Aufgehoben

Gestern ist das Theaterprojekt zu Ende gegangen. Letzte Vorstellung. Ich hatte den Tag über gemischte Gefühle – einerseits bin ich froh, dass in mein Leben wieder etwas mehr Regelmäßigkeit einzieht. Aber einige der Menschen, mit denen ich dort soviel Zeit verbracht habe, werden mir fehlen.

Ich hab den Tag über Karten geschrieben für alle, die dabei waren. Zum Danke sagen und Tschüß sagen. Die Stimmung vor der Vorstellung war gelöst. Während draußen ein Gewitter schepperte sind wir zum Aufwärmen und Einstimmen zu Supertramps Logical Song kreuz und quer, jede_r für sich, durch den Saal getanzt: auf der Bühne, hinter der Bühne, durch den Zuschauer_innenraum, über Stühle und unter Tische. Hätte mir jemand vor drei, vier Monaten gesagt, dass ich sowas mal machen und mich gut dabei fühlen würde… ich hätte nur die Augenbrauen hochgezogen. So tanzten da also 12 Leute durch diesen Raum – ausgelassen, konzentriert, ruhig, übermütig – um jede Ecke mit guter Energie aufzuladen. Es war ein sehr schöner Moment (und von oben, aus der Technik, bestimmt sehr lustig anzusehen).

Dann ein letztes Mal konzentrieren, sich Glück wünschen, ein bisschen lauthals in der Garderobe singen bis zum Einlass. Das Publikum war irgendwie auch gelöst, ich glaube, so viel wurde noch nie gelacht bei den lustigen Szenen. Es waren 9 Kolleg_innen von mir da, zwischendurch sah ich immer bekannte Gesichter im Publikum aufblitzen, wenn die Scheinwerfer nicht zu sehr blendeten. Und zack, war es vorbei. Was für ein merkwürdiges Gefühl!

Und jetzt? Das Projekt hat auf jeden Fall etwas mit mir gemacht, mich bereichert – um Erfahrungen, Erlebnisse, Gefühle. Nicht alle gut oder einfach, aber dennoch eben bereichernd. Es gab Momente, in denen ich mich geborgen und aufgehoben gefühlt habe. Momente, in denen ich mich gemocht und wertgeschätzt gefühlt habe und in denen ich das auch mal annehmen konnte.

Und gestern, auf dem Heimweg, im Auto habe ich tatsächlich mal so etwas wie Stolz gefühlt auf das, was ich geschafft habe. Vielleicht das erste Mal in meinem Leben.

Krasses Gefühl <3 .

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Premiere, Bebi!

Gestern war es soweit: unser Theaterstück zum Thema Trans* hatte Premiere! Es war schön und aufregend und es ist für mich sehr spannend zu sehen, dass das Stück (für mich zumindest) wirklich erst mit dem Publikum von einer Ansammlung von Szenen zu einem „Ganzen“ geworden ist.

Die letzte Woche vor der Erstaufführung war sehr fordernd und anstrengend, weil wir jeden Abend geprobt haben und in der Anspannung natürlich auch Konflikte auftreten. Es gab schon einige schwierige Momente. Es waren Momente, in denen mir bewusst geworden ist, dass der Grat zwischen „eine Bühne bieten“ und „zur Schau stellen“ wirklich sehr schmal ist; und dass eben auch so ein kreatives Projekt irgendwann in einem „verwertbaren“ Produkt münden muss.

Es ist gerade in dieser letzten Phase noch einmal deutlich geworden, wie schwer es ist, die Balance zu finden zwischen den individuellen Bedürfnissen der Beteiligten und den Anforderungen des „Marktes“ (sprich: einem Publikum, dass größtenteils wohl nicht queerfeministisch geprägt ist). Mit dem Druck, zur Premiere ein fertiges Produkt zu haben nahm natürlich die Möglichkeit ab, Dinge im Stück anzupassen.

Da wir „Expert*innen“ die Szenen, die von den professionellen Schauspieler*innen und Tänzer*innen erarbeitet wurden tatsächlich erst sehr spät in diesem Prozess das erste Mal sehen konnten (v.a. aufgrund der unterschiedlichen Probenzeiten) gab es da keine Möglichkeit, Grundsätzliches zu diskutieren – was ich an manchen Stellen gerne getan hätte, vor allem um Dichotomien, das Denken in binären Gegensätzen ein wenig aufzubrechen, das sich doch immer wieder eingeschlichen hat. Es gab glücklicherweise bis zum Schluss immerhin die Möglichkeit, an Details zu arbeiten und bestimmte Aussagen zu verändern oder ironisch zu brechen. Gleichzeitig waren aber gerade das Situationen, in denen (teils unreflektierte) Privilegien und Machtstrukturen plötzlich sehr greifbar und unmittelbar erfahrbar wurden**.

Mit der Premiere ist dann etwas sehr Schönes passiert: in dem Moment, in dem wir unser Stück vor dieses zuvor so abstrakte Publikum gebracht haben sind diese Details – die für mich teilweise sehr stark im Vordergrund standen und den Gesamteindruck etwas getrübt haben – plötzlich in den Hintergrund getreten. Und ich habe es zum ersten Mal geschafft, das Stück als ein Gesamtes, einen Teppich aus vielen Stimmen und Sichtweisen wahrzunehmen, in dem nicht eine Stimme mehr Gewicht hat, als die anderen. Ich hoffe sehr, dass es beim Publikum auch so angekommen ist – die Rückmeldungen, die wir unmittelbar nach der Vorstellung bekommen haben, deuten das zumindest an.

Ich freue mich jedenfalls auf Runde zwei heute Abend. Und die Runden 3-9, die dann auch noch kommen. Köln, Berlin, Dortmund und Moers – here we come! :D

 

 

**Das sind Themen, die ich sicherlich auch noch einmal ansprechen werde, wenn das Projekt sich dem Ende nähert. Und das Schöne ist, dass ich das ich auch das Gefühl habe, dass es möglich und erwünscht ist, diese Dinge anzusprechen und darüber zu diskutieren.

Einschreibungen

Im Theaterprojekt haben wir letztens über wissenschaftliche Theorien zum Thema Transidentität diskutiert. Das Team – insbesondere die Regisseurin und der Dramaturg – scheint da ganz schön tief eingestiegen zu sein und das Thema wird auch im Stück aufgegriffen werden.

Da gibt es einerseits Versuche, die Entstehung von Transidentität zu erklären – z.B. gilt der Hormonspiegel der Person, die das Kind austrägt, als möglicher Entstehungsfaktor. Andererseits gibt es immer wieder Studien, die nach körperlichen Indikatoren für Transidentität suchen. Da wird dann zum Beispiel überprüft, ob eine transidente Frau nicht auch ein „weibliches Gehirn“ hat und entsprechende Hirnströme zeigt, etc.

Mir ist bewusst, dass es viele trans*Menschen gibt, die gerne wüssten, warum sie so sind wie sie sind und das ist natürlich vollkommen in Ordnung so.

Ich habe aber mal wieder gemerkt, was für ein massives Unbehagen mir solche Versuche bereiten, Transidentität körperlich messbar und nachweisbar zu machen. Ich denke, das hat damit zu tun, dass solche Studien aus meiner Sicht auf der Idee beruhen, es gebe ein „biologisches Geschlecht“, das am besten auch noch binär ist. Also: „Es gibt ‚biologische‘ Männer und ‚biologische‘ Frauen – und Körper lassen sich eindeutig in die eine oder in die andere Kategorie einordnen. Und wenn jetzt jemand daher kommt und meint, er_sie habe ein anderes Geschlecht, als bei Geburt zugewiesen, dann muss es dafür ja notwendig körperliche Indikatoren geben“.

Da zieht sich mir innerlich alles zusammen. Die Vorstellung vom binären „biologischen Geschlecht“ ist ein sozial konstruierter Mythos. (Wer da ein bisschen drüber lesen möchte, kann dies bei Heinz-Jürgen Voß tun). Aus meiner Sicht können wir nur gewinnen, wenn wir uns ein für allemal davon verabschieden Körper nach Augenschein in vorgefertigte Geschlechterkisten einzusortieren. Es führt doch nur wieder zu weiteren Normierungen und zu einer Abwertung und Stigmatisierung von Menschen, die nicht in die Norm passen.

Für mich bedeutet dieser Drang das Geschlecht einer trans*Person „messen“ zu wollen auch, dass es wieder einmal nicht genug ist, dass ich doch weiß welches Geschlecht ich habe. Mein Geschlecht ist nach Meinung der Wissenschaft offenbar nur dann valide und „natürlich“, wenn es auch körperlich „eingeschrieben“ ist. Dagegen wehre ich mich.

 

Mirror, mirror

Gestern ging es weiter mit den Theaterproben. Ich wollte ja meine Grenzen austesten und erleben, was das mit mir macht – gestern hab ich dann das erste Mal eine Idee davon bekommen, was das genau heißen könnte und wie sich das anfühlt (/o\).

Wir waren dieses Mal eine etwas größere Gruppe (ca. 10 Personen), haben einige „Schauspiel-Übungen“ gemacht aber auch ein paar Szenen ausprobiert. Mir fällt das alles nicht leicht, aber das wusste ich ja. Ich bin im direkten Kontakt mit anderen echt sehr gehemmt – jedenfalls sobald ich mich auf neue Register, Protokolle und Rollen einlassen muss. Ich bin überhaupt nicht spontan in solchen neuen Kontexten und entsprechend bin ich vor allem bei den Übungen, in denen es darum geht im „Dialog“ etwas mit anderen zu improvisieren, nicht wirklich gut.

Darauf war ich vorbereitet, aber ich fange trotzdem an mich mit anderen zu vergleichen, die das offensichtlich „besser können“ als ich. Das ist so der Aspekt, mit dem ich gerade versuche  umzugehen. Was mir da sehr hilft ist das Bewusstsein, dass dieses Unbeholfene eben Teil dieser Person ist, die ich da auf die Bühne bringe. Ich versuche, mir das immer wieder zu vergegenwärtigen und das ist hilfreich bei bei der Akzeptanz. Hilfreich war auch, das von der Regisseurin auch noch mal gesagt zu bekommen. Ich meinte zu ihr, dass ich mich mit meinem Körper in diesen Situationen sehr „falsch“ fühle. Sie meinte, das ist OK und darf dort auch so sein – eben weil es Teil dessen ist, worum es in dem Stück geht.

Was mich aber gestern sehr aus der Bahn geworfen hat war eine kleine, eigentlich ganz harmlos klingende Szene. Wir sollten uns in einem kleinen Handspiegel betrachten, über einen Zeitraum von mehreren Minuten. No big deal, right? Puh. Die negativen Emotionen und die Trauer, die da hochkamen bei mir, hatte ich ganz schön unterschätzt. Es ist tatsächlich so (und das ist mir aber auch erst gestern wieder so richtig bewusst geworden), dass ich im „richtigen Leben“ nicht in Spiegel gucke. Und wenn ich muss, dann fokussiere ich auf so ganz, ganz kleine Details, um bloß das Gesicht oder den Körper als Ganzes nicht sehen zu müssen, oder gucke möglichst an mir selber vorbei. Das ist so etwas, das mir schon so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass ich das bis gestern kaum mehr bewusst wahrgenommen habe.

Das Gute an der Situation war, dass ich es hinterher thematisieren konnte und dass ich mehr Input bekommen habe, als nur ein „Ist doch OK, dann musst Du die Szene nicht machen“ (was durchaus eine Option wäre). Die professionellen (cis-)Schauspieler_innen erzählten dann nämlich darüber, wie es ihnen oft auf der beim Erarbeiten und Darstellen von Rollen geht – dass dort sehr viele Emotionen mit reinspielen und dass sie eigentlich nur gut spielen können, wenn sie emotional involviert sind. Und wie wichtig es für sie in dieser Situation auch ist, die eigenen Grenzen zu erkennen, zu achten und sorgsam mit sich umzugehen. Mir liefen zwar immer noch (oder erst recht) die Tränen, als sie das erzählten, aber das war ein sehr toller Moment. Ich hatte ein bisschen das Gefühl dass, auch wenn unsere Erfahrungswelten ja sehr sehr unterschiedlich sind, da trotzdem Gemeinsamkeiten sind. Und die beiden haben es geschafft das rüberzubringen, ohne dass ich das Gefühl hatte, da will mir jetzt jemand meine Emotionen oder den besten™ Umgang damit splainen erklären.

Diese Situation, so schwer sie für mich war (ich habe da tatsächlich heute noch dran zu knabbern, an diesem Spiegelding), hat mir so ein bisschen gezeigt, was ich für mich aus dem Projekt werde mitnehmen können.

Morgen werde ich dann mein gekürztes Interview einsprechen. Da wartet dann wahrscheinlich der nächste Trigger auf mich…. meine Stimme. Auf Band o_O. Aber da bin ich besser drauf vorbereitet, glaube ich.

Störgefühle

Mir wabern gerade sehr viele Themen und Gedanken im Kopf rum, auch schwere. Aber ich dachte, ich schreibe mal über was „Unbelastetes“ (für mehr reichen meine Ressourcen auch gerade nicht).

Mittlerweile ist nämlich das Theaterprojekt gestartet, von dem ich schon mal berichtet habe. Bislang macht es mir richtig Spaß – es ist eine sehr nette Truppe und die beteiligten (cis) Profis haben sich toll vorbereitet und gehen sehr umsichtig und respektvoll mit dem Thema und uns um.

Heute hatte ich die erste richtige Probe, bei ich auch etwas „darstellen“ durfte (vorher waren es mehr Gespräche, Interviews). In der einen Szene habe ich mit einem anderen Transmann abwechselnd etwas gesprochen. Das war eher „unkörperlich“ – wenig Bewegung, hauptsächlich Stimme. Die ist ja eins der Dinge, die ich nicht gut aushalten kann und gerade im Vergleich mit der tiefen Stimme meines Partners fand ich es zunächst schwer, mich da nicht so drauf zu konzentrieren.

In der zweiten Szene ging es dann darum, dass ich ohne zu reden eine alltägliche Situation darstelle. Das heißt, ich musste schon viel meinen Körper einsetzen. Nicht so, dass ich jetzt sehr expressiv oder übertrieben schauspielern musste, aber ich musste mich irgendwie auf der Bühne „verhalten“ und schon das fiel mir (wie erwartet) gar nicht mal so leicht.

Das Wort, das glaube ich am besten beschreibt, wie ich mich dabei fühle ist „linkisch“. Ich habe immer so ein bisschen das Gefühl, als wären meine Gliedmaßen viel zu lang, als hätte ich keine volle Kontrolle über diesen Köper, als wäre er ziemlich staksig und hölzern in seinen Bewegungen. Die Bühnensituation fühlt sich sehr unnatürlich an, ich weiß nicht wohin mit mir und meinen Bewegungen. Wohin soll ich schauen, wie halte ich die Arme?

Das ist ungefähr das, was ich auch erwartet habe. Ein Teil von mir hat natürlich Angst zu versagen und den Ansprüchen nicht gerecht werden zu können. Aber ein anderer (in diesem Fall präsenterer) Teil ist einfach neugierig, wie sich das weiter entwickelt. Letztlich begleiten mich diese Gefühle und Empfindungen des „Falsch-Seins“, nicht hingehören, nicht mit mir selbst verbunden sein, ja jeden Tag. Nur sind sie in dieser Bühnensituation gesteigert und „verstärkt“. Ich bin sehr gespannt, ob sich da mein Empfinden verändert, ob ich eine größere Selbstverständlichkeit erreichen kann und wie sich das auch auf mein alltägliches Erleben auswirkt.

Theater, Bebi!

Vor zwei Wochen trudelte ein Aufruf für ein Theaterprojekt in meine Timeline, das Trans* und Inter-Menschen suchte, um gemeinsam mit professionellen Schauspieler_innen und Tänzer_innen ein Stück zum Thema Identität auf die Bühne zu bringen. Ich habe (untypisch für mich) nur kurz überlegt und mich dann dort gemeldet.

Ich habe eigentlich keine Affinität zu Theater und schaue mir selbst eher selten Stücke an. Aber ich finde das Projekt interessant und denke, dass das für mich eine spannende Erfahrung sein könnte.

Eigentlich läuft „auf der Bühne stehen“ allem entgegen, womit ich mich so wohlfühle: Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Ich mag es nicht, wenn Leute mich ansehen und ich mich irgendwie beobachtet fühle. Ich falle nicht gerne auf. Ich mache mich gerne klein (was bei meiner Größe gar nicht so einfach ist). Ich versuche, möglichst keinen Platz zu beanspruchen. Das habe ich „schon immer“ so empfunden, aber seit ich nun überall geoutet bin und mit meinem männlichen Namen auftrete ist dieses Empfinden noch mal stärker geworden – gerade, wenn ich mich in öffentlichen, stark binär gegenderten Räumen bewege. Ich hab oft das Gefühl, ich habe nicht das Recht, mir dort „Raum zu nehmen“ und dort (körperlich) präsent zu sein.

Beste Voraussetzung also, sich mal komplett in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wildfremder Menschen zu stellen :D.

Aber im Ernst. Auf der Bühne stehen hat für mich genau damit zu tun, sich Raum zu nehmen und eine Präsenz zu zeigen – körperlich, stimmlich. Und ich glaube, dass es für mich spannend und gewinnbringend wäre, mich damit im Rahmen dieses Projekts mal auseinanderzusetzen und mal zu schauen, was mit diesen „Widerständen“ passiert, ob sie sich verändern und ob für mich vielleicht auch noch mal ein anderes Körpergefühl dabei rauskommt. Mehr Selbstverständlichkeit. Nicht immer (gefühlt) neben mir stehen. Mal hier sein und präsent sein.

Gestern war ich bei einem ersten Kennenlernworkshop. Das war komisch (vor allem, weil zwei Leute abgesprungen waren und ich also mit nur noch einer weiteren Trans*person ziemlich auf dem Präsentierteller und dem Team gegenüber stand :D). Aber es hat auch Spaß gemacht. Ich muss noch mal in mich gehen – auch ob ich das zeitlich so alles hinbekomme – aber wenn mir das machbar erscheint, bin ich glaube ich dabei!