Nachgetragen

So. Ich wollte heute aber noch was raushauen, das passte nur thematisch nicht so richtig zu dem vorigen Post und so mache ich lieber zwei Beiträge draus. Ich wollte noch dieses und jenes zu meinem „Menschen hautnah“ Post nachtragen. Den habe ich, wie unschwer zu bemerken war, mit ziemlicher Wut im Bauch geschrieben. Ich habe oft das Gefühl, nach einer so emotional vorgetragenen Kritik wieder „zurückrudern“ und relativieren zu müssen. Habe ich wirklich das Recht wütend zu sein? Bin ich zu undankbar? Internalisiertes tone policing – kann ich!

Wie auch immer – ich stehe weiter zu meiner Wut und Enttäuschung und meine Kritik an der Dokumentation steht auch weiterhin. Aber.

Ja, es gibt ein „aber“ :D.

Ich möchte ein paar Dinge nachtragen.

Erstens. Über meinen Ärger und meine Kritik habe ich natürlich hauptsächlich auf negative Aspekte der Dokumentation hingewiesen. Das Positive ist dabei in den Hintergrund getreten. Ich will deswegen noch mal sagen dass ich die Geschichten der portraitierten trans* Personen berührend und sowohl mut- als auch traurigmachend fand. Und so schade ich es finde, dass der voice- over Kommentar für mein Gefühl viel zu stark deutend und „vereindeutigend/vereinfachend“ eingegriffen hat – die so offen geäußerten Gedanken und Erfahrungen der Protagonist*innen  waren eben doch ein großes, gutes Gegengewicht dazu. Und mir wurde von einigen Freund*innen und Bekannten mittlerweile gesagt, dass ihnen vor allem das im Gedächtnis geblieben ist und sie berührt hat – nicht der darübergesprochene Kommentar. Das hat mich etwas versöhnt :).

Zweitens. Ebenfalls ein bisschen versöhnt hat mich, dass das Redaktionsteam auf die von mir und anderen formulierte Kritik am Umgang mit Sophia _überhaupt_ reagiert hat. Das ist durchaus nicht üblich.
Sie haben mir mitgeteilt, dass alle Personen ihre Einwilligung in die Nennung der alten Namen gegeben haben („Sophia und ihre Eltern eingeschlossen“). Dazu muss ich sagen, dass ich weiterhin skeptisch bin inwieweit es Sophia möglich gewesen wäre hier gegen einen möglichen Wunsch oder Vorschlag der Eltern zu entscheiden. Das ist von außen aber schlichtweg nicht zu beurteilen und es ist müßig weiter darüber zu spekulieren. Das Redaktionsteam hat aber erstens erkannt, dass sie transparenter hätten machen sollen dass die Einwilligung aller Personen vorlag; zweitens – und das finde ich wirklich gut – haben sie Sophias alten Namen aus dem Infotext in der Mediathek entfernt. Man erfährt ihn jetzt wirklich nur noch, wenn man die Doku anschaut.

Drittens wollte ich jetzt eigentlich noch was zur Frage von Goldtopf schreiben – nämlich was denn bessere Formulierungen als „wurde als Junge/Mädchen geboren und ist jetzt…“ wären – aber ich glaube da muss ich doch weiter ausholen und mache das besser morgen! Stay tuned!

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Menschen hautnah? Bleibt mir von der Pelle

Gestern habe ich die WDR-Dokumentation über trans Kinder und junge Erwachsene in der Mediathek geguckt. Ich weiß nicht warum ich erwartet hatte, dass sie irgendwie okayer sein würde als alles andere, was in den Medien so zu dem Thema herumgeistert. (einzige Ausnahme sind vielleicht die Beiträge aus der Reihe über Feli und Jim bei PULS – die sind vergleichsweise in Ordnung). Vielleicht, weil ich immer noch diese Vorstellung habe, dass bei den öffentlich-rechtlichen Sendern und gerade auch bei dem Format „Menschen hautnah“ solche Themen irgendwie fundierter, respektvoller behandelt werden als bei RTL2.

Tja.

Falsch gedacht. Auch wenn die Respektlosigkeit und der Voyeurismus hier auf leiseren Pfoten daherkommt als vielleicht anderswo. Das macht es für mein Empfinden aber eher schlimmer als besser, weil es für weniger informierte Personen schwieriger wird zu erkennen, das etwas in der Darstellung problematisch ist.

Was regt mich so auf? Vieles, mehr dazu unten. Aber das was mir den Magen umdreht ist, wie der WDR mit einem 8-jährigen Mädchen umgeht. Sophia. Sie wird schon in der Kurzbeschreibung der Sendung in der Mediathek erwähnt. Und zwar mit ihrem alten Namen.

Exkurs: Geburtsnamen sind ein schwieriges Thema für viele trans* Personen. Sie sind oft verbunden mit viel Schmerz, Verletzung, Verlust. Wir kämpfen hart und lange dafür, mit unseren neuen, richtigen Namen angesprochen und akzeptiert zu werden. Und doch ist die mit Abstand häufigste Frage, die ich von anderen gestellt bekomme: wie hießt du früher? Und genauso funktioniert Medienberichterstattung über trans* Personen in der Regel. „Person war mal {Geschlecht} und ist heute {Geschlecht}“. Und: „Person hieß früher {Geburtsname} und heißt heute {richtiger Name}“. Wenn das mit der Zustimmung der jeweiligen Person erfolgt, ist das natürlich in Ordnung. Wobei ich mir sehr wünschen würde dass Medienberichterstattung verdeutlicht, dass diese Zustimmung eingeholt wurde und dass es nicht grundsätzlich in Ordnung ist, den alten Namen zu verwenden.

Im Fall von Sophia habe ich schon als ich den Beschreibungstext für die Doku las die Stirn ein wenig gerunzelt. Auch in der Doku wird ihr alter Name mehrfach verwendet, sowohl im Voice-Over Kommentar, als auch durch die Eltern von Sophia. Und dann haben die Macher*innen eine Sequenz von Sophia in die Doku geschnitten in der sie sehr deutlich sagt, dass sie ihren alten Namen nicht nennen möchte und dass sie vor allem nicht möchte dass er noch verwendet wird. Sie verrät, dass er mit „P“ anfängt, aber mehr möchte sie nicht preisgeben.

Ich bin so wütend. Was gibt den Macher*innen und den Eltern das Recht sich über den Wunsch dieses Kindes so eklatant hinwegzusetzen? Ich finde solche Dokus über und mit Kindern sind eh schon eine extrem diffizile Angelegenheit – das Kind hat ein Recht am eigenen Bild und am Schutz seiner Privatsphäre. Im Vorfeld der Aufnahmen und Interviews müssen die Beteiligten aufgeklärt werden darüber was mit den Aufnahmen passiert und sie müssen zustimmen – freiwillig und ohne das (versteckter) Druck auf sie ausgeübt wird. Es ist schwer vorstellbar, dass Sophia aus freien Stücken ihre Zustimmung dazu gegeben hat dass ihr alter Name in dieser Weise veröffentlicht wird. Jetzt ist er über das halbe Internet plakatiert und tausende von Menschen kennen ihn.

Die Botschaft, die bei mir ankommt ist mal wieder: Selbstbestimmung für trans* Menschen ist eine Illusion. Und das gilt hundertfach für Kinder und Jugendliche, denen abgesprochen wird dass sie selbst wissen was gut und richtig für sie ist. Es werden so tolle Personen portraitiert in dieser Doku, die alle in großartiger Weise für sich sprechen und erklären was sie empfinden, was sie sich wünschen. Aber die Macher*innen schaffen es nicht, das für sich stehen zu lassen. Stattdessen gibt es einen voice-over Kommentar, der diese Erzählungen und Aussagen immer wieder relativiert und missachtet. Beispiel? Eine der portraitierten Personen (ich meine, es ist Sophia) sagt sinngemäß: ich war nie ein Junge, ich war schon immer ein Mädchen. Der Kommentar hingegegen wiederholt immer und immer wieder Aussagen wie: „xy war früher Junge/Mädchen“, „wurde als Junge/Mädchen geboren“, „ist körperlich Junge/Mädchen“… Ich habe halbwegs Verständnis dafür, dass ein solches TV-Format den Zuschauer*innen nicht unmittelbar ein „biologisches Geschlecht ist eine Konstruktion“ vor den Latz knallen möchte. Aber es wäre ohne weiteres möglich gewesen die portraitierten Personen für sich sprechen zu lassen – ohne ihnen über den voice-over Kommentar die Deutungshoheit über ihr Geschlecht und ihre Geschichte zu nehmen. Dafür hätte es aber ein größeres Verständnis für die Materie gebraucht – vor allem aber, und das ist das Wichtigste: mehr Respekt für das Wissen und die Entscheidungen dieser Personen.

Der WDR hat eine riesige Chance verspielt zu zeigen, dass trans* Kinder und Jugendliche ein Recht auf Selbstbestimmung haben. Dass sie gehört und ernst genommen werden müssen. Dass sie Respekt verdient haben.

Auf Twitter gibt es auch einige gute Threads mit Kritik an der Doku – schaut z.B. mal hier:

@AbstraktesHerz https://twitter.com/AbstraktesHerz/status/891012299070242818

@Marabufeder https://twitter.com/marabufeder/status/891049704678711296

——————- Nachtrag (01/08/17) ———————

Ich habe heute eine Antwort auf meine kurze Nachricht an die Redaktion bekommen. Alle portraitierten Personen – Sophia eingeschlossen – haben demnach in die Nennung ihres alten Namens eingewilligt. Ich muss gestehen, ohne der Redaktion irgendetwas unterstellen zu wollen, dass ich skeptisch bin inwieweit Sophia wirklich unbeeinflusst (z.B. von Wünschen ihrer Eltern) diese Entscheidung treffen konnte. Aber das kann ich nicht beurteilen. Persönlich, aus meinem eigenen Erleben heraus, hätte ich mir gewünscht dass im Zweifel auf die Nennung des Namens verzichtet wird – mindestens im voice over-Kommentar. Aber – und das finde ich sehr gut: die Redaktion hat den alten Namen aus dem Infotext in der Mediathek entfernt. Danke dafür!

Wut oder Traurigkeit oder was weiß ich

Ich hab schon wieder den Kaffee auf. SO RICHTIG!

Aber ist vielleicht ganz gut, weil es mich von meiner ganzen Traurigkeit und überhaupt einer ganzen Reihe von Gefühlen die ich noch nicht mal richtig benennen kann ablenkt. Ich habe heute morgen die Debatte zur Eheöffnung geschaut und hatte da (wenig überraschend) eher gemischte Gefühle. Zum einen aus den Gründen, über die ich schon geschrieben habe. (Zu dem Beitrag habe ich auch noch ein paar gute Update-/Nachtrags-Anregungen bekommen, da kommt demnächst also noch was zur Ergänzung und Klärung).

Hundert Mal „Ehe für alle“ hören und denken „Aber es ist keine Ehe für alle!“. Aber auch: homofeindliche Politiker*innen hören müssen, die von ihren „Werten“ und vom Kindeswohl reden dass es einem speiübel werden konnte. Und das gleiche potenzierte sich dann im Verlauf des Tages in den Medien. Da ist dieser entsetzliche, homofeindliche Kommentar in der FAZ (wenn er euch noch nicht begegnet ist, seid froh und belasst es dabei). Als ich heute Mittag kurz das Radio anmachte, kam im WDR 5 irgendein Kritiker zu Wort – bevor er das Wort „Identitätspolitik“ zu Ende ausgesprochen hatte war das Radio auch schon wieder aus. Echt – könnt ihr nicht einfach mal einen Tag solchen Leuten _keine_ Plattform dafür bieten, ihren Hass in die Welt zu posaunen?

Ich habe tatsächlich den Tag über dann erst einmal nicht mehr in die Medien geschaut. Irgendwie war mir alles zu viel. Und irgendwie hatte das auch damit zu tun, dass ich mich „außen vor“ gefühlt habe bei der Freude und Fröhlichkeit meiner Freund*innen und Bekannten – ich glaube, weil ich selbst gerade so traurig bin keinen Platz und keinen Menschen mehr zu haben, an_bei dem ich mich aufgehoben fühlen kann. Überhaupt tue ich mich gerade mal wieder schwerer mit dem „Leben meistern“.

Da kommt mir eine „Ich hab den Kaffee auf!“ Emotion gerade recht, weil Wut manchmal echt besser auszuhalten ist für mich als diese ständige Traurigkeit.

Zum Kaffee also! (Content note für die nächsten zwei Absätze für „Untenrumorgane“ und Krebsvorsorge)

Kaffee Nummer 1 geht kommt von meiner Krankenkasse. Bei denen hatte ich angefragt, wie nach meiner Personenstandsänderung die Abrechnung geschlechtsspezifischer Vorsorgeuntersuchungen erfolgen kann – und zwar geht es mir da natürlich insbesondere um die „gynäkologische“ Krebsvorsorge. Ich wusste schon, dass das Probleme geben kann – wobei es anscheinend von Kasse zu Kasse verschieden ist. Meine Kasse stellt sich (halb)quer. Eine Person erklärte mir am Telefon, dass eine Abrechnung über eine gynäkologische Praxis nicht möglich wäre und ich in Zukunft in eine urologische Praxis gehen müsse. Auf meine etwas flapsige Bemerkung, dass ich dann jetzt also darauf warten könnte Gebärmutterhalskrebs zu bekommen meinte die Person am Telefon, dass das „der Urologe“ doch auch untersuche könne. Ah ja.

Ich bin erstens mit meiner „Untenrumärztin“ sehr zufrieden und vetraue ihr. Zweitens habe ich „hier“ gerufen, als Endometriose verteilt wurde. Auch da wäre es mir deutlich lieber, wenn meine Ärztin mich da weiter betreuen würde. So. Was mich aber zudem skeptisch macht: wieso soll eine urologische Praxis bei einem männlichen Patienten einen Gebärmutterhalsabstrich besser abrechnen können, als eine gynäkologische Praxis? Das nämlich meinte meine Ärztin schon, dass sie da die Software überlisten müsste. Naja. Ich habe mit der Person von der Krankenkasse nicht weiter diskutiert sondern meinte nur, ich hätte diese Auskunft gerne schriftlich. Dass die so etwas nicht gerne schriftlich rausgeben, habe ich schon gelernt – klar, weil dann habe ich ja was in der Hand, wogegen ich Beschwerde einlegen kann. Die Person sagte mir zu, eine Email zu schreiben. Mal sehen ob/wann ich die bekomme. (Und wenn es hart auf hart kommt, dann gilt Email glaube ich gar nicht als „schriftlich“ – d.h. ich nerve so lange, bis ich einen Brief habe). Mit dem Thema gehe ich nämlich auf jeden Fall noch mal zum VDK (dem Sozialverband in dem ich Mitglied bin) und schaue dann, wie ich dagegen Widerspruch einlegen kann.

Kaffee Nummer 2 wurde noch Mal freundlichst von unserer Bundesregierung gesponsert. Wenn ich eine Hoffnung mit der Eheöffnung verbunden hatte dann, dass es in Zukunft „Regenbogenfamilien“ endlich, endlich etwas leichter haben könnten. Und, was lese ich heute beim LSVD?

Das „Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts“ hat an den Abstammungsregeln nichts geändert.

Mutter eines Kindes ist weiterhin nur die Frau, die das Kind geboren hat (§ 1591 BGB).

Für Kinder, die in eine Ehe hineingeboren werden, bestimmt zwar § 1592 Nr. 1 BGB, dass der Ehemann der zweite rechtliche Elternteil des Kindes ist, gleichgültig ob er tatsächlich der biologische Vater des Kindes ist oder nicht. Aber diese Vorschrift ist nicht um die „Ehefrau der Mutter“ erweitert worden. (http://www.lsvd.de/nc/recht/ratgeber/ehe-fuer-alle.html)

Sprich, es wird weiterhin eine Stiefkindadoption erfolgen müssen, wenn die verheirateten Eltern eines Kindes beide einen weiblichen Personenstand haben. Das heißt, weiterhin werden solche Paare diskriminiert und benachteilig – und dieses Adoptions-Verfahren ist keinen Deut „angenehmer“, als eine Vornamens-/Personenstandsänderung.

REPARIERT DAS, PRONTO!

Alle oder keine*r?

(Anmerkung vorab: ich hab meine Gedanken noch nicht so richtig gut sortiert – ich hoffe, dass ich nicht zu viele wichtige Aspekte/Diskriminierungsachsen und -dimensionen ausgeblendet oder vergessen habe. Bitte stupst mich an, wenn das so ist – ich ergänze den Beitrag dann).

Als ich gestern nach einem Workshopvormittag nachmittags auf dem Bahnsteig auf meinen Zug gen Heimat wartete haben mich die Neuigkeiten zum Thema „Öffnung der Ehe“ erreicht. Waaaaas? Da guckt man mal ein paar Stunden nicht in dieses Internet und dann überschlagen sich die Ereignisse?

Im ersten Moment habe ich mich total gefreut – endlich sieht es so aus, als sei diese Form der staatlichen Diskriminierung bald Geschichte. Und ich freue mich auch immer noch für diejenigen, die so lange dafür gekämpft haben und für die es nun z.B. endlich die Möglichkeit geben wird, Kinder zu adoptieren.

Aber je mehr ich dann gestern so las, desto enttäuschter und ängstlicher wurde ich.

Da ist zum einen die Art und Weise wie es nun zu dieser überraschenden Abstimmungsankündigung gekommen ist. Nach jahrelangem Blockieren und Verzögern mit hanebüchenen Argumenten geht es nun plötzlich schnell, weil Politiker*innen die Eheöffnung als Verschiebemasse im Taktieren um den Machterhalt nutzen. Da geht es doch nicht darum, dass sie (insbesondere bei CDU und SPD) erkannt hätten, dass homosexuellen Männer- und Frauenpaaren die gleichen Rechte zustehen wie hetero-Paaren. Aber wenn es um Macht geht, kann man ja schonmal ein Auge zudrücken…

Zum anderen – und da kommt die Angst ins Spiel – überschlugen sich in den sozialen Medien und anderswo Beiträge und Kommentare mit dem Tenor „Wir sind am Ziel! Jetzt haben wir alles erreicht“. Da sind zum Beispiel Kommentare wie dieser hier von Jan Schnorrenberg aus der Presseabteilung des Schwulen Museums:

„Heute endet ein Kapitel der homosexuellen Emanzipationsgeschichte. Es kommt zu spät für viel zu viele Menschen und Aktivist_innen, aber für so viele junge LSBTIQ wird es in (sic) in zehn Jahren eine Selbstverständlichkeit sein. Sie werden unsere Wut und Frustration über die jahrzehntelange Untätigkeit der Großen Koalition nur aus Erzählungen kennen. Sie werden sich outen, ohne darüber nachzudenken ob ihre Liebe vom Staat überhaupt akzeptiert wird. Und es wird gut sein. So sollte es sein. Das ist das Rad der Zeit, welches die Ideologien der Ungleichheit langsam, aber bestimmt unter sich begräbt.“ (https://www.facebook.com/spektrallinie/posts/1564351423596479)

Da verwendet mal wieder jemand die Formel „LSBTIQ“ ofenbar ohne sich wirklich Gedanken darüber gemacht zu haben, wofür die Buchstaben stehen.

Lesbisch, Schwul, Bi, Trans, Inter, Queer.

Erstens: die Hälfte dieser Identitäten hat nicht – oder nicht ausschließlich – etwas damit zu tun, wen ich liebe. Ich kann zum Beispiel trans oder inter sein und hetero. Geschlechtsidentität ≠ sexuelle Orientierung. Die Diskriminierungsmechanismen und -erfahrungen sind andere und sie gehen nicht weg, nur weil die Ehe für schwule Männer und lesbische Frauen geöffnet wird. Es ist symptomatisch, wie häufig von der „Ehe für alle“ die Rede ist und dabei vergessen wird, wer bei „alle“ leider alles durchs Raster fällt. Es wird zum Beispiel nicht beachtet, dass Heiraten nur möglich ist wenn man eins der beiden amtlich anerkannten Geschlechter im Pass stehen hat. Geschlechter die sich nicht im binären System verorten lassen finden nach wie vor keine Berücksichtigung. Und was ist zum Beispiel mit behinderten Menschen? @JulesEins hat eine (zu Recht wütende) Tweetkette dazu verfasst: https://twitter.com/JulesEins/status/880008718670323712.

Zweitens: diese Idee dass sich LSBTIQ in Zukunft ohne Bedenken outen könnten weil es bald eine Eheöffnung geben wird, ist auf so vielen Ebenen einfach Mist. Ja, möglicherweise finden bestimmte schwule und lesbische Partnerschaften nun mehr Akzeptanz. Aber:

  • Gewalttaten gegen LSBTIQ Personen nehmen zu (Danke an eine liebe Person bei Twitter, die mich darauf noch mal hingewiesen hat). MANEO, das schwule Anti-Gewalt Projekt Berlin verzeichnete in 2016 z.B. einen erneuten Anstieg von gewaltsamen Übergriffen. In 2016 waren es 632 neue Meldungen, die sich vorwiegend auf Vorfälle in Berlin bezogen (MANEO Report 2016, S. 28). Andere Statistiken sprechen eine ähnliche Sprache.
  • Bisexualität, Trans- oder Intergeschlechtlichkeit, queere Identitäten oder sexuelle Orientierungen, Asexualität und andere Identitäten und Orientierungen sind weit, weit weg davon, in irgendeiner Weise gesellschaftlich normalisiert und akzeptiert zu sein. Wenn eine Person noch dazu zum Beispiel nicht weißdeutsch ist und/oder eine Behinderung hat, steigt mit einem Outing das Risiko Opfer von Diskriminierung und Gewalt zu werden nochmals erheblich an. Intersektionalität ist ein Ding!

Kommentare wie der von Jan Schnorrenberg verschleiern das – und das ist die Stelle, an der ich Angst bekomme. Ich habe eine (vielleicht, hoffentlich unberechtigte) Angst, dass einige jetzt aufhören weiter zu kämpfen – „weil jetzt ja alles erreicht ist“. Das macht mir auch deswegen Sorgen, weil ich gleichzeitig eine Art Backlash befürchte – zum Beispiel wenn es um die rechtliche Anerkennung nichtbinärer Geschlechter geht. So von wegen „Jetzt habt ihr doch die Ehe für alle, was wollt ihr denn noch?“

Und ich hoffe einfach, dass diejenigen deren Ziele jetzt erreicht sind sich trotzdem weiter engagieren und dass sie ihre erkämpften Privilegien auch für die nutzen, die noch weiterkämpfen müssen für Selbstbestimmung und Akzeptanz.

*****

Der MANEO Report 2016 verfügbar unter: http://www.maneo.de/infopool/dokumentationen.html. (CN: Verwendet „-phobie“ für „-feindlichkeit“).

 

Tief durchatmen

Content note: Übergriffige psychologische Begutachtung, Sexualität

Gestern hatte ich das erste Gutachten in der Post. Es wurde mir direkt vom Gericht zugeschickt (eigentlich hatte die begutachtende Person gesagt, sie würde mir eine Kopie schicken… whatever). Es ist das Gutachten des zweiten Gesprächs und ich war erst einmal total erleichtert, dass ich es nun habe. Irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl wieder ein bisschen besser atmen zu können – als wenn der Elefant, der da immer auf meinem Brustkorb sitzt, sich mal für einen Moment die Beine vertreten gegangen.

Wohlweislich habe ich das Gutachten gestern nicht gelesen. Ich habe nur kurz auf die letzte Seite geguckt, wo die Aussagen zu den Aspekten stehen die das Gericht eigentlich überprüft haben möchte: dass ich seit mindestens drei Jahren unter dem „Zwang“ stehe, dem „anderen (sic!) Geschlecht“ anzugehören; dass sich das voraussichtlich nicht mehr ändern wird; dass ich bei meiner Geburt „nach dem äußeren Erscheinungsbild eindeutig weiblichen Geschlechts“ war. Sah soweit okay aus. Mehr habe ich mich nicht getraut, weil ich nach dem letzten Telefonat mit der begutachtenden Person schon Sorgen hatte, was da wohl alles in dem Gutachten drin stehen würde und ich mir den Tag nicht kaputt machen wollte.

Heute habe ich es nun also gelesen (gezwungenermaßen, denn bevor ich das an den MDK schicke für den OP-Antrag werde ich Passagen schwärzen). Es ist schlimmer, als ich befürchtet hatte. Worauf ich mich einigermaßen mental vorbereitet hatte war: „sezieren“ meiner Persönlichkeit, geschlechts-stereotypische und pathologisierende Zuschreibungen. Nach dem Telefonat hatte ich auch die Erwartung, dass da ein paar Sachen drinstehen könnten die ich so nicht gesagt habe – und das fühlte sich nach diesem Gespräch schon recht mulmig an.

Tja. Was jetzt tatsächlich in diesem Gutachten steht ist zu bestimmt 60-70% frei erfunden. Zwar stimmen die grundsätzlichen Aussagen über mich zumindest tendenziell, aber die begutachtende Person illustriert diese mit Begebenheiten die ich angeblich berichtet haben soll, die aber einfach komplett ausgedacht sind. Ich habe nichts von dem berichtet. Nichts davon ist passiert. Noch nicht mal „so ähnlich“. Mir ist echt die Luft weggeblieben. Das ist so unglaublich übergriffig und anmaßend, dazu fällt mir nichts mehr ein. Wie kommt diese Person dazu?

Sie legt mir und meinen Eltern Worte und Aussagen in den Mund, die völlig aus der Luft gegriffen sind. Sie berichtet Dinge die meine Eltern angeblich gesagt und getan haben sollen, die nie geschehen sind und die völlig dem zuwiderlaufen, was ich als Kind von meinen Eltern erfahren habe.

Sie dichtet mir eine falsche sexuelle Orientierung an – ich soll mich schon früh zu Frauen hingezogen gefühlt haben. Was zur Hölle? Wäre ja nicht schlimm wenn es so wäre, aber nope? Und natürlich hat sie sich noch weitere Sachen zum Thema Sexualität ausgedacht, die nicht stimmen und über die wir überhaupt nicht gesprochen haben.

Als i-Tüpfelchen steht dann in der für das Gericht ausschlaggebenden Zusammenfassung noch eine unfreiwillig(?) uneindeutige Formulierung drin, die man isoliert so lesen kann als würde ich mein Geschlecht als „weiblich“ definieren. Ich hoffe mal, dass das Gericht das überliest.

Es fühlt sich schlimm an das alles zu lesen. Übergriffig und gewaltvoll. Dieses Dokument liegt jetzt bei Gericht in einer Akte mit meinem Namen drauf und ich kann nichts dagegen machen, ohne mir selbst zu schaden. Denn da mir die begutachtende Person vorher keine Kopie geschickt hat, könnte ich jetzt nur noch zum Gericht gehen und mich dort darüber beschweren, dass das Gutachten falsch ist. Ich weiß nicht genau, was dann passiert – aber ich vermute es würde darauf hinauslaufen, dass ich noch ein drittes Gutachten bezahlen und abwarten muss. Ohne Garantie, dass das dann besser oder faktentreuer wird.

Lustig wird auch wenn das zweite Gutachten kommt und dort völlig andere Sachen drinstehen. Ich vermute zwar, dass das bei Gericht eh niemand so richtig liest – aber ist trotzdem kein wirklich gutes Gefühl.

Ich hab echt keine Worte dafür wie sehr ich dieses System verachte und wie verdammt wütend es mich macht.

Grenzen

Gestern war ein völlig ruinöser Tag, der mir ziemlich viel Kraft geraubt hat. Ich wünsche mir sehr ich würde endlich mal lernen Grenzen zu ziehen. Die Klappe aufzumachen, anstatt in Schockstarre zu verfallen. Ich hatte gestern einen Angsttermin mit meinem Mann. Wir waren beim Notar*, um zu klären, wie die „Vermögenssituation“ im Fall der Trennung geregelt werden kann. Angst hatte ich nicht wegen des Termins an sich, sondern weil ich mir vorstellte, wie mein Mann da sitzt und von „meiner Frau“ spricht und mich damit meint. Und wie er weibliche Pronomen für mich benutzt. Schon der Gedanke an diese Situation hat gereicht, mich erstarren zu lassen. Mir tut das buchstäblich körperlich weh… alles zieht sich zusammen. Ich empfinde dieses wissentlich falsch gendern als eine Form von psychischer Gewalt und ich schaffe es nicht, mich dagegen zu wehren.

Leider wurde es genauso schlimm, wie ich befürchtet hatte. Es war mir nacher gar nicht mehr möglich überhaupt aufzunehmen, was der Notar gesagt hat. Ich hab nur versucht, irgendwie durch diese Situation zu kommen. Hinterher bin ich völlig abgestürzt. Und auch in dieser Situation hat mein Mann meine Grenzen noch mehrfach missachtet, indem er einfach in mein Zimmer gekommen ist, in das ich  mich zurückgezogen hatte. Und das Schlimme ist, er merkt noch nicht mal, dass es ein Problem gibt. Er hat sich nicht ein bisschen damit auseinandergesetzt. Ich hab  eine solche Wut und ich bin so verzweifelt, weil ich nicht hinbekomme ihm deutlich zu machen, dass er damit aufhören muss.

Überhaupt hat das Gespräch beim Notar völlig absurde Dinge zutage gefördert. Z.B. dass mein Mann sich offensichtlich nicht scheiden lassen will. Wahrscheinlich denkt er, dass er mir damit einen Gefallen tut – weil es für mich eine größere finanzielle Absicherung für die Zukunft ist. Ich wünschte er würde verstehen, dass mir diese Art von „Fürsorge“ gestohlen bleiben kann. Ich will, dass er mich als Person anerkennt und mir den Respekt entgegen bringt, den ich verdient habe. Ohne das ist nichts von dem, was der da versucht irgendetwas wert.

Und weil der Tag noch nicht „schön“ genug war, habe ich erfahren, dass die eine begutachtende Person mein Personenstandsänderungsgutachten „hofft“ bis Ende April fertigzustellen. Das sind also noch  mal mindestens vier Wochen. Von der anderen Person habe ich gar nichts gehört auf meine Nachfrage. Es gab noch ein anderes Ereignis, das mich ziemlich fertig gemacht hat und insgesamt war der Tag gestern so richtig für die Tonne.

Aber hurra, morgen komme ich so spät nach Hause dass ich meinen Mann nicht sehen muss und Freitag hab ich frei.

Es hat sich noch was bewegt! In Sachen Personenstandsänderung bin ich einen Schritt weiter. Ich habe heute die Gutachter*innen angerufen und (Trommelwirbel) der erste Termin ist schon nächste Woche o__O. Das ist die Praxis, bei der ich dachte ich warte 8-10 Wochen. Sie wollten mir den Termin heute per Post schicken, aber nun hab ich ihn schon mündlich mitgeteilt bekommen und konnte mir direkt für den Tag freinehmen. Bei der anderen Praxis konnte ich bislang nur meine Telefonnummer und den Wunsch einen Termin zu vereinbaren „loswerden“ – die melden sich dann noch mal bei mir.

Mit dem ersten Termin in der Tasche konnte ich dann bei meinem (gefühlt) wöchentlichen Telefonat mit meiner Sachbearbeiter*in bei der Krankenkasse Contencance bewahren. Ich hatte ja von meinem Ex-Therapeuten schon die Info, dass die Kasse sich mit mir Verbindung setzen würde, um mir mitzuteilen, was sie erstatten. Die Auflösung (die der Therapeut sicher schon kannte): nicht einmal die Hälfte dessen, was der Therapeut in Rechnung stellen würde. Von den 500-600€ die da im Raum stehen würde ich also den Großteil selbst tragen müssen.

How about no?

Ich habe der Person von der Kasse sehr deutlich gesagt, dass ich mich darauf nicht einlasse und habe versucht ihr zu erklären, was dieses Hinauszögern für mich bedeutet. Selbst kann die dort ohnehin nichts entscheiden, das hängt an der hierarchisch höhergestellten Person, aber ich wollte das trotzdem mal loswerden.

Ich mache jetzt Folgendes: ich lasse den Therapeuten den Befundbericht, den ich eh schon bezahlt habe, leicht ergänzen – um eine Passage, in der er konkret zum Wunsch der OP Stellung nimmt. Soll er mir das halt noch mal in Rechnung stellen. Damit reiche ich den Antrag mit diesem Bericht und dem ersten Gutachten für die Personenstandsänderung ein (d.h. so lange muss ich dann auf jeden Fall noch warten). Parallel werde ich mich aberauch juristisch beraten lassen, denn wenn der Medizinische Dienst den Antrag ablehnt (wovon ich ausgehe) und einen ausführlicheren Bericht nachfordert, bin ich wieder in der exakt gleichen Situation.

Was gibt es sonst noch?

Ich hab mich gegen die Wohnung entschieden, wegen der ich im Stress war. Zu viele Haken. Aber ich wüsste auch gar nicht, was ich ohne Wohnungsbesichtigungen mit meinen Samstagen anfangen würde, ne?

Vielleicht werde ich einen Vortrag zum Thema trans* und Grenzen halten. Ein Freund hat mich gefragt, ob ich Lust hätte (Jaaaa :D). Ich habe schon ein paar (gute?) Ideen für das Thema und es würde mir auf jeden Fall Spaß machen.

Eine Person, die mich lange nicht gesehen/gehört hat, war von meiner Stimme beeindruckt. Und das Kind der Person hat mich sehr ungläubig angeguckt, als ich ihm widersprach und sagte, dass Prinzessin Lilifee für alle Kinder sei, nicht nur für Mädchen.

Ach ja – und die begutachtende Person, zu der ich nächste Woche gehe war in dem Theaterstück, in dem ich mitgespielt habe.

Ich werte das mal als ein gutes Zeichen. So schlecht haben wir schließlich nicht gespielt ;-).