Aua (Mastek, die 3.)

Content note: Operation, Krankenhaus, Schmerzen, Medikamente, Essen

Die ersten drei Tage zu Hause sind rum und sie waren jetzt eher durchwachsen. Ich habe am Sonntag etwas übermütig die Schmerzmittel reduziert und habe Montag die Quittung dafür bekommen. Autsch. Wie gut das Zeug wirkt merkt man tatsächlich erst, wenn die Wirkung nachlässt. Die Autofahrt zu meiner Hausärztin gestern morgen war auch nicht gerade förderlich. Das Lenken war ziemlich schmerzhaft und den Plan, hinterher mal endlich meinen neuen Perso abzuholen und den neuen Führerschein zu beantragen habe ich schnellstens über Bord geworden. Vielleicht mache ich Freitag mal einen neuen Versuch. Es sind vor allem die Enden der Schnitte unterhalb der Achseln die weh tun – ansonsten ist alles gut auszuhalten. Aber da sitzt noch eine ziemlich deutliche Schwellung… fühlt sich ein bisschen so an als hätte man mir hartgekochte Wachteleier unter die Haut transplantiert o_O.

Jedenfalls habe ich die letzten zwei Tage hauptsächlich auf der Couch und (halb)schlafend verbracht. Gestern habe ich ein bisschen Panik bekommen, weil ich das Gefühl hatte die Schwellungen sei stärker geworden, aber ich glaube das lag tatsächlich nur daran dass ich mehr Schmerzen hatte. Auf dem Vergleichsfoto, das ich gemacht habe sieht man keinen Unterschied. Ich kühle jetzt zwischendurch (nach Rücksprache mit dem Krankenhaus) mit einem kühlschrank-kalten Gel-Dings das ich mir unter die Achseln klemme.

Ich wollte ja noch ein paar allgemeine Sachen zum Krankenhausaufenthalt schreiben.

Also.

Im Großen und Ganzen habe ich mich dort sehr gut aufgehoben gefühlt. Obwohl ich leider noch unter dem alten Namen „einchecken“ musste, da ich noch keine neue Krankenkassenkarte habe, gab es nicht einmal eine falsche Anrede oder ein falsches Aufrufen. Das war super angenehm und man merkt daran, dass sie dort reichlich Erfahrung mit trans Patient*innen haben. Selbst in der zentralen Patient*innen-Verwaltung, wo die Aufnahme erfolgte, war es absolut Routine.

Dann gab es (wie auch anderswo üblich) ein reines Mastektomie/trans Zimmer. Wir waren die ganze Zeit entweder zu zwei oder zu dritt dort. Ich denke, es hängt auch ein bisschen von der Auslastung der Chirurgie ab, ob das realisiert werden kann oder nicht, aber es war auf jeden Fall sehr angenehm. Es hatte den Vorteil, dass man den anderen nicht viel erklären musste und nicht irgendwie schräg angeguckt wurde wegen der Art der OP (wobei die bei cis Männern mit Gynäkomastie vermutlich genauso durchgeführt wird). Leider habe ich einen (für mich) ziemlich anstrengenden Zeitgenossen als Zimmernachbar erwischt und mein Wunsch nach möglichst viel Ruhe und Hörbuchhören ist nicht ganz so aufgegangen wie geplant. Nun ja.

Die Mitarbeiter*innen mit denen ich dort zu tun hatte, habe ich fast ausnahmslos als sehr freundlich und hilfsbereit erlebt. Auch das Ärzt*innenteam bei der Visite, was ich gar nicht so selbstverständlich erwartet hatte. Fragen wurden geduldig beantwortet und auch sonst relativ „transparent“ kommuniziert.

Das einzige was wie schon angedeutet leider überhaupt nicht funktioniert hat, war die Versorgung mit für mich verträglichem Essen. Selbst wenn ich mich nur auf die „allerdringendsten“ Sachen beschränke ist die Kombi (glutenfrei, milchfrei und ohne Fleisch) nicht ganz einfach zu bedienen, weil z.B. viele vegetarische Gerichte auf Nudeln und Milchprodukten basieren. Ich hatte entsprechend vorgesorgt und mir genug Essen mitgebracht, um ein bis zwei Tage halbwegs über die Runden zu kommen – glutenfreies Brot, Brotaufstrich, Nüsse, Riegel. Irgendwie dachte ich in meiner Naivität auch: mittags einfach Kartoffeln oder Reis werden sie schon hinbekommen. Tja. Montag abend nach der OP habe ich ein bisschen von meinem mitgebrachten Brot und Brotaufstrich gegessen. Dienstag zum Frühstück auch – da bat ich dann um glutenfreies Brot für den Abend und die nächsten Tage. Das ist das einzige, was geklappt hat. Glutenfreies Brot und Margarine hatte ich im Überfluss. Mittagessen haben sie nicht wirklich hinbekommen (ok, sechs Kartoffeln gab es am dritten Tag xD) – da müsse ich mit der Diätassistenz sprechen. Die kam am Donnerstag, also an Tag 4. Das war der einzige Tag, an dem ich mittags und abends was „richtiges“ zu essen bekommen habe. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wieviel Kohldampf ich geschoben habe. Und es lag nicht daran, dass es nichts für mich passendes zu essen gegeben hätte, sondern nur daran dass die Kommunikation nicht funktioniert hat. Seufz… Das ist aber bis jetzt das einzige, was ich so richtig zu meckern habe.

Jetzt geh‘ ich mal weiter meinen Narkoserausch ausschlafen ;-).

 

Enthüllungen (Mastek, die 2.)

Content note: Operation, Krankenhaus, Medikamente, Blut (nur Erwähnung), Essen.
Ich schreibe ein wenig über die Schnitte und wie mein Oberkörper nun aussieht. Den „bildhaftesten“ Teil markiere ich mit ******. 

Teil 1 gibt es hier.

Am Operationstag stiefelte ich mit meinem Rollköfferchen durch den Nieselregen zum Krankenhaus und kam so gegen 8:45 auf die Station. Weil ich erst als vierter auf der OP-Liste stand, durfte ich dort warten und bekam schon ein Bett. Auf dem Zimmer lag schon eine Person, die die gleiche OP schon hinter sich hatte. OP-Hemdchen an, Hörbuch auf die Ohren und dann hieß es warten. Und noch drölfzig Mal auf Toilette gehen vor lauter Nervosität natürlich. Um 14 Uhr ging es dann in die Narkosevorbereitung, da lag ich auch noch mal ungefähr 20-30 Minuten rum und dann haben sie mich schlafen geschickt.

An den Aufwachraum und die Aufwachphase habe ich null Erinnerung. Leute haben mit mir geredet, ich hab versucht was zu antworten, aber es kam nur unzusammenhängendes Zeug raus glaube ich. Ich war wohl so gegen 17 Uhr wieder auf dem Zimmer, aber ich hab an den ersten Abend insgesamt keine richtige Erinnerung mehr. Nur Matsch im Kopf. Irgendwann hatte ich es glaube ich geschafft, mir mein T-Shirt und Boxer Shorts anzuziehen. Um den Oberkörper war eine verdammt enge „Bauchbinde“ gewickelt zur Kompression… tief Durchatmen war nicht drin. Aber: keine nennenswerten Schmerzen, keine Übelkeit. Das vorherrschende Gefühl war eher „Unbehagen“, das war aber ganz gut aushaltbar.

Am nächsten morgen rauschte um 8 die Visite ins Zimmer. Die Bauchbinde (die übrigens standardmäßig vom OP-Team mit einem handgemalten Totenkopf und den Worten „Nicht öffnen“ versehen wird ;-)) wurde das erste Mal geöffnet. Luuuuuuuft! „Wollen Sie schauen?“ – „Ich trau mich glaube ich nicht“ – „Doch, gucken Sie mal“. Also habe ich mich getraut und an mir runtergeguckt. Ich hab keine Schock gekriegt, uff ;-). Ich habe teilweile ziemlich abschreckende Bilder gesehen von frisch operierten Personen und hatte erwartet, dass ich ziemlich schlimm aussehen würde. Da bin ich echt positiv überrascht worden. Klar, geschwollen und an den Schnitten gab es etwas getrocknetes Blut. Aber alles nicht halb so schlimm wie befürchtet.

*********Da bei mir sogenannte „große Schnitte“ gemacht wurden, habe ich unterhalb jeder Brust einen langen Schnitt (weiß noch nicht genau, wie lang sie sind… 12-15cm vielleicht?). Die sind momentan noch mit einer (durchsichtigen) Folie bedeckt. Die Brustwarzen mussten versetzt (also: frei transplantiert) werden und waren noch unter einem Druckverband versteckt. Auf jeder Seite gab es eine Drainage, Schlauch mit Flasche, damit Wundflüssigkeit ablaufen konnte. **********

Und schon war die Bauchbinde wieder zu und gefühlt noch enger als vorher. Aaaaah! Auf mein Bitten haben sie sie zum Glück ein klitzekleines bisschen lockerer gemacht. An dem Tag ging es mir dann eigentlich schon ziemlich gut – ich habe die Narkose zum Glück doch besser weggesteckt, als befürchtet. Vielleicht haben die Antihistaminika, die mit dem Narkosemittel gegeben wurden, wirklich etwas geholfen. Ich war mobil (auch wenn die Drainageflaschen ziemlich genervt haben) und Schmerzen hatte ich auch kaum. Es wurden natürlich Schmerzmittel gegeben, aber das schmerzstillende Medikament das ich bei größeren Schmerzen noch zusätzlich hätte nehmen können, brauchte ich gar nicht. Am Vormittag kam noch mein Mann vorbei(!) und brachte mir Bananen. (Da war schon klar, dass es mit der Essensversorgung eher nicht so problemlos klappen würde und die Bananen haben mich echt gerettet).

Bei mir kamen dann am Mittwoch die Drainagen schon raus und ich wurde entsprechend die Bauchbinde los – ich durfte sie gegen eine Kompressionsweste eintauschen. Die sollte ich jetzt die nächsten 6 Wochen noch tragen. Sie soll dazu dienen, das Lymphflüssigkeit abtransportiert wird und insgesamt soll sie helfen, das keine Dellen oder Unebenheiten beim Abheilen des Gewebes entstehen, Dazu gibt es bei den verschiedenen Operateur*innen unterschiedliche Philosophien – einige Kliniken schwören darauf, andere halten sie für nicht notwendig. Ich mache das jetzt so, wie „meine“ Klinik das vorsieht und trage das Ding. Es ist im Vergleich zu den Bindern, die ich ja vorher getragen habe, zumindest nicht schlimmer. Wenn es ein paar Grad weniger wären, wäre es vielleicht sogar ganz angenehm zu tragen. Naja. Ihr könnt trotzdem wetten, dass ich ab nächster Woche anfange darüber zu meckern, wie sehr mich die Weste nervt ;-).

Zwei Tage habe ich dann im Krankenhaus noch ausgeharrt. Zum Glück hatte ich meine Hörbücher und andere Unterhaltungsmedien dabei. Zweimal bekam ich auch Besuch, aber die meiste Zeit habe ich auf dem Zimmer rumgehangen. Ich war aber auch so übermüdet, dass ich nicht viel Energie für anderes hatte, war also okay.

Heute, Samstag, war dann noch mal ein großer Enthüllungsmoment, weil die Druckverbände von den Brustwarzen abgenommen wurden. Das war aus mehreren Gründen spannend – unter anderem, weil es ein Risiko dafür gibt, dass sie nicht anwachsen. Mit diesem Szenario hatte ich mich schon arrangiert – allerdings habe ich jetzt gesehen wie es aussieht und fänd‘ es schon sehr schade, wenn da noch was schiefgehen würde. Ich hoffe sehr, dass alles gut heilt – ich glaube, ich werde meinen neuen Oberkörper mögen, wenn er mal nicht mehr so grünblau und orange und etwas verschwollen aussieht.

Mittags haben meine Eltern mich dann aus der Klinik abgeholt. Ich habe geduscht, Wäsche gemacht und vor allem endlich mal wieder was richtiges gegessen. Jetzt fühle ich mich schon um einiges wohler. Mal schauen, wie es später mit dem Schlafen klappt.

Naja… „später“ ;-). Gerade erscheint mir 19:30 als eine total super Zeit, um ins Bett zu gehen :D.

Zum Krankenhaus schreibe ich die Tage auch noch was, aber nicht mehr heute.

*gähnend ab*

Abschiednehmen (Mastek, die 1.)

Content note: Operation, Krankenhaus, Medikamente, Essen.

Ich bin wieder zu Hause! Endlich! Und völlig groggy, weil es im Krankenhaus für mich weder ausreichend Schlaf noch annähernd genug zu Essen gab. Ich habe die letzten fünf Tage überwiegend von glutenfreiem Weißbrot, Margarine und Bananen gelebt. Ich kann nichts davon mehr sehen. Leider hat es exakt einen einzigen Tag geklappt, dass ich für meine Allergien und Unverträglichkeiten passendes Essen bekommen habe. Ansonsten hörte ich jeden Tag: „Also in meiner Liste steht Sie bekommen Vollkost“. Fuck yeah.

Dass ich nicht schlafen würde, darauf hatte ich mich vorher schon einigermaßen versucht einzustellen, aber es hat dann natürlich trotzdem geschlaucht. Ich tue ja schon kein Auge zu, wenn irgendjemand neben mir laut atmet. Die Kombi aus zeitweise zwei Schnarchern in den Betten neben mir und nur auf dem Rücken liegen können war da nicht hilfreich. Mehr als zwei Stunden am Stück habe ich glaube ich nur in der zweiten Nacht geschlafen.

Aber zu den Dingen, die Euch wahrscheinlich viel mehr interessieren: was ist außer nicht essen und nicht schlafen in der letzten Woche passiert?

Sonntag habe ich ja erst mal das Entspannungsprogramm gestartet: Lamatrekking. Mit drei Freund*innen. Zwei Stunden Wanderung mit so einem flauschigen Tierchen am Halfter! Einizger (kleiner) Wermutstropfen war die verbale Dauerberieselung durch die Person, die unsere Wanderung als Guide begleitete. (Die hatte schon mindestens 30 Minuten getextet, bevor wir überhaupt ein Lama zu Gesicht bekamen ;)). Aber es war trotzdem schön und ich habe ziemlich wenig an die bevorstehende OP gedacht.

Am Abend hat mein Mann mich dann in die Stadt gefahren, in der das Krankenhaus ist. Ich hatte mir dort in der Nähe der Klinik kurzentschlossen ein Hotelzimmer reserviert, weil ich mir nicht zugetraut habe, den ca. eineinhalbstündigen Weg nüchtern und nervös mit ÖPNV am Operationstag selbst zurückzulegen. Dass mein Mann angeboten hat mich zu fahren war überraschend und ich fand es sehr nett von ihm. Zum Abschied hat er mich umarmt… all the feelz :/.

Im Hotel kam dann so ein bisschen der Moment von dem ich erwartet habe, dass er kommt und vor dem ich auch Angst hatte. Ich hatte bis dahin fast jegliche Gedanken daran weggeschoben, wie gravierend und im wahrsten Sinne des Wortes einschneidend dieser Schritt ist, den ich da am nächsten Tag gehen würde. Und natürlich holte mich das ein. Es war nicht so sehr die Angst, dass ich meine Brüste wiederhaben wollen würde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das passiert. Aber das Wissen, dass ich da mit einem verhältnismässig heilem Körper reingehen und mit Narben und Wunden wieder rauskommen würde – das hat mich bedrückt und mir Angst gemacht. Und es war ein Moment des Abschieds von einem Stück von mir, auf den ich mich im Nachhinein glaube ich lieber besser vorbereitet hätte.

Ich habe ja schon hier und da mal geschrieben, dass für mich diese Metapher vom „falschen Körper“ nicht passend ist. Egal, wie wenig ich meinen Körper mag – es ist mein Körper. Die Mastektomie ist in gewisser Weise ein Zugeständnis – an (von mir verinnerlichte) Idealvorstellungen davon, wie männliche Körper auszusehen haben. Der Eingriff gibt mir die Freiheit, mich wieder in bestimmten Räumen zu bewegen – zum Beispiel in Umkleiden oder Schwimmbädern – ohne angestarrt, angefeindet, oder sogar rausgeworfen zu werden. Für diese Freiheit bezahle ich mit einer Versehrung.

Am Abend vor dem OP-Tag haben sich diese Gedanken und auch Traurigkeit darüber noch mal ziemlich viel Raum genommen – Raum, den ich ihnen vorher nicht gegeben hatte.

Ich habe ein letztes Foto von mir gemacht, mit Brüsten, das Bild zurückgeworfen vom Badezimmerspiegel.

Dann habe ich mit Freund*innen noch Nachrichten hin- und hergeschrieben, mein Antihistaminikum genommen (Müdigkeit war in diesem Fall eine erwünschte Nebenwirkung), an die kuschligen Lamas gedacht und dann habe ich einigermaßen geschlafen bis zum nächsten Morgen.

Teil 2: hier entlang.

Und ein Flauschlama :)

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Perception woes

Content note: Trans*feindliche Beleidigung

Ich plage mich gerade sehr mit dem Unwohlsein mit meinem Körper. Es fühlt sich so viel falsch an und zumindest einige der Dinge die sich so falsch anfühlen werden sich auch durch Hormone und Operationen nicht verändern. Ich nähere mich den 12 Monaten Testo und habe das Gefühl, das bei weitem noch nicht die Veränderungen eingetreten sind, die ich mir gewünscht hatte. Immer wieder kehre ich zu der Frage zurück, ob die Menschen mich als Mann sehen oder nicht. Ich erlebe es oft, dass Menschen mich anstarren und ich hasse es.

In dieser Grundstimmung bin ich letzten Dienstag auf Dienstreise gefahren um als Dozent bei einem mehrtägigen Workshop an einer Hochschule mitzuwirken. Außer mir gab es noch zwei Dozenten und eine Dozentin. Ich habe mal wieder gemerkt, dass dieses „gemeinsan mit cis Männern auf dem Präsentierteller sitzen“ bei mir Gefühle von Unzulänglichkeit verstärkt. Ich habe das Gefühl, dass ich im Vergleich sofort als trans* erkannt und als „kein richtiger Mann“ gesehen werde. Und ich hasse meinen Körper dafür, dass er nicht kantiger ist und anders proportioniert. Ich hasse mein baby face und dass ich immer noch keinen Bartwuchs habe.

Heute war dann der letzte Workshoptag. Eine teilnehmende Person fragte plötzlich, ob es eine best practice dafür gäbe wie man Geschlecht in Umfragen nicht-binär abfragen kann. Das ergab sich zwar irgendwie aus einer zufälligen Situation, aber hatte mit dem Thema des Workshops überhaupt nichts zu tun. Die Person erzählte dann von Nepal, und dass es da auf allen Formularen eine dritte Geschlechtsoption gebe. Eine andere Person, mit 60 die älteste im Workshop, sprach von Hijras in Pakistan und meinte dann mit Blick auf Umfragen dann: Nicht jede*r wolle sich ja outen.

Ich war einerseits positiv überrascht über diese Offenheit dem Thema gegenüber und auch über die Tatsache, dass beide Personen sich über solche Sachen irgendwie Gedanken machten. Aber gleichzeitig ratterte es bei mir im Hinterkopf: ist das Zufall oder haben sie mich als trans* identifiziert? Und wem mache ich überhaupt was vor? Ich war der einzige im Workshop, der auf möglichst geschlechtergerechte Sprache geachtet hatte. Manchmal denke ich, das allein ist schon etwas das andere stutzig werden lässt. Es gibt eher wenige Männer in meinem beruflichen Umfeld, die das machen. Und dann fragte mich nach Abschluss des Workshops noch eine Person nach meiner Dissertation und ob die online verfügbar sei. Fuuuuuuuuuuu…. Die ist natürlich unter meinem Geburtsnamen veröffentlicht. Wenn die Person mit meinem Nachnamen und dem richtigen Stichwort googelt, findet sie die Arbeit sofort.

Läuft bei mir.

Wäre alles kein Drama. Ich finde es grundsätzlich nicht schlimm, wenn andere mitbekommen dass ich trans* bin. Aber ich wünsche mir sehr, dass dieses Gefühl – „ist doch total offensichtlich, was ich bin“ – mal aufhört und ich mich einfach wie ein ziemlich normaler Typ fühlen kann.

Ich habe mit sehr gemischten Gefühlen den Heimweg angetreten. Komplettiert wurde der Tag dann noch durch eine Person im Bahnhof, die sehr aggressiv auf mich zukam und Geld wollte. Ich hatte eh kein Kleingeld mehr in der Hosentasche und die Art und Weise wie diese Person meinen „personal space“ missachtet hatte war mir auch nicht geheuer und also ich hab verneint. Die Person wandte sich ab und warf mir im weggehen ein „Man or woman, what the f*** are you?“ an den Kopf.

Klar. Keine schlimme Beschimpfung. Keine Gewalt. Und trotzdem hängt mir das nach. Im ersten Moment prallen solche Sprüche an mir ab. Aber sie kommen trotzdem an mich ran, fressen sich ganz langsam durch meinen schützenden Panzer. Diese Person hat mir jetzt genau noch mal bestätigt, was ich eh schon fühle und denke: davon, eindeutig als Mann gelesen zu werden bin ich weit entfernt. Sie hat mich einmal mehr davon überzeugt, dass das was ich im Spiegel sehe wohl auch das sein muss, was andere sehen.

Das hätte es heute echt nicht noch gebraucht.

 

Weitermachen

Content note: Körper, Körperbild, (kontrolliertes) Essen, Gewicht

Danke für Eure lieben Kommentare/Nachrichten zum letzten Post <3.

Ich habe wenig geschlafen letzte Nacht, aber immerhin irgendwann zwischen zwei und fünf von Katzenbabys geträumt. Ich weiß auch nicht woher die kamen. Aber sie waren besser als die anderen Sachen, die ich im Moment regelmäßig träume. Zum Beispiel, dass meine Stimme sich wieder zurück verändert und heller wird.

Die Angst, die sich darin ausdrückt überträgt sich insgesamt darauf, wie ich mich im Moment wahrnehme. Ich habe das Gefühl, als würde Testosteron nicht (mehr) wirken. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich wieder viel stärker „weibliche“ Gesichtszüge. Das bilde ich mir aller Wahrscheinlichkeit nach ein, aber es ist schwer für mich das auszuhalten. Ich hasse die Form meines Körpers, die Taille, die Hüften, die Unfähigkeit Muskelmasse aufzubauen. Der erste Impuls den ich in solchen Phasen habe ist oft, weniger und kontrollierter zu essen. Das ist so ein Muster, das drin ist und das noch nicht mal bewusst abläuft. Und es ist eine dieser dysfunktionalen, destruktiven „Strategien“ von denen ich gestern geschrieben habe. Allerdings kriege ich es mittlerweile gut hin, schnell dagegen zu steuern. Irgendwann in den letzten zwei Jahren hat es bei mir „klick“ gemacht und ich habe verstanden, dass ich das Ziel „mehr Muskeln“ nicht erreiche, wenn ich zu wenig esse. Aber gleichzeitig erlebe ich halt wie mir mein Körper bei dem Ziel „Muskelmasse“ immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Und mich damit zu arrangieren dass ich nunmal so „ticke“ und mein Metabolismus halt so ist und sich das wohl auch nicht ändern wird – Testo oder nicht – ist für mich schon schwer. Dieses „mich besser arrangieren“ wäre wohl eins der Therapieziele für die Fortführung der Psychotherapie.

***

Heute morgen bin ich dann sehr übermüdet und gerädert eine Wohnung anschauen gefahren, mal wieder. Sie war…okay…aber ziemlich weit draußen. Mein Weg zur Arbeit würde sich damit etwa verdreifachen, da muss ich noch mal drüber schlafen.

Aber als ich da durch die verschneite Landschaft fuhr, immer schön bergauf, habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, dass ich mich darauf freue im Frühjahr wieder auf dem Rad zu sitzen und die „Berge“ dort hochzufahren. Immerhin. Anders als Schwimmen und Fitnessstudio ist das zumindest nichts, wo ich mich mit binären Umkleiden und meinem halbnackten Körper konfrontieren muss. Es ist gut, dieses Ventil noch zu haben. Ich hoffe, dass das Wetter bald wieder mitspielt und ich zumindest wieder ein bisschen radfahren kann.

Jetzt werde ich ein Brot backen und versuchen, irgendwas außer Kaffee in mich reinzubekommen. Und vielleicht noch ein bisschen zu schlafen. Heute Nachmittag und den Abend bin ich unterwegs, ich hoffe das wird okay.

Täglich grüßt…Krankenkassenkram

Puh, was für ein Tag. Ich bin völlig übernächtigt zur Arbeit heute morgen. Mein Mann hatte irgendwie in der Nacht alle zwei Stunden rumgepoltert, ging ins Bad, zog Schubladen auf und zu, hustete, nieste… ich hab kein Auge zugemacht und stand am Morgen völlig neben mir. Also, noch mehr als sonst.

Um 9 Uhr hatte ich erst Mal einen Termin in der Praxis, die die HRT betreut. Immerhin wurde ich dann (nach 50 Minuten Wartezeit) heute ganz ohne Anrede aufgerufen, besser als mit der falschen, ne?

Die Blutwerte sind alle so wie sie sein sollen. Vom Östrogen ist wohl nicht mehr viel übrig. Soll mir recht sein. Ich habe dann mein Anliegen bezüglich der benötigten Untersuchungen und Befunde für den Mastektomie-Antrag vorgetragen: ich brauche eine „hormonelle und genetische Ausschlussdiagnostik“. Ersteres ist ein Bericht (ratet mal, wer dafür 20€ zahlen musste, weil die Kasse das angeblich nicht übernimmt :)))))?). Zweiteres eine Chromosomenanalyse. Da geht es um den Ausschluss einer Intergeschlechtlichkeit.

Man sollte meinen, dass die Chromosomen der Kasse egal sein könnten, wenn man davon ausgeht, dass ich 1. trans* bin im Sinne von „mich nicht dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig empfinden“ und 2. ich körperliche Merkmale habe (i.e. Brüste), die mich daran hindern, im für mich richtigen Geschlecht unbehelligt zu leben. Aber das wäre ja zu einfach. Ich weiß nicht genau was passiert, wenn mein Chromosomensatz von der „XX“ Variante abweicht, aber da denkt die Kasse sich sicherlich noch mal was schönes für mich aus. Seufz.

Die Kasse fordert außerdem einen „Genitalstatus“ – zu erfüllen über einen Ultraschall des Unterleibs sowie einer „Sichtkontrolle“. Haha. Ich habe dankend abgelehnt, als der Endokrinologe das angeboten hat. Den Befund hole ich mir von meiner „Frauen“ärztin. Ich bin aufgrund einiger Probleme und einer OP oft genug dort gewesen, sodass sie aus meiner Patientenakte wohl so einen Befund zaubern kann. Mal schauen, was das wieder kostet.

Auf der Arbeit habe ich nur ein paar Stunden durchgehalten, dann bin ich nach Hause weil es keinen Sinn mehr machte weiter auf den Bildschirm zu starren. Habe mich natürlich nicht krank gemeldet, sondern für den Tag „Überstunden abgebaut“. Ich war ja schließlich „nur“ matschig in Kopf und Magen und unkonzentriert (Achtung, Ironie).

Um den Tag abzurunden kam nachmittags eine Antwort von meiner Krankenkasse, die mir nicht im geringsten weiterhilft. Das muss ich morgen dann doch noch mal per Telefon klären – es hakt nämlich immer noch daran, dass mein Ex-Therapeut kein Vetragstherapeut ist. Also: sie schreiben mir „Natürlich übernehmen wir die Kosten für den Befundbericht, aber wir übernehmen keine außervertraglichen Leistungen“. Tja. Da meine Therapie eine außervertragliche – aber von der Kasse genehmigte und finanzierte – Leistung war, hilft mir das exakt nullkommanull weiter. Ich hab das zugegebenermaßen teils selber verbockt, weil ich das in der ersten Anfrage nicht explizit geschrieben hatte (ich war erstens davon ausgegangen, dass die alles nötige in meinen Unterlagen sehen können und – offensichtlich etwas sehr unbedarft – dass es zweitens nicht so einen grundsätzlichen Unterschied machen kann, wenn sie die Therapie doch genehmigt haben).

Ich wiederhole mich, aber: haha.

Ich geh jetzt mit Wärmflasche ins Bett und hoffe, dass Magen und Kopf sich morgen wieder etwas beruhigt haben.

Kaputt

Ich fühle mich gerade so hilflos und alleingelassen dabei, durch dieses so genannte Gesundheitssystem zu navigieren. Ich weiß noch nicht mal mehr, wo ich ansetzen soll. Dieses System pathologisiert mich und baut dann Hürde um Hürde auf, wenn es darum geht, mir zu helfen.

Eine Fortführung der Therapie bekomme ich nur, wenn ich meinen Therapeuten dafür bezahle, dass er diesen Antrag stellt. Von den 100 Euro bekomme ich vielleicht die Hälfte wieder, falls der Antrag genehmigt wird. Wenn nicht, Pech. Die Chancen stehen 50:50. Mein Therapeut nimmt dieses Geld aus der Erfahrung heraus, dass die Kasse momentan quasi jeden Verlängerungsantrag erst einmal ablehnt.

Gleiches Spiel mit dem psychotherapeutischen Bericht, den die Kasse für die Kostenübernahme der Mastektomie fordert. Auch den darf ich selbst bezahlen. Das werden nochmal ca. 150-200 EUR, die mein Therapeut dafür nimmt. Ob ich eine Chance habe, von meiner Kasse da wieder etwas zurückzubekommen? Keine Ahnung. Ich habe bei einer Patient*innenberatung angefragt, wie das rechtlich ist. Aber die waren beim letzten mal, als ich Unterstützung gesucht habe, nicht besonders hilfreich… ich bin nicht so optimistisch.

Die andere Variante wäre eine Mitgliedschaft im VdK (ein Sozialverband, der u.a. bei Konflikten mit der Krankenkasse hilft). Aber ich hab keine Ahnung, wie offen und hilfsbereit die mit Blick auf trans*Kram sind.

Und natürlich ist das Kernproblem nicht (nur) mein Therapeut, sondern die Krankenkasse(n). Ich denke, die haben es geschafft. Die Hürden, irgendwie wieder psychotherapeutische Unterstützung zu bekommen, sind mir zu hoch. Ich hab die Kraft nicht, jetzt noch Klinken zu putzen auf der Suche nach einer neuen, auch noch trans*freundlichen Praxis. Die monatelangen Wartezeiten auf Termine. Das Antesten, ob es vielleicht passt. Und wenn nicht, alles wieder von vorn.

Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr. Ich habe keine Lust mehr auf dieses Scheiß-System. Ich versuche jetzt, irgendwie die Mastektomie genehmigt bekomme. Und hoffe, dass ich irgendwann mein Leben vielleicht doch noch mal irgendwie okay finden kann.

***

Hier, dings, Nachtrag.

Ich will meinen Thera gar nicht dafür verteufeln, dass er guckt, dass er nicht ohne Ende umsonst arbeitet. Aber die Kombi aus Depressivität, einer Krankenkasse, in die ich kein Vertrauen habe, plus einem Therapeuten, in den ich seit dieser Gutachten-Geschichte auch nicht mehr ganz so viel Vertrauen habe, ist gerade echt ungünstig.