Wiederzuhausesadness

Samstagabend bin ich aus dem Urlaub zurück gekommen. Jetzt weine ich den Bergen, dem Meer und der Sonne hinterher. Es war (trotz der geschilderten Nervfaktoren) eine wirklich schöne Zeit und gerade die letzten beiden Tage nach dem letzten Eintrag haben es irgendwie noch mal richtig rausgerissen. Das lag nicht unwesentlich an der Person, mit der ich an diesen beiden Tagen radfahren durfte. Es war die gleiche Person, mit der ich auch Anfang der Woche schon eine Tour gefahren war – allerdings war die auf sozialer Ebene etwas anstrengend und aufreibend, weil es Konflikte zwischen dem Guide und zwei anderen Gästen gab (die sich total daneben benommen haben). Ich stand nur daneben und war nicht unmittelbar betroffen, aber es war trotzdem nicht so schön. Naja. Fast forward zum Ende der Woche.

Donnerstag war „Marathontag“. Also: höchste Kilometer- und Höhenmeterleistung der ganzen Woche. Ich bin letztes Jahr ein Leistungslevel höher gefahren und war hinterher völlig. am. Ende. Der Marathon war ein Grund warum ich versucht habe, mein Pulver über die Woche nicht komplett zu verschießen, sondern noch ein paar Reserven zu haben. Nun gab es zwar keine Gruppe mit der ich mithalten hätte müssen, aber ich hatte trotzdem einen ordentlichen Respekt vor dem Tag (und Angst davor, nicht durchzuhalten). Der Guide, P, war auf eine angenehme „scheiß auf Leistung“-Art völlig entspannt. Und er* war sich sicher, dass ich das schaffe. Irgendwie hat er es geschafft, von Anfang an Druck rauszunehmen und sich so auf mein Niveau einzustellen, dass es rund lief, die ganze Zeit. Ich kannte ihn schon ein bisschen vom letzten Jahr und er ist von der Fahrtechnik her einfach unglaublich gut. Und präzise wie ein Uhrwerk.

Das energieeffizienteste und kraftsparendste beim Rennradfahren ist eigentlich, mit wenig Widerstand aber hoher Trittfrequenz zu arbeiten. Da es bei mir mit der Muskulatur nicht soooo weit her ist (und schon mal gar nicht nach diesem Jahr), fahre ich mit hoher Frequenz anstatt mich mit hohen Gängen über die Steigungen zu drücken, wie viele andere das machen. P hätte ohne weiteres hohe Gänge drücken können, hat es aber gelassen und so sind wir irgendwie sehr synchron gefahren die ganze Zeit, es hat so gut gepasst. Ich komme mir, wenn ich mit anderen fahre, ganz oft vor wie „the odd one out“ weil ich aufgrund der Fahrweise relativ viel schalte: jedesmal, wenn die Steigung sich ändert und ich meine Frequenz nicht mehr treten kann – während andere, die mehr über Kraft fahren halt nicht schalten, sondern einfach mit mehr oder weniger Druck auf den Pedalen fahren. P hat quasi immer gleichzeitig mit mir geschaltet und es war ein totales Flow-Gefühl. Dazu habe ich erlebt, dass meine Kraftreserven ausreichen. Am Ende des Tages – nach immerhin 93 km und rund 1700 Höhenmetern – war ich alle, aber nicht bodenlos erschöpft. Und auch auf der „sozialen“ Ebene war es gut. Wir haben relativ wenig geredet, aber es war angenehm so. Ansonsten viele „auf einer Wellenlänge“ Vibes. P hat Andeutungen gemacht die darauf schließen lassen, dass er auch Erfahrung mit Depression und/oder psychosomatischen Beschwerden hat und auch wenn wir das beide nicht so ausgesprochen haben, glaube ich schon dass er verstanden hat dass ich diese Erfahrungen auch habe. Und irgendwie habe ich mich im Gesamtpaket sehr „angenommen“ und „okay“ gefühlt. Am Freitag lief es genauso und es war schön – diese Art zu fahren hat es mir ermöglicht, meine Grenzen zu achten ohne mich unzulänglich zu fühlen.

Und nun bin ich einerseits total dankbar, dass ich das so erfahren durfte, aber sehr traurig dass es vorbei ist. Traurig auch, weil mir da eine Person begegnet ist, die ich gerne besser kennengelernt hätte und die ich wohl in absehbarer Zeit nicht wiedertreffen werde – wenn überhaupt noch mal. Ich versuche gerade zu verstehen, warum ich mich dieser Person nach so kurzer Zeit so verbunden fühle – naja, und ich glaube dieser Beitrag ist ein Teil der Antwort. Ich denke, es geht um das gemeinsame Fahrerlebnis und das kurze mich selbst als „okay“ erleben, das es mir ermöglicht hat. Gleichzeitig mit dem dankbar drüber sein bin ich leider auch wütend auf mich – dafür dass ich es zugelassen habe, dass jemand plötzlich auf diese Art wichtig für mich geworden ist, denn es macht mich verletzlich. Grund 543269 warum es schwer ist für mich, Menschen an mich ranzulassen.

Jetzt hat der Alltag mich wieder und ich versuche irgendwie, wieder in den Tritt zu kommen.

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happysad

Diese Woche gab es mal wieder einen Tag, vor dem ich mich sehr gefürchtet habe… Geb****tag. Ich mochte diesen Tag nie (ich glaube, das schrieb ich letztes Jahr auch ;)) und mit Trennung und Transition und so weiter und so fort ist es noch komplizierter geworden mit den Gefühlen zu diesem Tag.  Letztes Jahr habe ich ihn noch mit meinem Mann verbracht und es war schrecklich. Dieses Jahr hatte ich zumindest so geplant, dass ich nicht zu Hause sein würde (sprich: ich bin arbeiten gegangen) und abends etwas mit Freund*innen und meinem Geschwister unternehme. Das konnte die Traurigkeit ganz gut im Zaum halten. Der Morgen war schlimm, weil mein Mann mir ein Geschenk hingelegt hatte und früher aufgestanden ist, um mir zu gratulieren. Ich wollte beides nicht. Ich halte diesen Widerspruch zwischen „ich will dir etwas Gutes tun“ und „ich ignoriere trotzdem deine grundlegenden Bedürfnisse“ im Verhalten meines Mannes nicht aus. Dass er mir etwas schenkt und versucht „nett“ zu sein trotz allem verstärkt mein Gefühl, nicht das Recht zu haben für mein Bedürfnis einzustehen, mit dem richtigen Namen und mit den richtigen Pronomen angesprochen zu werden. Mein Mann versteht das nicht. Er sieht mich, wie ich auf den Boden starre und ihn nicht ansehen kann.

Als ich dann mit meinem Kaffee in der Bahn saß, bin ich über alle meine Schatten gesprungen und habe ihm eine Mail geschrieben und erklärt, was seine Weigerung mich korrekt anzusprechen mit mir macht. Geantwortet hat er darauf natürlich nicht. Stattdessen hab ich mich den ganzen Tag mit Schuldgefühlen gequält. Ich verfluche es, dass ich genau jetzt keinen Zugang zu einer therapeutischen Unterstützung habe. Zwar hilft es mir sehr, das meine digitale und analoge „Bubble“ mir zuhört und mich unterstützt – aber dieses Schuldding sitzt so tief in mir drin und ich muss das weiter in einem therapeutischen Kontext bearbeiten. Ich werde es sonst nicht los.

Aber alles in allem habe ich den Tag ganz gut überstanden. Auf der Arbeit bekam ich Konfetti :D. Abends hatte ich Karten für eine Tanzperformance in der ein Schauspieler aus „meinem“ Theaterstück mitspielte. Das Wetter war gut und ich saß mit Freund*innen und Geschwister vorher noch draußen in der lauen Luft und das war sehr schön. Die Performance war richtig toll. Das Thema war „Alter(n)“ und wie es sich auf Bühnenarbeit/Tanz/Performance auswirkt. Was bedeutet es, als junge oder als alternde Person auf der Bühne zu stehen? Ich bin immer noch ganz geflasht, weil ich es so toll fand!

Und dann ging der Tag mit Quatschen und durch immer noch laue Luft zum Bahnhof laufen zu Ende. Ich bin froh, dass der Tag vorbei ist und dankbar, dass er viele schöne Momente hatte!

Perception woes

Content note: Trans*feindliche Beleidigung

Ich plage mich gerade sehr mit dem Unwohlsein mit meinem Körper. Es fühlt sich so viel falsch an und zumindest einige der Dinge die sich so falsch anfühlen werden sich auch durch Hormone und Operationen nicht verändern. Ich nähere mich den 12 Monaten Testo und habe das Gefühl, das bei weitem noch nicht die Veränderungen eingetreten sind, die ich mir gewünscht hatte. Immer wieder kehre ich zu der Frage zurück, ob die Menschen mich als Mann sehen oder nicht. Ich erlebe es oft, dass Menschen mich anstarren und ich hasse es.

In dieser Grundstimmung bin ich letzten Dienstag auf Dienstreise gefahren um als Dozent bei einem mehrtägigen Workshop an einer Hochschule mitzuwirken. Außer mir gab es noch zwei Dozenten und eine Dozentin. Ich habe mal wieder gemerkt, dass dieses „gemeinsan mit cis Männern auf dem Präsentierteller sitzen“ bei mir Gefühle von Unzulänglichkeit verstärkt. Ich habe das Gefühl, dass ich im Vergleich sofort als trans* erkannt und als „kein richtiger Mann“ gesehen werde. Und ich hasse meinen Körper dafür, dass er nicht kantiger ist und anders proportioniert. Ich hasse mein baby face und dass ich immer noch keinen Bartwuchs habe.

Heute war dann der letzte Workshoptag. Eine teilnehmende Person fragte plötzlich, ob es eine best practice dafür gäbe wie man Geschlecht in Umfragen nicht-binär abfragen kann. Das ergab sich zwar irgendwie aus einer zufälligen Situation, aber hatte mit dem Thema des Workshops überhaupt nichts zu tun. Die Person erzählte dann von Nepal, und dass es da auf allen Formularen eine dritte Geschlechtsoption gebe. Eine andere Person, mit 60 die älteste im Workshop, sprach von Hijras in Pakistan und meinte dann mit Blick auf Umfragen dann: Nicht jede*r wolle sich ja outen.

Ich war einerseits positiv überrascht über diese Offenheit dem Thema gegenüber und auch über die Tatsache, dass beide Personen sich über solche Sachen irgendwie Gedanken machten. Aber gleichzeitig ratterte es bei mir im Hinterkopf: ist das Zufall oder haben sie mich als trans* identifiziert? Und wem mache ich überhaupt was vor? Ich war der einzige im Workshop, der auf möglichst geschlechtergerechte Sprache geachtet hatte. Manchmal denke ich, das allein ist schon etwas das andere stutzig werden lässt. Es gibt eher wenige Männer in meinem beruflichen Umfeld, die das machen. Und dann fragte mich nach Abschluss des Workshops noch eine Person nach meiner Dissertation und ob die online verfügbar sei. Fuuuuuuuuuuu…. Die ist natürlich unter meinem Geburtsnamen veröffentlicht. Wenn die Person mit meinem Nachnamen und dem richtigen Stichwort googelt, findet sie die Arbeit sofort.

Läuft bei mir.

Wäre alles kein Drama. Ich finde es grundsätzlich nicht schlimm, wenn andere mitbekommen dass ich trans* bin. Aber ich wünsche mir sehr, dass dieses Gefühl – „ist doch total offensichtlich, was ich bin“ – mal aufhört und ich mich einfach wie ein ziemlich normaler Typ fühlen kann.

Ich habe mit sehr gemischten Gefühlen den Heimweg angetreten. Komplettiert wurde der Tag dann noch durch eine Person im Bahnhof, die sehr aggressiv auf mich zukam und Geld wollte. Ich hatte eh kein Kleingeld mehr in der Hosentasche und die Art und Weise wie diese Person meinen „personal space“ missachtet hatte war mir auch nicht geheuer und also ich hab verneint. Die Person wandte sich ab und warf mir im weggehen ein „Man or woman, what the f*** are you?“ an den Kopf.

Klar. Keine schlimme Beschimpfung. Keine Gewalt. Und trotzdem hängt mir das nach. Im ersten Moment prallen solche Sprüche an mir ab. Aber sie kommen trotzdem an mich ran, fressen sich ganz langsam durch meinen schützenden Panzer. Diese Person hat mir jetzt genau noch mal bestätigt, was ich eh schon fühle und denke: davon, eindeutig als Mann gelesen zu werden bin ich weit entfernt. Sie hat mich einmal mehr davon überzeugt, dass das was ich im Spiegel sehe wohl auch das sein muss, was andere sehen.

Das hätte es heute echt nicht noch gebraucht.

 

Blick zurück nach vorn

Ja, der Titel ist ein bisschen abgedroschen (und ich würde nicht ausschließen, dass ich ihn schon mal benutzt habe ^^) – aber er passt trotzdem zu diesem Beitrag.

Heute bin ich auf die Webcomics von Julia Kaye gestoßen. Sie verarbeitet darin ihre Erfahrungen während der Transition und vor allem auch den Umstand, dass es viele schwierige Phasen gibt – nicht nur, weil die Umwelt es uns manchmal schwer macht, sondern halt auch weil sich mit Beginn der Transition eben nicht alle Selbstzweifel, aller Selbsthass in Wohlgefallen auflösen.

Irgendwie brauchte ich das gerade… diese Bestätigung, dass ich mit der Erfahrung nicht allein bin. Wenn ich auf das letzte Jahr zurückschaue habe ich das Gefühl, dass es mir alles in allem nicht besser geht als noch vor 12 Monaten. Es gibt da natürlich Aspekte, die sind 400% besser und ich bin sehr dankbar dafür: mehr und mehr von Fremden richtig „gelesen“ werden zum Beispiel. Überhaupt fast zu 100% mit dem richtigen Namen und der richtigen Anrede angesprochen zu werden. Meine Stimme mögen. Aber: mein Verhältnis zu mir selbst hat sich nicht grundsätzlich verbessert und das führt mich gerade in gefühlt immer häufigere (bzw. länger andauernde) und tiefere Krisen.

Ich wusste zu Beginn der Transition, insbesondere auch der Hormontherapie, dass sich dadurch nicht alle meine Probleme lösen würden. Aber das theoretisch zu wissen und es dann zu erfahren sind leider zwei Paar Schuhe und ich war auf die Heftigkeit dieser Erfahrung nicht wirklich vorbereitet. (Ich weiß auch nicht, ob man sich wirklich auf so etwas vorbereiten kann). Und natürlich bin ich enttäuscht und traurig, dass es für mich keinen Transitionsfreifahrschein raus aus der Depression, raus aus den Selbstzweifeln und der Selbstablehnung gibt.

Hätte ich irgendetwas anders gemacht, hätte ich vorher genau gewusst, wie es mir jetzt geht? Ich denke nicht. Außer dass ich vielleicht versucht hätte sicherzustellen, dass ich eine adäquate therapeutische Begleitung habe.

Jedenfalls bin ich heute auf diesen Comicstrip gestoßen und werde dran arbeiten, dass ich das in 2017 bin:

 

Wachstumsschmerzen

Ob Wachstum und Veränderung auch ohne Schmerzen und Narben gehen? Oder gehört das dazu, wenn man sich häutet? Kollateralschäden sozusagen?

Ich hab mittlerweile eine „Rahmung“ gefunden für meine Reaktion auf die Entscheidung meines Therapeuten, mir kein Gutachten zu schreiben. Eine Erklärung, die für mich plausibel scheint, aber vielleicht auch nur ein nachträgliches Zurechtbiegen meiner Gefühle in ein handhabbares Format ist.

Ich denke, mein Therapeut hat mit der Aussage, das Gutachten zu schreiben sei für ihn zu aufwändig, einen sehr wunden Punkt bei mir getroffen.

Ich bin zu viel Aufwand.

Ich bin eine Belastung.

Und es lohnt_rechnet sich für ihn nicht, diesen Aufwand zu betreiben.

Das ist etwas, das ich seit der Kindheit mit mir rumtrage: dass ich „zu kompliziert“ bin, eine Last für andere. Das Gefühl erinnert mich an die Zeit in der ich als Kind solche Ängste hatte, dass ich nicht alleine bleiben konnte. Ich konnte nicht schlafen und ich habe meine Eltern damit zur Verzweiflung gebracht. Sie konnten nicht mehr weggehen abends wegen mir, selbst wenn es einen Babysitter gab. Meine Angst war zu groß. Und es war für mich spürbar, dass es anstrengend und nervig und einschränkend für sie war. Dass ich in diesen Momenten eine Belastung war. Ich habe mir gewünscht, nicht mehr „schwierig“ und „kompliziert“ zu sein, aus Angst ihre Liebe zu verlieren.

Den Knopf hat mein Therapeut gedrückt.

Und jetzt habe ich zwar eine Idee, wie ich meine Reaktion deuten kann – aber ich weiß immer noch nicht, was eine angemessene Rückmeldung an meinen Therapeuten ist. Wieviel Kritik, wieviel Wut ist angemessen? Was ist „Überreaktion“? Und ich weiß immer noch nicht, ob ich mit ihm weiterarbeiten will. Ich bin es leid, ihm Infos über trans* in mundgerechten Häppchen zu präsentieren in der Hoffnung, dass er versteht, in welchem Rahmen ich mich bewege(n muss) und welche Hürden und Barrieren ich zu überwinden habe. Vielleicht will ich auch einfach nur mal von ihm hören, dass er das System auch scheiße und pathologisierend findet und dass er daran zwar nichts ändern kann, aber dass er mir helfen wird da möglichst unbeschadet durchzukommen.

A person can dream, right?

A fragile equilibrium (T+184)

Morgen bin ich 184 Tage in der Hormonersatztherapie. Am 22. April ging es los. Es war der für mich radikalste Schritt in meiner „Transition“. Radikaler und furchteinflößender als all die Coming Outs, im privaten und beruflichen.

Irgendwie kommt es mir vor, als wäre das gerade erst ein paar Tage her. Aber 183? Dass es mir vorkommt wie gestern, liegt wohl auch daran, dass ich mich oft fühle, als hätte sich kaum etwas verändert an mir, meinem Körper.

Dabei stimmt das nicht. Vieles hat sich verändert. Ich bin auf dem Weg, mir ein neues Leben zusammenzustückeln. Baustein für Baustein. Jeder ist hart erkämpft. Da ist nichts von der Geradlinigkeit, die ich bei anderen sehe. Da ist nichts durchgetaktet, Schlag auf Schlag. Ich mäandere. Zwei Schritte nach vorne, einen zurück. Manchmal zwei.

Das Gebäude, das ich mir da zusammenschustere ist schief und verwinkelt. Es ist Bricolage und es ist wackelig. Es ist oft einsam. Aber es ist trotzdem verwoben mit anderen. Alten und neuen Menschen in meinem Leben. Einer „Community“, der ich mich zugehörig fühle.

Manche Menschen sind mir verloren gegangen in diesem Jahr. Ein sehr wichtiger, aber auch andere. Nicht so sehr mit einem Knall, sie haben sich einfach irgendwie aus meinem Dunstkreis geschlichen. Es macht mich traurig – es waren Menschen, die mir etwas bedeutet haben und mit denen mich etwas verbunden hat. Aber wichtiger sind die, die geblieben sind und die, die ich dazu gewonnen habe. Die, die weiter mit mir Achterbahn fahren.

183 Tage Testosteron. Es hat Dinge verändert. Am merklichsten wohl meine Stimme. Im Gegensatz zu meinem Spiegelbild mag ich die mittlerweile ganz gerne. Manchmal. Meistens? Wenn ihr mögt, könnt ihr unten nachhören, wie sie sich entwickelt hat.

Auch bei meinem so verhassten Spiegelbild muss sich etwas verändert haben, denn seit etwa drei, vier Wochen scheinen viele (die meisten?) fremden Menschen mich männlich zu lesen. Selbst dann, wenn ich noch nichts gesagt habe. Passing. Es fühlt sich noch an, wie auf Eierschalen zu gehen. Bei jeder Begegnung habe ich unterschwellig Angst, mein Gegenüber könnte mich doch in die weibliche „Kiste“ sortieren. Wenn es passiert, bin ich enttäuscht, verunsichert. Ich bin froh, dass diese Momente weniger werden und ich sehne mich nach einem sicheren Passing. Weil es mein Leben einfacher machen würde und weil es Anspannung rausnehmen würde aus sozialen Interaktionen, die ich ohnehin oft als stressig und aufreibend empfinde.

So sehr ich auf der sozialen Ebene dankbar bin für „Passing“, fürs richtig gelesen und gegendert werden – ich habe auch begriffen, dass Testosteron nicht das grundlegende Problem lösen wird, das ich mit mir und meinem Körper habe. Ich mag jede der Veränderungen, die es bis jetzt bewirkt hat – die Stimme, die Haare auf meinem Bauch, meinen Beinen, langsam auch auf meinen Unterarmen. (Aber immer noch nicht in meinem Gesicht, damnit). Ein paar mehr Muskeln. Nichts davon würde ich wieder hergeben wollen. Aber das sind nicht die Dinge, die dazu führen werden, dass ich mich selber mehr mögen kann.

Ich lerne, dass richtig gegendert werden und sich selbst mögen zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

Aber immerhin steckt in den Schuhen jemand, dessen Stimme ich mag :).

 

Klarkommen

Ich hab diese Woche ja auch noch Urlaub und bin eigentlich ganz froh darüber – wobei das Zusammenleben mit meinem Mann, der ja nun auch wieder da ist, anstrengend ist. Ich versuche, noch einige Arzttermine und Erledigungen unterzubringen, bevor ich nächste Woche wieder voll durchstarten muss.

Montag war ich bei meinem Therapeuten. Ich hab ihn bezüglich der Mastektomie und der Pläne zur Personenstandsänderung auf den neuesten Stand gebracht. Hab ihn gebeten zu überlegen, ob ich ihn als zweiten Gutachter für die PÄ nennen kann. Habe von den Erfahrungen im Urlaub erzählt und was der aktuelle Stand bezüglich der Trennung ist. Und er hat natürlich genau gemerkt, dass es eigentlich ein anderes großes Thema gibt und ich nur um den heißen Brei rumrede. Ich hab es geschafft, es auszuspucken.

Ich muss an das Thema (gestörtes) Körperbild ran und ich will nicht. Es macht mich fertig, wenn ich nur dran denke und es kostet mich so viel Mut_Kraft überhaupt darüber zu schreiben oder zu sprechen – weil ich immer denke, andere können es nicht verstehen, finden es lächerlich, nehmen mich nicht ernst.

Ich weiß, dass andere nicht das sehen, was ich sehe, wenn ich in den Spiegel schaue oder mich auf Fotos sehe. Irgendwie muss ich meinen Blick gerade rücken – und ich muss lernen mit dem, was ich da sehe, klarzukommen ohne extreme negative Reaktionen. Ich hab am Wochenende den Fehler gemacht, mir die Fotos anzusehen, die ich vom Reiseveranstalter bekommen habe. Da bin ich auch zu sehen, auf dem Rad, in den engen Radklamotten und es hat wieder so viel Selbsthass und Verzweiflung losgetreten. Sofort gehen mein Denken und Planen wieder in Bahnen, von denen ich weiß, dass sie mir nicht gut tun – und dass sie das eigentliche Problem nicht lösen.

Aber all das sind Dinge, über die ich nicht gut mit anderen reden kann – weil ich mich dafür schäme überhaupt diese Gedanken und Gefühle zu haben, und weil niemand sonst das sieht, was ich sehe und entsprechend auch gar nicht nachvollziehen kann, was so schlimm ist.

Und frage ich mich auch, warum es mir so wichtig ist, wie ich aussehe – wenn es mir bei anderen doch völlig egal ist, ob sie jetzt einen „Normkörper“ haben oder nicht. Weil doch ihr Wert überhaupt nicht davon abhängt, wie sie aussehen. Und weil es eine Schönheit jenseits der Norm gibt, die viel reichhaltiger, vielfältiger, interessanter – und schöner – ist, als diese vermeintlichen Idealbilder.

Warum gilt das für andere, aber für mich selbst nicht?