happysad

Diese Woche gab es mal wieder einen Tag, vor dem ich mich sehr gefürchtet habe… Geb****tag. Ich mochte diesen Tag nie (ich glaube, das schrieb ich letztes Jahr auch ;)) und mit Trennung und Transition und so weiter und so fort ist es noch komplizierter geworden mit den Gefühlen zu diesem Tag.  Letztes Jahr habe ich ihn noch mit meinem Mann verbracht und es war schrecklich. Dieses Jahr hatte ich zumindest so geplant, dass ich nicht zu Hause sein würde (sprich: ich bin arbeiten gegangen) und abends etwas mit Freund*innen und meinem Geschwister unternehme. Das konnte die Traurigkeit ganz gut im Zaum halten. Der Morgen war schlimm, weil mein Mann mir ein Geschenk hingelegt hatte und früher aufgestanden ist, um mir zu gratulieren. Ich wollte beides nicht. Ich halte diesen Widerspruch zwischen „ich will dir etwas Gutes tun“ und „ich ignoriere trotzdem deine grundlegenden Bedürfnisse“ im Verhalten meines Mannes nicht aus. Dass er mir etwas schenkt und versucht „nett“ zu sein trotz allem verstärkt mein Gefühl, nicht das Recht zu haben für mein Bedürfnis einzustehen, mit dem richtigen Namen und mit den richtigen Pronomen angesprochen zu werden. Mein Mann versteht das nicht. Er sieht mich, wie ich auf den Boden starre und ihn nicht ansehen kann.

Als ich dann mit meinem Kaffee in der Bahn saß, bin ich über alle meine Schatten gesprungen und habe ihm eine Mail geschrieben und erklärt, was seine Weigerung mich korrekt anzusprechen mit mir macht. Geantwortet hat er darauf natürlich nicht. Stattdessen hab ich mich den ganzen Tag mit Schuldgefühlen gequält. Ich verfluche es, dass ich genau jetzt keinen Zugang zu einer therapeutischen Unterstützung habe. Zwar hilft es mir sehr, das meine digitale und analoge „Bubble“ mir zuhört und mich unterstützt – aber dieses Schuldding sitzt so tief in mir drin und ich muss das weiter in einem therapeutischen Kontext bearbeiten. Ich werde es sonst nicht los.

Aber alles in allem habe ich den Tag ganz gut überstanden. Auf der Arbeit bekam ich Konfetti :D. Abends hatte ich Karten für eine Tanzperformance in der ein Schauspieler aus „meinem“ Theaterstück mitspielte. Das Wetter war gut und ich saß mit Freund*innen und Geschwister vorher noch draußen in der lauen Luft und das war sehr schön. Die Performance war richtig toll. Das Thema war „Alter(n)“ und wie es sich auf Bühnenarbeit/Tanz/Performance auswirkt. Was bedeutet es, als junge oder als alternde Person auf der Bühne zu stehen? Ich bin immer noch ganz geflasht, weil ich es so toll fand!

Und dann ging der Tag mit Quatschen und durch immer noch laue Luft zum Bahnhof laufen zu Ende. Ich bin froh, dass der Tag vorbei ist und dankbar, dass er viele schöne Momente hatte!

Weitermachen

Content note: Körper, Körperbild, (kontrolliertes) Essen, Gewicht

Danke für Eure lieben Kommentare/Nachrichten zum letzten Post <3.

Ich habe wenig geschlafen letzte Nacht, aber immerhin irgendwann zwischen zwei und fünf von Katzenbabys geträumt. Ich weiß auch nicht woher die kamen. Aber sie waren besser als die anderen Sachen, die ich im Moment regelmäßig träume. Zum Beispiel, dass meine Stimme sich wieder zurück verändert und heller wird.

Die Angst, die sich darin ausdrückt überträgt sich insgesamt darauf, wie ich mich im Moment wahrnehme. Ich habe das Gefühl, als würde Testosteron nicht (mehr) wirken. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich wieder viel stärker „weibliche“ Gesichtszüge. Das bilde ich mir aller Wahrscheinlichkeit nach ein, aber es ist schwer für mich das auszuhalten. Ich hasse die Form meines Körpers, die Taille, die Hüften, die Unfähigkeit Muskelmasse aufzubauen. Der erste Impuls den ich in solchen Phasen habe ist oft, weniger und kontrollierter zu essen. Das ist so ein Muster, das drin ist und das noch nicht mal bewusst abläuft. Und es ist eine dieser dysfunktionalen, destruktiven „Strategien“ von denen ich gestern geschrieben habe. Allerdings kriege ich es mittlerweile gut hin, schnell dagegen zu steuern. Irgendwann in den letzten zwei Jahren hat es bei mir „klick“ gemacht und ich habe verstanden, dass ich das Ziel „mehr Muskeln“ nicht erreiche, wenn ich zu wenig esse. Aber gleichzeitig erlebe ich halt wie mir mein Körper bei dem Ziel „Muskelmasse“ immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Und mich damit zu arrangieren dass ich nunmal so „ticke“ und mein Metabolismus halt so ist und sich das wohl auch nicht ändern wird – Testo oder nicht – ist für mich schon schwer. Dieses „mich besser arrangieren“ wäre wohl eins der Therapieziele für die Fortführung der Psychotherapie.

***

Heute morgen bin ich dann sehr übermüdet und gerädert eine Wohnung anschauen gefahren, mal wieder. Sie war…okay…aber ziemlich weit draußen. Mein Weg zur Arbeit würde sich damit etwa verdreifachen, da muss ich noch mal drüber schlafen.

Aber als ich da durch die verschneite Landschaft fuhr, immer schön bergauf, habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, dass ich mich darauf freue im Frühjahr wieder auf dem Rad zu sitzen und die „Berge“ dort hochzufahren. Immerhin. Anders als Schwimmen und Fitnessstudio ist das zumindest nichts, wo ich mich mit binären Umkleiden und meinem halbnackten Körper konfrontieren muss. Es ist gut, dieses Ventil noch zu haben. Ich hoffe, dass das Wetter bald wieder mitspielt und ich zumindest wieder ein bisschen radfahren kann.

Jetzt werde ich ein Brot backen und versuchen, irgendwas außer Kaffee in mich reinzubekommen. Und vielleicht noch ein bisschen zu schlafen. Heute Nachmittag und den Abend bin ich unterwegs, ich hoffe das wird okay.

…und raus

Content note: Erwähnt Essen und Alkohol

Zeit, einen Schlussstrich unter dieses Jahr zu ziehen. Endlich. Vor dem Tag heute habe ich mich trotzdem gefürchtet. Weil er mit so viel Bedeutung aufgeladen wird und weil ich nicht wusste, wie gut ich damit klar komme. Ich will nicht zurückschauen und auch nicht darüber spekulieren, was nächstes Jahr kommt. Bislang klappt das ganz gut.

Heute morgen habe ich mir noch eine Wohnung angeschaut (die war leider nichts), hab ein paar Sachen eingekauft und mich dann aufs Sofa verkrümelt mit Tee und einem Buch. Der potenziell neue Therapeut hatte es empfohlen, um einen Eindruck zu bekommen wie Gruppentherapie so abläuft. Es ist ein Roman („The Schopenhauer Cure“ von Irvin D. Yalom). Ist nicht gerade das, was ich sonst so lese, aber ja, ich bekomme einen Eindruck von dieser Therapieform. Es verdeutlicht die Aussage des Therapeuten, die Gruppentherapie würde es ermöglichen viele verschiedene Bindungserfahrungen zu machen. Das war ja der Punkt, der mich hellhörig hatte werden lassen. Ich verstehe jetzt wo ich das Buch lese noch mal besser, wie das aussehen kann. Und ich glaube mittlerweile, es könnte für mich funktionieren.

Draußen wird schon geböllert. Ich habe Pizza gemacht und einen Gin Tonic getrunken. Gleich schaue ich noch eine Folge einer Serie und dann gehe ich wahrscheinlich einfach ins Bett – auch wenn ich um Mitternacht wieder hochschrecken werde. Der Gedanken, dass es das letzte Silvester ist, das ich mit meinem Mann unter einem Dach verbringen muss ist gerade eher tröstend als traurig. Dinge werden sich weiter verändern nächstes Jahr und das ist gut.

Keine Vorsätze, keine Wünsche. Außer vielleicht mehr lachen zu können. Ich habe vorhin beim Essen vorbereiten darüber nachgedacht. Die Male, die ich dieses Jahr gelacht habe, so richtig, kann ich an einer Hand abzählen. Dabei kann es so befreiend sein. An Heiligabend (ausgerechnet) gab es diesen Moment. Ich habe meiner Familie ein albernes Tiervideo vorgespielt und wir haben zusammen darüber gelacht. Gerade habe ich mich daran erinnert und an das erleichternde Gefühl. Wäre eigentlich gut, das öfter hinzubekommen.

Jetzt höre ich das hier auf Repeat und warte auf morgen:

Kommt gut rüber. Ich freue mich aufs nächste Jahr mit Euch, beste aller Social Media-Bubbles <3.

Danke für nix

Content note: Erwähnt im zweiten Teil (nach den ***) Suizidgedanken und (Gedanken an) Selbstverletzung

Scheiße. Ich bin so wütend. Unter den beschissenen Sitzungen, die ich bei meinem Therapeuten schon hatte, rangiert die von heute glaube ich sehr weit oben (naja, nix toppt diese hier glaube ich).

Sein Eröffnungsschachzug war mir zu sagen, dass er nicht als Gutachter für das Gerichtsverfahren meiner Personenstandsänderung zur Verfügung steht. Er befürchtet einen zu großen Aufwand, weil er sich mit diesen Gutachten nicht auskennt. Mir war bewusst, als ich ihn gefragt habe vor vier Wochen, dass er möglicherweise „nein“ sagen würde. Trotzdem fühlte es sich gerade an, als wäre ich in ein offenes Messer gerannt. Ich fühle mich im Stich gelassen. Es wäre meine Chance gewesen, dieses ganze scheiß-demütigende und pathologisierende Verfahren wenigstens an einer Stelle etwas weniger schlimm zu gestalten.

Dieses Wissen, dass fremde Menschen mich beurteilen und „bewerten“ werden tritt solche schlimmen Gefühle und Ängste in mir los, ich kann damit kaum umgehen. Und es geht nicht darum, dass ich Sorge habe, die Gutachten könnte nachher vielleicht negativ ausfallen. Es geht um den Akt des Begutachtens, der irgendwie Erinnerungen an frühere Situationen und damit verknüpfte schlimme, negative Gefühle aufruft.

Ich hätte meinen Therapeuten gar nicht erst nach dem Gutachten fragen sollen. Jetzt hat mein Vertrauen in ihn mal wieder einen Knacks bekommen. Das ist nicht unbedingt rational begründbar, aber „(Angst vor) Zurückweisung“ ist ein so großes Thema bei mir, es ist für mich schwer, damit „rational“ umzugehen.

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In seinem desaströsen zweiten Schachzug hat er dann so plump und unvermittelt auf das Thema Körper-/Selbstbild übergeleitet, das ja auf unserer Agenda steht, dass ich mental komplett ausgestiegen bin. Das hat in dieser Situation, in der ich mich ohnehin schon verletzt gefühlt habe, so schlimme Gefühle und Gedanken hervorgerufen, dass ich nur noch erstarrt und unfähig zu sprechen da gesessen habe. Rauschen in den Ohren, Kreislauf am Boden.

Er hat irgendwas geredet, ich weiß nicht mehr was, es hat mich nicht erreicht. Es ist einfach alles über mich rübergewaschen. Er hat da einen Stöpsel bei mir gezogen und schwupps war die Büchse der Pandora offen, randvoll mit Gedanken an Suizid und Selbstverletzung. Irgendwann hab ich es geschafft ihn zu bitten, das Thema für heute wieder zuzumachen, weil es gerade zu schlimm ist und ich nicht weiß, wie ich da gleich alleine zu Hause mit umgehen soll. Ich glaube, er hat nicht verstanden, was ich wollte_brauchte in dem Moment.

Ich hätte einen Anker gebraucht, mich komplett aus diesem Erleben, diesem Überwältigt-fühlen, rauszuziehen und um die Büchse für den Moment wieder zuzumachen. Um irgendwie wieder ins Hier und Jetzt zu kommen. Sowas wie: suchen Sie vier blaue Gegenstände in diesem Raum. Irgendein Bild, um mich von den Gefühlen und Gedanken zu distanzieren. Die Techniken dazu habe ich eigentlich, aber in dem Moment war es zu schwer, dieses Programm alleine aufzurufen.

Jetzt bin ich zu Hause und versuche mich zu sortieren, diese Büchse wieder zuzumachen.

Schreiben hilft. Und wahrscheinlich würden so grundsätzliche self-care Dinge helfen. Wie ein Glas Wasser trinken. Etwas essen.

Leider ist mein Mann in der Küche und ich mag da gerade nicht hingehen.

Also sitze ich erstmal weiter hier.

 

Sonnenschein

Nach Luises Kommentar denke ich mal wieder über diesen Impuls nach, den ich immer habe: mich dafür zu entschuldigen, wenn es mir schlecht geht und Besserung in Aussicht zu stellen  – wesentlich getrieben durch die Angst, dass Menschen mir den Rücken zukehren, dass ich sie vergraule, wenn sie mitbekommen, wie schlecht es mir geht. Weil ich zu schwierig bin, zu kompliziert und zu kaputt, als dass es für sie erträglich wäre. Weil ich anderen Menschen Kraft rauben könnte, was angesichts der eigenen Angst, nicht genug Kraft für mein Leben zu haben, ziemlich schwer wiegt.

Das ist ein Grund, warum ich es im analogen Leben meist vermeide „so richtig“ durchblicken zu lassen, wie ich mich fühle. Ein Mensch, in den ich irgendwann genug Vertrauen gefasst hatte, um zu glauben, dass er das aushalten kann war mein Mann. Das war in der Zeit, in der es mir körperlich und psychisch durch die Nahrungsmittelunverträglichkeiten und die Erschöpfung schlecht ging. Auch da hatte ich immer diese Angst, ihn zu überfordern. Auch da war immer dieser Gedanke er habe „was besseres verdient“ als mich. Aber er war immer da. Gute und schlechte Zeiten und so.

Und nun halt doch nicht mehr. Ich glaube, das hat mich nochmal mehr erschüttert, als nach so langer Beziehung ohnehin zu Erwarten gewesen wäre – weil ich bei dem einen Menschen, bei dem ich mich getraut habe, meine Deckung komplett fallen lassen, nun doch erlebe, dass ich „zu viel“, „zu schwierig“ bin, um es noch aushalten zu können. (Ich weiß, dass ich damit Tatsachen verdrehe, weil es bei der Trennung im Kern nicht um „zu schwierig“ geht, sondern halt um Fragen von Geschlecht und sexueller Orientierung).

Diese Angst, dieses Gefühl, dass ich Leute überfordere sitzt so tief. Und entsprechend gibt es eine Stimme in mir, die mich anschreit und sagt „get a fucking grip“, wenn es mir schlecht geht. Halt auch, weil ich denke, dass es das ist, was die anderen insgeheim denken oder mir sagen würden, wenn sie wüssten, wie ich mich fühle.

Und weil ich das alles eben in der nicht-virtuellen Welt fast gar nicht kommunizieren kann, ist diese virtuelle Raum umso wichtiger für mich.

Note to self:

It’s my party, and I’ll cry if I want to.

Vertaktet

Content note: Depression; Alkoholkrankheit; Essen; #food

Nach einer ziemlich schlaflosen Nacht habe ich heute morgen die PsychCast Episode zu Symptomen der Depression gehört. Puh. Manchmal ist es irgendwie hart, so den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Ich habe mich in mehr Dingen wiedergefunden, als ich mir üblicherweise so eingestehe – und ich merke mal wieder, dass ich einerseits dazu neige, negative Empfindungen und Probleme, die ich habe „kleinzureden“ und dass mir andererseits ganz oft gar nicht klar ist, dass nicht alle Menschen so denken_empfinden wie ich und dass das gar nicht so üblich ist, wie ich immer meine.

In Kombination führen diese beide Mechanismen dann dazu, dass ich zwar subjektiv das Gefühl habe, es geht mir nicht gut, mir dabei aber ständig sage: „Stell dich nicht so an; andere haben es auch schwer/noch schwerer als du und kommen auch damit klar; du hast doch gar keine wirklichen Probleme, deal with it“. Das liegt hauptsächlich daran, wie ich so gestrickt bin – aber vielleicht auch ein wenig daran, dass mein Bild von depressiv Erkrankten stark durch eine bestimmte Person aus dem familiären Umfeld geprägt ist. Diese war alkoholkrank und immer wieder stark depressiv. Es war dieser Person oft nicht möglich, das Haus zu verlassen und für sich gut zu sorgen, Ordnung zu halten, etc.

Bei mir ist es irgendwie anders (in meiner Deutung heißt das dann „nicht so schlimm, nicht der Rede wert“). Im Alltag, solange andere hinschauen, funktioniere ich ziemlich perfekt. Es ist alles durchgetaktet und ich habe meine Routinen (wann esse ich, wie oft gehe ich zum Sport?). Es gibt praktisch keinen Leerlauf, keine ruhige Minute. Insofern passe ich nicht in das stereotype Bild vom „antriebsarmen Depressiven“ und das führt dazu, dass ich andere Symptome, die ich durchaus habe, nicht ernst nehme.

Wenn ich so zurückschaue, zieht sich diese Strategie – mir einfach niemals Zeit zum Durchatmen zu erlauben – durch mein Leben. Es gab seit der Schulzeit und dem Abitur keine Atempause. Studium, Promotion, nebenher Arbeiten, unmittelbar danach ein weiteres Studium und noch vor Abschluss in den ersten Job in diesem Fachbereich; Arbeiten bis kurz vor Burnout; Sport bis zum Umfallen; Jobwechsel in eine neue, weniger verantwortungsvolle Position – downshifting quasi – und in diesem Moment gingen alle meine körperlichen Probleme los, die mich letztlich gezwungen haben, mich auf meinen Allerwertesten zu setzen und mich mit mir selbst auseinanderzusetzen.

Uff.

Probleme (die ich dann auch subjektiv als solche wahrnehme) bekomme ich vor allem dann, wenn mein Leben irgendwie „aus dem Takt“ gerät und ich plötzlich mehr Leerlauf habe, als ich mit exzessivem Konsum sozialer Medien füllen könnte. Oder Blogschreiben.

Wenn ich Urlaub habe und alleine bin, zum Beispiel o_O. Woher ich das weiß? Nun ja.

Wenn die Routine und die Struktur fehlen, dann merke ich plötzlich auch, dass es mit dem Antrieb schwer ist. Plötzlich fehlt das Korsett und alles verliert die Form. Es ist schon gemein – ich sehne mich nach etwas Ruhe und „Ausspannen“, aber sobald ich kein Programm mehr abzuarbeiten habe, wird es plötzlich schwierig mit der „Lebensbewältigung“ – kochen, essen, einkaufen… läuft nicht. Und obwohl ich dann Ruhe haben könnte, fühle ich mich einfach nur leer und traurig und ängstlich.

Wenn ich das merke, versuche ich gegenzusteuern – das ist schon ein großer Fortschritt gegenüber Phasen, in denen ich so ganz ganz unten war. Und auch wenn es da sicherlich noch Potenzial zur Optimierung gibt, habe ich mich bis hierhin in meinem Urlaub ganz ok geschlagen glaube ich (also, es gab nicht so viele Kollateralschäden).

Gegen die Einsamkeit und das Grübeln habe ich mich mit Menschen getroffen, mit denen ich gut Zeit verbringen kann, ohne dass es irgendwie eine große Anstrengung ist (im Gegenteil) – weil sie mich gut genug kennen und/oder weil ich nicht das Gefühl habe, mich irgendwie verstellen zu müssen. Menschen bei denen es in Ordnung ist, sich auch mal ein bisschen anzuschweigen ohne dass es komisch ist. Menschen, die toll sind. Menschen, die mich zum Lachen bringen. Ich bin echt dankbar, dass es die in meinem Leben gibt <3.

Verhungert bin ich bis jetzt auch nicht, aber da ist noch Luft nach oben.

Und nächste Woche kommt dann Urlaub Teil 2 mit ganz anderen Herausforderungen. Ab Samstag werde ich für eine Woche in meinem Radurlaub sein. Das heißt, über mangelnde Beschäftigung kann ich mich vermutlich nicht beschweren. Mit dem Essen klappt es hoffentlich auch einigermaßen. Dadurch, dass es jeden Tag geführte Touren geben wird, gibt es Struktur – yay! Leider gibt es da natürlich dann auch den Faktor „Mensch“ und der macht mich ein bisschen nervös. (Und warum habe ich immer noch nicht mein „Socially awkward cyclist“ T-Shirt?). Ich finde erfahrungsgemäß in (fremden) Gruppen nicht gut Anschluss und erfahrungsgemäß zieht mich das runter – ich vermute, weil es schlechte Erinnerungen weckt.

Dieses Gefühl „anders“ zu sein und „nicht dazu zu gehören“ ist manchmal ein ganz schönes Gewicht an meinen Füßen. Aber vielleicht lerne ich das noch mit dem Luftholen unter Wasser ;-).

Gutedinge_schublade

Content note: Erwähnt  in der zweiten Hälfte (markiert mit ****)  selbstverletzendes Verhalten und beschreibt (m)eine Strategie zum Umgang mit SVV-Verlangen; benennt die Art des Verhaltens; erwähnt frühere Suizidgedanken. 

Heute habe ich mich an meinen Kleiderschrank gewagt. Kleidung ausmisten. Das schiebe ich schon eine Weile vor mir her, weil das Thema Kleidung durchaus „emotional verstrickt“ ist. In meinem Kleiderschrank gibt es Sachen, die ich trage (nur noch aus der „Männerabteilung“ oder Unisex-Sachen); alte „Frauenkleidung“; und Klamotten, an denen ich irgendwie hänge, die ich aber nicht mehr trage.

Kleidung ist insgesamt schwierig, weil ich das Gefühl habe, das mir nichts richtig passt und ich mit meinem nicht-Norm-Körper überall anecke, weil die Proportionen nicht dem Standard entsprechen – sowohl bei den Frauen*- als auch bei den Männer*-Sachen. Es gibt einen Grund, warum meine Garderobe aus 2×2 gleichen Hosen, 4 schwarzen Hemden und ca. 10 mehr oder weniger identischen T-Shirts besteht.

Die (für mich) große Challenge war, die weiblichen* Klamotten auszusortieren. ich weiß, dass viele trans*Menschen das als total erleichternd empfinden. Bei mir sind die Gefühle ambivalent – ich würde die Sachen nie wieder tragen wollen, aber sie stehen für einen langen Abschnitt meines Lebens, der geprägt war durch die Beziehung mit meinem Mann. Da ist mein Hochzeitskleid dabei (nein, kein „Traum in weiß“, ich bitte euch), die Schuhe, die ich zur Hochzeit getragen habe (Absätze, das erste und letzte Mal in meinem Leben).

Naja. Heute also. Die Scherben aufgelegt. „Wenn die Nacht am tiefsten…“. Nicht die beste Musik zum emotionsgeladenem Schrankausmisten sagt ihr? o.O Stimmt wahrscheinlich. Zu spät jetzt.

Jetzt habe ich einen Teil der alten Sachen direkt weggeworfen und zwei ziemlich große Säcke zum spenden gepackt, die liegen im Auto im Kofferraum. Mir geht’s so lala damit. Es hat geholfen, dass ich die Sachen nicht wirklich angeschaut habe und sie gar nicht lang genug in der Hand hatte, um zu viele Erinnerungen und Gedanken hochzuholen, die da vielleicht noch dranhängen. Jetzt gibt es halt noch einen Teil des Schranks, an den ich gerade nicht dran will. Da hängen zu viele Erinnerungen, unter anderem das Hochzeitskleid. Und eine Schublade, in der u.a. Zeug von unserer Hochzeit liegt, Schmuck, den mir mein Mann oder meine Eltern geschenkt haben.  Die bleibt auch erst einmal zu.

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Weil ich dann gerade dabei war, habe ich in dem Zimmer (mein Schlafzimmer) noch weiter aufgeräumt. Es stapelten sich mittlerweile ziemlich viele Geschenke, Bücher, Dinge, die mir wichtig sind und Kram etwas planlos auf einer Kommode. Da habe ich ein bisschen sortiert und ein paar Sachen in die Schublade von meinem Nachttisch geräumt. Das ist meine „Notfallschublade“. Ich habe mit Bezug auf das SVV lange nicht geschafft, einen Skill zu finden, der auch funktioniert. Mein Thera hat mir ganz am Anfang eine unglaublich lange Liste ausgedruckt, aber irgendwie war da wenig dabei, das sich passend anfühlte. Zum Beispiel gibt es ja viele Skills, die auf (körperlicher) Aktivität beruhen. Bei mir „passiert“ SVV fast immer nur spätabends, wenn ich alleine bin und eigentlich schlafen „müsste“. Schlaf ist auch eine ziemliche Baustelle. Zur Schlafenszeit noch mal kurz eine Runde joggen oder Liegestütze oder Sit-ups machen, war für mich nicht möglich. Erfolg versprechender waren da eher so Sachen wie, Hörbuch anmachen und Decke über den Kopf ziehen.

Jedenfalls habe ich in Zeiten, in denen ich ziemlich depressiv war und die Suizidgedanken quasi in Endlosschleife durch meinen Kopf liefen, angefangen so ein „Notfall-Set“ zusammenzustellen – bestehend aus Dingen, die mich an etwas Schönes erinnern. Da sind mittlerweile so Sachen drin, wie die ersten Weihnachtsgeschenkanhänger von meiner Familie mit dem neuen Namen drauf; Nachrichten, Briefe und Postkarten von Freund_innen; kleine Geschenke und andere Sachen, die mich an was Schönes erinnern (zum Beispiel der Glitzerflummi, den uns die Schauspielprofis zur Premiere unseres Stücks geschenkt haben und eine für mich gemachte Loombands-Vogelspinne :D).

Ich hab mehrmals mit dem SVV aufgehört und wieder angefangen. Ich hab es nur einmal geschafft, meine Klingen als eine Art symbolischen Akt wegzuwerfen (nur um mir dann ein paar Wochen oder Monate später wieder neue zu holen). Sie waren ganz lange immer einfach auf meinem Nachttisch, irgendwo zwischen Büchern oder anderem Kram, der da so liegt. Irgendwann habe ich sie in die „Notfallschublade“ gepackt. Unter die ganzen guten Dinge. Das bedeutet, wenn ich das Verlangen habe, mich zu verletzen und die Klingen rausholen will, ist da als allererstes ein ganzer Berg von Sachen, die mich an Schönes und Positives erinnern. Die eine Regel, die ich jetzt habe ist, mich zu allererst durch diesen Berg an guten Dingen zu arbeiten. Das funktioniert nicht immer, aber es hat sich als eine für mich ganz gute Strategie herausgestellt.

Und mittlerweile ist die Schublade ganz schön voll. Vielleicht brauche ich bald einen größeren Nachttisch.