Aua (Mastek, die 3.)

Content note: Operation, Krankenhaus, Schmerzen, Medikamente, Essen

Die ersten drei Tage zu Hause sind rum und sie waren jetzt eher durchwachsen. Ich habe am Sonntag etwas übermütig die Schmerzmittel reduziert und habe Montag die Quittung dafür bekommen. Autsch. Wie gut das Zeug wirkt merkt man tatsächlich erst, wenn die Wirkung nachlässt. Die Autofahrt zu meiner Hausärztin gestern morgen war auch nicht gerade förderlich. Das Lenken war ziemlich schmerzhaft und den Plan, hinterher mal endlich meinen neuen Perso abzuholen und den neuen Führerschein zu beantragen habe ich schnellstens über Bord geworden. Vielleicht mache ich Freitag mal einen neuen Versuch. Es sind vor allem die Enden der Schnitte unterhalb der Achseln die weh tun – ansonsten ist alles gut auszuhalten. Aber da sitzt noch eine ziemlich deutliche Schwellung… fühlt sich ein bisschen so an als hätte man mir hartgekochte Wachteleier unter die Haut transplantiert o_O.

Jedenfalls habe ich die letzten zwei Tage hauptsächlich auf der Couch und (halb)schlafend verbracht. Gestern habe ich ein bisschen Panik bekommen, weil ich das Gefühl hatte die Schwellungen sei stärker geworden, aber ich glaube das lag tatsächlich nur daran dass ich mehr Schmerzen hatte. Auf dem Vergleichsfoto, das ich gemacht habe sieht man keinen Unterschied. Ich kühle jetzt zwischendurch (nach Rücksprache mit dem Krankenhaus) mit einem kühlschrank-kalten Gel-Dings das ich mir unter die Achseln klemme.

Ich wollte ja noch ein paar allgemeine Sachen zum Krankenhausaufenthalt schreiben.

Also.

Im Großen und Ganzen habe ich mich dort sehr gut aufgehoben gefühlt. Obwohl ich leider noch unter dem alten Namen „einchecken“ musste, da ich noch keine neue Krankenkassenkarte habe, gab es nicht einmal eine falsche Anrede oder ein falsches Aufrufen. Das war super angenehm und man merkt daran, dass sie dort reichlich Erfahrung mit trans Patient*innen haben. Selbst in der zentralen Patient*innen-Verwaltung, wo die Aufnahme erfolgte, war es absolut Routine.

Dann gab es (wie auch anderswo üblich) ein reines Mastektomie/trans Zimmer. Wir waren die ganze Zeit entweder zu zwei oder zu dritt dort. Ich denke, es hängt auch ein bisschen von der Auslastung der Chirurgie ab, ob das realisiert werden kann oder nicht, aber es war auf jeden Fall sehr angenehm. Es hatte den Vorteil, dass man den anderen nicht viel erklären musste und nicht irgendwie schräg angeguckt wurde wegen der Art der OP (wobei die bei cis Männern mit Gynäkomastie vermutlich genauso durchgeführt wird). Leider habe ich einen (für mich) ziemlich anstrengenden Zeitgenossen als Zimmernachbar erwischt und mein Wunsch nach möglichst viel Ruhe und Hörbuchhören ist nicht ganz so aufgegangen wie geplant. Nun ja.

Die Mitarbeiter*innen mit denen ich dort zu tun hatte, habe ich fast ausnahmslos als sehr freundlich und hilfsbereit erlebt. Auch das Ärzt*innenteam bei der Visite, was ich gar nicht so selbstverständlich erwartet hatte. Fragen wurden geduldig beantwortet und auch sonst relativ „transparent“ kommuniziert.

Das einzige was wie schon angedeutet leider überhaupt nicht funktioniert hat, war die Versorgung mit für mich verträglichem Essen. Selbst wenn ich mich nur auf die „allerdringendsten“ Sachen beschränke ist die Kombi (glutenfrei, milchfrei und ohne Fleisch) nicht ganz einfach zu bedienen, weil z.B. viele vegetarische Gerichte auf Nudeln und Milchprodukten basieren. Ich hatte entsprechend vorgesorgt und mir genug Essen mitgebracht, um ein bis zwei Tage halbwegs über die Runden zu kommen – glutenfreies Brot, Brotaufstrich, Nüsse, Riegel. Irgendwie dachte ich in meiner Naivität auch: mittags einfach Kartoffeln oder Reis werden sie schon hinbekommen. Tja. Montag abend nach der OP habe ich ein bisschen von meinem mitgebrachten Brot und Brotaufstrich gegessen. Dienstag zum Frühstück auch – da bat ich dann um glutenfreies Brot für den Abend und die nächsten Tage. Das ist das einzige, was geklappt hat. Glutenfreies Brot und Margarine hatte ich im Überfluss. Mittagessen haben sie nicht wirklich hinbekommen (ok, sechs Kartoffeln gab es am dritten Tag xD) – da müsse ich mit der Diätassistenz sprechen. Die kam am Donnerstag, also an Tag 4. Das war der einzige Tag, an dem ich mittags und abends was „richtiges“ zu essen bekommen habe. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wieviel Kohldampf ich geschoben habe. Und es lag nicht daran, dass es nichts für mich passendes zu essen gegeben hätte, sondern nur daran dass die Kommunikation nicht funktioniert hat. Seufz… Das ist aber bis jetzt das einzige, was ich so richtig zu meckern habe.

Jetzt geh‘ ich mal weiter meinen Narkoserausch ausschlafen ;-).

 

Enthüllungen (Mastek, die 2.)

Content note: Operation, Krankenhaus, Medikamente, Blut (nur Erwähnung), Essen.
Ich schreibe ein wenig über die Schnitte und wie mein Oberkörper nun aussieht. Den „bildhaftesten“ Teil markiere ich mit ******. 

Teil 1 gibt es hier.

Am Operationstag stiefelte ich mit meinem Rollköfferchen durch den Nieselregen zum Krankenhaus und kam so gegen 8:45 auf die Station. Weil ich erst als vierter auf der OP-Liste stand, durfte ich dort warten und bekam schon ein Bett. Auf dem Zimmer lag schon eine Person, die die gleiche OP schon hinter sich hatte. OP-Hemdchen an, Hörbuch auf die Ohren und dann hieß es warten. Und noch drölfzig Mal auf Toilette gehen vor lauter Nervosität natürlich. Um 14 Uhr ging es dann in die Narkosevorbereitung, da lag ich auch noch mal ungefähr 20-30 Minuten rum und dann haben sie mich schlafen geschickt.

An den Aufwachraum und die Aufwachphase habe ich null Erinnerung. Leute haben mit mir geredet, ich hab versucht was zu antworten, aber es kam nur unzusammenhängendes Zeug raus glaube ich. Ich war wohl so gegen 17 Uhr wieder auf dem Zimmer, aber ich hab an den ersten Abend insgesamt keine richtige Erinnerung mehr. Nur Matsch im Kopf. Irgendwann hatte ich es glaube ich geschafft, mir mein T-Shirt und Boxer Shorts anzuziehen. Um den Oberkörper war eine verdammt enge „Bauchbinde“ gewickelt zur Kompression… tief Durchatmen war nicht drin. Aber: keine nennenswerten Schmerzen, keine Übelkeit. Das vorherrschende Gefühl war eher „Unbehagen“, das war aber ganz gut aushaltbar.

Am nächsten morgen rauschte um 8 die Visite ins Zimmer. Die Bauchbinde (die übrigens standardmäßig vom OP-Team mit einem handgemalten Totenkopf und den Worten „Nicht öffnen“ versehen wird ;-)) wurde das erste Mal geöffnet. Luuuuuuuft! „Wollen Sie schauen?“ – „Ich trau mich glaube ich nicht“ – „Doch, gucken Sie mal“. Also habe ich mich getraut und an mir runtergeguckt. Ich hab keine Schock gekriegt, uff ;-). Ich habe teilweile ziemlich abschreckende Bilder gesehen von frisch operierten Personen und hatte erwartet, dass ich ziemlich schlimm aussehen würde. Da bin ich echt positiv überrascht worden. Klar, geschwollen und an den Schnitten gab es etwas getrocknetes Blut. Aber alles nicht halb so schlimm wie befürchtet.

*********Da bei mir sogenannte „große Schnitte“ gemacht wurden, habe ich unterhalb jeder Brust einen langen Schnitt (weiß noch nicht genau, wie lang sie sind… 12-15cm vielleicht?). Die sind momentan noch mit einer (durchsichtigen) Folie bedeckt. Die Brustwarzen mussten versetzt (also: frei transplantiert) werden und waren noch unter einem Druckverband versteckt. Auf jeder Seite gab es eine Drainage, Schlauch mit Flasche, damit Wundflüssigkeit ablaufen konnte. **********

Und schon war die Bauchbinde wieder zu und gefühlt noch enger als vorher. Aaaaah! Auf mein Bitten haben sie sie zum Glück ein klitzekleines bisschen lockerer gemacht. An dem Tag ging es mir dann eigentlich schon ziemlich gut – ich habe die Narkose zum Glück doch besser weggesteckt, als befürchtet. Vielleicht haben die Antihistaminika, die mit dem Narkosemittel gegeben wurden, wirklich etwas geholfen. Ich war mobil (auch wenn die Drainageflaschen ziemlich genervt haben) und Schmerzen hatte ich auch kaum. Es wurden natürlich Schmerzmittel gegeben, aber das schmerzstillende Medikament das ich bei größeren Schmerzen noch zusätzlich hätte nehmen können, brauchte ich gar nicht. Am Vormittag kam noch mein Mann vorbei(!) und brachte mir Bananen. (Da war schon klar, dass es mit der Essensversorgung eher nicht so problemlos klappen würde und die Bananen haben mich echt gerettet).

Bei mir kamen dann am Mittwoch die Drainagen schon raus und ich wurde entsprechend die Bauchbinde los – ich durfte sie gegen eine Kompressionsweste eintauschen. Die sollte ich jetzt die nächsten 6 Wochen noch tragen. Sie soll dazu dienen, das Lymphflüssigkeit abtransportiert wird und insgesamt soll sie helfen, das keine Dellen oder Unebenheiten beim Abheilen des Gewebes entstehen, Dazu gibt es bei den verschiedenen Operateur*innen unterschiedliche Philosophien – einige Kliniken schwören darauf, andere halten sie für nicht notwendig. Ich mache das jetzt so, wie „meine“ Klinik das vorsieht und trage das Ding. Es ist im Vergleich zu den Bindern, die ich ja vorher getragen habe, zumindest nicht schlimmer. Wenn es ein paar Grad weniger wären, wäre es vielleicht sogar ganz angenehm zu tragen. Naja. Ihr könnt trotzdem wetten, dass ich ab nächster Woche anfange darüber zu meckern, wie sehr mich die Weste nervt ;-).

Zwei Tage habe ich dann im Krankenhaus noch ausgeharrt. Zum Glück hatte ich meine Hörbücher und andere Unterhaltungsmedien dabei. Zweimal bekam ich auch Besuch, aber die meiste Zeit habe ich auf dem Zimmer rumgehangen. Ich war aber auch so übermüdet, dass ich nicht viel Energie für anderes hatte, war also okay.

Heute, Samstag, war dann noch mal ein großer Enthüllungsmoment, weil die Druckverbände von den Brustwarzen abgenommen wurden. Das war aus mehreren Gründen spannend – unter anderem, weil es ein Risiko dafür gibt, dass sie nicht anwachsen. Mit diesem Szenario hatte ich mich schon arrangiert – allerdings habe ich jetzt gesehen wie es aussieht und fänd‘ es schon sehr schade, wenn da noch was schiefgehen würde. Ich hoffe sehr, dass alles gut heilt – ich glaube, ich werde meinen neuen Oberkörper mögen, wenn er mal nicht mehr so grünblau und orange und etwas verschwollen aussieht.

Mittags haben meine Eltern mich dann aus der Klinik abgeholt. Ich habe geduscht, Wäsche gemacht und vor allem endlich mal wieder was richtiges gegessen. Jetzt fühle ich mich schon um einiges wohler. Mal schauen, wie es später mit dem Schlafen klappt.

Naja… „später“ ;-). Gerade erscheint mir 19:30 als eine total super Zeit, um ins Bett zu gehen :D.

Zum Krankenhaus schreibe ich die Tage auch noch was, aber nicht mehr heute.

*gähnend ab*

Laufen lassen

Content note: Krankenhaus, Vorbereitung Operation

Uff (mal wieder). Heute war ich in der Klinik in der die Mastektomie durchgeführt wird – zur vorstationären Aufnahme. Das heißt, ich habe das ganze Aufnahmeprozedere durchlaufen und durfte dann aber wieder nach Hause fahren. Montagmorgen um 9 muss ich dort wieder auf der Matte stehen. Ich hab‘ mich in der zentralen Aufnahme angemeldet, habe den Fragebogen für die Narkose ausgefüllt, hatte ein kurzes Vorgespräch in der plastischen Chirurgie und dann noch – nach 2 Stunden Wartezeit- in der Anästhesie. Wir sind überein gekommen, dass sie mir wegen meiner Mastzellenproblematik mit der Narkose auch H1- und H2-Rezeptorblocker geben. Das sind Antihistaminuka, wie man sie auch bei Allergien nimmt und sie helfen mir hoffentlich dabei die Narkose und OP besser zu wegzustecken. Leider ist mein Körper ganz schön in Alarmbereitschaft und ich leide gerade sehr unter den Symptomen. Ich verkriech‘ mich auch gleich nur noch im Bett, ich bin ziemlich platt. Insgesamt war ich acht Stunden unterwegs heute, davon ungefähr 3 Stunden im öffentlichen Nahverkehr, den Rest in der Klinik.

Das erste Mal geheult habe ich, als ich auf die U-Bahn wartete, die mich zur Klinik bringen sollte; als ich dachte, wieviel einfacher das alles wäre wenn ich einen unterstützenden „Herzmenschen“ an meiner Seite hätte. Stattdessen gehe ich auch diesen Schritt allein. So richtig ging die Heulerei dann los, als ich draußen vor der Klinik auf einer Bank saß, vor dem Gespräch in der Anästhesie. Mit meinem Mann (also dem von „früher“) als Unterstützung wäre es alles so viel einfacher. Gleichzeitig sitze ich da alleine, weil ich es so entschieden habe. Freund*innen haben mir angeboten mich zu begleiten, ich hab‘ es abgelehnt. Aus hundert Gründen, aber vielleicht hat es am meisten damit zu tun dass ich es nicht aushalte, wenn andere mich „bedürftig“ erleben. Also allein.

Das einzige, was mein Mann nach einem Tag „Bedenkzeit“ zum Thema OP zu sagen hatte: „Hast du dich denn auch über die Risiken einer solchen Operation informiert“. Exakter Wortlaut. Die Frage reiht sich ein in eine lange Reihe von Fragen, bei jedem Schritt den ich gemacht habe, ob ich es mir denn auch gut überlegt hätte. Ob ich mir über die Konsequenzen klar sei. Das ist das einzige das er mir immer wieder kommuniziert: seine Zweifel daran, dass ich informierte, überlegte Entscheidungen treffen kann. Und auch: dass er immer noch die Vorstellung hat ich hätte wirklich die Möglichkeit einen anderen Weg zu gehen, mich anders zu entscheiden.

Morgen werde ich meine Tasche packen und noch ein paar Sachen regeln und vorbereiten. Sonntagabend fahre ich dann schon in den Ort der Klinik und übernachte dort im Hotel – die Vorstellung Montagmorgen nüchtern und nervös noch eineinhalb Stunden im öffentlichen Nahverkehr unterwegs zu sein war mir doch nicht so geheuer. Aber am Sonntagnachmittag habe ich noch was Schönes vor, mit lieben Menschen und flauschigen Tieren, und ich freue mich drauf. Von den Tieren gibt’s auch Fotos, versprochen :-).

Aus dem Ruder

Ich erlebe gerade die etwas paradoxe Situation dass sich einiges (auf)löst, ich aber trotzdem das Gefühl habe dass Dinge mir komplett entgleiten. Wenn ich die Rahmenbedingungen betrachte, das „Außen“, dann scheint das geordnetet als noch vor ein paar Wochen. Ich konnte in den letzten drei Tagen zwei große Haken hinter Sachen machen: Freitag hatte ich den Beschluss zur Vornamens- und Personenstandsänderung im Briefkasten – und er ist schon rechtskräftig. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Heute habe ich per Mail die Bestätigung bekommen, dass der Kredit genehmigt ist. Damit steht die Finanzierung für die Wohnung nun und eigentlich könnte ich ein bisschen durchatmen.

Aber mein Innen kommt nicht hinterher. Ich liege nachts wach und realisiere langsam, was das alles bedeutet. Ausziehen bedeutet: ich werde allein sein, vielleicht für den Rest meines Lebens, und es macht mir ziemlich große Angst. Mir ist in den letzten Tagen noch mal so deutlich geworden, was durch die Trennung alles schon weggebrochen ist – vor allem im „Sozialen“. Was ich jetzt schon alles nicht mehr habe, obwohl es früher so wichtig war. Zum Beispiel die Rennradtouren und -urlaube, die mein Mann und ich gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Freund*innen gemacht haben. Ich bin schon lange nicht mehr Teil dieser Gruppe, weil mein Mann dort stärker „verankert“ war. Also fahre ich alleine. Aber es ist nicht das gleiche und eine neue Gruppe ist nicht in Sicht.

Als der Beschluss da war wegen der Namensänderung war ich nicht erleichtert. Ich war nur traurig. Mit der neuen Geburtsurkunde radiere ich den letzten Rest meines „alten“ Lebens aus, so fühlt es sich an. Und ich habe keinen Zweifel, dass es die richtige Entscheidung ist diesen Weg so zu gehen, aber gerade ist die Trauer darüber was ich alles verloren habe viel größer als das Gefühl etwas gewonnen zu haben.

 

Tomi vs the Cistem, Teil 3

Ich hatte heute meinen Gerichtstermin in Sachen Vornamens- und Personenstandsänderung. Im Vorfeld war ich … vor allem genervt. Schon dieses ganz große Kino mit Vorladung und so. Nun ja. Dafür war weniger Platz für Nervosität. Aber der Termin heute war wohl auch eher Formsache. Denn wenn es irgendwelche Zweifel an den Gutachten gegeben hätte dann hätten sie ein drittes angefordert und mich nicht vorgeladen.

Ich war dann im Vorfeld aber schon ein bisschen hin- und hergerissen zwischen „rebellieren wollen“ und „eingeschüchtert sein von dem Setting“. Letzteres äußerte sich dann darin, dass ich mich nicht getraut habe mein Einhorn T-Shirt anzuziehen ;-). Aber immerhin bunte Socken. Gemustert. Mit MÄDCHENFARBEN(tm) drin!!!!111

Weil ich nicht genau wusste wie lange ich an der Sicherheitsschleuse würde warten müssen und auch desorientiertes Sitzungssaalsuchen einkalkuliert hatte, war ich eine gute halbe Stunde zu früh am Raum. 11 Uhr. Da standen schon zwei Parteien, den Gesprächen nach zu urteilen in der gleichen Angelegenheit dort. Eine Person war schon fertig, auf eine zweite Person wurde noch gewartet. Gesprächsfetzen über OPs und Hormone. Die zweite Person kam raus und die Gruppe ging weg, sodass ich alleine im Wartebereich saß. 11:10 Uhr. Noch 20 Minuten.

Nach etwa einer Minute ging dann aber schon die Tür zum Sitzungssaal auf und die Richterin* steckte den Kopf raus. „Warten Sie auf mich?“ Fand ich eine nette Art und Weise zu vermeiden mich mit dem alten Namen/falscher Anrede aufzurufen (falls es so gedacht war – vielleicht war es auch nur Zufall). Also an ihr vorbei rein in den Raum. Irgendwie hatte ich erwartet, dass er weniger wie ein richtiger Gerichtssaal aussehen würde. Nun denn. Er sah aus wie ein „richtiger“ Gerichtsaal im Miniformat: erhöhter Richter*innentisch, dann auf der „unteren Ebene“ zwei sich gegenüber stehende Tische für gegnerische Parteien und Anwält*innen oder so. Vis-à-vis zum Tisch der Richterin ein kleiner Tisch an den ich mich setzen sollte.

Sie fragte nach meinem Namen und nach meinem Ausweis. Dann wollte sie wissen seit wann ich als Mann lebe und wann ich das erste Mal den Gedanken hatte ein Mann zu sein. Zu meiner kurzen Antwort machte sie Notizen und sprach sie dann in ein Diktiergerät. Wie die Reaktionen meines Umfelds gewesen seien? Gleiches Prozedere. Dann teilte sie mir mit, dass sie zwei Gutachten vorliegen habe (Name der Gutachter*innen) die beide zu dem Schluss kommen, dass ich die Bedingungen dafür erfülle meinen Vornamen und den Personenstand ändern zu dürfen. Sie schließe sich der Empfehlung der Gutachter*innen an und wird das Urteil entsprechend fällen. Das ganze nochmal ins Diktiergerät fürs Protokoll. Dafür stellt sie dann auch noch fest: „Die Antragstellerin hat ein eindeutig männliches Erscheinungsbild“. Wie gut dass die Socken nicht mit im Bild waren. NICHT AUSZUDENKEN ;-).

Dann erklärte sie mir noch wie es weitergeht (Protokoll wird verfasst, dann geht der Beschluss in die Post, Mitteilung an das Geburtsstandesamt zur Änderung des Eintrags in der Geburtsurkunde) und zack war ich draußen. 11:17 Uhr. Das ganze hat weniger lang gedauert als ich gebraucht habe diesen Text zu schreiben.

Gefühle habe ich dazu gerade irgendwie keine. Ich bin immer noch genervt von dem Prozedere, obwohl die Richterin* prinzipiell sehr nett war – aber das macht das Begutachtungssystem als solches nicht besser.

Dass ich mich gerade eher indifferent fühle liegt aber glaube ich auch daran, dass ich noch sehr viel Anspannung habe wegen des Wohnungskaufs. Die Kommunikation mit der Bank über die der aktuelle Hauskredit finanziert wurde – und die mich aus diesem Kredit entlassen müsste damit ich meine Finanzierung wie geplant machen kann – gestaltet sich schwierig. Ich hoffe, dass ich morgen eine klare Aussage dazu habe. Und dann ist morgen auch der … jetzt hätte ich beinahe geschrieben „Scheidungstermin“. So weit sind wir noch nicht. Also: der Notariatstermin für die Beurkundung der „Scheidungsfolgenvereinbarung“ in der mein Mann und ich Zugewinn- und Versorgungsausgleich etc. regeln. Auf der Suche nach den benötigten Geburtsregisternummern hatte ich gerade dann unsere Heiratsurkunde in den Händen und jetzt laufen die Tränen laufen natürlich doch.

Naja. Morgen im Büro freue ich mich erst Mal wieder über die goldenen Luftballonbuchstaben die dort von der Decke hingen als ich vom Gericht zurückkam. Ein Glück, dass ich mir nur einen kurzen Namen ausgesucht habe – sonst wär den Kolleg*innen bei der Hitze beim Aufpusten noch die Puste ausgegangen ;-).

 

 

 

Ereignisüberschlagung

Was war das für eine Woche. Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Gerade geht es Schlag auf Schlag und meine Emotionen fahren Achterbahn mit mir. Oder Schlitten?

<Hier könnt ihr euch ein Bild von mir denken, wie ich aufgeregt im Kreis laufe>

Ich versuch’s mal der Reihe nach. Letzte Woche Samstag habe ich mir eine Wohnung angeschaut – Maisonette, Balkon, ziemlich ruhige Sackgasse, in der Nähe von meinem jetztigen Wohnort. Ich wollte erst gar nicht, weil ich die Nase von Besichtigungen voll hatte. Zwei Kolleginnen haben mich überredet doch gucken zu fahren. Na gut. Ich fand die Wohnung ganz okay, wollte aber noch mal drüber nachdenken. Hab mich aufs Rad gesetzt und dann nach einer Runde durch die Hügellandschaft hier entschieden, dass ich sie nach einer zweiten Besichtigung kaufen würde wenn sie dann noch verfügbar ist. Das war ca. 2 Stunden nach dem Besichtigungstermin. Als ich den Makler am Samstag nicht mehr erreicht habe um am gleichen Tag direkt noch mal hinzufahren, hatte ich die Wohnung innerlich schon abgeschrieben. Aber nun habe ich sie gestern ein zweites Mal besichtigt, zugesagt und der Makler* hat heute schon dem Notariat Bescheid gesagt. Ich bin noch etwas zurückhaltend mit Freude weil ich Angst habe dass doch noch irgendwas schief geht – aber wenn alles klappt habe ich Anfang August eine Wohnung. Drückt mir bitte die Daumen!

Heute Abend nach der Arbeit habe ich die ganzen Unterlagen für den Kredit soweit wie möglich fertig gemacht und dann heißt es erst einmal warten. Zunächst mal auf den Termin im Notariat bei dem mein Mann und ich die Trennungsvereinbarung unterzeichnen. Der ist Ende des Monats.

Im Moment bin ich vor allem aufgeregt, aber gestern überkam mich auch eine große Trauer. Jetzt wird es real mit Trennung, Scheidung, auf mich selbst gestellt sein. Mein Mann war gestern mit mir die Wohnung ansehen und für ein paar Momente war eigentlich alles wie früher. Wir haben uns gut verstanden, gelacht. Seit dem letzten Termin beim Notar* (über den ich glaube ich nicht geschrieben hatte) bekommt er es tatsächlich hin, korrekte Pronomen für mich zu verwenden. Und der Himmel ist uns nicht auf den Kopf gefallen.

Tja – und ratet, was heute außerdem im Briefkasten lag? Post vom Amtsgericht. Ich habe übernächste Woche den Anhörungstermin für die Vornamens- und Personenstandsänderung. Das zweite Gutachten war auch mit im Umschlag. Ich hab keinen Blick reingeworfen bis jetzt – der Kreditkram war wichtiger. Es ist 18 Seiten lang. Das tue ich mir heute nicht mehr an.

Uff. Und jetzt sind auf meiner Liste eigentlich noch mehr Themen, über die ich gerne schreiben würde (das war jetzt ungefähr die Hälfte der ganzen Dinge, die diese Woche so passiert sind und die mich beschäftigen), aber mir fallen die Augen gleich zu.

Morgen ist auch noch ein Tag.

 

Zurückblick

Da stand doch noch was auf meiner Huch-schon-1-Jahr-Hormone-Agenda. Vor nicht ganz einem Jahr haben H. und ich das erste Mal Fotos gemacht. Sechs digitale Ordner mit Bildern gibt es mittlerweile von mir.

Jedes mal wenn ein neuer Ordner dazu kommt, schaue ich auch die früheren Bilder durch. Es ist ein komisches Gefühl jedes Mal, immer noch, und auf vielen Fotos mag ich mich nach wie vor nicht sehen. Aber aus jeder Serie gibt es auch ein, zwei (drei?) Bilder die ich mag. Irgendwie.

Und irgendwie habe ich es auch aufgeben, nach Veränderungen zu gucken. Also: nach Veränderungen die sich präzise Herauspräparieren lassen und die dann als irgendeine Form von „Fortschritt“ messbar sind auf meiner internalisierten Männlichkeitsskala. Ich sehe Veränderungen. Aber was jetzt genau anders ist und wie ich diese Veränderunge nennen soll? Älter sehe ich aus.

Neulich auf dem Fahrrad ging mir durch den Kopf wie sehr alles was mit „Transition“ zu tun hat in ziemlich absoluten, binären Gegensätzen gedacht ist. Die meisten der Begriffe mit denen wir da hantieren haben damit zu tun, von A nach B zu kommen, von einem Pol zu einem anderen, dazwischen eine Metamorphose. So habe ich es mir glaube ich auch mit den Fotos gedacht – dass ich mir irgendwann diese Bilder ansehe und sage „das bin ich nicht mehr“.

Aber – vielleicht funktioniert es ganz anders. Vielleicht geht es viel weniger darum ob und wie weit ich mich von meinem „alten Ich“ entferne, sondern darum wie sich mein Blick auf mich verändert. Und vielleicht kann ich mir jetzt die Bilder von vor einem Jahr ansehen und dort viel mehr von meinem „gegenwärtigen Ich“ entdecken, als es mir damals möglich war.

Von neulich auf dem Rad schwirrt mir immer noch ein Satzfetzen im Kopf herum: „Transition passiert im Kopf“. Das ist keine ausschließliche Wahrheit, aber ein bisschen, manchmal, stimmt es vielleicht.