Wiederzuhausesadness

Samstagabend bin ich aus dem Urlaub zurück gekommen. Jetzt weine ich den Bergen, dem Meer und der Sonne hinterher. Es war (trotz der geschilderten Nervfaktoren) eine wirklich schöne Zeit und gerade die letzten beiden Tage nach dem letzten Eintrag haben es irgendwie noch mal richtig rausgerissen. Das lag nicht unwesentlich an der Person, mit der ich an diesen beiden Tagen radfahren durfte. Es war die gleiche Person, mit der ich auch Anfang der Woche schon eine Tour gefahren war – allerdings war die auf sozialer Ebene etwas anstrengend und aufreibend, weil es Konflikte zwischen dem Guide und zwei anderen Gästen gab (die sich total daneben benommen haben). Ich stand nur daneben und war nicht unmittelbar betroffen, aber es war trotzdem nicht so schön. Naja. Fast forward zum Ende der Woche.

Donnerstag war „Marathontag“. Also: höchste Kilometer- und Höhenmeterleistung der ganzen Woche. Ich bin letztes Jahr ein Leistungslevel höher gefahren und war hinterher völlig. am. Ende. Der Marathon war ein Grund warum ich versucht habe, mein Pulver über die Woche nicht komplett zu verschießen, sondern noch ein paar Reserven zu haben. Nun gab es zwar keine Gruppe mit der ich mithalten hätte müssen, aber ich hatte trotzdem einen ordentlichen Respekt vor dem Tag (und Angst davor, nicht durchzuhalten). Der Guide, P, war auf eine angenehme „scheiß auf Leistung“-Art völlig entspannt. Und er* war sich sicher, dass ich das schaffe. Irgendwie hat er es geschafft, von Anfang an Druck rauszunehmen und sich so auf mein Niveau einzustellen, dass es rund lief, die ganze Zeit. Ich kannte ihn schon ein bisschen vom letzten Jahr und er ist von der Fahrtechnik her einfach unglaublich gut. Und präzise wie ein Uhrwerk.

Das energieeffizienteste und kraftsparendste beim Rennradfahren ist eigentlich, mit wenig Widerstand aber hoher Trittfrequenz zu arbeiten. Da es bei mir mit der Muskulatur nicht soooo weit her ist (und schon mal gar nicht nach diesem Jahr), fahre ich mit hoher Frequenz anstatt mich mit hohen Gängen über die Steigungen zu drücken, wie viele andere das machen. P hätte ohne weiteres hohe Gänge drücken können, hat es aber gelassen und so sind wir irgendwie sehr synchron gefahren die ganze Zeit, es hat so gut gepasst. Ich komme mir, wenn ich mit anderen fahre, ganz oft vor wie „the odd one out“ weil ich aufgrund der Fahrweise relativ viel schalte: jedesmal, wenn die Steigung sich ändert und ich meine Frequenz nicht mehr treten kann – während andere, die mehr über Kraft fahren halt nicht schalten, sondern einfach mit mehr oder weniger Druck auf den Pedalen fahren. P hat quasi immer gleichzeitig mit mir geschaltet und es war ein totales Flow-Gefühl. Dazu habe ich erlebt, dass meine Kraftreserven ausreichen. Am Ende des Tages – nach immerhin 93 km und rund 1700 Höhenmetern – war ich alle, aber nicht bodenlos erschöpft. Und auch auf der „sozialen“ Ebene war es gut. Wir haben relativ wenig geredet, aber es war angenehm so. Ansonsten viele „auf einer Wellenlänge“ Vibes. P hat Andeutungen gemacht die darauf schließen lassen, dass er auch Erfahrung mit Depression und/oder psychosomatischen Beschwerden hat und auch wenn wir das beide nicht so ausgesprochen haben, glaube ich schon dass er verstanden hat dass ich diese Erfahrungen auch habe. Und irgendwie habe ich mich im Gesamtpaket sehr „angenommen“ und „okay“ gefühlt. Am Freitag lief es genauso und es war schön – diese Art zu fahren hat es mir ermöglicht, meine Grenzen zu achten ohne mich unzulänglich zu fühlen.

Und nun bin ich einerseits total dankbar, dass ich das so erfahren durfte, aber sehr traurig dass es vorbei ist. Traurig auch, weil mir da eine Person begegnet ist, die ich gerne besser kennengelernt hätte und die ich wohl in absehbarer Zeit nicht wiedertreffen werde – wenn überhaupt noch mal. Ich versuche gerade zu verstehen, warum ich mich dieser Person nach so kurzer Zeit so verbunden fühle – naja, und ich glaube dieser Beitrag ist ein Teil der Antwort. Ich denke, es geht um das gemeinsame Fahrerlebnis und das kurze mich selbst als „okay“ erleben, das es mir ermöglicht hat. Gleichzeitig mit dem dankbar drüber sein bin ich leider auch wütend auf mich – dafür dass ich es zugelassen habe, dass jemand plötzlich auf diese Art wichtig für mich geworden ist, denn es macht mich verletzlich. Grund 543269 warum es schwer ist für mich, Menschen an mich ranzulassen.

Jetzt hat der Alltag mich wieder und ich versuche irgendwie, wieder in den Tritt zu kommen.

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Mastek Nachlese

Content note: Operation, Narben, Foto von Narben (Ausschnitt – ganz am Ende des Beitrags)

Mal was anderes – ich wollte ja schon längst mal ein kurzes Update zum Heilungsprozess nach der Mastektomie geben. Mittlerweile ist die OP ja… äh…13 Wochen her. Ich habe ca. 8-9 Wochen die Kompressionsweste getragen. Empfohlen waren 6 Wochen, aber ohne hatte ich zunächst doch noch hier und da Schmerzen (eher im Gewebe als in den Narben) und vor allem die transplantierten Brustwarzen waren noch ziemlich empflindlich, was Reibung angeht. Ich hatte sie daher tatsächlich auch noch ziemlich lange abgeklebt.

Und so ist es jetzt:

Schmerzen: Die Schmerzen im Gewebe sind verschwunden, wobei es um die Schnitte herum auf jeden Fall noch eine gewisse Druckempfindlichkeit gibt. Also, wenn ich da reindrücke oder am Gewebe ziehe, tut es schon noch weh. Die Brustwarzen sind immer noch sehr empfindlich, sowohl auf Druck als auch auf Reibung.

Beweglichkeit und Gefühl: Es wird langsam (Betonung auf langsam ;-)). Den vollen Bewegungsradius habe ich noch nicht zurück. Beim Schwimmen reicht es z.B. für den Brustarmzug, aber Kraularmzug geht noch nicht. Kaum Einschränkungen habe ich auf der Querachse, also wenn ich die ausgestreckten Arme parallel zum Boden halte und vor oder zurück bewege. Das macht noch leichte Spannung an den Narben, aber nicht viel. Eingeschränkter ist die Längsachse. Also, Arme über den Kopf geht noch nicht wieder so wie vorher. Da entsteht u.a. auch an den Brustwarzen ein Zug, den ich noch als sehr unangenehm empfinde. Da taste ich mich jetzt aber langsam mit ersten Dehnübungen ran.

Ich habe relativ wenig mit Taubheit der Haut/des Gewebes zu tun. Nur bei den Quernarben merke ich, dass ich zwar oben auf der Haut Gefühl habe, dass aber darunterliegende Gewebeschichten sich taub anfühlen. Ist etwas merkwürdig, aber nicht schlimm.

Narben: Sie sehen mittlerweile sehr anders aus, als noch am Anfang. Zunächst waren es sehr klar abgegrenzte Schnitte. Mittlerweile sind dort wo die Fäden waren und um die Schnitte herum Rötungen entstanden, sodass die Narben recht „verwaschen“ aussehen. Teilweise haben sich Knötchen und Verhärtungen gebildet, aber es sieht (glaube ich zumindest), nicht nach einer ungewöhnlichen Narbenentwicklung aus. Besonders knubbelig und hart sind die Narben auf dem Brustbein (davon habe ich unten ein Foto eingestellt). Unter den Armen, wo die Fäden endeten ist es sehr weich, aber die Haut steht dort immer noch ab. Stellt Euch vor, Ihr würdet ein Stück elastischen Teig mit den Fingerspitzen nach oben ziehen – so in etwa sehen die Zipfel aus, die ich da habe. Die Narben rund um die transplantierten Brustwarzen schwellen durch die Reibung vom T-Shirt tagsüber immer noch deutlich an…wie so Schwimmreifen. Fällt aber nicht so auf. Ich massiere momentan abends immer mit Öl (gerade Argan und Lavendel). Morgens habe ich nicht so viel Zeit, da tue ich nur eine Fettcreme drauf, die auch u.a. Lavendelöl enthält. Ähm ja, deswegen glänzt auf dem Foto auch alles :D.

Die kleine offene Stelle, mit der ich ja noch etwas länger zu tun hatte ist mittlerweile auch gut verheilt. Ich habe sie, nachdem sie das dritte Mal wieder offen war konsequent abgeklebt für ca. 2 Wochen glaube ich. Jedenfalls ist sie jetzt zu und ich traue mich auch, dort etwas Zug aufs Gewebe zu bringen.

Okay, ich wollte eigentlich keine Fotos posten aber nun mache ich es doch. Eventuell nehme ich es später wieder raus. Es ist ein Ausschnitt davon, wie die Narben ums Brustbein herum aussehen.

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Und nein, das ist keine verrutschte Brustwarze sondern ein Cent-Stück ;-).

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Updates

Hallo. Ich bin’s. Der Tomi. Kennt Ihr mich noch?

Ja, der letzte Beitrag ist ein bisschen her. Es war turbulent…emotional und auch sonst. Das letzte Wochenende war so richtig schlimm. Am Samstag war die Wohnungsübergabe. Eigentlich bin ich ja froh, dass es endlich weitergeht. Aber es war auch irgendwie klar, dass das nicht ganz ohne Emotionsachterbahn gehen würde und leider hat es mir noch mehr den Boden unter den Füßen weggezogen, als ich erwartet hatte. Haha, Boden. Der hat vielleicht auch eine Rolle gespielt. Es stellte sich nämlich am Tag der Übergabe raus, dass das Parkett, das in der Wohnung liegt (also mittlerweile: lag) raus muss. Das war nicht eingeplant – weder finanziell noch mit Blick auf die Zeit. Ich musste unter ziemlichen Zeitdruck (innerhalb von 24 Stunden) eine Entscheidung treffen, was ich mache und das hat mir glaube ich den Rest gegeben.

Es war plötzlich so extrem präsent und greifbar, was ich alles hier im Haus zurücklassen muss. Von den Möbeln, die wir mit so viel Zeitaufwand und Überlegung ausgesucht haben damals, kann ich praktisch nichts mitnehmen. Es passt alles nicht von den Maßen her. Mit wenigen Ausnahmen werde ich nur meine eigenen, alten Sachen mitnehmen können. Den Rest muss ich neu kaufen. Und ich liebe den Boden bei uns im Haus…den kann ich auch schlecht mitnehmen. Ein Bücherregal, das ich hätte mitnehmen wollen ist 8 cm zu hoch…. Kein Standardmaß. Kürzen ist nicht. Uff. Ich hab das Wochende durchgeheult.

Ansonsten kümmere ich mich um zweitausend Sachen wegen des Umzugs, während mein Mann nun im Urlaub ist. Das hat mich irgendwie wütend gemacht – mir ist noch mal klar geworden, wie sehr er sich bei dieser Trennung einfach zurücklehnt. Die ganze Last Dinge zu organisieren liegt bei mir. Ich hab mir über ein halbes Jahr mit Wohnungssuche um die Ohren geschlagen. Ich bin derjenige, der sich jetzt um alles kümmern muss – weil ich es ja bin, der auszieht. Neue Möbel, Versicherungen, Umzug organisieren. „Nebenher“ arbeiten. Allein der ganze Transitionsscheiß, den ich über das letzte Jahr managen musste wäre eigentlich schon genug gewesen. Mein Jahres-„Urlaub“ wird dem Umzug gewidmet. Ich bin gerade mal wieder so am Limit.

Und weil das noch nicht genug war, gab es noch ein Revival der Situation von vor zwei Wochen: vorgestern ist die OP-Narbe an der gleichen Stelle wie letztes Mal wieder aufgegangen. Es ist immer noch nur eine Ministelle (also wirklich mini: wir reden über 2 Stecknadelköpfe vielleicht), aber dieser Mist muss trotzdem nicht sein :/. Ich hatte echt gedacht, 5 Wochen nach der OP sollte langsam alles „stabil“ sein, aber das scheint die Sollbruchstelle zu sein. Es sah tiefer und irgendwie „gefährlicher“ aus, als beim letzten Mal und ich habe daher entschieden, dass es besser wäre jemanden draufgucken zu lassen. Ich habe erstmal in der Klinik angerufen – sie haben angeboten, dass ich vorbeikomme aber das war mir zu viel Fahrerei. Also bin ich heute in die freie Sprechstunde bei meiner „Frauen“ärzt_innenpraxis gegangen. Die sehen OP-Narben im Brustbereich auf jeden Fall ja des öfteren und daher dachte ich mir, dass das die bessere Wahl ist als meine Hausärztin.

Leider war heute nur eine Ärztin* da, die mich und meine Geschichte noch nicht kannte. Aber sie war total nett und die Situation war überhaupt nicht komisch. Mit den Praxismitarbeiter*innen an der Theke habe ich mich auch noch nett unterhalten über meinen Ärger mit der Krankenkasse und die Hürden, die trans* Personen im Gesundheitssystem allgemein überwinden müssen. Ich erfuhr, dass meine Kasse momentan grundsätzlich nicht besonders patient*innenfreundlich unterwegs zu sein scheint – nicht nur in Bezuf auf meinen Transitionskram

Die Ärztin* hat ein Ultraschall gemacht – es gibt keine Flüssigkeitsansammlung und die offene Stelle ist relativ „oberflächlich“. Ich soll mit Betaisodonasalbe und Pflaster arbeiten für ein paar Tage und es dann „trocken abheilen“ lassen. Ich hoffe, dass es dieses Mal so funktioniert… das letzte Mal hat ja nicht so gut geklappt. Ansonsten hat sie mich ermutigt, mit Blick auf die Narben langsam mal vom „Schongang“ in den „Normalmodus“ zu wechseln. Leichter gesagt als getan…aber ich geb mir Mühe. Fällt mir aber nicht leicht, weil an den Narben die Haut immer noch auf den Rippen „klebt“ und das bei jedem Strecken halt zieht.

#Mastek, die vierte

Content note: Operation, Narben. Nach den **** schreibe ich etwas plastischer/detaillierter über die Wundheilung und wie die Narben aussehen

Übermorgen ist die Operation vier Wochen her. Heute Nacht habe ich geträumt, es wäre wieder alles wie vor der OP… Hilfe, kein schöner Traum.

Nee, da hin möchte ich auf keinen Fall wieder zurück. Trotzdem kann ich allerdings nicht sagen, dass ich irgendeine Euphorie oder Begeisterung darüber spüre, wie es jetzt ist. Das, was jetzt ist, ist in jeder Hinsicht ein Kompromiss. Es ist vermutlich der best-mögliche Kompromiss und es ist in Ordnung so wie es jetzt ist – aber mehr kann ich dazu gerade (noch?) nicht fühlen. Das ist okay, ich hatte eine Ahnung dass es so sein würde und ich bin zum Glück auch nicht die einzige Person, die so empfindet.

Ich vermute, dass es besser werden wird wenn ich nicht mehr das Gefühl habe das mein Oberkörper eine große Wunde ist, die ich pflegen muss, um die ich mich kümmern muss. Und wenn ich nicht mehr bei jeder Bewegung daran erinnert werde, dass es so ist. Wenn ich nicht mehr ständig in mich reinhorche, ob da etwas mehr oder anders zieht, als sonst. Dass es noch Wochen oder Monate dauert bis sich das hoffentlich wieder etwas reduziert, macht mir zu schaffen.

*****Letztes Wochenende habe ich festgestellt, dass sich eine Naht an einer (sehr kleinen) Stelle etwas aufgezogen hatte und gerötet war. Das fehlte noch. Damit war mein Plan/Wunsch, mich einfach nach dem zu richten was das Krankenhaus mir mit auf den Weg gegeben hatte hinfällig.

Mein Wunsch war und ist es eigentlich, mich möglichst wenig mit dem ganzen Wundheilungskram, den drölfiztausend verschiedenen Möglichkeiten, die Narben zu pflegen und zu schützen auseinandersetzen zu müssen. Es war genauso mit der Wahl des Operationsteams. Ich wollte nicht akribisch jedes Pro und Contra ausarbeiten, zum Spezialisten für alles werden, um dann eine Entscheidung zu treffen, die trotzdem „die falsche“ sein könnte – weil man halt ohnehin nie alle Faktoren, die das Ergebnis letztlich bestimmen, beinflussen kann. Ebenso mit dem Narbenkram.

Es gibt viele unterschiedliche Philosophien dazu, wie man sich nach der OP verhalten soll. Ob Kompressionsweste oder nicht. Ob die Narben gecremt oder ob mit Silikonpflastern gearbeitet werden soll. Massieren ja oder nein. Und so weiter. Die Devise „meiner“  Klinik ist: Kompression, Narbe cremen/ölen, nicht abkleben. Letzteres bedeutet eben auch: keine Entlastung der Wundränder durch Tape oder Pflaster, um sie gegen Querzug zu schützen. Hätte ich etwas zur Zugentlastung über den Narben kleben gehabt, hätte die Haut sich an der einen Stelle vielleicht nicht aueinandergezogen. Es war nicht viel und nicht schlimm, aber ich hatte trotzdem ziemliche Sorge dass es sich mehr/breiter aufziehen könnte oder dass es sich entzündet.

Nach Recherche und vor allem Input mehrerer Personen habe ich mich entschieden, die Narben zunächst noch mal mit einem hypoallergenen Vliestape abzukleben (das wird zu diesem Zweck öfter genutzt und ich hatte es zum Glück zu Hause, weil das Krankenhaus mir das zum Kompressen-Fixieren mitgegeben hatte). Die offene Stelle habe ich mit einer Wundabdeckung und Bepanthen geschützt, denn darauf wollte ich nicht direkt irgendwas kleben o_O.

Dann habe ich mir so genanntes „Gitter Tape“ (cross tape) bestellt – das sind so selbstklebende „Netze“, wie Pflaster mit Löchern ;). Die sind für die Zugentlastung ganz gut. Ich habe sie nicht über die gesamte Breite der Narben geklebt, sondern auf jeder Seite nur ca. je 10 cm von der Mitte des Brustkorbs ausgehend. Dort ist der Zug auf den Narben am größten und die Verklebungen im Gewebe noch am stärksten spürbar. Sobald ich mich zu sehr strecke oder aufrichte, merke ich wie es spannt. Um das zu lösen, müsste ich eingentlich die Narben massieren (was nicht geht, wenn was draufklebt). Ich werde mir jetzt so einen Rhythmus aus 2-3 Tage kleben und dann 1-2 Tage ölen/massieren suchen, damit ich beides habe. Ich will die Tapes nicht ständig rauf und runter machen, da das die Haut ja auch reizt.

Schön aussehen tut bei den Quernarben leider noch nichts. Die Narben sind dunkelrot. Auf dem Brustbein hart-knubbelig und ziemlich faltig. Bügelfalten quasi. Unter den Armen, wo die Drainagen waren, sind ebenfalls Falten und Beulen. Letztere sind immer noch so unangenehm-knubbelig, dass ich nicht gut auf der Seite schlafen kann. Schmerzen habe ich sonst keine, es zieht und ziept halt nur. In der Beweglichkeit bin ich entsprechend auch noch eingeschränkt – wenn ich merke, das eine Bewegung die Narben spannt, dann forcier ich das nicht. Das wird besser werden, wenn die verklebten Gewebeschichten wieder etwas gelöst sind und nicht aneinander festhängen.

So, genug der gory details jetzt ;-). Ich hoffe mal, dass ich demnächst wieder etwas mobiler und bügelfaltenärmer daherkomme.

 

Wichtige Neuerung bei der Abrechnung medizinischer Untersuchungen und Behandlungen bei der GKV

Heute bin ich durch einen Post des „Netzwerks Geschlechtliche Vielfalt Trans NRW e.V.“ (Link zum Facebook-Profil) auf eine Meldung in der Ärztezeitung aufmerksam geworden:

Inter- und Transsexualität: Regeln im EBM angepasst

Geschlechtsspezifische Leistungen im EBM, wie die Untersuchung der Prostata oder eine Mammografie, können seit Juli unabhängig von der personenstandsrechtlichen Geschlechtszuordnung abgerechnet werden. Entscheidend ist der organbezogene Befund, meldet die Kassenärztliche Bundesvereinigung. (https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/aerztliche_verguetung/article/940476/inter-transsexualitaet-regeln-ebm-angepasst.html)

Das sind gute Nachrichten (wahrscheinlich – siehe ganz unten für eine mögliche Einschränkung)! Es bedeutet nämlich, dass nun für Versicherte der GKV bei der Abrechnung von Untersuchungen (z.B. Vorsorge) und Behandlungen nicht mehr das amtlich eingetragene Geschlecht zählt, sondern welche Organe eine Person wirklich hat. Sprich: ich kann als männliche Person, die einen Uterus hat auch weiterhin (hoffentlich) unproblematisch die entsprechenden Vorsorgeuntersuchungen in meiner bisherigen „frauenärztlichen“ Praxis machen. Auf meine Anfrage von vor zwei oder drei Wochen hatte mir meine Krankenkasse ja noch geantwortet, ich müsse dazu zukünftig in eine urologische Praxis gehen (was ja das Kernproblem dass es einen „Mann mit Uterus“ aus Sicht des medizinischen Systems nicht gibt oder gab nicht gelöst hätte).

Mir sind einige Personen bekannt, die aus der berechtigten Sorge heraus dass ihre adäquate medizinische Versorgung dann nicht mehr gewährleistet wäre darauf verzichtet haben, ihren Geschlechtseintrag ändern zu lassen – mit all den negativen Konsequenzen, die das im Alltag hat. Ich hoffe, dass mit der erfolgten Änderung diese Hürde nun zumindest für Patient*innen der GKV wegfällt. Und noch toller wäre es natürlich, wenn auch die PKV sich daran orientieren würde.

Allerdings gibt es eine Formulierung, die mich stutzig macht. Den „Einheitlichen Bewertungsmaßstab“ (EBM) findet ihr bei der Kassenärztlichen Vereinigung, hier z.B. als PDF nach Fachgruppen: http://www.kbv.de/html/arztgruppen_ebm.php. Für den Bereich „Frauenärzt_innen“ und „Urologie“ heißt es zum Beispiel:

4.2.1 Abrechnung geschlechtsspezifischer Gebührenordnungspositionen
Geschlechtsspezifische Gebührenordnungspositionen sind bei Personen, bei denen primäre Geschlechtsmerkmale beider Geschlechter vorliegen, wie bei Intersexualität oder Transsexualität nach Geschlechtsangleichung, entsprechend dem organbezogenen Befund (z. B. bei Vorliegen von Testes, Ovarien, Prostata) berechnungsfähig.
Ohne Kennzeichnung „X“ für das unbestimmte Geschlecht auf der elektronische Gesundheitskarte ist bei den genannten Personen die entsprechende Leistung mit einer bundeseinheitlich kodierten Zusatzkennzeichnung zu versehen und als Begründung ist der ICD-10-Kode für Transsexualität oder Intersexualität anzugeben. (EBM 3. Quartal 2017)

Die Formulierung „primäre Geschlechtsmerkmale beider Geschlechter“ bietet potenziell Zündstoff – denn bei vielen – oder vielleicht sogar den meisten? – trans* Personen ist das nicht der Fall. Wenn ich keinen Denkfehler mache, dann wäre das nur nach genitalumformenden OPs der Fall, sofern eine Person nicht sowohl inter* als auch trans* ist. Hormontherapie als „angleichende Maßnahme“ ändert nichts an den „primären Geschlechtsmerkmalen“ und viele trans* Personen ändern den Personenstand ganz ohne medizinische Maßnahmen.

Ich hoffe mal, dass die Ärztezeitung mit ihrer Interpretation Recht hat und dass es wirklich einfach bedeutet dass nicht mehr der rechtliche Personenstand zählt, sondern nur noch der  „Organbefund“. Alles andere wäre absurd! Aber in diesem System wundert mich ja nichts mehr…

Aua (Mastek, die 3.)

Content note: Operation, Krankenhaus, Schmerzen, Medikamente, Essen

Die ersten drei Tage zu Hause sind rum und sie waren jetzt eher durchwachsen. Ich habe am Sonntag etwas übermütig die Schmerzmittel reduziert und habe Montag die Quittung dafür bekommen. Autsch. Wie gut das Zeug wirkt merkt man tatsächlich erst, wenn die Wirkung nachlässt. Die Autofahrt zu meiner Hausärztin gestern morgen war auch nicht gerade förderlich. Das Lenken war ziemlich schmerzhaft und den Plan, hinterher mal endlich meinen neuen Perso abzuholen und den neuen Führerschein zu beantragen habe ich schnellstens über Bord geworden. Vielleicht mache ich Freitag mal einen neuen Versuch. Es sind vor allem die Enden der Schnitte unterhalb der Achseln die weh tun – ansonsten ist alles gut auszuhalten. Aber da sitzt noch eine ziemlich deutliche Schwellung… fühlt sich ein bisschen so an als hätte man mir hartgekochte Wachteleier unter die Haut transplantiert o_O.

Jedenfalls habe ich die letzten zwei Tage hauptsächlich auf der Couch und (halb)schlafend verbracht. Gestern habe ich ein bisschen Panik bekommen, weil ich das Gefühl hatte die Schwellungen sei stärker geworden, aber ich glaube das lag tatsächlich nur daran dass ich mehr Schmerzen hatte. Auf dem Vergleichsfoto, das ich gemacht habe sieht man keinen Unterschied. Ich kühle jetzt zwischendurch (nach Rücksprache mit dem Krankenhaus) mit einem kühlschrank-kalten Gel-Dings das ich mir unter die Achseln klemme.

Ich wollte ja noch ein paar allgemeine Sachen zum Krankenhausaufenthalt schreiben.

Also.

Im Großen und Ganzen habe ich mich dort sehr gut aufgehoben gefühlt. Obwohl ich leider noch unter dem alten Namen „einchecken“ musste, da ich noch keine neue Krankenkassenkarte habe, gab es nicht einmal eine falsche Anrede oder ein falsches Aufrufen. Das war super angenehm und man merkt daran, dass sie dort reichlich Erfahrung mit trans Patient*innen haben. Selbst in der zentralen Patient*innen-Verwaltung, wo die Aufnahme erfolgte, war es absolut Routine.

Dann gab es (wie auch anderswo üblich) ein reines Mastektomie/trans Zimmer. Wir waren die ganze Zeit entweder zu zwei oder zu dritt dort. Ich denke, es hängt auch ein bisschen von der Auslastung der Chirurgie ab, ob das realisiert werden kann oder nicht, aber es war auf jeden Fall sehr angenehm. Es hatte den Vorteil, dass man den anderen nicht viel erklären musste und nicht irgendwie schräg angeguckt wurde wegen der Art der OP (wobei die bei cis Männern mit Gynäkomastie vermutlich genauso durchgeführt wird). Leider habe ich einen (für mich) ziemlich anstrengenden Zeitgenossen als Zimmernachbar erwischt und mein Wunsch nach möglichst viel Ruhe und Hörbuchhören ist nicht ganz so aufgegangen wie geplant. Nun ja.

Die Mitarbeiter*innen mit denen ich dort zu tun hatte, habe ich fast ausnahmslos als sehr freundlich und hilfsbereit erlebt. Auch das Ärzt*innenteam bei der Visite, was ich gar nicht so selbstverständlich erwartet hatte. Fragen wurden geduldig beantwortet und auch sonst relativ „transparent“ kommuniziert.

Das einzige was wie schon angedeutet leider überhaupt nicht funktioniert hat, war die Versorgung mit für mich verträglichem Essen. Selbst wenn ich mich nur auf die „allerdringendsten“ Sachen beschränke ist die Kombi (glutenfrei, milchfrei und ohne Fleisch) nicht ganz einfach zu bedienen, weil z.B. viele vegetarische Gerichte auf Nudeln und Milchprodukten basieren. Ich hatte entsprechend vorgesorgt und mir genug Essen mitgebracht, um ein bis zwei Tage halbwegs über die Runden zu kommen – glutenfreies Brot, Brotaufstrich, Nüsse, Riegel. Irgendwie dachte ich in meiner Naivität auch: mittags einfach Kartoffeln oder Reis werden sie schon hinbekommen. Tja. Montag abend nach der OP habe ich ein bisschen von meinem mitgebrachten Brot und Brotaufstrich gegessen. Dienstag zum Frühstück auch – da bat ich dann um glutenfreies Brot für den Abend und die nächsten Tage. Das ist das einzige, was geklappt hat. Glutenfreies Brot und Margarine hatte ich im Überfluss. Mittagessen haben sie nicht wirklich hinbekommen (ok, sechs Kartoffeln gab es am dritten Tag xD) – da müsse ich mit der Diätassistenz sprechen. Die kam am Donnerstag, also an Tag 4. Das war der einzige Tag, an dem ich mittags und abends was „richtiges“ zu essen bekommen habe. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wieviel Kohldampf ich geschoben habe. Und es lag nicht daran, dass es nichts für mich passendes zu essen gegeben hätte, sondern nur daran dass die Kommunikation nicht funktioniert hat. Seufz… Das ist aber bis jetzt das einzige, was ich so richtig zu meckern habe.

Jetzt geh‘ ich mal weiter meinen Narkoserausch ausschlafen ;-).

 

Enthüllungen (Mastek, die 2.)

Content note: Operation, Krankenhaus, Medikamente, Blut (nur Erwähnung), Essen.
Ich schreibe ein wenig über die Schnitte und wie mein Oberkörper nun aussieht. Den „bildhaftesten“ Teil markiere ich mit ******. 

Teil 1 gibt es hier.

Am Operationstag stiefelte ich mit meinem Rollköfferchen durch den Nieselregen zum Krankenhaus und kam so gegen 8:45 auf die Station. Weil ich erst als vierter auf der OP-Liste stand, durfte ich dort warten und bekam schon ein Bett. Auf dem Zimmer lag schon eine Person, die die gleiche OP schon hinter sich hatte. OP-Hemdchen an, Hörbuch auf die Ohren und dann hieß es warten. Und noch drölfzig Mal auf Toilette gehen vor lauter Nervosität natürlich. Um 14 Uhr ging es dann in die Narkosevorbereitung, da lag ich auch noch mal ungefähr 20-30 Minuten rum und dann haben sie mich schlafen geschickt.

An den Aufwachraum und die Aufwachphase habe ich null Erinnerung. Leute haben mit mir geredet, ich hab versucht was zu antworten, aber es kam nur unzusammenhängendes Zeug raus glaube ich. Ich war wohl so gegen 17 Uhr wieder auf dem Zimmer, aber ich hab an den ersten Abend insgesamt keine richtige Erinnerung mehr. Nur Matsch im Kopf. Irgendwann hatte ich es glaube ich geschafft, mir mein T-Shirt und Boxer Shorts anzuziehen. Um den Oberkörper war eine verdammt enge „Bauchbinde“ gewickelt zur Kompression… tief Durchatmen war nicht drin. Aber: keine nennenswerten Schmerzen, keine Übelkeit. Das vorherrschende Gefühl war eher „Unbehagen“, das war aber ganz gut aushaltbar.

Am nächsten morgen rauschte um 8 die Visite ins Zimmer. Die Bauchbinde (die übrigens standardmäßig vom OP-Team mit einem handgemalten Totenkopf und den Worten „Nicht öffnen“ versehen wird ;-)) wurde das erste Mal geöffnet. Luuuuuuuft! „Wollen Sie schauen?“ – „Ich trau mich glaube ich nicht“ – „Doch, gucken Sie mal“. Also habe ich mich getraut und an mir runtergeguckt. Ich hab keine Schock gekriegt, uff ;-). Ich habe teilweile ziemlich abschreckende Bilder gesehen von frisch operierten Personen und hatte erwartet, dass ich ziemlich schlimm aussehen würde. Da bin ich echt positiv überrascht worden. Klar, geschwollen und an den Schnitten gab es etwas getrocknetes Blut. Aber alles nicht halb so schlimm wie befürchtet.

*********Da bei mir sogenannte „große Schnitte“ gemacht wurden, habe ich unterhalb jeder Brust einen langen Schnitt (weiß noch nicht genau, wie lang sie sind… 12-15cm vielleicht?). Die sind momentan noch mit einer (durchsichtigen) Folie bedeckt. Die Brustwarzen mussten versetzt (also: frei transplantiert) werden und waren noch unter einem Druckverband versteckt. Auf jeder Seite gab es eine Drainage, Schlauch mit Flasche, damit Wundflüssigkeit ablaufen konnte. **********

Und schon war die Bauchbinde wieder zu und gefühlt noch enger als vorher. Aaaaah! Auf mein Bitten haben sie sie zum Glück ein klitzekleines bisschen lockerer gemacht. An dem Tag ging es mir dann eigentlich schon ziemlich gut – ich habe die Narkose zum Glück doch besser weggesteckt, als befürchtet. Vielleicht haben die Antihistaminika, die mit dem Narkosemittel gegeben wurden, wirklich etwas geholfen. Ich war mobil (auch wenn die Drainageflaschen ziemlich genervt haben) und Schmerzen hatte ich auch kaum. Es wurden natürlich Schmerzmittel gegeben, aber das schmerzstillende Medikament das ich bei größeren Schmerzen noch zusätzlich hätte nehmen können, brauchte ich gar nicht. Am Vormittag kam noch mein Mann vorbei(!) und brachte mir Bananen. (Da war schon klar, dass es mit der Essensversorgung eher nicht so problemlos klappen würde und die Bananen haben mich echt gerettet).

Bei mir kamen dann am Mittwoch die Drainagen schon raus und ich wurde entsprechend die Bauchbinde los – ich durfte sie gegen eine Kompressionsweste eintauschen. Die sollte ich jetzt die nächsten 6 Wochen noch tragen. Sie soll dazu dienen, das Lymphflüssigkeit abtransportiert wird und insgesamt soll sie helfen, das keine Dellen oder Unebenheiten beim Abheilen des Gewebes entstehen, Dazu gibt es bei den verschiedenen Operateur*innen unterschiedliche Philosophien – einige Kliniken schwören darauf, andere halten sie für nicht notwendig. Ich mache das jetzt so, wie „meine“ Klinik das vorsieht und trage das Ding. Es ist im Vergleich zu den Bindern, die ich ja vorher getragen habe, zumindest nicht schlimmer. Wenn es ein paar Grad weniger wären, wäre es vielleicht sogar ganz angenehm zu tragen. Naja. Ihr könnt trotzdem wetten, dass ich ab nächster Woche anfange darüber zu meckern, wie sehr mich die Weste nervt ;-).

Zwei Tage habe ich dann im Krankenhaus noch ausgeharrt. Zum Glück hatte ich meine Hörbücher und andere Unterhaltungsmedien dabei. Zweimal bekam ich auch Besuch, aber die meiste Zeit habe ich auf dem Zimmer rumgehangen. Ich war aber auch so übermüdet, dass ich nicht viel Energie für anderes hatte, war also okay.

Heute, Samstag, war dann noch mal ein großer Enthüllungsmoment, weil die Druckverbände von den Brustwarzen abgenommen wurden. Das war aus mehreren Gründen spannend – unter anderem, weil es ein Risiko dafür gibt, dass sie nicht anwachsen. Mit diesem Szenario hatte ich mich schon arrangiert – allerdings habe ich jetzt gesehen wie es aussieht und fänd‘ es schon sehr schade, wenn da noch was schiefgehen würde. Ich hoffe sehr, dass alles gut heilt – ich glaube, ich werde meinen neuen Oberkörper mögen, wenn er mal nicht mehr so grünblau und orange und etwas verschwollen aussieht.

Mittags haben meine Eltern mich dann aus der Klinik abgeholt. Ich habe geduscht, Wäsche gemacht und vor allem endlich mal wieder was richtiges gegessen. Jetzt fühle ich mich schon um einiges wohler. Mal schauen, wie es später mit dem Schlafen klappt.

Naja… „später“ ;-). Gerade erscheint mir 19:30 als eine total super Zeit, um ins Bett zu gehen :D.

Zum Krankenhaus schreibe ich die Tage auch noch was, aber nicht mehr heute.

*gähnend ab*