Ich wünsche mir so, mich irgendwann einfach nur OK finden zu können und ich habe keine Ahnung, ob ich das jemals haben werde.

Mir ist klar, dass ich mich selbst anders sehe, als die anderen mich – aber wie kann ich lernen meinen Blick zu verändern? Die Strategie, die ich meistens fahre ist, einfach nicht hinzusehen. Aber das ist halt nicht wirklich eine gute Lösung. Ich weiß (und wusste das auch vor Beginn der Hormontherapie), dass Testo dieses Problem nicht lösen würde. Ich mag alle Veränderungen, die es bis jetzt bewirkt hat und diese Veränderungen haben dazu geführt, dass ich bestimmte Aspekte meines Körpers besser aushalten kann, aber es wird einfach nicht mal annähernd alle meine grundsätzlichen Probleme mit mir selbst lösen.

Ich bin diese Scheiße (pardon) so leid. Ich merke, wie Verhaltensweisen und Denkmuster wieder akuter werden von denen ich weiß, dass sie nicht hilfreich sind – weil sie das Problem nicht lösen und weil sie mich, wenn es schlecht läuft, weiter runterziehen. Einige davon haben damit zu tun, dass ich versuche mehr Kontrolle über meinen Körper zu bekommen, vor allem über Sport oder Essen. Dahinter steht, glaube ich, irgendwie ein Wunsch nach Anerkennung, denn dieses „sich beherrschen“ ist ja eine Verhaltensweise_Eigenschaft, die in unserer Gesellschaft positiv belegt ist.

Mich selber „voraussetzunglos“ wertschätzen kann ich nicht. Also versuche ich es mit dieser Krücke, über den Blick der anderen.

Funktioniert übrigens nicht.

Irgendwie passend dazu hat Twitter gestern die Helden in meine Timeline gespült und ich habe mich an „Alles“ erinnert.

Würde ich tanzen? Ich glaube ja.

Kon|figuration|en

Content note: In diesem Post geht es um körperliche Veränderungen durch Testosteron, Selbst-/Körperbild, Gewicht, psychologische Begutachtung für die Mastektomie

Mittlerweile bin ich etwas über drei Monate in der Hormontherapie. Es kommt mir viel länger vor, was glaube ich vor allem meiner Ungeduld geschuldet ist. Ich habe das Gefühl, die Veränderungen gehen nicht schnell genug und alles dauert viel zu lange.

Dabei gibt es natürlich viele kleine Veränderungen und ich warte darauf, dass sie die Schwelle überschreiten, an der sie dann in der Summe als veränderter „Gesamteindruck“ wahrnehmbar werden. Was mir gerade am meisten hilft, mich und meinen Körper besser zu akzeptieren, sind die Veränderungen beim Muskelaufbau. Das ist für mich spürbar und auch messbar, als Kraftzuwachs und Gewichtszunahme (ich hab so genanntes „Normalgewicht“, say whaaaaaaa?). Meinen Oberkörper kann ich manchmal im Spiegel anschauen (wenn es mir gelingt, die Brust auszublenden), ohne dass es diesen ganz schlimmen Hass auf mich/diesen Körper selbst auslöst. Das klingt nicht nach viel, ist aber für mich tatsächlich eine große Sache.

Und meine Stimme klingt manchmal schon ganz gut. Naja. Zumindest morgens ;).

Was ich auch merke ist, dass ich auch mit den Veränderungen, die mir zu Beginn der Therapie zumindest suspekt waren gut klar komme. Insbesondere die möglichen Veränderungen im Genitalbereich haben mir vorher etwas Kopfzerbrechen bereitet. Ohne dass ich mich vorher sehr damit auseinandergesetzt hätte, wie es dort ursprünglich mal aussah, finde ich das, was ich an Veränderungen dort wahrnehme okay.

Nachdem jetzt die HRT läuft, habe ich angefangen mich mit dem Thema Mastektomie (also operative Angleichung der Brust) zu kümmern. Dass ich die will, ist mir schon sehr lange klar – aber ich habe bis jetzt die Auseinandersetzung gescheut, die ich darüber mit der Krankenkasse führen werden muss. Der erste Schritt war, mich zu informieren, was sie überhaupt verlangen für den Antrag. Die Informationen habe ich jetzt (naja, ich hatte sie schon ein paar Wochen, hab mich aber nicht getraut reinzuschauen).

Und ja, es ist ungefähr so schlimm, wie befürchtet.  Sie fordern unter anderem:

  1. Zwei fachärztliche Gutachten (welche auch dem Gericht vorgelegt wurden)
  2. Gerichtsbeschluss über die Personenstandsänderung
  3. Psychiatrisch-psychotherapeutische Begleitung von mindestens 18 Monaten
  4. Psychiatrisch-psychotherapeutisch begleitete durchgängige Alltagserprobung insbesondere auch im beruflichen Bereich von mindestens 12 Monaten.

Punkt 2 ist nach meinem Kenntnisstand nicht zulässig und es regt mich unglaublich auf, dass sie es trotzdem versuchen. Wie kann man eine medizinisch notwendige Behandlung davon abhängig machen, ob ich die finanziellen Mittel und vor allem die psychische Stärke dafür habe, das gerichtliche Verfahren zur Personenstandsänderung (PÄ) zu durchlaufen. Diesem Teil werde ich widersprechen. Und wenn sie zwei „fachärtzliche“ Gutachten haben wollen, dann sollen sie Gutachter*innen bestellen und diese vor allem auch bezahlen – die Gutachten zur PÄ muss ich nämlich selbst bezahlen.

Der Punkt, wo sich mir aber komplett der Magen umdreht ist

8. Psychiatrisch-psychotherapeutischer Befund-/Verlaufsbericht mit Eckdaten zu folgenden Aspekten:

  • (…)
  • Erscheinungsbild, Verhalten, Erleben und Persönlichkeit
  • Körperliche Gegebenheit für das Leben in der neuen Geschlechtsrolle
  • Psychisches Befinden und Gleichgewicht, Sicherheit der Geschlechtsrolle, Sexualität, Beziehung zu Familie und Freunden, Arbeitsfähigkeit und soziale Akzeptanz.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

„Erscheinungsbild“, ernsthaft?

„Körperliche Gegebenheit“?

„Sexualität“?

„Soziale Akzeptanz?“

Was zur Hölle. Es geht meine Krankenkasse einfach nichts an.

„Also tut uns leid, aber sie kleiden sich ja überhaupt nicht männlich genug. Da könnten wir die Mastektomie leider nicht übernehmen“.

„Ach, aber Ihre Oberweite ist ja wirklich auch nicht so groß. Das schaffen Sie schon“.

„Sie haben noch Sex? Dann kann es ja nicht so schlimm sein.“

„Sie haben keinen Sex? Das ist ja total unnatürlich, da machen Sie erstmal eine Therapie für und dann schauen wir weiter“.

„Mit Ihrer Arbeitsfähigkeit sieht es doch gut aus, da kann der Leidensdruck ja nicht so hoch sein“.

Stellen die sich das so ungefähr vor? Die Aussicht, mich in dieser Form der Wertung meines Therapeuten aussetzen zu müssen – einer Bewertung meines Aussehens, meiner Sexualität, meines Körpers – macht mich fertig. Und das Wissen darum, was für ein Eiertanz es schon war, die Indikation für die HRT zu bekommen macht mich nicht optimistischer, was meinen Erfolg bei der Beantragung der Kostenübernahme angeht. Klar wird die Kasse wahrscheinlich irgendwann der Kostenübernahme zustimmen – aber der Weg dahin raubt mir Ressourcen, die ich eigentlich dringend für andere Dinge benötige.

Also denke ich jetzt wieder über Plan B nach. Ich habe Geld gespart, um die OP gegebenenfalls selbst zu bezahlen und vielleicht sollte ich mich einfach gar nicht weiter mit der Krankenkasse auseinandersetzen, sondern einfach machen.