Urlaub gleich anders

Mein Urlaub ist schon fast wieder vorbei und insgesamt ist es ganz schön. Leider tendiert die Gästezahl für die Radtouren in dieser Woche gegen 1. Also habe ich Sonntag und Montag 1:1 Betreuung gehabt. Das ist einerseits natürlich sehr luxuriös, aber eigentlich finde ich es doch schöner in einer Gruppe zu fahren – gerade wenn man so 4-6 Stunden unterwegs ist, ist es schon auch anstrengend nur zu zweit zu sein. Auch die Essensrunde ist sehr geschrumpft, hauptsächlich sind jetzt noch Leute aus dem Team da und ein weiterer Gast. Alle sind zum Glück ganz nett – letztes Jahr waren im Vergleich echt ein paar ganz schlimme Typen dabei. Aber trotzdem merke ich, seitdem keine weiblichen* (also, von mir weiblich gelesenen) Gäste mehr dabei sind, dass die verbleibenden Personen sich unverhohlener sexistisch und teils homofeindlich äußern. Es sind meist „nur“ Witze, aber das ist halt auch perfide, denn jede Kritik daran lässt sich über ein „ist ja nur Spaß“ schön aushebeln. Insbesondere eine Person aus dem Team ist ganz vorne mit dabei. Diese Person ist schon über 80 und ich befürchte es ist ziemlich aussichtslos dagegen zu reden oder das gegenüber anderen im Team zu thematisieren. Mehr als ein „das darf man nicht so ernst nehmen“ wird es meiner Einschätzung nach nicht als Reaktion geben.

Und natürlich herrscht Heteronormativität galore – alle nehmen automatisch an, ich sei hetero. Ich find’s so anstrengend, auch weil ich jedes Mal wieder abschätzen muss wo es jetzt ohne negative Konseqzenzen möglich ist das zu korrigieren. Naja, alles wie immer also wenn ich mich aus meiner „bubble“ bewege.

Heute war Ruhetag und eigentlich wäre Ruhe wirklich gut für meine Beine gewesen. Fiel dann aber aus wegen „ist nicht“. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen mit dem Bus nach Palma zu fahren, aber ich habe schon beim Abfahrzeiten raussuchen gemerkt, dass es emotional schwierig ist. Das letzte Mal, als ich diese Tour gemacht habe war es gemeinsam mit meinem Mann und tja. Also habe ich ein paar Tränen vergossen und bin dann doch aufs Rad gestiegen (mit dem festen Vorsatz ganz langsam und locker zu machen). Es ist unheimlich tolles Wetter und die Landschaft hier ist so schön. Ich hab es noch nie so grün gesehen hier, es hat offenbar in den Sommermonaten auch mal geregnet. Ich bin eine schöne, aber nicht zu anspruchsvolle Strecke gefahren. Dass „Schönes an mich ranlassen“ dazu führt, dass ich traurig(er) werde stimmt leider immer noch. Also mehr Tränen. Ich glaube, die Traurigkeit kommt daher dass ich in diesen Momenten realisiere, dass es niemanden gibt mit dem ich das Schöne teilen kann – und auch, dass es niemanden mehr geben wird der dafür Sorge (mit)trägt, dass es mir gutgeht oder ich mich wohlfühle. Dafür muss ich selbst Sorge tragen und das erscheint mir gerade eine sehr große Last.

Kein Netz und kein doppelter Boden.

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Begegnungen (2)

Das gestrige Erlebnis wirkt noch ein bisschen nach, aber ich bin dabei es abzuhaken. Ich hatte vor ein paar Wochen ja schon mal einer Person aus der Gruppe gesagt, dass der cishetero Typ mich seit einer Weile wie Luft behandelt und auch nicht mehr reagiert, wenn ich ihn anspreche und so – es kam nur ein „ach, das darf man bei dem nicht überbewerten“. Und gestern schrieb mir eine andere Person aus der Gruppe (mit der ich vorher schon gemailt hatte um mich zum gemeinsamen Kaffeetrinken „anzumelden“), sie würde sich um die „Launen“ dieses Typen einfach nicht mehr kümmern und es wäre aber natürlich verständlich, dass ich in „meiner Situation“ „besonders empfindlich“ reagieren würden. Was auch immer das bedeutet… ich zieh mich jetzt da raus. Kann sein, dass es auch mit den Erfahrungen zu tun hat, die ich in der Schule damals machen musste und die die Art und Weise wie ich mit anderen in Kontakt treten kann immer noch prägen, aber wie auch immer. Es gibt hier in der Stadt einen schwul-lesbischen Sportclub und ich gucke mal, ob ich da vielleicht Anschluss finde. Sie haben auch eine Radgruppe und Schwimmtraining gibt es auch. Vielleicht ist die Akzeptanz da ein bisschen höher, wobei sicher sein kann man sich leider nicht.

Aber neben der ätzenden Begegnung gestern gab es in den letzten Wochen auch ein paar nette Begegnungen die mich eher zum Schmunzeln gebracht haben.

Zum Beispiel mit einer DHL-Person. Ich lasse ja Lieferungen soweit möglich an die Packstation schicken, damit ich nicht in eine Filiale muss. Das ist erstens mit meinen Arbeitszeiten nicht immer so gut vereinbar und zweitens ist es mir unangenehm, dort den Ausweis vorzulegen. Ich ernte mittlerweile ja doch einige skeptische Blicke (bald ja zum Glück hoffentlich nicht mehr, denn der neue Ausweis ist ja in große Nähe gerückt :-)). Letzte Woche dann leider folgende SMS „Wir haben Ihre Lieferung an die Filiale xy umgeleitet“. Miiiist. Ich stelle mich drauf ein am nächsten Tag in die Filiale zu fahren.

Aber als ich aus der S-Bahn steige, wo die Packstation direkt am Bahnsteig ist, sehe ich dass der DHL-Transporter dort noch steht und die Lieferperson die Packstation gerade noch bestückt. Ich hab einen Sekundenbruchteil überlegt und die Person dann angesprochen ob ich die Lieferung vielleicht doch bekommen kann ohne in die Filiale zu müssen. Klar dass das mein „Ausweisproblem“ nicht löst, aber immerhin müsste ich dann nicht am Wochenende zur Filiale fahren. Ich halte der Person die SMS und meine DHL-Karte unter die Nase. „Wir gucken gleich mal, ob die noch im Wagen ist“. Ist sie. Die Lieferperson studiert noch mal die Karte, dann meinen Ausweis. „Sind Sie das wirklich auf dem Ausweis?“ – „Ja, aber ich bekomme bald einen neuen“. Ich halte den Atem an – uuuund… keine weiteren Nachfragen! Ich bekomme das Paket gegen eine Unterschrift und mache ich mich dann schnell ab durch die Mitte. Danke, liebe DHL-Person!

Dann letztens auf einer Feier mit Menschen, bei denen ich so semi-out bin. Einige dort haben mich das erste Mal noch vor Testo kennengelernt und wissen dass ich trans* bin. Ich komme mit einer Person ins Gespräch die ich bislang noch nicht kannte und deren Kinder auf die gleiche Schule gegangen sind wie ich. Es entspinnt sich ein Gespräch über meinen Namen, der für meinen Geburtsjahrgang nicht so ganz gewöhnlich ist. Die Person fragt nach, ob meine Eltern einen bestimmten Grund hatten, den Namen auszusuchen… „Nein“ – „Es gab da mal so einen Film…. Sind deine Eltern links?“ – „Ähm, nein“. Die Person philosophiert ein bisschen weiter und ich beschließe, die Situation zumindest ein bisschen aufzulösen indem ich sage, dass ich mir den Namen selbst ausgesucht habe. Wir reden also ein bisschen weiter über den Namen. „Und deinen alten Namen mochtest du nicht?“ – „Nö.“ – „Aber du redest nicht drüber warum“. Das war eine Feststellung, keine Frage. Egal, ich antworte trotzdem. „Es war ein Mädchenname“. Ich muss ein bisschen innerlich lachen, weil die Person in dem Moment schon etwas stockt und dann eins und eins zusammenzählt. Ja, manchmal macht es mir ein kleines bisschen Spaß verdutzte Gesichter zu sehen ;). Hätte ich jetzt in einem anderen Rahmen sicher nicht so gemacht, aber da ich dort halt ohnehin nicht so richtig „inkognito“ bin war es mir egal.

Danach haben wir uns jedenfalls sehr nett weiter unterhalten. Das war eine Person ungefähr im Alter meiner Eltern, denke ich. Wenn ich mir dagegen anschaue was der Typ vom Schwimmen so veranstaltet, der deutlich jünger ist, studiert hat, Beamter ist… zeigt mal wieder, dass Toleranz und Akzeptanz mit (formaler) Bildung und Alter wenig zu tun haben. Jedenfalls erlebe ich es ganz häufig so.

Begegnungen

Heute wollte ich seit langer Zeit mal wieder mit „meiner“ Schwimmgruppe Kaffee trinken gehen. Und weil eine aus der Gruppe meinte, der Trainer hätte nach mir gefragt bin ich nicht direkt ins Café gegangen, sondern zum Schwimmbad um einfach mal Hallo zu sagen. Hingefahren, „Hallo“ gesagt. Dann habe ich auf die Schwimmleute gewartet. Ich hatte so eine Idee, dass es ein bisschen unangenehm werden könnte – es gibt in der Gruppe einen Typen der irgendein Problem mit mir hat. Wir sind früher einigermaßen ausgekommen, aber das ist ordentlich gekippt. Die letzten Male, die ich mit im Café war, hat er mich wie Luft behandelt und konsequent kein Wort mit mir gewechselt. Das hat mich genervt, aber da war die Situation so, dass ich dort schon saß und auf die anderen als Gruppe gewartet habe. So war es nicht so eine 1:1 Konfrontation und ich hab mich zwischendurch auch gefragt, ob ich mir das irgendwie nur einbilde.

Naja. Ich hab es mir nicht eingebildet. Ich habe da im Schwimmbad gewartet, es kam die erste Person aus der Schwimmgruppe runter und wir standen im Eingangsbereich und haben uns unterhalten. Dann kam der Typ als nächstes aus dem Umkleidebereich. Guckt. Ich grüße ihn, er guckt weg, geht wortlos an uns vorbei und setzt sich woanders hin. Ich hab ihm erst ein bisschen fassungslos hinterher geguckt und meinte dann zu der anderen Person nur, dass ich auf so eine Scheiße keine Lust habe und jetzt gehe. Und weg war ich. Das war ein bisschen eine Kurzschlussreaktion und ich ärgere mich darüber, aber andererseits habe ich echt keine Energie, mich so einem Verhalten jetzt den Vormittag lang auszusetzen. Ich kann nur ahnen, was das Problem ist – wahrscheinlich eine bunte Mischung aus Homo- und Transfeindlichkeit (der ist so der Typ „Ich hab ja nichts gegen Schwule aber…“) und der Tatsache, dass ich ihn ein paar mal für rassistische und sexistische Äußerungen kritisiert (naja, sagen wir eher angemotzt) habe.

Das Erlebnis hat mich ganz schön runtergezogen. Natürlich gibt es einen Anteil von mir der sagt ich „müsse“ über sowas drüber stehen. Tja. Tue ich aber nicht. Zum einen, weil ich mit Ablehnung nicht gut umgehen kann. Gerade solche Sachen wecken Erinnerungen an meine Schulzeit, die ich lieber nicht hätte. Und diese Situation bedeutet leider wohl auch, dass ich mich von der Idee verabschieden kann ich könnte nach der Mastek vielleicht wieder in das Training mit dieser Gruppe einsteigen. Damit bin ich nach der Radfahrgruppe eine weitere Gruppe „los“ mit der ich zusammen Sport treiben konnte. Es macht mir echt viel aus, dass das jetzt auch wegbricht.

A fragile equilibrium (T+184)

Morgen bin ich 184 Tage in der Hormonersatztherapie. Am 22. April ging es los. Es war der für mich radikalste Schritt in meiner „Transition“. Radikaler und furchteinflößender als all die Coming Outs, im privaten und beruflichen.

Irgendwie kommt es mir vor, als wäre das gerade erst ein paar Tage her. Aber 183? Dass es mir vorkommt wie gestern, liegt wohl auch daran, dass ich mich oft fühle, als hätte sich kaum etwas verändert an mir, meinem Körper.

Dabei stimmt das nicht. Vieles hat sich verändert. Ich bin auf dem Weg, mir ein neues Leben zusammenzustückeln. Baustein für Baustein. Jeder ist hart erkämpft. Da ist nichts von der Geradlinigkeit, die ich bei anderen sehe. Da ist nichts durchgetaktet, Schlag auf Schlag. Ich mäandere. Zwei Schritte nach vorne, einen zurück. Manchmal zwei.

Das Gebäude, das ich mir da zusammenschustere ist schief und verwinkelt. Es ist Bricolage und es ist wackelig. Es ist oft einsam. Aber es ist trotzdem verwoben mit anderen. Alten und neuen Menschen in meinem Leben. Einer „Community“, der ich mich zugehörig fühle.

Manche Menschen sind mir verloren gegangen in diesem Jahr. Ein sehr wichtiger, aber auch andere. Nicht so sehr mit einem Knall, sie haben sich einfach irgendwie aus meinem Dunstkreis geschlichen. Es macht mich traurig – es waren Menschen, die mir etwas bedeutet haben und mit denen mich etwas verbunden hat. Aber wichtiger sind die, die geblieben sind und die, die ich dazu gewonnen habe. Die, die weiter mit mir Achterbahn fahren.

183 Tage Testosteron. Es hat Dinge verändert. Am merklichsten wohl meine Stimme. Im Gegensatz zu meinem Spiegelbild mag ich die mittlerweile ganz gerne. Manchmal. Meistens? Wenn ihr mögt, könnt ihr unten nachhören, wie sie sich entwickelt hat.

Auch bei meinem so verhassten Spiegelbild muss sich etwas verändert haben, denn seit etwa drei, vier Wochen scheinen viele (die meisten?) fremden Menschen mich männlich zu lesen. Selbst dann, wenn ich noch nichts gesagt habe. Passing. Es fühlt sich noch an, wie auf Eierschalen zu gehen. Bei jeder Begegnung habe ich unterschwellig Angst, mein Gegenüber könnte mich doch in die weibliche „Kiste“ sortieren. Wenn es passiert, bin ich enttäuscht, verunsichert. Ich bin froh, dass diese Momente weniger werden und ich sehne mich nach einem sicheren Passing. Weil es mein Leben einfacher machen würde und weil es Anspannung rausnehmen würde aus sozialen Interaktionen, die ich ohnehin oft als stressig und aufreibend empfinde.

So sehr ich auf der sozialen Ebene dankbar bin für „Passing“, fürs richtig gelesen und gegendert werden – ich habe auch begriffen, dass Testosteron nicht das grundlegende Problem lösen wird, das ich mit mir und meinem Körper habe. Ich mag jede der Veränderungen, die es bis jetzt bewirkt hat – die Stimme, die Haare auf meinem Bauch, meinen Beinen, langsam auch auf meinen Unterarmen. (Aber immer noch nicht in meinem Gesicht, damnit). Ein paar mehr Muskeln. Nichts davon würde ich wieder hergeben wollen. Aber das sind nicht die Dinge, die dazu führen werden, dass ich mich selber mehr mögen kann.

Ich lerne, dass richtig gegendert werden und sich selbst mögen zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

Aber immerhin steckt in den Schuhen jemand, dessen Stimme ich mag :).

 

Vertaktet

Content note: Depression; Alkoholkrankheit; Essen; #food

Nach einer ziemlich schlaflosen Nacht habe ich heute morgen die PsychCast Episode zu Symptomen der Depression gehört. Puh. Manchmal ist es irgendwie hart, so den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Ich habe mich in mehr Dingen wiedergefunden, als ich mir üblicherweise so eingestehe – und ich merke mal wieder, dass ich einerseits dazu neige, negative Empfindungen und Probleme, die ich habe „kleinzureden“ und dass mir andererseits ganz oft gar nicht klar ist, dass nicht alle Menschen so denken_empfinden wie ich und dass das gar nicht so üblich ist, wie ich immer meine.

In Kombination führen diese beide Mechanismen dann dazu, dass ich zwar subjektiv das Gefühl habe, es geht mir nicht gut, mir dabei aber ständig sage: „Stell dich nicht so an; andere haben es auch schwer/noch schwerer als du und kommen auch damit klar; du hast doch gar keine wirklichen Probleme, deal with it“. Das liegt hauptsächlich daran, wie ich so gestrickt bin – aber vielleicht auch ein wenig daran, dass mein Bild von depressiv Erkrankten stark durch eine bestimmte Person aus dem familiären Umfeld geprägt ist. Diese war alkoholkrank und immer wieder stark depressiv. Es war dieser Person oft nicht möglich, das Haus zu verlassen und für sich gut zu sorgen, Ordnung zu halten, etc.

Bei mir ist es irgendwie anders (in meiner Deutung heißt das dann „nicht so schlimm, nicht der Rede wert“). Im Alltag, solange andere hinschauen, funktioniere ich ziemlich perfekt. Es ist alles durchgetaktet und ich habe meine Routinen (wann esse ich, wie oft gehe ich zum Sport?). Es gibt praktisch keinen Leerlauf, keine ruhige Minute. Insofern passe ich nicht in das stereotype Bild vom „antriebsarmen Depressiven“ und das führt dazu, dass ich andere Symptome, die ich durchaus habe, nicht ernst nehme.

Wenn ich so zurückschaue, zieht sich diese Strategie – mir einfach niemals Zeit zum Durchatmen zu erlauben – durch mein Leben. Es gab seit der Schulzeit und dem Abitur keine Atempause. Studium, Promotion, nebenher Arbeiten, unmittelbar danach ein weiteres Studium und noch vor Abschluss in den ersten Job in diesem Fachbereich; Arbeiten bis kurz vor Burnout; Sport bis zum Umfallen; Jobwechsel in eine neue, weniger verantwortungsvolle Position – downshifting quasi – und in diesem Moment gingen alle meine körperlichen Probleme los, die mich letztlich gezwungen haben, mich auf meinen Allerwertesten zu setzen und mich mit mir selbst auseinanderzusetzen.

Uff.

Probleme (die ich dann auch subjektiv als solche wahrnehme) bekomme ich vor allem dann, wenn mein Leben irgendwie „aus dem Takt“ gerät und ich plötzlich mehr Leerlauf habe, als ich mit exzessivem Konsum sozialer Medien füllen könnte. Oder Blogschreiben.

Wenn ich Urlaub habe und alleine bin, zum Beispiel o_O. Woher ich das weiß? Nun ja.

Wenn die Routine und die Struktur fehlen, dann merke ich plötzlich auch, dass es mit dem Antrieb schwer ist. Plötzlich fehlt das Korsett und alles verliert die Form. Es ist schon gemein – ich sehne mich nach etwas Ruhe und „Ausspannen“, aber sobald ich kein Programm mehr abzuarbeiten habe, wird es plötzlich schwierig mit der „Lebensbewältigung“ – kochen, essen, einkaufen… läuft nicht. Und obwohl ich dann Ruhe haben könnte, fühle ich mich einfach nur leer und traurig und ängstlich.

Wenn ich das merke, versuche ich gegenzusteuern – das ist schon ein großer Fortschritt gegenüber Phasen, in denen ich so ganz ganz unten war. Und auch wenn es da sicherlich noch Potenzial zur Optimierung gibt, habe ich mich bis hierhin in meinem Urlaub ganz ok geschlagen glaube ich (also, es gab nicht so viele Kollateralschäden).

Gegen die Einsamkeit und das Grübeln habe ich mich mit Menschen getroffen, mit denen ich gut Zeit verbringen kann, ohne dass es irgendwie eine große Anstrengung ist (im Gegenteil) – weil sie mich gut genug kennen und/oder weil ich nicht das Gefühl habe, mich irgendwie verstellen zu müssen. Menschen bei denen es in Ordnung ist, sich auch mal ein bisschen anzuschweigen ohne dass es komisch ist. Menschen, die toll sind. Menschen, die mich zum Lachen bringen. Ich bin echt dankbar, dass es die in meinem Leben gibt <3.

Verhungert bin ich bis jetzt auch nicht, aber da ist noch Luft nach oben.

Und nächste Woche kommt dann Urlaub Teil 2 mit ganz anderen Herausforderungen. Ab Samstag werde ich für eine Woche in meinem Radurlaub sein. Das heißt, über mangelnde Beschäftigung kann ich mich vermutlich nicht beschweren. Mit dem Essen klappt es hoffentlich auch einigermaßen. Dadurch, dass es jeden Tag geführte Touren geben wird, gibt es Struktur – yay! Leider gibt es da natürlich dann auch den Faktor „Mensch“ und der macht mich ein bisschen nervös. (Und warum habe ich immer noch nicht mein „Socially awkward cyclist“ T-Shirt?). Ich finde erfahrungsgemäß in (fremden) Gruppen nicht gut Anschluss und erfahrungsgemäß zieht mich das runter – ich vermute, weil es schlechte Erinnerungen weckt.

Dieses Gefühl „anders“ zu sein und „nicht dazu zu gehören“ ist manchmal ein ganz schönes Gewicht an meinen Füßen. Aber vielleicht lerne ich das noch mit dem Luftholen unter Wasser ;-).

Anschlüsse

Gestern war ich bei meinem Therapeuten. Eigentlich stand etwas anderes auf dem Plan, aber wir haben stattdessen über meine Gefühle bezüglich der Situation vom Vortag geredet. Dadurch, dass ich schon drüber geschrieben hatte, hatte ich ein bisschen vorsortiert und konnte einigermaßen kohärent erklären was los war – vor allem, dass es nicht um den Vorfall an sich geht, sondern um die Heftigkeit meiner Reaktion und meine Art und Weise damit umzugehen.

Wir haben auf mein eigenes Zensieren meiner Gefühle als unberechtigt und unangemessen geschaut. Auch ein bisschen darauf, dass dieses für sich genommen banale Ereignis mit meinen Freund_innen unter anderem so viel losgetreten hat, weil es für mich plötzlich nicht trennbar war von Erfahrungen aus meiner Kindheit und der Schulzeit.

Ich glaube, wenn ich nach Schlagworten suchen sollte, die mein (Er)Leben bis heute beschreiben, dann wäre so etwas wie „Ausgrenzung“ sehr weit oben. Ich habe – zumindest in meinem subjektiven Erleben – nie wirklich „dazu gehört“. Ich war immer „anders“. Ich hab nie „gepaßt“.

Spätestens in der Schule haben dann die anderen dafür gesorgt, dass ich verstehe, dass sie das auch so sehen.

Always the odd one out. Unbelonging.

Ich fühle mich dadurch oft so unglaublich einsam, vor allem in der „analogen“ Welt. Umso dankbarer bin ich, dass ich in der digitalen (nicht weniger realen) Welt Menschen nahe sein kann, die mir auf die eine oder andere Weise ähnlich sind.

Und auch mein Therapeut kann sich in solchen Situationen wie gestern von seiner allerbesten Seite zeigen. Das Verständnis und die Unterstützung, die ich dann von ihm bekomme wiegt die Defizite, die er in Bezug auf die trans*-Sache hat, doch wieder auf. Da erlebe ich ihn als 100% in meiner Ecke des Rings, nehme so etwas wie Fürsorglichkeit wahr. Fürsorglichkeit, die aber so zurückhaltend ist, dass es OK für mich ist, dass sie möglicherweise da ist.

Ausschlüsse. Kurzschlüsse.

Content Note für Situationen in denen gemeinsam gegessen/gekocht wird, Erwähnung von selbstverletzendem Verhalten

Heute habe ich mal wieder erleben „dürfen“, wie wenig es braucht, um meinen Selbsthass so richtig anzuschalten und ich versuche gerade ein bisschen zu verstehen, was da eigentlich passiert ist.

Und ich sag’s schon mal vorab: long and winded read o.O

Für mich sind Situationen, in denen gemeinsam gegessen oder gekocht werden soll ein echtes Minenfeld. Da spielen einige ungünstige Faktoren ineinander: Faktor 1 sind meine Lebensmittelunverträglichkeiten. Die machen es schwer, einfach mal „spontan“ irgendwo irgendwie was zu essen. Ich muss immer viel fragen, abändern, Sonderwünsche äußern.

Faktor 2 ist aber, dass ich mit der daraus unweigerlich resultierenden Aufmerksamkeit nicht gut klarkomme. In mir drin gibt es eine sehr laute Stimme, die sagt: „Du darfst nicht auffallen. Du darfst nicht kompliziert sein. Du darfst anderen nicht zur Last fallen“. Das sind Gefühle, die irgendwie aus meiner Kindheit und Jugend stammen. Sie begleiten schon, mich solange ich mich erinnern kann und für einen Teil von mir sind sie eine „Überlebensregel“.

Faktor 3 ist, dass ich abgespeichert habe „wenn du kompliziert bist, wenn du eine Last bist, dann lehnen Menschen dich ab“.

Zusammengenommen führen diese Faktoren dazu, dass ich solchen Situationen aus dem Weg gehe. Und wenn ich ihnen nicht aus dem Weg gehen kann oder mich drauf einlasse , dann bewirkt Faktor 3, dass ich nicht sagen kann, wenn etwas nicht gut läuft oder für mich ein Problem darstellt.

Letzte Woche kam eine Mail – ein Freund hat mir und anderen engen Freund_innen vorgeschlagen, gemeinsam zu kochen. Das kommt öfter mal vor. Ich finde es stressig, aber in der Regel klappt es, dass wir zumindest eine Komponente in der Mahlzeit haben, die ich auch essen kann. Das ist eine Extrawurst für mich, aber nur eine kleine halt. Das ist normalerweise eine der Situationen, in denen ich mich ganz gut auf dieses Essensding einlassen kann: mit Freund_innen, die aware sind und bei denen ich mich einigermaßen sicher fühle.

Dann wurde auf Wunsch einer Freundin der Plan geändert. Nicht kochen, sondern Essen gehen. Okay. Krieg ich schon irgendwie hin. Hab ein Restaurant vorgeschlagen von dem ich weiß, dass ich da was auf der Karte finde – sogar ohne was abändern zu müssen. Der Vorschlag wurde gar nicht wahrgenommen, stattdessen andere Restaurants vorgeschlagen. Bei einigen hätte ich sofort sagen können, dass ich da außer Pommes wohl nichts finden werde. Hätte. Können konnte ich es aber nicht.

Dann wurde wieder alles umgeworfen. Von der gleichen Freundin, wie beim ersten Mal (das ist okay, sie hat ein Kind und manchmal sind Dinge halt nicht so gut planbar): „Ihr kommt alle zu mir und wir machen Flammkuchen“. Flammkuchen ist halt eins der Gerichte, die nur aus Komponenten bestehen die ich nicht essen kann. Ich hab’s nicht hingekriegt dazu irgendwas anderes zu sagen als „kann ich nicht essen, bringe mir was eigenes mit“.

Aber es arbeitet in mir und hat was losgetreten. So richtig verstehe ich die Heftigkeit meiner Reaktion nicht. Ich verstehe glaube ich, was da abläuft, aber mein erwachsener Anteil (ja, ich hab sowas) wertet die Reaktion halt sofort ab und tut sie als Überreaktion ab.

Der verletzte Teil von mir denkt sich: Das sind meine engsten Freund_innen. Die kennen alle meine Geschichte mit den Unverträglichkeiten. Und trotzdem haben wir jetzt doch wieder eine Situation, in der ich einfordern müsste, dass sie an mich denken beim „gemeinsamen“ kochen und essen. Dieses „gemeinsam“ denkt mich offensichtlich nicht mit. Ich gehöre nicht dazu und die Situation, die dann morgen eintreten wird (wenn ich mich denn entscheide doch hinzugehen) wird das für mich noch mal bekräftigen. Da werden fünf Personen etwas gemeinsam kochen und essen und ich werde daneben stehen und zugucken.

Und gleichzeitig habe ich diesen anderen Anteil, der sagt „stell dich nicht so an“. Das kriege ich normalerweise auch hin und stelle mich nicht an. Aber dieses Mal hat es mich richtig getroffen. Und wie immer hab ich nicht etwa „Wut“ auf die Freund_innen (weil die haben ja gute Gründe für ihr Verhalten), sondern die Wut richtet sich auf mich.

All the Selbsthass. Weil ich zu kompliziert bin; weil ich nicht reinpasse ins Schema; weil ich so eine Mimose bin; weil ich mich anstelle.  Das Gefühl ist das gleiche, das ich in Bezug auf meinen Mann und sein Verhalten/seine Reaktionen jetzt so lange hatte. Es ist genau dieses Gefühl, das ein ganz großer Auslöser für die Selbstverletzungen war. Mein Mann schafft es nicht mehr, das auszulösen – da habe ich irgendwie die Kurve bekommen aus dem Schema auszubrechen. Umso kälter hat es mich jetzt erwischt, weil der Auslöser aus einer ganz anderen Richtung kommt.

Klar weiß der erwachsene Anteil in mir, dass die Freund_innen es nicht böse meinen; dass sie halt einfach nicht meine Erfahrungen teilen und nicht wissen können, wie es sich anfühlt; dass sie mich trotzdem mögen; dass für sie Essen wahrscheinlich einfach nicht so eine Bedeutung hat. Aber dieser erwachsene Anteil spielt halt in dieser unmittelbaren Reaktion überhaupt keine Rolle – die Reaktion ist schon da, mit voller Wucht, bevor der „Erwachsene“ sich überhaupt eingeschaltet hat. Und entsprechend ist das einzige, was der Erwachsene tun kann, die Reaktion nachträglich zu bewerten – was sie aber ironischerweise in meinem Fall noch verstärkt.

Und ich hab in Endlosschleife das Gefühl nie irgendwo dazuzugehören und nie irgendwo wirklich erwünscht zu sein.

Ab in die Rakete damit, ey.

Nachtrag:

Ich hab gerade einen echt starken Drang, den Beitrag wieder rauszunehmen und ich finde das sehr krass. Es geht in dem Beitrag (und in meinen Gefühlen, die ich da beschreibe) eigentlich nicht ums Essen. Es geht um meine Unfähigkeit, mich selbst wichtig zu nehmen und mich selbst als „wertvoll“ oder liebensmögenswert zu sehen. Und auch um meine Unfähigkeit, solche heftigen, (vermeintlich) „unangemessenen“ Reaktionen nicht zu bewerten und selbst zu zensieren. Ich „police“ mich und meine Emotionen. Es wäre gut, damit aufhören zu können.