Ain’t got no

Ich kann schon recht lange keine Musik mehr hören, ohne dass es mich emotional ziemlich destabilisiert. Also ziemlich ziemlich. Sobald ich Musik höre, die ich mag oder mal mochte, holt es die ganzen Gefühle hoch, die ich lieber nicht fühlen möchte; Erinnerungen, die ich nicht haben will. Es reicht ein Song manchmal und ich komme nicht mehr klar. Ich habe mich für den Moment damit abgefunden, dass es nicht geht. Ich höre keine Musik mehr.

Aber gestern im Tatort wurde am Ende ein Lied von Nina Simone gespielt: Ain’t got no/I got life. Es ist so ein großartiges Stück und obwohl ich auch mit der Musik von Nina Simone Erinnerungen verbinde, die mich sehr traurig machen, dieses spezielle Lied hat irgendwie keine Verknüpfung zu meiner Vergangenheit.

Also höre ich es seit Sonntag rauf und runter auf repeat.

Den Text findet ihr hier: https://www.azlyrics.com/lyrics/ninasimone/aintgotnoigotlife.html.

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Transitioning in Songs #1

Content note: Erwähnung selbstverletzenden Verhaltens

Ich hab mir überlegt, ab und zu hier mal was über Musik zu schreiben, die für mich mit Blick auf meine Transition eine Bedeutung hat – weil sie mich begleitet hat, weil sie etwas in mir auslöst, oder einfach weil sie hilft, bestimmte Gefühle_Stimmungen auszudrücken. Mal schauen, was daraus wird.

Das für mich bedeutsamste und wahrscheinlich emotionsbeladenste Lied ist „Hurt“ in der Version von Johnny Cash. Hier findet Ihr das Video. Im Original ist es von Nine Inch Nails und der Text ist Trent Reznor. Alle Zitate in kursiv unten sind aus dem Songtext.

Es ist zwar eins der tollsten, aber nicht das fröhlichste Lied unter der Sonne und es hat mich durch ziemlich düstere Phasen begleitet. Daher auch die content note.

In „Hurt“ steckt für mich unendlich viel Traurigkeit; Angst davor, (wichtige) Menschen zu verlieren; aber vielleicht auch eine Angst davor, sich selbst fremd zu werden und nicht mehr zu kennen. Diese Frage – What have I become? – habe ich mir oft gestellt, stelle sie mir manchmal immer noch.

Wenn ich mich frage „Was ist nur aus mir geworden?“ nehme ich die Perspektive anderer ein, die auf mich schauen und mir sagen, dass ich ihnen fremd werde durch den Veränderungsprozess, den ich da in Gang gesetzt habe. Ich glaube, mir selbst diese Frage zu stellen ist vor allem eine „Verinnerlichung“ dessen, was mein Mann mir zu verstehen gibt, mit Worten und seinem Verhalten: Du veränderst dich auf eine Art und Weise, die dich liebens_unwert macht. Ich sehe in seinem Blick Trauer und Abscheu. Wenn ich mir diese Frage stelle, schaue ich auf mich durch seine Augen, richte diesen Blick gegen mich selbst und sehe jemanden, der abstoßend für andere ist.

„Hurt“ fasst meine Traurigkeit darüber, dass dieser Mensch mich nicht lieben kann und dass ich mich selbst nicht liebens_wert finde, in Worte. Und wie Cash das singt, mit seiner plötzlich brüchig gewordenen Stimme, die so traurig und verletzlich klingt wie ich mich fühle… ich könnte jedesmal heulen, wie ein Schlosshund.

„Hurt“ ist für mich auch ein Lied über Selbstverletzungen. Über den erfolglosen Versuch Schmerz mit Schmerz zu bekämpfen. In der Phase, in der ich versucht habe meinem Therapeuten von den Selbstverletzungen zu erzählen, habe ich ihm unter anderem einen Link zu dem Song(text) geschickt. Vergraben in anderen Sachen, die ich geschrieben habe. Er hat es entweder nicht verstanden, oder ist dem Link gar nicht erst gefolgt.

Dieses Gefühl nicht liebens_wert zu sein – noch nicht einmal für mich selbst – ist glaube ich ziemlich eng verknüpft mit dem Impuls, mir selbst Schmerzen zuzufügen. Dieser Akt des Verletzens ist sowohl Ventil, als auch Bestrafung fürs nicht Angepasst-sein und Ausbrechen-wollen.

Aber: „Hurt“ verkehrt diesen Blick vom Anderen aufs Selbst auch noch mal. Am Ende ist es nicht das Selbst, das sich in die Unkenntlichkeit verändert, sondern die Welt drumherum verändert sich, während das Selbst – zumindest der Möglichkeit nach – gleich bleibt.

Beneath the stains of time
The feelings disappear
You are someone else
I am still right here.

If I could start again
A million miles away
I would keep myself
I would find a way

Und irgendwie habe ich es auch geschafft, das Lied und die Emotionen, die es in mir auslöst, anders zu „rahmen“, eine neue Perspektive darauf zu finden.

Es gab Zeiten, in denen konnte ich dieses Lied nicht hören, ohne noch tiefer in meine Trauer hinabzugleiten. Dafür waren die Emotionen, die in dem Lied (für mich) ausgedrückt werden, einfach zu nah und unmittelbar. Aber mittlerweile kann ich es wieder hören, ohne traurig(er) zu werden. Und das Bewusstsein, dass das nun wieder geht verändert auch die Bedeutsamkeit dieses Lieds für mich noch einmal – zieht eine weitere, neue Ebene in die schon bestehende Vielschichtigkeit ein. Das Lied und die Emotionen, die es auslöste sind Teil meiner Geschichte. Genau wie die Narben, die ich mitgenommen habe aus dieser Zeit.

Vielleicht ist das beste Bild dafür etwas, was gestern passiert ist. Es gab eine schwierige Situation, in der ich mich nicht gesehen und ausgeschlossen gefühlt habe. Ich lerne gerade, dass dieses (vermeintlich oder real) „ausgeschlossen werden“ offenbar einer meiner Auslöser fürs Selbst_verletzen ist. Aber anstatt dem Impuls nachzugeben habe ich meine Ukulele genommen (die ich wirklich überhaupt nicht beherrsche, die aber auf andere Weise für einen Schritt auf dem Weg zu mir selbst steht) und habe angefangen mich damit abzulenken, die Akkorde für „Hurt“ zu lernen_zu spielen.

Nicht schön, aber erfolgreich.

I am still right here.