Grenzen

Gestern war ein völlig ruinöser Tag, der mir ziemlich viel Kraft geraubt hat. Ich wünsche mir sehr ich würde endlich mal lernen Grenzen zu ziehen. Die Klappe aufzumachen, anstatt in Schockstarre zu verfallen. Ich hatte gestern einen Angsttermin mit meinem Mann. Wir waren beim Notar*, um zu klären, wie die „Vermögenssituation“ im Fall der Trennung geregelt werden kann. Angst hatte ich nicht wegen des Termins an sich, sondern weil ich mir vorstellte, wie mein Mann da sitzt und von „meiner Frau“ spricht und mich damit meint. Und wie er weibliche Pronomen für mich benutzt. Schon der Gedanke an diese Situation hat gereicht, mich erstarren zu lassen. Mir tut das buchstäblich körperlich weh… alles zieht sich zusammen. Ich empfinde dieses wissentlich falsch gendern als eine Form von psychischer Gewalt und ich schaffe es nicht, mich dagegen zu wehren.

Leider wurde es genauso schlimm, wie ich befürchtet hatte. Es war mir nacher gar nicht mehr möglich überhaupt aufzunehmen, was der Notar gesagt hat. Ich hab nur versucht, irgendwie durch diese Situation zu kommen. Hinterher bin ich völlig abgestürzt. Und auch in dieser Situation hat mein Mann meine Grenzen noch mehrfach missachtet, indem er einfach in mein Zimmer gekommen ist, in das ich  mich zurückgezogen hatte. Und das Schlimme ist, er merkt noch nicht mal, dass es ein Problem gibt. Er hat sich nicht ein bisschen damit auseinandergesetzt. Ich hab  eine solche Wut und ich bin so verzweifelt, weil ich nicht hinbekomme ihm deutlich zu machen, dass er damit aufhören muss.

Überhaupt hat das Gespräch beim Notar völlig absurde Dinge zutage gefördert. Z.B. dass mein Mann sich offensichtlich nicht scheiden lassen will. Wahrscheinlich denkt er, dass er mir damit einen Gefallen tut – weil es für mich eine größere finanzielle Absicherung für die Zukunft ist. Ich wünschte er würde verstehen, dass mir diese Art von „Fürsorge“ gestohlen bleiben kann. Ich will, dass er mich als Person anerkennt und mir den Respekt entgegen bringt, den ich verdient habe. Ohne das ist nichts von dem, was der da versucht irgendetwas wert.

Und weil der Tag noch nicht „schön“ genug war, habe ich erfahren, dass die eine begutachtende Person mein Personenstandsänderungsgutachten „hofft“ bis Ende April fertigzustellen. Das sind also noch  mal mindestens vier Wochen. Von der anderen Person habe ich gar nichts gehört auf meine Nachfrage. Es gab noch ein anderes Ereignis, das mich ziemlich fertig gemacht hat und insgesamt war der Tag gestern so richtig für die Tonne.

Aber hurra, morgen komme ich so spät nach Hause dass ich meinen Mann nicht sehen muss und Freitag hab ich frei.

Um Worte ringen

Ich kämpfe immer noch damit, gute Worte für das zu finden, was mich seit den von der Polizei durchgeführten Kontrollen und der Diskussion darüber – in den Medien, in meinem sozialen Umfeld – beschäftigt und bewegt. Wütend macht. Desillusioniert hat. Traurig und wieder ein bisschen resignierter gemacht hat.

Im Kern stammen diese Gefühle glaube ich daher, dass ich – mal wieder, aber irgendwie auch heftiger als zuvor – erlebe, wie wenig Bewusstsein es eigentlich in der so genannten „Mehrheitsgesellschaft“ für (strukturelle, alltägliche) Diskriminierung und Feindlichkeit gegenüber bestimmten Menschengruppen gibt. Und wie wenig Bereitschaft es oft gibt diejenigen zu Wort kommen zu lassen und zu hören, die unmittelbar betroffen sind – sei es bei der Bewertung bestimmter Ereignisse oder bei der Schilderung der Konsequenzen, die solche Ereignisse für diese Menschen in ihrem Alltag haben.

Dabei werden oft alle Register des „Silencing“ gezogen. Zum Beispiel, indem die Art und Weise wie die Kritik geäußert wird abgewertet wird („zu emotional“, „unsachlich“, „zu aggressiv“). Oder indem die Erfahrungen dieser Person als „Einzelfall“ abgetan werden, der im Vergleich mit den Erfahrungen und Deutungen der Mehrheit nicht beachtenswert und relevant ist.

Ich bin weiß. Ich habe keine Möglichkeit zu wissen oder auch nur ansatzweise nachzuempfinden wie es ist, von Rassismus betroffen zu sein. Aber ich weiß, wie ich mich fühle, wenn ich zum hundertsten Mal mit einer transfeindlichen Meinung oder Aussage konfrontiert werde. Und da geht es ganz häufig nicht um große, offensichtliche Ungerechtigkeiten oder Beschimpfungen. Es sind die kleinen Nadelstiche, die ich jeden Tag abbekomme, die mir unglaublich zusetzen und die bei mir z.B. dazu führen, dass ich irgendwann keine Kraft mehr habe für ruhige, sachliche Diskussionen.

Für mich sind es z.B. die dreihundert Variationen von „Aber IN WIRKLICHKEIT/URSPRÜNGLICH bist du eine Frau“, die mich aushöhlen. Ich erkläre dann vielleicht 299 Mal mehr oder weniger gedulgig, dass die körperlichen Merkmale eben nichts darüber aussagen, welches Geschlecht eine Person wirklich hat. Und dann kommt der nächste schlecht recherchierte Artikel bei SPIEGEL Online, der ZEIT, oder der Süddeutschen, der genau das wieder reproduziert und beim 300. Mal platzt mir der Kragen. Mir dann von Personen, die nicht das Gleiche erleben wie ich, Aussagen anhören zu müssen wie: „Jetzt reg dich nicht so auf“, „die wissen es nicht besser/meinen es doch nicht böse“, „von jemandem, der so emotional ist, lasse ich mir gar nichts sagen“ ist…. sagen wir mal nicht hilfreich.

Diese und ähnliche Aussagen werten meine Erfahrungen ab und relativieren das, was ich jeden Tag erlebe. Sie drücken, wenn ich es mal überspitze, solche Dinge aus wie: „Aber wir haben es doch auch schwer mit diesen ganzen Minderheiten die alle wollen, dass wir uns auf die einstellen“. Oder „Wenn dein Ton mir nicht passt kann an dem Inhalt deiner Botschaft auch nichts Ernstzunehmendes sein“.  Und „Jetzt erkläre ich dir mal, was ich als nicht-betroffene Person für Diskriminierung halte“.

Und das Schlimme für mich ist, dass solche Aussagen ganz oft auch von Menschen kommen, die mir und anderen trans* Personen prinzipiell wohlgesonnen sind. Die „wollen“ mir eigentlich gar nichts – aber trotzdem passiert es, dass sie aus ihrer (mit Blick auf die Cisgeschlechtlichkeit privilegierten) Position heraus verletzende_diskriminierende Strukturen rechtfertigen und/oder teilweise reproduzieren.

Ich würde mir wünschen, dass grundsätzlich die Stimmen derjenigen mehr gehört werden, die von Diskriminierung betroffen sind. Und dass diejenigen, die nicht unmittelbar betroffen sind solche – oft ungemütlichen, vielleicht auch als ungerecht oder „unpassend“ empfundenen – Standpunkte trotzdem erst einmal stehen lassen und sie nicht einfach sofort wegwischen. Ich wünsche mir, dass vor allem etwas differenzierter mit diesen Standpunkten umgegangen wird – wenn ihr nicht alles davon richtig findet oder annehmen könnt, vielleicht sind trotzdem einzelne Gedanken und Aussagen dabei, die bei euch an der richtigen Adresse sind oder die für euch einen guten Einstieg in die Beschäftigung mit dem Thema darstellen.

Nein, ich habe keine Regel, keine Empfehlung, wo man da die Grenze ziehen sollte – was man aushalten und einfach mal hinnehmen sollte. Mein eigenes Rezept ist, einfach möglichst oft meine Standpunkte und Aussagen zu hinterfragen und möglichst viel und oft Menschen zuzuhören, die anders als ich von Diskriminierung betroffen sind. Denn das, was ich hier schreibe gilt für mich genauso. Ich haue auch ganz oft daneben und merke immer wieder, wie stark ich bestimmte diskriminierende, „-istische“ Sichtweisen und Denkmuster internalisiert habe. Auch transfeindliche, heterosexistische – obwohl ich von beidem selbst betroffen sind. Und eben auch rassistische oder behindertenfeindliche Denkweisen, die mir noch nicht einmal bewusst waren, bis ich mit der Nase drauf gestoßen wurde.

Also. Ein Plädoyer für mehr Zuhören. Und dafür, die Stimmen von Betroffenen vielleicht einfach mal zu verstärken, auch wenn ihr nicht 100% der gleichen Meinung seid.

Übrigens finde ich, dass Johannes Kram vom Nollendorfblog das echt gut hinbekommen hat, nachdem ich ja hier Kritik an seiner Wortwahl in seinem Artikel über Identitätspolitiken geübt hatte. Meine Kritik steht nun auf seinem Blog, einfach erst mal so, ganz unkommentiert durch ihn. Ich finde gut, dass er das erst einmal so „aushält“ und so stehenlässt, obwohl er vermutlich meine Sicht immer noch nicht zu 100% teilt (dabei hab ich mir solche Mühe gegeben ;-)).

Das war jetzt ziemlich durcheinander und der rote Faden ist ein bisschen ausgefranst. Ich lasse noch drei Dinge zum Nachlesen bzw. Ansehen da, die ein paar Aspekte die mir wichtig sind weiter erklären oder ausführen und vielleicht noch mal etwas anders beleuchten.

 

Hier, dings, Sprache!

Ich habe meine Kritik an der BILDblog-Kolumne von meinem Blog runter genommen – weil ich die Möglichkeit bekommen habe, ihn auf dem Blog des Autors* der Kolumne zu veröffentlichen. Hier habe ich den Beitrag jetzt versteckt, weil ich nicht eine zu offensichtliche Verbindung zu meinem Blog haben möchte – einfach, weil er in erster Linie für mich persönlich ist und mir beim „Durcharbeiten“ der Dinge dient, die mich bewegen. Dass ich das hier so semi-öffentlich tue ist zwar in gewisser Weise auch politisch, aber aufgrund der viel größeren Reichweite des Blogs, auf dem der Beitrag nun steht habe ich mich entschieden, das zu trennen. Ich bin mit der vergleichsweise geringen Reichweite, die ich jetzt habe sehr zufrieden. Natürlich freue ich mich über neue Leser*innen, aber ich will auch nicht überrannt werden ;).

Ich finde es toll, dass der Autor* der Kolumne meiner Kritik, die ja durchaus nicht zimperlich und in Teilen vielleicht auch polemisch war, diesen Raum gegeben hat. Er hat mich ausdrücklich ermutigt, meine Argumentation nicht „zu verwässern“ und so habe ich meine Vorwürfe nicht noch mal abgemildert oder relativiert. Das ist etwas, das mir ziemlich schwerfällt – weil ich immer schnell denke, meine Gedanken/Gefühle haben keine Berechtigung.

Gleichzeitig habe ich ein bisschen Sorge, was für Reaktionen von anderen kommen – insbesondere auch denjenigen, die meine Art zu Schreiben für anstrengend und unnötig halten. Damit beziehe ich mich nicht so sehr auf meine (zugegebenermaßen auch anstrengenden) Schachtelsätze, sondern auf die Sternchen, Unterstriche und Wortneuschöpfungen, die ich so verwende um meine Texte mit Blick auf gerschlechtsspezifische Formulierungen inklusiver und weniger starr binär zu gestalten.

Für diejenigen von Euch, die sich damit noch nicht so viel beschäftigt haben vielleicht ein paar Worte dazu, was das eigentlich soll: ich möchte anerkennen und sichtbar machen, dass es Menschen gibt deren Geschlechtsidentität sich nicht in die oft ausschließlich verwendeten Kategorien „Mann“ oder „Frau“ einordnen lässt. Ich wünsche mir, dass es sprachliche Normalität wird, Geschlecht nicht mehr als etwas darzustellen, das nur „1“ oder „0“ sein kann. Mann oder Frau. Es gibt Männer und es gibt Frauen, aber das sind eben nur zwei Geschlechter unter vielen anderen. Wenn wir sprachliche Mittel wie das Binnen-I oder einen Schrägstrich verwenden – also LeserInnen, Leser/-innen – dann machen wir diese Identitäten unsichtbar und schließen sie aus.

Persönlich habe ich mich schon immer sehr über die „Alibi-Fußnote“ in den vielen (gerade auch akademischen) Texten aufgeregt, in der steht: „Wir verwenden die männliche Form, aber Frauen sind natürlich mitgemeint“. Mal abgesehen davon, dass die gewählte Formulierung wieder suggeriert es gebe nur zwei Geschlechter – Menschen lesen und verstehen Texte in der rein männlichen Form anders, als wenn Formulierungen gewählt werden die alle Geschlechter einschließen. Es gibt Studien die zeigen, dass unser Gehirn sich schwer damit tut, beim Lesen und Verstehen die Transferleistung zu erbringen die männliche Form auf alle Geschlechter zu beziehen (Anatol Stefanowitsch schreibt z.B. immer mal wieder darüber, siehe z.B. hier auf dem Sprachlog).

Mir ist es wichtig ein größeres Bewusstsein dafür zu schaffen, dass „gendergerechte Sprache“ nicht nur Sprache ist, die Männer und Frauen einschließt. Ich wähle dafür die Sternchen und die Unterstriche, oder ich versuche sogenannte „substantivierte Partizipien“ zu verwenden (z.B. „die Teilnehmenden“). Letztere sind dann aber halt weniger eine Sichtbarmachung, mehr eine Neutralisierung.

Ich schreibe deswegen trans* und bezeichne mich so – auch wenn ich wahrscheinlich sehr weit im „männlichen“ Bereich des Spektrums der Geschlechter bin. Ich nutze diesen Ausdruck um zu sagen: denkt daran, dass es nicht nur trans* Menschen gibt, die Männer oder Frauen sind.

Aus dem gleichen Grund versuche ich vermehrt, statt von „Transmännern“ von trans*Männlichkeiten oder trans*maskulinen Personen zu sprechen – um auszudrücken, dass ich auch Personen einschließen möchte die sich vielleicht – wie ich – im „männlichen Bereich“ des Spektrums bewegen, sich aber deswegen trotzdem nicht als „Mann“ beschreiben. Analog dazu trans*Weiblichkeiten statt Transfrauen.

(Überhaupt muss ich noch mal über den Begriff des „Spektrums“ nachdenken, weil mir das eigentlich zu wenig Dimensionen impliziert).

Bei all dem bin ich auch nicht immer konsequent. Vor allem im Gesprochenen fällt es mir noch schwerer, solche Formulierungen selbstverständlich zu verwenden. Auch weil ich Angst vor negativen Reaktionen bei meinem Gegenüber habe. Aber ich versuche, konsequenter zu werden.

Ein Problem mit den Sternchen und Unterstrichen ist, dass sie die Lesbarkeit von Texten für Menschen erschwert, die z.B. auf Screenreader oder auf Leichte Sprache angewiesen sind. Das sind Schuhe, die ich mir auch anziehen muss – meine Texte sind generell nicht sehr barrierefrei.

Auf den cismännlichen Akademiker dem das einfach „zu umständlich“ ist nehme ich eher keine Rücksicht. (Das bedeutet, dass ich die Diskussion darum auf der Arbeit ziemlich oft führe. Wenn ich denn die Chance dazu überhaupt bekomme: Sternchen sind politisch, wenn ihr euch erinnern möchtet).

Zum Thema Sprache für alle Geschlechter gibt es ein tolles Video von Ash. Vor allem geht Ash auch auf die gesprochene Sprache ein. (Überhaupt findet Ihr auf Ashs Blog viele wichtige Anregungen und Erklärungen zu den Themen Geschlecht, Sprache, beHinderungen).

Und die Rosenblatts haben gerade ein schönes erklärendes Poster zu Leichter Sprache veröffentlicht. Das Poster enthält auch weitere Links dazu.

Sternchen sind politisch

Heute ist etwas passiert, was mich echt immer noch ziemlich sprachlos macht. Ich habe eine Mail an den Verteiler einer institutionsübergreifenden Arbeitsgruppe verschickt, in der ich eine Formulierung mit Gendersternchen verwendet habe. Ich habe zugegebenermaßen kurz überlegt, ob ich das Sternchen nutzen soll – oder stattdessen eine Formulierung mit einem Partizip (z.B. Studierende) oder eine binäre Formulierung (z.B. Studentinnen und Studenten).

Aber schon über die Frage, ob ich mich jetzt „traue“, das Sternchen zu benutzen, habe ich mich geärgert. Ich finde es wichtig, inklusive Formulierungen zu benutzen – aber ich komme auch nicht gut damit klar „anzuecken“. Egal. Das Sternchen blieb, die Mail ging raus. Sollen „die Leute“ doch mit den Augen rollen.

Fünf Minuten kam eine deftige Antwort von einer Person, die sich aufgrund der von mir gewählten Schreibweise aus der Arbeitsgruppe verabschiedet hat.

Wegen eines Sternchens.

Das ist eine Person, die übrigens bei einem großen deutschen Unternehmen beschäftigt ist, das sich ganz klar für „Diversity“ ausspricht. Aber bei Sternchen hört der Spaß bei einzelnen Mitarbeitern*innen anscheinend auf.

Das Verhalen der Person ist eigentlich so lächerlich und unprofessionell, dass ich darüber nicht mal mit den Schultern zucken sollte. Aber es beschäftigt mich schon ganz schön – oder sagen wir mal, eigentlich beschäftigt meine Reaktion darauf mich mehr. Ich habe mich nämlich prompt gefragt, ob ich was falsch gemacht habe. Ich habe mich gefragt, wie die anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe darüber denken – und ob die wohl hinter mir stehen, oder ob sie das auch unpassend und unangemessen finden. Und bei all dem ärgere ich mich über mich selbst, weil ich es immer allen recht machen will und Angst davor habe, was passiert, wenn andere mich nicht mögen … mich scheiße finden. Das ist mein Erbe aus Kindheit und Jugend. Ich ärgere mich darüber, weil ich es als Schwäche empfinde, wie stark ich immer nach den anderen schaue.

Was mich auch beschäftigt ist, dass diese Person, die sich da so unprofessionell verhalten hat, mich durchaus kennt – aus einer Zeit, in der ich schon mit männlichem Namen beruflich unterwegs war, aber in der ich noch nicht in der Hormontherapie war. Und klar frage ich mich, ob die Reaktion auch so ausgefallen wäre, wenn einer der cis-Männer aus der AG die Mail so geschrieben hätte. Oder ob es da halt doch auch um mehr ging, als „nur“ ein Sternchen.

Ein Glück, dass ich mit der Mail kein Foto mitgeschickt habe.

Von mir.

In meinem Einhorn-T-Shirt.

Rauskommen, rauskommen

Ich war die letzten zwei Wochen ja fleißig und habe mein coming out auf der Arbeit vorangetrieben. Der Plan für die Umstellung des Namens im Januar steht und ist mit allen relevanten Personen abgestimmt. Nach diesem „Pflichtteil“ habe ich die letzten Tage vor meinem Urlaub noch für die „Kür“ genutzt und ein paar Menschen „vorgewarnt“, damit sie nicht im Januar nicht aus allen Wolken fallen ;-).

Von den Reaktionen her ist es eigentlich überall neutral bis positiv gewesen. Ich denke aber, dass das Thema bei einigen erstmal sacken muss und es wird sich erst im Laufe der Zeit rausstellen, wie gut oder schlecht sie damit (bzw. mit mir) im Alltag dann klarkommen.

Meistens lief es irgendwie so (face to face oder am Telefon):

Ich: „Ich wollte noch Bescheid sagen, dass sich bei mir im nächsten Jahr was ändert“ (An dieser Stelle <3 für den Kollegen der entsetzt aufstöhnte, weil er dachte, ich hätte gekündigt und dann ganz erleichtert wirkte, als ich ihm sagte, worum es geht).

Mein Gegenüber: „Respekt“, „Herzlichen Glückwunsch zu der Entscheidung“, „Ach, spannend“ (von diesen Varianten finde ich die Glückwünsche übrigens noch am angemessensten ;-))

Dann kamen meist ein paar Fragen vom Gegenüber, Erläuterungen von mir. Ich musste mehrfach erklären, dass man in Deutschland natürlich nicht einfach seinen Geschlechtseintrag in amtlichen Dokumenten ändern lassen kann, sondern sich einer psychologischen Begutachtung unterziehen muss. Schlucken musste ich darüber, dass die meisten meiner Gegenüber das erstmal ganz einleuchtend fanden („Ach ja, klar“). Das ist ja echt so ein Thema, bei dem ich mich bremsen muss, weil es mich so wütend macht. Wenn ich aber erkläre, warum ich dieses System nicht OK finde, fangen meine Gesprächspartner_innen durchaus auch manchmal an zu überlegen. Das finde ich ganz gut.

Ein bisschen Bammel hatte ich vor dem Telefonat mit einem bestimmten Kollegen, den ich wirklich sehr mag und schätze, mit dem ich aber ein manchmal etwas schwieriges Verhältnis habe. Ich bin mir nicht wirklich sicher, was er von mir hält und seine Reaktion konnte ich nicht gut einschätzen. Ich habe ihm also eröffnet, dass sich mein Name nächstes Jahr ändert und ich meine Transition beginne.

Geschocktes Schweigen am anderen Ende.

Dann er so, etwas erschüttert: „Aber warum denn <neuer Name>? Das ist doch ungefähr so wie <nennt einen relativ stigmatisierten Mädchennamen>“.

*Hust*

Wir hatten dann noch eine längeres Gespräch bezüglich des Namens. Es war in Ordnung und ich habe keinen großen seelischen Schaden genommen ;-). Aber das war schon so ein Angstszenario von mir, das es mir besonders schwer gemacht hat, mich für einen Namen zu entscheiden und ihn dann auch anderen Menschen zu sagen. Die Vorstellung, dass jemand (vor allem jemand, der mir wichtig ist) den Namen nicht mögen könnte war und ist für mich gar nicht so leicht auszuhalten. Das liegt sicher auch daran, dass ich insgesamt schlecht damit klarkomme wenn ich das Gefühl habe, jemand mag mich nicht und findet mich unsympathisch. Da werden bei mir direkt die vielen schlimmen Erlebnisse in Sachen „Mobbing“ wieder wach, die sich durch meine ganze Schulzeit gezogen haben.

Insofern liebe Cis- (= nicht-trans*)-Menschen. Wenn eine Trans*person Euch den neuen, gewählten Namen mitteilt, hinterfragt ihn einfach mal nicht, auch wenn er Euch nicht gefällt. Für die meisten von uns ist dieser Name ein großes Ding. Er ist in gewisser Weise ein Befreiungsschlag und dieses „sich selbst einen Namen aussuchen_geben“ ist ein wichtiger Schritt in der Identitätsfindung bzw. Selbstbehauptung im richtigen Geschlecht.

Und dann müssen wir an so vielen Stellen darum kämpfen, dass wir diesen Namen auch tragen dürfen. Wir werden ständig mit der Frage nach unserem „richtigen“ Namen konfrontiert (in der Vorstellung vieler cis-Menschen ist das unser Geburtsname), wenn wir uns mit einem Namen vorstellen, der aus Sicht unseres Gegenübers nicht zu uns passt. Also, springt da mal über Euren Schatten und sagt uns einfach „Schöner Name, passt zu Dir!“.

 

Sticks and Stones

Anfang der Woche hat mein Therapeut mich – mal wieder – am Telefon mit „Frau Tomi“ statt „Herr Tomi“ angesprochen. Ich war wegen meiner Erkältung zu fertig, direkt was dazu sagen (ich hatte nur angerufen, um meinen Termin abzusagen). Ich war und bin aber immer noch mächtig genervt davon. Wir hatten das Thema „Anrede“ jetzt schon drei Mal und es ist offensichtlich immer noch nicht geklärt.

Das erste Mal hat er es lustigerweise selbst aufgebracht. Das war letztes Jahr im Dezember. Er meinte, es wäre doch nur konsequent, wenn er mich als „Herrn Tomi“ ansprechen würde. Das war super, weil ich ihn eh drum bitten wollte und die Klappe nicht aufgekriegt habe. Also sagte ich „Ja, bitte“ und hab mich gefreut, dass das so einfach war. Bis dann nur ein paar Wochen später die erste Mail kam, die wieder an „Frau Tomi“ gerichtet war. Ich also zurückgeschrieben und gebeten, doch bitte die männliche Anrede zu nutzen.

Danach war es eine Weile kein Thema mehr. In den Sitzungen selbst ergibt es sich selten, dass er mich direkt so ansprechen muss (also, er sagt nicht solche Sachen wie „Und, Herr/Frau Tomi, jetzt erzählen Sie mal!“). Wenn er in dieser Zeit direkt auf mich also Person Bezug genommen hat, weil wir z.B. über mich als Kind gesprochen haben, hat er es aber (bewusst?) vermieden, mich als weiblich/Frau/Mädchen zu bezeichnen. Das fand ich absolut OK.

Soweit so gut also, bis es mal wieder Emailkontakt gab und er wieder an „Frau Tomi“ schrieb. AAAARRGHHHHHH! Da hab ich ihn das dritte Mal um die männliche Anrede gebeten und mir, um es ihm einfacher zu machen, einen E-Mail Alias mit einem männlichen Vornamen eingerichtet (vorher war das halt nur der Anfangsbuchstabe meines Geburtsnamens und der Nachname). Das ist jetzt etwa drei Monate her und anscheinend ist die Nachricht bei ihm immer noch nicht angekommen.

Ich bin durchaus ein bisschen sauer, denn ich finde es zumindest unprofessionell, dass er es sich einfach nicht merken kann/will (was auch immer ihn daran hindert — er merkt sich sonst gefühlt fast alles). Ich glaube auch nicht, dass es eine Art von Test ist, ob ich es wirklich ernst meine mit dem ganzen „Männerding“. Aber nachdem ich über die ganze Sache etwas nachgedacht und ein bisschen gegrollt habe, ist mir aufgefallen, dass ich ihm noch nie erklärt habe, warum es mir wichtig ist, als „Herr Tomi“ angesprochen zu werden (ich dachte wohl, das sei offensichtlich ;-)). Also muss ich es ihm vielleicht noch mal sagen.

Vielleicht so:

Lieber Herr Therapeut,

Am Montag am Telefon haben Sie mich wieder als „Frau Tomi“ angesprochen. Ich möchte Sie noch Mal darum bitten, mich in Zukunft in der männlichen Form anzusprechen. Ich verstehe, dass es vielleicht nicht immer einfach ist daran zu denken – und vielleicht auch nicht, sich überhaupt darauf einzulassen. Es läuft vielem Zuwider, was von der Gesellschaft als „gegeben“ und „natürlich“ angesehen wird. Mir ist es trotzdem, oder vielleicht auch deswegen, wichtig nicht mehr als „Frau“ von Ihnen angesprochen zu werden. Es irritiert mich etwas, dass ich Sie so oft darum bitten muss.

Aber mir ist auch aufgefallen, dass ich Ihnen bislang nicht erklärt habe, warum es mir wichtig ist. Ich habe es u.a. nicht erklärt, weil ich es eigentlich für eine Selbstverständlichkeit im respektvollen Umgang halte, Menschen auf die Art und Weise anzusprechen, wie sie es sich wünschen. Aber wahrscheinlich überschätze ich auch einfach die Vorstellungskraft von Cismenschen, die Fähigkeit, sich in das hineinzuversetzen, was ein Trans*mensch dabei empfindet, wenn er_sie (wissentlich) mit den falschen Pronomen angesprochen wird.

Ich erlebe meinen Alltag im Moment so: ich habe eine relativ konsistente Selbstwahrnehmung von mir als Mann. In meiner Innenperspektive empfinde ich das als stimmig. Ich fühle mich wohl und normal damit. Aber diese Selbstwahrnehmung wird jeden Tag wieder und wieder „gebrochen“ und damit in Frage gestellt. Jedes Mal, wenn mich jemand als „Frau“, „sie“ anspricht, werde ich daran erinnert, dass ich in den Augen meiner Umwelt selbstverständlich nicht der sein kann, als den ich mich selbst wahrnehme. Diese Brüche nehmen mir derzeit weitgehend die Möglichkeit, mich im Sinne eines „Alltagstests“ in die neue – männliche – Rolle einzufinden und mich in dieser mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zu bewegen.

Geschlecht ist ein soziales Konstrukt und das bringt mit sich, dass ich diese Rolle nicht für mich allein im stillen Kämmerlein leben kann, sondern ich bin darauf angewiesen, dass meine Umwelt „mitspielt“. „Draußen“, im „richtigen Leben“ ist mir das derzeit nicht möglich. Umso wichtiger sind für mich die wenigen geschützten Räume, in denen ich diese Rolle möglichst ungebrochen zumindest für eine kurze Zeit leben kann. Das geschieht momentan im Wesentlichen in der Selbsthilfegruppe, wo es selbstverständlich ist, Menschen entsprechend ihres „wahren“ Geschlechts anzusprechen; und im Internet, wo ich mit anderen in der männlichen Rolle interagieren kann, ohne dass sie meinen „weiblichen“ Körper, meine „weibliche“ Stimme wahrnehmen und sich davon irritieren lassen. Ich wünsche mir, dass der therapeutische Rahmen in dem wir uns bewegen im Hinblick auf das Aus-/Erleben meiner männlichen Rolle auch so ein geschützter Raum würde – umso mehr, als er das in vielerlei anderer Hinsicht ja schon ist.

Vielen Dank und beste Grüße
der Herr Tomi

So irgendwie. Vielleicht aber auch nicht.

Ohne Worte

In der Sitzung bei meinem Therapeuten heute habe ich keinen vernünftigen Satz rausbekommen. Also, keinen Satz, der mich irgendwie mit irgendwas weitergebracht hätte. Ich hab mich plötzlich so müde gefühlt; müde, ständig in meinem Innersten rumzustochern und an die ganzen „Dinge“ zu rühren, die ich — teils unausgesprochen, unter der Oberfläche des leicht Zugänglichen — mit mir durch mein Leben schleppe wie eine Zentnerkugel an meinem Bein.

Schuld, Scham, Trauer, Angst.

Über jedes dieser Gefühle könnte ich einen Roman schreiben. Und trotzdem habe ich heute kein Wort darüber rausbekommen. Ich hab in meinem Stuhl gesessen, mit den Tränen gekämpft, es hat in mir gebrodelt und gearbeitet, aber ich konnte weder klare Worte, noch klare Gedanken fassen. Irgendwas in mir Ich wollte diese Gedanken und Gefühle nicht los-, an die Oberfläche lassen.

Teil des Problems ist, dass ich den Eindruck habe, ich mache eine Baustelle nach der nächsten auf, aber schaffe es nicht, auch mal mit einer dieser Baustellen fertig zu bearbeiten. Es ist manchmal, als würde ich durch ein Minenfeld laufen. Jeder falsche Tritt kann ein neues Loch im Boden aufreißen, voll mit Gedanken und Emotionen, mit denen ich mich eigentlich nicht auseinandersetzen will, bereit mich zu verschlucken. Dabei wünsche ich mir nur ein bisschen Ruhe und Normalität. Ein bisschen „Sein“, nicht immer nur „Werden“. Eine Atempause.