Reblog: Offizieller nichtbinärer Geschlechtseintrag

Ihr habt es wahrscheinlich heute in den Medien mitbekommen: das Bundesverfassungsgericht hat heute der Klage von Vanja (http://dritte-option.de/) auf einen dritten Geschlechtseintrag „inter*/divers“ neben männlich und weiblich stattgegeben. Das ist der Hammer und ich freue mich unglaublich!!!

Das könnte bedeuten, dass neben inter* Personen auch nichtbinäre trans* Personen in Zukunft einen „positiven“ Geschlechtseintrag haben können – bislang war ein leerer Geschlechtseintrag nämlich das maximal mögliche.  Ihr könnt auf dem geschlechtsneutral Blog nachlesen, was das jetzt bedeutet :-).

Die Neuigkeit gleich vorneweg: Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass in Deutschland ein 3. Geschlechtseintrag geschaffen werden muss! Und jetzt der Reihe nach, wie es dazu kam: Bis vor vier Jahren gab es in Deutschland für amtliche Dokumente nur die 2 Geschlechts-Optionen „männlich“ und „weiblich“. Mit Hilfe des Transsexuellengesetzes war es auf sehr mühsame Art möglich, […]

über Offizieller nichtbinärer Geschlechtseintrag — geschlechtsneutral Ø

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Nur kurz

Ich habe heute ENDLICH meine neue Rentenversicherungsnummer bei meinem Arbeitgeber abgeben können. Damit können nun auch die letzten Relikte im alten Namen geändert werden – meine Personalakte und die Gehaltsabrechnungen. Gute vier Monate habe ich drauf gewartet. Vorletzte Woche hatte ich mal telefonisch nachgefragt – irgendwas war schiefgelaufen und sie hatten die neue Nummer nicht rausgeschickt. Grmpf.

Das Telefonat war im übrigen etwas verwirrend. Ich hatte nämlich mittlerweile meine Adresse dort schon geändert und das wieder vergessen. Als die Person am Telefon nach der Adresse fragte, habe ich die alte gesagt. Die stimmte nicht mit der im System überein. Sie durfte mir glaube ich nicht sagen, welche Adresse sie hat weil das ja theoretisch jemand anderes hätte sein können. Datenschutz halt. Ich bin dann nur auf die Idee gekommen, dass es die GANZ alte Adresse sein könnte, bei der ich und mein Noch-Mann vorher gewohnt hatten. Ahem. Bis ich dann drauf kam, dass die dort schon die neue Adresse im System hatten hat es eine Weile gedauert o.O

Es könnte zwar sein, dass ich irgendwas vergessen habe – aber ich glaube tatsächlich, damit bin ich durch mit der Namensänderung. Mein „Transitionsprojekt“ nähert sich dem Ende. Ein merkwürdiges Gefühl, nach all den Veränderungen. Zum 1.1. werde ich, wie es aussieht nun tatsächlich noch meinen Job wechseln (intern) damit habe ich wohl einen ziemlichen Veränderungsrekord hingelegt in den letzten 24 Monaten.

Uff.

Wichtige Neuerung bei der Abrechnung medizinischer Untersuchungen und Behandlungen bei der GKV

Heute bin ich durch einen Post des „Netzwerks Geschlechtliche Vielfalt Trans NRW e.V.“ (Link zum Facebook-Profil) auf eine Meldung in der Ärztezeitung aufmerksam geworden:

Inter- und Transsexualität: Regeln im EBM angepasst

Geschlechtsspezifische Leistungen im EBM, wie die Untersuchung der Prostata oder eine Mammografie, können seit Juli unabhängig von der personenstandsrechtlichen Geschlechtszuordnung abgerechnet werden. Entscheidend ist der organbezogene Befund, meldet die Kassenärztliche Bundesvereinigung. (https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/aerztliche_verguetung/article/940476/inter-transsexualitaet-regeln-ebm-angepasst.html)

Das sind gute Nachrichten (wahrscheinlich – siehe ganz unten für eine mögliche Einschränkung)! Es bedeutet nämlich, dass nun für Versicherte der GKV bei der Abrechnung von Untersuchungen (z.B. Vorsorge) und Behandlungen nicht mehr das amtlich eingetragene Geschlecht zählt, sondern welche Organe eine Person wirklich hat. Sprich: ich kann als männliche Person, die einen Uterus hat auch weiterhin (hoffentlich) unproblematisch die entsprechenden Vorsorgeuntersuchungen in meiner bisherigen „frauenärztlichen“ Praxis machen. Auf meine Anfrage von vor zwei oder drei Wochen hatte mir meine Krankenkasse ja noch geantwortet, ich müsse dazu zukünftig in eine urologische Praxis gehen (was ja das Kernproblem dass es einen „Mann mit Uterus“ aus Sicht des medizinischen Systems nicht gibt oder gab nicht gelöst hätte).

Mir sind einige Personen bekannt, die aus der berechtigten Sorge heraus dass ihre adäquate medizinische Versorgung dann nicht mehr gewährleistet wäre darauf verzichtet haben, ihren Geschlechtseintrag ändern zu lassen – mit all den negativen Konsequenzen, die das im Alltag hat. Ich hoffe, dass mit der erfolgten Änderung diese Hürde nun zumindest für Patient*innen der GKV wegfällt. Und noch toller wäre es natürlich, wenn auch die PKV sich daran orientieren würde.

Allerdings gibt es eine Formulierung, die mich stutzig macht. Den „Einheitlichen Bewertungsmaßstab“ (EBM) findet ihr bei der Kassenärztlichen Vereinigung, hier z.B. als PDF nach Fachgruppen: http://www.kbv.de/html/arztgruppen_ebm.php. Für den Bereich „Frauenärzt_innen“ und „Urologie“ heißt es zum Beispiel:

4.2.1 Abrechnung geschlechtsspezifischer Gebührenordnungspositionen
Geschlechtsspezifische Gebührenordnungspositionen sind bei Personen, bei denen primäre Geschlechtsmerkmale beider Geschlechter vorliegen, wie bei Intersexualität oder Transsexualität nach Geschlechtsangleichung, entsprechend dem organbezogenen Befund (z. B. bei Vorliegen von Testes, Ovarien, Prostata) berechnungsfähig.
Ohne Kennzeichnung „X“ für das unbestimmte Geschlecht auf der elektronische Gesundheitskarte ist bei den genannten Personen die entsprechende Leistung mit einer bundeseinheitlich kodierten Zusatzkennzeichnung zu versehen und als Begründung ist der ICD-10-Kode für Transsexualität oder Intersexualität anzugeben. (EBM 3. Quartal 2017)

Die Formulierung „primäre Geschlechtsmerkmale beider Geschlechter“ bietet potenziell Zündstoff – denn bei vielen – oder vielleicht sogar den meisten? – trans* Personen ist das nicht der Fall. Wenn ich keinen Denkfehler mache, dann wäre das nur nach genitalumformenden OPs der Fall, sofern eine Person nicht sowohl inter* als auch trans* ist. Hormontherapie als „angleichende Maßnahme“ ändert nichts an den „primären Geschlechtsmerkmalen“ und viele trans* Personen ändern den Personenstand ganz ohne medizinische Maßnahmen.

Ich hoffe mal, dass die Ärztezeitung mit ihrer Interpretation Recht hat und dass es wirklich einfach bedeutet dass nicht mehr der rechtliche Personenstand zählt, sondern nur noch der  „Organbefund“. Alles andere wäre absurd! Aber in diesem System wundert mich ja nichts mehr…

Wut oder Traurigkeit oder was weiß ich

Ich hab schon wieder den Kaffee auf. SO RICHTIG!

Aber ist vielleicht ganz gut, weil es mich von meiner ganzen Traurigkeit und überhaupt einer ganzen Reihe von Gefühlen die ich noch nicht mal richtig benennen kann ablenkt. Ich habe heute morgen die Debatte zur Eheöffnung geschaut und hatte da (wenig überraschend) eher gemischte Gefühle. Zum einen aus den Gründen, über die ich schon geschrieben habe. (Zu dem Beitrag habe ich auch noch ein paar gute Update-/Nachtrags-Anregungen bekommen, da kommt demnächst also noch was zur Ergänzung und Klärung).

Hundert Mal „Ehe für alle“ hören und denken „Aber es ist keine Ehe für alle!“. Aber auch: homofeindliche Politiker*innen hören müssen, die von ihren „Werten“ und vom Kindeswohl reden dass es einem speiübel werden konnte. Und das gleiche potenzierte sich dann im Verlauf des Tages in den Medien. Da ist dieser entsetzliche, homofeindliche Kommentar in der FAZ (wenn er euch noch nicht begegnet ist, seid froh und belasst es dabei). Als ich heute Mittag kurz das Radio anmachte, kam im WDR 5 irgendein Kritiker zu Wort – bevor er das Wort „Identitätspolitik“ zu Ende ausgesprochen hatte war das Radio auch schon wieder aus. Echt – könnt ihr nicht einfach mal einen Tag solchen Leuten _keine_ Plattform dafür bieten, ihren Hass in die Welt zu posaunen?

Ich habe tatsächlich den Tag über dann erst einmal nicht mehr in die Medien geschaut. Irgendwie war mir alles zu viel. Und irgendwie hatte das auch damit zu tun, dass ich mich „außen vor“ gefühlt habe bei der Freude und Fröhlichkeit meiner Freund*innen und Bekannten – ich glaube, weil ich selbst gerade so traurig bin keinen Platz und keinen Menschen mehr zu haben, an_bei dem ich mich aufgehoben fühlen kann. Überhaupt tue ich mich gerade mal wieder schwerer mit dem „Leben meistern“.

Da kommt mir eine „Ich hab den Kaffee auf!“ Emotion gerade recht, weil Wut manchmal echt besser auszuhalten ist für mich als diese ständige Traurigkeit.

Zum Kaffee also! (Content note für die nächsten zwei Absätze für „Untenrumorgane“ und Krebsvorsorge)

Kaffee Nummer 1 geht kommt von meiner Krankenkasse. Bei denen hatte ich angefragt, wie nach meiner Personenstandsänderung die Abrechnung geschlechtsspezifischer Vorsorgeuntersuchungen erfolgen kann – und zwar geht es mir da natürlich insbesondere um die „gynäkologische“ Krebsvorsorge. Ich wusste schon, dass das Probleme geben kann – wobei es anscheinend von Kasse zu Kasse verschieden ist. Meine Kasse stellt sich (halb)quer. Eine Person erklärte mir am Telefon, dass eine Abrechnung über eine gynäkologische Praxis nicht möglich wäre und ich in Zukunft in eine urologische Praxis gehen müsse. Auf meine etwas flapsige Bemerkung, dass ich dann jetzt also darauf warten könnte Gebärmutterhalskrebs zu bekommen meinte die Person am Telefon, dass das „der Urologe“ doch auch untersuche könne. Ah ja.

Ich bin erstens mit meiner „Untenrumärztin“ sehr zufrieden und vetraue ihr. Zweitens habe ich „hier“ gerufen, als Endometriose verteilt wurde. Auch da wäre es mir deutlich lieber, wenn meine Ärztin mich da weiter betreuen würde. So. Was mich aber zudem skeptisch macht: wieso soll eine urologische Praxis bei einem männlichen Patienten einen Gebärmutterhalsabstrich besser abrechnen können, als eine gynäkologische Praxis? Das nämlich meinte meine Ärztin schon, dass sie da die Software überlisten müsste. Naja. Ich habe mit der Person von der Krankenkasse nicht weiter diskutiert sondern meinte nur, ich hätte diese Auskunft gerne schriftlich. Dass die so etwas nicht gerne schriftlich rausgeben, habe ich schon gelernt – klar, weil dann habe ich ja was in der Hand, wogegen ich Beschwerde einlegen kann. Die Person sagte mir zu, eine Email zu schreiben. Mal sehen ob/wann ich die bekomme. (Und wenn es hart auf hart kommt, dann gilt Email glaube ich gar nicht als „schriftlich“ – d.h. ich nerve so lange, bis ich einen Brief habe). Mit dem Thema gehe ich nämlich auf jeden Fall noch mal zum VDK (dem Sozialverband in dem ich Mitglied bin) und schaue dann, wie ich dagegen Widerspruch einlegen kann.

Kaffee Nummer 2 wurde noch Mal freundlichst von unserer Bundesregierung gesponsert. Wenn ich eine Hoffnung mit der Eheöffnung verbunden hatte dann, dass es in Zukunft „Regenbogenfamilien“ endlich, endlich etwas leichter haben könnten. Und, was lese ich heute beim LSVD?

Das „Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts“ hat an den Abstammungsregeln nichts geändert.

Mutter eines Kindes ist weiterhin nur die Frau, die das Kind geboren hat (§ 1591 BGB).

Für Kinder, die in eine Ehe hineingeboren werden, bestimmt zwar § 1592 Nr. 1 BGB, dass der Ehemann der zweite rechtliche Elternteil des Kindes ist, gleichgültig ob er tatsächlich der biologische Vater des Kindes ist oder nicht. Aber diese Vorschrift ist nicht um die „Ehefrau der Mutter“ erweitert worden. (http://www.lsvd.de/nc/recht/ratgeber/ehe-fuer-alle.html)

Sprich, es wird weiterhin eine Stiefkindadoption erfolgen müssen, wenn die verheirateten Eltern eines Kindes beide einen weiblichen Personenstand haben. Das heißt, weiterhin werden solche Paare diskriminiert und benachteilig – und dieses Adoptions-Verfahren ist keinen Deut „angenehmer“, als eine Vornamens-/Personenstandsänderung.

REPARIERT DAS, PRONTO!

Alle oder keine*r?

(Anmerkung vorab: ich hab meine Gedanken noch nicht so richtig gut sortiert – ich hoffe, dass ich nicht zu viele wichtige Aspekte/Diskriminierungsachsen und -dimensionen ausgeblendet oder vergessen habe. Bitte stupst mich an, wenn das so ist – ich ergänze den Beitrag dann).

Als ich gestern nach einem Workshopvormittag nachmittags auf dem Bahnsteig auf meinen Zug gen Heimat wartete haben mich die Neuigkeiten zum Thema „Öffnung der Ehe“ erreicht. Waaaaas? Da guckt man mal ein paar Stunden nicht in dieses Internet und dann überschlagen sich die Ereignisse?

Im ersten Moment habe ich mich total gefreut – endlich sieht es so aus, als sei diese Form der staatlichen Diskriminierung bald Geschichte. Und ich freue mich auch immer noch für diejenigen, die so lange dafür gekämpft haben und für die es nun z.B. endlich die Möglichkeit geben wird, Kinder zu adoptieren.

Aber je mehr ich dann gestern so las, desto enttäuschter und ängstlicher wurde ich.

Da ist zum einen die Art und Weise wie es nun zu dieser überraschenden Abstimmungsankündigung gekommen ist. Nach jahrelangem Blockieren und Verzögern mit hanebüchenen Argumenten geht es nun plötzlich schnell, weil Politiker*innen die Eheöffnung als Verschiebemasse im Taktieren um den Machterhalt nutzen. Da geht es doch nicht darum, dass sie (insbesondere bei CDU und SPD) erkannt hätten, dass homosexuellen Männer- und Frauenpaaren die gleichen Rechte zustehen wie hetero-Paaren. Aber wenn es um Macht geht, kann man ja schonmal ein Auge zudrücken…

Zum anderen – und da kommt die Angst ins Spiel – überschlugen sich in den sozialen Medien und anderswo Beiträge und Kommentare mit dem Tenor „Wir sind am Ziel! Jetzt haben wir alles erreicht“. Da sind zum Beispiel Kommentare wie dieser hier von Jan Schnorrenberg aus der Presseabteilung des Schwulen Museums:

„Heute endet ein Kapitel der homosexuellen Emanzipationsgeschichte. Es kommt zu spät für viel zu viele Menschen und Aktivist_innen, aber für so viele junge LSBTIQ wird es in (sic) in zehn Jahren eine Selbstverständlichkeit sein. Sie werden unsere Wut und Frustration über die jahrzehntelange Untätigkeit der Großen Koalition nur aus Erzählungen kennen. Sie werden sich outen, ohne darüber nachzudenken ob ihre Liebe vom Staat überhaupt akzeptiert wird. Und es wird gut sein. So sollte es sein. Das ist das Rad der Zeit, welches die Ideologien der Ungleichheit langsam, aber bestimmt unter sich begräbt.“ (https://www.facebook.com/spektrallinie/posts/1564351423596479)

Da verwendet mal wieder jemand die Formel „LSBTIQ“ ofenbar ohne sich wirklich Gedanken darüber gemacht zu haben, wofür die Buchstaben stehen.

Lesbisch, Schwul, Bi, Trans, Inter, Queer.

Erstens: die Hälfte dieser Identitäten hat nicht – oder nicht ausschließlich – etwas damit zu tun, wen ich liebe. Ich kann zum Beispiel trans oder inter sein und hetero. Geschlechtsidentität ≠ sexuelle Orientierung. Die Diskriminierungsmechanismen und -erfahrungen sind andere und sie gehen nicht weg, nur weil die Ehe für schwule Männer und lesbische Frauen geöffnet wird. Es ist symptomatisch, wie häufig von der „Ehe für alle“ die Rede ist und dabei vergessen wird, wer bei „alle“ leider alles durchs Raster fällt. Es wird zum Beispiel nicht beachtet, dass Heiraten nur möglich ist wenn man eins der beiden amtlich anerkannten Geschlechter im Pass stehen hat. Geschlechter die sich nicht im binären System verorten lassen finden nach wie vor keine Berücksichtigung. Und was ist zum Beispiel mit behinderten Menschen? @JulesEins hat eine (zu Recht wütende) Tweetkette dazu verfasst: https://twitter.com/JulesEins/status/880008718670323712.

Zweitens: diese Idee dass sich LSBTIQ in Zukunft ohne Bedenken outen könnten weil es bald eine Eheöffnung geben wird, ist auf so vielen Ebenen einfach Mist. Ja, möglicherweise finden bestimmte schwule und lesbische Partnerschaften nun mehr Akzeptanz. Aber:

  • Gewalttaten gegen LSBTIQ Personen nehmen zu (Danke an eine liebe Person bei Twitter, die mich darauf noch mal hingewiesen hat). MANEO, das schwule Anti-Gewalt Projekt Berlin verzeichnete in 2016 z.B. einen erneuten Anstieg von gewaltsamen Übergriffen. In 2016 waren es 632 neue Meldungen, die sich vorwiegend auf Vorfälle in Berlin bezogen (MANEO Report 2016, S. 28). Andere Statistiken sprechen eine ähnliche Sprache.
  • Bisexualität, Trans- oder Intergeschlechtlichkeit, queere Identitäten oder sexuelle Orientierungen, Asexualität und andere Identitäten und Orientierungen sind weit, weit weg davon, in irgendeiner Weise gesellschaftlich normalisiert und akzeptiert zu sein. Wenn eine Person noch dazu zum Beispiel nicht weißdeutsch ist und/oder eine Behinderung hat, steigt mit einem Outing das Risiko Opfer von Diskriminierung und Gewalt zu werden nochmals erheblich an. Intersektionalität ist ein Ding!

Kommentare wie der von Jan Schnorrenberg verschleiern das – und das ist die Stelle, an der ich Angst bekomme. Ich habe eine (vielleicht, hoffentlich unberechtigte) Angst, dass einige jetzt aufhören weiter zu kämpfen – „weil jetzt ja alles erreicht ist“. Das macht mir auch deswegen Sorgen, weil ich gleichzeitig eine Art Backlash befürchte – zum Beispiel wenn es um die rechtliche Anerkennung nichtbinärer Geschlechter geht. So von wegen „Jetzt habt ihr doch die Ehe für alle, was wollt ihr denn noch?“

Und ich hoffe einfach, dass diejenigen deren Ziele jetzt erreicht sind sich trotzdem weiter engagieren und dass sie ihre erkämpften Privilegien auch für die nutzen, die noch weiterkämpfen müssen für Selbstbestimmung und Akzeptanz.

*****

Der MANEO Report 2016 verfügbar unter: http://www.maneo.de/infopool/dokumentationen.html. (CN: Verwendet „-phobie“ für „-feindlichkeit“).

 

Fight or flight

Content note: Mobbing, Schule, soziale Phobie. Falls ihr das nicht lesen möchtet, springt einfach zum letzten Absatz – da gibt es netteres zu lesen :-)

Ich fühle mich gerade sehr antriebslos und müde. Wahrscheinlich spielen die bevorstehenden Veränderungen eine Rolle, aber auch – auf der gesellschaftlichen Ebene – ein Gefühl von Ohnmacht das mir gerade mal wieder sehr präsent ist. Das hat viel damit zu tun, wie über trans* Personen in den Medien berichtet wird; und auch damit, wer überhaupt in den Medien und „der Gesellschaft“ gehört wird. Da sind Mechanismen und Prozesse am Werk die letztlich dafür sorgen dass marginalisiert Menschen weiter marginalisiert bleiben. Es ist sehr schwer, das aufzubrechen. Ich fühle mich gerade nicht gut vorbereitet und „gewappnet“ darüber zu mehr zu schreiben, aber es wird dazu bestimmt bald noch mal einen Beitrag (oder Beiträge) hier geben.

Tja, und auf der persönlichen Ebene. Mich beschäftigt immer noch (meine Reaktion) auf den nervigen Typen vom Schwimmen. Ich habe das Feld geräumt, „kampflos“ sozusagen, weil ich das Gefühl habe keine Kraft für die Auseinandersetzung zu haben. Einerseits denke ich mir, ich hab keine Verpflichtung mich mit dem Typen auseinanderzusetzen. Habe ich auch nicht – aber das ist andererseits nur die halbe Wahrheit. Denn die Person der ich damit schade bin ich selbst. Dadurch, dass ich dem Konflikt aus dem Weg gehe verliere ich etwas, was wichtig war – Anschluss, Sozialkontakte, ein Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Mit etwas Abstand (und weil andere mich mit der Nase drauf gestoßen haben, ahem) sehe ich, dass das natürlich ein Muster ist das ich wiederhole. Dieses Muster hat glaube ich viel damit zu tun, was ich als Jugendlicher in der Schule erlebt habe. Ich wurde gemobbt, gehörte nirgendwo dazu und habe glaube ich versucht mich zu schützen, indem ich mich isoliert habe. Das ging über mehrere Jahre. Mit dem Abi habe ich allen Kontakt zu Mitschüler*innen abgebrochen, mit einer Ausnahme. Wenn ich jemanden aus meinem Abijahrgang sehe, gehe ich in Deckung. Wobei, mittlerweile erkennen Leute mich auch nicht mehr, was sehr cool ist :D.

Aber ich schweife ab. Ich habe jedenfalls in dieser Zeit keine positiven Erfahrungen damit gesammelt, für mich einzustehen und mich zu behaupten. Gewachsen ist in dieser Zeit auch eine soziale Phobie die es mir ziemlich unmöglich gemacht hat mit fremden Menschen in Kontakt zu treten. Die Angst abgelehnt zu werden, irgendwas falsch zu machen, mich lächerlich zu machen…. viel zu groß. Es hat mehrere Jahre Therapie gebraucht, mich wieder halbwegs „funktional“ im Kontakt mit anderen Menschen zu machen, aber die Verhaltensmuster sind mir geblieben. Ich erkenne sie jetzt meistens ganz gut und gehe wenn möglich nicht in die Vermeidung, auch wenn meine „Angstmelder“ anschlagen. Aber wenn ich in einen Konflikt gerate schaffe ich es nicht, für mich einzustehen sondern gebe nach und/oder ziehe mich einfach komplett aus der Situation raus. Konfrontationen halte ich exakt null aus. Umso mehr, wenn ich das Gefühl habe dass ich nicht einer einzelnen Person gegenüberstehe, sondern halt einer Gruppe. So war es in der Schwimmgruppe, wo ich von den anderen keine Unterstützung im Konflikt bekomme, und es gab dieses Jahr noch eine andere aber teils ähnliche Situaton in anderem Zusammenhang. Das Resultat war jedenfalls auch da das gleiche: ich hab mich rausgezogen (allerdings war das etwas vielschichtiger und verstrickter, als die Schwimmsache).

Und was mach ich jetzt mit dieser Erkenntnis? Muster durchbrechen klingt so gut, ist aber leider auch schwer. Vor allem, wenn sie aus eher schlimmen Erfahrungen entstanden sind.

Und sonst noch? Heute war ich das drölzigste Mal im Notariat – dieses Mal, um die Grundschuld für die Bank auf die Wohnung eintragen zu lassen. Im Gepäck hatte ich den rechtskräftigen Beschluss zur Namensänderung (und übrigens auch meinen vorläufigen Perso!). Damit kann ich nämlich jetzt die Vormerkung für die Eintragung ins Grundbuch auf den neuen Namen machen und muss es später im Grundbuch nicht noch ändern. Dazu hat der Notar* dann so aus dem Stegreif einen sehr komplizierten Satz handschriftlich in die Urkunde eingefügt. Der war so lang, dass eigentlich kein Platz dafür war und die Schrift wurde immer kleiner und kleiner. Ich musste ein bisschen lachen – und die Person, die das nachher entziffern muss tut mir auch ein bisschen leid. Jedenfalls steht da jetzt so etwas wie „Der Erschienene (also ich) beantragt unter Vorlage einer beglaubigten Ablichtung des Beschlusses xy des Amtsgerichts xy dass die Eintragung der Vormerkung und so weiter und so fort auf den Namen TOMI erfolgen soll“ (ich krieg es nicht mehr ganz zusammen, aber war allerschönstes Jurist*innendeutsch ;)). Die Kreditverträge habe ich am Mittwoch unterschrieben und kann darunter jetzt also auch einen Haken machen.

Aus dem Ruder

Ich erlebe gerade die etwas paradoxe Situation dass sich einiges (auf)löst, ich aber trotzdem das Gefühl habe dass Dinge mir komplett entgleiten. Wenn ich die Rahmenbedingungen betrachte, das „Außen“, dann scheint das geordnetet als noch vor ein paar Wochen. Ich konnte in den letzten drei Tagen zwei große Haken hinter Sachen machen: Freitag hatte ich den Beschluss zur Vornamens- und Personenstandsänderung im Briefkasten – und er ist schon rechtskräftig. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Heute habe ich per Mail die Bestätigung bekommen, dass der Kredit genehmigt ist. Damit steht die Finanzierung für die Wohnung nun und eigentlich könnte ich ein bisschen durchatmen.

Aber mein Innen kommt nicht hinterher. Ich liege nachts wach und realisiere langsam, was das alles bedeutet. Ausziehen bedeutet: ich werde allein sein, vielleicht für den Rest meines Lebens, und es macht mir ziemlich große Angst. Mir ist in den letzten Tagen noch mal so deutlich geworden, was durch die Trennung alles schon weggebrochen ist – vor allem im „Sozialen“. Was ich jetzt schon alles nicht mehr habe, obwohl es früher so wichtig war. Zum Beispiel die Rennradtouren und -urlaube, die mein Mann und ich gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Freund*innen gemacht haben. Ich bin schon lange nicht mehr Teil dieser Gruppe, weil mein Mann dort stärker „verankert“ war. Also fahre ich alleine. Aber es ist nicht das gleiche und eine neue Gruppe ist nicht in Sicht.

Als der Beschluss da war wegen der Namensänderung war ich nicht erleichtert. Ich war nur traurig. Mit der neuen Geburtsurkunde radiere ich den letzten Rest meines „alten“ Lebens aus, so fühlt es sich an. Und ich habe keinen Zweifel, dass es die richtige Entscheidung ist diesen Weg so zu gehen, aber gerade ist die Trauer darüber was ich alles verloren habe viel größer als das Gefühl etwas gewonnen zu haben.