Wiederzuhausesadness

Samstagabend bin ich aus dem Urlaub zurück gekommen. Jetzt weine ich den Bergen, dem Meer und der Sonne hinterher. Es war (trotz der geschilderten Nervfaktoren) eine wirklich schöne Zeit und gerade die letzten beiden Tage nach dem letzten Eintrag haben es irgendwie noch mal richtig rausgerissen. Das lag nicht unwesentlich an der Person, mit der ich an diesen beiden Tagen radfahren durfte. Es war die gleiche Person, mit der ich auch Anfang der Woche schon eine Tour gefahren war – allerdings war die auf sozialer Ebene etwas anstrengend und aufreibend, weil es Konflikte zwischen dem Guide und zwei anderen Gästen gab (die sich total daneben benommen haben). Ich stand nur daneben und war nicht unmittelbar betroffen, aber es war trotzdem nicht so schön. Naja. Fast forward zum Ende der Woche.

Donnerstag war „Marathontag“. Also: höchste Kilometer- und Höhenmeterleistung der ganzen Woche. Ich bin letztes Jahr ein Leistungslevel höher gefahren und war hinterher völlig. am. Ende. Der Marathon war ein Grund warum ich versucht habe, mein Pulver über die Woche nicht komplett zu verschießen, sondern noch ein paar Reserven zu haben. Nun gab es zwar keine Gruppe mit der ich mithalten hätte müssen, aber ich hatte trotzdem einen ordentlichen Respekt vor dem Tag (und Angst davor, nicht durchzuhalten). Der Guide, P, war auf eine angenehme „scheiß auf Leistung“-Art völlig entspannt. Und er* war sich sicher, dass ich das schaffe. Irgendwie hat er es geschafft, von Anfang an Druck rauszunehmen und sich so auf mein Niveau einzustellen, dass es rund lief, die ganze Zeit. Ich kannte ihn schon ein bisschen vom letzten Jahr und er ist von der Fahrtechnik her einfach unglaublich gut. Und präzise wie ein Uhrwerk.

Das energieeffizienteste und kraftsparendste beim Rennradfahren ist eigentlich, mit wenig Widerstand aber hoher Trittfrequenz zu arbeiten. Da es bei mir mit der Muskulatur nicht soooo weit her ist (und schon mal gar nicht nach diesem Jahr), fahre ich mit hoher Frequenz anstatt mich mit hohen Gängen über die Steigungen zu drücken, wie viele andere das machen. P hätte ohne weiteres hohe Gänge drücken können, hat es aber gelassen und so sind wir irgendwie sehr synchron gefahren die ganze Zeit, es hat so gut gepasst. Ich komme mir, wenn ich mit anderen fahre, ganz oft vor wie „the odd one out“ weil ich aufgrund der Fahrweise relativ viel schalte: jedesmal, wenn die Steigung sich ändert und ich meine Frequenz nicht mehr treten kann – während andere, die mehr über Kraft fahren halt nicht schalten, sondern einfach mit mehr oder weniger Druck auf den Pedalen fahren. P hat quasi immer gleichzeitig mit mir geschaltet und es war ein totales Flow-Gefühl. Dazu habe ich erlebt, dass meine Kraftreserven ausreichen. Am Ende des Tages – nach immerhin 93 km und rund 1700 Höhenmetern – war ich alle, aber nicht bodenlos erschöpft. Und auch auf der „sozialen“ Ebene war es gut. Wir haben relativ wenig geredet, aber es war angenehm so. Ansonsten viele „auf einer Wellenlänge“ Vibes. P hat Andeutungen gemacht die darauf schließen lassen, dass er auch Erfahrung mit Depression und/oder psychosomatischen Beschwerden hat und auch wenn wir das beide nicht so ausgesprochen haben, glaube ich schon dass er verstanden hat dass ich diese Erfahrungen auch habe. Und irgendwie habe ich mich im Gesamtpaket sehr „angenommen“ und „okay“ gefühlt. Am Freitag lief es genauso und es war schön – diese Art zu fahren hat es mir ermöglicht, meine Grenzen zu achten ohne mich unzulänglich zu fühlen.

Und nun bin ich einerseits total dankbar, dass ich das so erfahren durfte, aber sehr traurig dass es vorbei ist. Traurig auch, weil mir da eine Person begegnet ist, die ich gerne besser kennengelernt hätte und die ich wohl in absehbarer Zeit nicht wiedertreffen werde – wenn überhaupt noch mal. Ich versuche gerade zu verstehen, warum ich mich dieser Person nach so kurzer Zeit so verbunden fühle – naja, und ich glaube dieser Beitrag ist ein Teil der Antwort. Ich denke, es geht um das gemeinsame Fahrerlebnis und das kurze mich selbst als „okay“ erleben, das es mir ermöglicht hat. Gleichzeitig mit dem dankbar drüber sein bin ich leider auch wütend auf mich – dafür dass ich es zugelassen habe, dass jemand plötzlich auf diese Art wichtig für mich geworden ist, denn es macht mich verletzlich. Grund 543269 warum es schwer ist für mich, Menschen an mich ranzulassen.

Jetzt hat der Alltag mich wieder und ich versuche irgendwie, wieder in den Tritt zu kommen.

Advertisements

Urlaub gleich anders

Mein Urlaub ist schon fast wieder vorbei und insgesamt ist es ganz schön. Leider tendiert die Gästezahl für die Radtouren in dieser Woche gegen 1. Also habe ich Sonntag und Montag 1:1 Betreuung gehabt. Das ist einerseits natürlich sehr luxuriös, aber eigentlich finde ich es doch schöner in einer Gruppe zu fahren – gerade wenn man so 4-6 Stunden unterwegs ist, ist es schon auch anstrengend nur zu zweit zu sein. Auch die Essensrunde ist sehr geschrumpft, hauptsächlich sind jetzt noch Leute aus dem Team da und ein weiterer Gast. Alle sind zum Glück ganz nett – letztes Jahr waren im Vergleich echt ein paar ganz schlimme Typen dabei. Aber trotzdem merke ich, seitdem keine weiblichen* (also, von mir weiblich gelesenen) Gäste mehr dabei sind, dass die verbleibenden Personen sich unverhohlener sexistisch und teils homofeindlich äußern. Es sind meist „nur“ Witze, aber das ist halt auch perfide, denn jede Kritik daran lässt sich über ein „ist ja nur Spaß“ schön aushebeln. Insbesondere eine Person aus dem Team ist ganz vorne mit dabei. Diese Person ist schon über 80 und ich befürchte es ist ziemlich aussichtslos dagegen zu reden oder das gegenüber anderen im Team zu thematisieren. Mehr als ein „das darf man nicht so ernst nehmen“ wird es meiner Einschätzung nach nicht als Reaktion geben.

Und natürlich herrscht Heteronormativität galore – alle nehmen automatisch an, ich sei hetero. Ich find’s so anstrengend, auch weil ich jedes Mal wieder abschätzen muss wo es jetzt ohne negative Konseqzenzen möglich ist das zu korrigieren. Naja, alles wie immer also wenn ich mich aus meiner „bubble“ bewege.

Heute war Ruhetag und eigentlich wäre Ruhe wirklich gut für meine Beine gewesen. Fiel dann aber aus wegen „ist nicht“. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen mit dem Bus nach Palma zu fahren, aber ich habe schon beim Abfahrzeiten raussuchen gemerkt, dass es emotional schwierig ist. Das letzte Mal, als ich diese Tour gemacht habe war es gemeinsam mit meinem Mann und tja. Also habe ich ein paar Tränen vergossen und bin dann doch aufs Rad gestiegen (mit dem festen Vorsatz ganz langsam und locker zu machen). Es ist unheimlich tolles Wetter und die Landschaft hier ist so schön. Ich hab es noch nie so grün gesehen hier, es hat offenbar in den Sommermonaten auch mal geregnet. Ich bin eine schöne, aber nicht zu anspruchsvolle Strecke gefahren. Dass „Schönes an mich ranlassen“ dazu führt, dass ich traurig(er) werde stimmt leider immer noch. Also mehr Tränen. Ich glaube, die Traurigkeit kommt daher dass ich in diesen Momenten realisiere, dass es niemanden gibt mit dem ich das Schöne teilen kann – und auch, dass es niemanden mehr geben wird der dafür Sorge (mit)trägt, dass es mir gutgeht oder ich mich wohlfühle. Dafür muss ich selbst Sorge tragen und das erscheint mir gerade eine sehr große Last.

Kein Netz und kein doppelter Boden.

Und du bist…?

Die letzte Woche war so unglaublich lang… Ich hatte zwei Dienstreisen, eine innerhalb von Deutschland und eine im Ausland. Ich hab allein 14 Stunden in Zügen gesessen und viel zu viel Zeit an Flughäfen verbracht. Die Flugreise war die erste seit Namensänderung und Mastektomie und das hat zwei große Stressfaktoren rausgenommen. Die Angst, mit dem Binder in der Sicherheitskontrolle aufzufallen war schon eine ganz schöne Belastung. Tja. Und dann fiel mir am Tag des Flugs ein, dass ich jetzt zwar keine Brüste mehr habe, aber meistens einen sogenannten „Packer“ trage, damit je nach Hose nicht so auffällt, dass zwischen meinen Beinen …. naja …. nichts weiter ist ;-). Die Packer sind aus Silikon und zwar nicht besonders detailgetreu (meine jedenfalls), aber die Vorstellung damit im Sicherheitscheck aufzufallen war trotzdem nicht soooooo beruhigend :’D.

Eine kurze Umfrage in meiner Twitterbubble brachte gemischte Erfahrungen und Empfehlungen und auch die von einer lieben Twitterperson kurzerhand beim Flughafen Hamburg eingeholten Infos haben mich nicht wirklich beruhigt. Das worst case scenario wäre, dass der Packer als Gegenstand erkannt wird und man dann erklären muss, warum man einen Silikonpenis in der Hose hat. Naja – das allein fänd ich vielleicht nicht sooo schlimm, aber die Vorstellung dann in der Kabine das gute Stück begutachten zu lassen war mir doch eher zu viel :’D. Kurzentschlossen habe ich  mich also gegen Packer und für die gute alte Socke entschieden – ich dachte mir, wenn die auffällt muss ich wenigstens nicht den Packer auspacken o__O.

Die Socke ist jedenfalls nicht aufgefallen, weder beim Hinflug (Körperscanner), noch mein Rückflug. Dafür wurde das erste Mal ever meine Händesinfektion einkassiert, weil die Flasche 150 statt den erlaubten 100 ml hatte.

Die Flugreise ging zu einem Projektabschlusstreffen. Ich hatte einige Personen dort seit etwa 1.5 Jahren nicht mehr gesehen. Einen anderen Teil kannte ich nur von der Kommunikationsplattform, wo ich auch ein (etwas älteres) Foto von mir eingestellt hab. Es war irgendwie sehr lustig, dass mich einerseits die Leute die mich nur online kannten ansprachen: „Ah DU bist Tomi, endlich lernen wir uns mal persönlich kennen“ und andererseits Personen, die mich schon kannten aber länger nicht gesehen hatten nicht erkannten. Also gar nicht. Zu einer bin ich hingegangen und hab sie begrüßt und sie guckte irritiert auf mein Namensschild und erkundigte sich, von welcher Organisation ich komme *kicher*. Das ist ein paar Mal passiert und es hat mich sehr amüsiert.

Die unendlich lange Woche endete Freitagabend gegen 22:00 und dann kam das Wochenende, von dem Vergangenheits-Ich dachte, ich würde bestimmt Ablenkung brauchen (wegen Trennung und Umzug und so). Jedenfalls hatte Vergangenheits-Ich mich zu einem VHS-Kurs „Plastisches Gestalten“ angemeldet, der Samstag und Sonntag von 10-16 Uhr ging. Uff. Eigentlich hätte ich lieber auf der Couch rumgehangen (ICH HAB SEIT LETZTER WOCHE EINE COUCH!), bin aber doch hingegangen und hab alles andere – Einkaufen, Regale aufbauen (ICH HAB SEIT LETZTER WOCHE AUCH REGALE!) auf den Abend verschoben. Der Samstag war dementsprechend auch erst um 22 Uhr zu Ende – bis dahin war ich beschäftigt. Mein Noch-aber-bald-ex-Mann hat mir bei den Regalen zum Glück geholfen und es war eigentlich ganz okay.

Und jetzt hab ich also eine Couch, Regale, eine Tentakel aus Leichtmörtel und einen blauen Gipsklotz.

Aber immer noch keinen Kühlschrank.

happysad

Diese Woche gab es mal wieder einen Tag, vor dem ich mich sehr gefürchtet habe… Geb****tag. Ich mochte diesen Tag nie (ich glaube, das schrieb ich letztes Jahr auch ;)) und mit Trennung und Transition und so weiter und so fort ist es noch komplizierter geworden mit den Gefühlen zu diesem Tag.  Letztes Jahr habe ich ihn noch mit meinem Mann verbracht und es war schrecklich. Dieses Jahr hatte ich zumindest so geplant, dass ich nicht zu Hause sein würde (sprich: ich bin arbeiten gegangen) und abends etwas mit Freund*innen und meinem Geschwister unternehme. Das konnte die Traurigkeit ganz gut im Zaum halten. Der Morgen war schlimm, weil mein Mann mir ein Geschenk hingelegt hatte und früher aufgestanden ist, um mir zu gratulieren. Ich wollte beides nicht. Ich halte diesen Widerspruch zwischen „ich will dir etwas Gutes tun“ und „ich ignoriere trotzdem deine grundlegenden Bedürfnisse“ im Verhalten meines Mannes nicht aus. Dass er mir etwas schenkt und versucht „nett“ zu sein trotz allem verstärkt mein Gefühl, nicht das Recht zu haben für mein Bedürfnis einzustehen, mit dem richtigen Namen und mit den richtigen Pronomen angesprochen zu werden. Mein Mann versteht das nicht. Er sieht mich, wie ich auf den Boden starre und ihn nicht ansehen kann.

Als ich dann mit meinem Kaffee in der Bahn saß, bin ich über alle meine Schatten gesprungen und habe ihm eine Mail geschrieben und erklärt, was seine Weigerung mich korrekt anzusprechen mit mir macht. Geantwortet hat er darauf natürlich nicht. Stattdessen hab ich mich den ganzen Tag mit Schuldgefühlen gequält. Ich verfluche es, dass ich genau jetzt keinen Zugang zu einer therapeutischen Unterstützung habe. Zwar hilft es mir sehr, das meine digitale und analoge „Bubble“ mir zuhört und mich unterstützt – aber dieses Schuldding sitzt so tief in mir drin und ich muss das weiter in einem therapeutischen Kontext bearbeiten. Ich werde es sonst nicht los.

Aber alles in allem habe ich den Tag ganz gut überstanden. Auf der Arbeit bekam ich Konfetti :D. Abends hatte ich Karten für eine Tanzperformance in der ein Schauspieler aus „meinem“ Theaterstück mitspielte. Das Wetter war gut und ich saß mit Freund*innen und Geschwister vorher noch draußen in der lauen Luft und das war sehr schön. Die Performance war richtig toll. Das Thema war „Alter(n)“ und wie es sich auf Bühnenarbeit/Tanz/Performance auswirkt. Was bedeutet es, als junge oder als alternde Person auf der Bühne zu stehen? Ich bin immer noch ganz geflasht, weil ich es so toll fand!

Und dann ging der Tag mit Quatschen und durch immer noch laue Luft zum Bahnhof laufen zu Ende. Ich bin froh, dass der Tag vorbei ist und dankbar, dass er viele schöne Momente hatte!

Weitermachen

Content note: Körper, Körperbild, (kontrolliertes) Essen, Gewicht

Danke für Eure lieben Kommentare/Nachrichten zum letzten Post <3.

Ich habe wenig geschlafen letzte Nacht, aber immerhin irgendwann zwischen zwei und fünf von Katzenbabys geträumt. Ich weiß auch nicht woher die kamen. Aber sie waren besser als die anderen Sachen, die ich im Moment regelmäßig träume. Zum Beispiel, dass meine Stimme sich wieder zurück verändert und heller wird.

Die Angst, die sich darin ausdrückt überträgt sich insgesamt darauf, wie ich mich im Moment wahrnehme. Ich habe das Gefühl, als würde Testosteron nicht (mehr) wirken. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich wieder viel stärker „weibliche“ Gesichtszüge. Das bilde ich mir aller Wahrscheinlichkeit nach ein, aber es ist schwer für mich das auszuhalten. Ich hasse die Form meines Körpers, die Taille, die Hüften, die Unfähigkeit Muskelmasse aufzubauen. Der erste Impuls den ich in solchen Phasen habe ist oft, weniger und kontrollierter zu essen. Das ist so ein Muster, das drin ist und das noch nicht mal bewusst abläuft. Und es ist eine dieser dysfunktionalen, destruktiven „Strategien“ von denen ich gestern geschrieben habe. Allerdings kriege ich es mittlerweile gut hin, schnell dagegen zu steuern. Irgendwann in den letzten zwei Jahren hat es bei mir „klick“ gemacht und ich habe verstanden, dass ich das Ziel „mehr Muskeln“ nicht erreiche, wenn ich zu wenig esse. Aber gleichzeitig erlebe ich halt wie mir mein Körper bei dem Ziel „Muskelmasse“ immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Und mich damit zu arrangieren dass ich nunmal so „ticke“ und mein Metabolismus halt so ist und sich das wohl auch nicht ändern wird – Testo oder nicht – ist für mich schon schwer. Dieses „mich besser arrangieren“ wäre wohl eins der Therapieziele für die Fortführung der Psychotherapie.

***

Heute morgen bin ich dann sehr übermüdet und gerädert eine Wohnung anschauen gefahren, mal wieder. Sie war…okay…aber ziemlich weit draußen. Mein Weg zur Arbeit würde sich damit etwa verdreifachen, da muss ich noch mal drüber schlafen.

Aber als ich da durch die verschneite Landschaft fuhr, immer schön bergauf, habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, dass ich mich darauf freue im Frühjahr wieder auf dem Rad zu sitzen und die „Berge“ dort hochzufahren. Immerhin. Anders als Schwimmen und Fitnessstudio ist das zumindest nichts, wo ich mich mit binären Umkleiden und meinem halbnackten Körper konfrontieren muss. Es ist gut, dieses Ventil noch zu haben. Ich hoffe, dass das Wetter bald wieder mitspielt und ich zumindest wieder ein bisschen radfahren kann.

Jetzt werde ich ein Brot backen und versuchen, irgendwas außer Kaffee in mich reinzubekommen. Und vielleicht noch ein bisschen zu schlafen. Heute Nachmittag und den Abend bin ich unterwegs, ich hoffe das wird okay.

…und raus

Content note: Erwähnt Essen und Alkohol

Zeit, einen Schlussstrich unter dieses Jahr zu ziehen. Endlich. Vor dem Tag heute habe ich mich trotzdem gefürchtet. Weil er mit so viel Bedeutung aufgeladen wird und weil ich nicht wusste, wie gut ich damit klar komme. Ich will nicht zurückschauen und auch nicht darüber spekulieren, was nächstes Jahr kommt. Bislang klappt das ganz gut.

Heute morgen habe ich mir noch eine Wohnung angeschaut (die war leider nichts), hab ein paar Sachen eingekauft und mich dann aufs Sofa verkrümelt mit Tee und einem Buch. Der potenziell neue Therapeut hatte es empfohlen, um einen Eindruck zu bekommen wie Gruppentherapie so abläuft. Es ist ein Roman („The Schopenhauer Cure“ von Irvin D. Yalom). Ist nicht gerade das, was ich sonst so lese, aber ja, ich bekomme einen Eindruck von dieser Therapieform. Es verdeutlicht die Aussage des Therapeuten, die Gruppentherapie würde es ermöglichen viele verschiedene Bindungserfahrungen zu machen. Das war ja der Punkt, der mich hellhörig hatte werden lassen. Ich verstehe jetzt wo ich das Buch lese noch mal besser, wie das aussehen kann. Und ich glaube mittlerweile, es könnte für mich funktionieren.

Draußen wird schon geböllert. Ich habe Pizza gemacht und einen Gin Tonic getrunken. Gleich schaue ich noch eine Folge einer Serie und dann gehe ich wahrscheinlich einfach ins Bett – auch wenn ich um Mitternacht wieder hochschrecken werde. Der Gedanken, dass es das letzte Silvester ist, das ich mit meinem Mann unter einem Dach verbringen muss ist gerade eher tröstend als traurig. Dinge werden sich weiter verändern nächstes Jahr und das ist gut.

Keine Vorsätze, keine Wünsche. Außer vielleicht mehr lachen zu können. Ich habe vorhin beim Essen vorbereiten darüber nachgedacht. Die Male, die ich dieses Jahr gelacht habe, so richtig, kann ich an einer Hand abzählen. Dabei kann es so befreiend sein. An Heiligabend (ausgerechnet) gab es diesen Moment. Ich habe meiner Familie ein albernes Tiervideo vorgespielt und wir haben zusammen darüber gelacht. Gerade habe ich mich daran erinnert und an das erleichternde Gefühl. Wäre eigentlich gut, das öfter hinzubekommen.

Jetzt höre ich das hier auf Repeat und warte auf morgen:

Kommt gut rüber. Ich freue mich aufs nächste Jahr mit Euch, beste aller Social Media-Bubbles <3.

Danke für nix

Content note: Erwähnt im zweiten Teil (nach den ***) Suizidgedanken und (Gedanken an) Selbstverletzung

Scheiße. Ich bin so wütend. Unter den beschissenen Sitzungen, die ich bei meinem Therapeuten schon hatte, rangiert die von heute glaube ich sehr weit oben (naja, nix toppt diese hier glaube ich).

Sein Eröffnungsschachzug war mir zu sagen, dass er nicht als Gutachter für das Gerichtsverfahren meiner Personenstandsänderung zur Verfügung steht. Er befürchtet einen zu großen Aufwand, weil er sich mit diesen Gutachten nicht auskennt. Mir war bewusst, als ich ihn gefragt habe vor vier Wochen, dass er möglicherweise „nein“ sagen würde. Trotzdem fühlte es sich gerade an, als wäre ich in ein offenes Messer gerannt. Ich fühle mich im Stich gelassen. Es wäre meine Chance gewesen, dieses ganze scheiß-demütigende und pathologisierende Verfahren wenigstens an einer Stelle etwas weniger schlimm zu gestalten.

Dieses Wissen, dass fremde Menschen mich beurteilen und „bewerten“ werden tritt solche schlimmen Gefühle und Ängste in mir los, ich kann damit kaum umgehen. Und es geht nicht darum, dass ich Sorge habe, die Gutachten könnte nachher vielleicht negativ ausfallen. Es geht um den Akt des Begutachtens, der irgendwie Erinnerungen an frühere Situationen und damit verknüpfte schlimme, negative Gefühle aufruft.

Ich hätte meinen Therapeuten gar nicht erst nach dem Gutachten fragen sollen. Jetzt hat mein Vertrauen in ihn mal wieder einen Knacks bekommen. Das ist nicht unbedingt rational begründbar, aber „(Angst vor) Zurückweisung“ ist ein so großes Thema bei mir, es ist für mich schwer, damit „rational“ umzugehen.

*************************

In seinem desaströsen zweiten Schachzug hat er dann so plump und unvermittelt auf das Thema Körper-/Selbstbild übergeleitet, das ja auf unserer Agenda steht, dass ich mental komplett ausgestiegen bin. Das hat in dieser Situation, in der ich mich ohnehin schon verletzt gefühlt habe, so schlimme Gefühle und Gedanken hervorgerufen, dass ich nur noch erstarrt und unfähig zu sprechen da gesessen habe. Rauschen in den Ohren, Kreislauf am Boden.

Er hat irgendwas geredet, ich weiß nicht mehr was, es hat mich nicht erreicht. Es ist einfach alles über mich rübergewaschen. Er hat da einen Stöpsel bei mir gezogen und schwupps war die Büchse der Pandora offen, randvoll mit Gedanken an Suizid und Selbstverletzung. Irgendwann hab ich es geschafft ihn zu bitten, das Thema für heute wieder zuzumachen, weil es gerade zu schlimm ist und ich nicht weiß, wie ich da gleich alleine zu Hause mit umgehen soll. Ich glaube, er hat nicht verstanden, was ich wollte_brauchte in dem Moment.

Ich hätte einen Anker gebraucht, mich komplett aus diesem Erleben, diesem Überwältigt-fühlen, rauszuziehen und um die Büchse für den Moment wieder zuzumachen. Um irgendwie wieder ins Hier und Jetzt zu kommen. Sowas wie: suchen Sie vier blaue Gegenstände in diesem Raum. Irgendein Bild, um mich von den Gefühlen und Gedanken zu distanzieren. Die Techniken dazu habe ich eigentlich, aber in dem Moment war es zu schwer, dieses Programm alleine aufzurufen.

Jetzt bin ich zu Hause und versuche mich zu sortieren, diese Büchse wieder zuzumachen.

Schreiben hilft. Und wahrscheinlich würden so grundsätzliche self-care Dinge helfen. Wie ein Glas Wasser trinken. Etwas essen.

Leider ist mein Mann in der Küche und ich mag da gerade nicht hingehen.

Also sitze ich erstmal weiter hier.