Wichtige Neuerung bei der Abrechnung medizinischer Untersuchungen und Behandlungen bei der GKV

Heute bin ich durch einen Post des „Netzwerks Geschlechtliche Vielfalt Trans NRW e.V.“ (Link zum Facebook-Profil) auf eine Meldung in der Ärztezeitung aufmerksam geworden:

Inter- und Transsexualität: Regeln im EBM angepasst

Geschlechtsspezifische Leistungen im EBM, wie die Untersuchung der Prostata oder eine Mammografie, können seit Juli unabhängig von der personenstandsrechtlichen Geschlechtszuordnung abgerechnet werden. Entscheidend ist der organbezogene Befund, meldet die Kassenärztliche Bundesvereinigung. (https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/aerztliche_verguetung/article/940476/inter-transsexualitaet-regeln-ebm-angepasst.html)

Das sind gute Nachrichten (wahrscheinlich – siehe ganz unten für eine mögliche Einschränkung)! Es bedeutet nämlich, dass nun für Versicherte der GKV bei der Abrechnung von Untersuchungen (z.B. Vorsorge) und Behandlungen nicht mehr das amtlich eingetragene Geschlecht zählt, sondern welche Organe eine Person wirklich hat. Sprich: ich kann als männliche Person, die einen Uterus hat auch weiterhin (hoffentlich) unproblematisch die entsprechenden Vorsorgeuntersuchungen in meiner bisherigen „frauenärztlichen“ Praxis machen. Auf meine Anfrage von vor zwei oder drei Wochen hatte mir meine Krankenkasse ja noch geantwortet, ich müsse dazu zukünftig in eine urologische Praxis gehen (was ja das Kernproblem dass es einen „Mann mit Uterus“ aus Sicht des medizinischen Systems nicht gibt oder gab nicht gelöst hätte).

Mir sind einige Personen bekannt, die aus der berechtigten Sorge heraus dass ihre adäquate medizinische Versorgung dann nicht mehr gewährleistet wäre darauf verzichtet haben, ihren Geschlechtseintrag ändern zu lassen – mit all den negativen Konsequenzen, die das im Alltag hat. Ich hoffe, dass mit der erfolgten Änderung diese Hürde nun zumindest für Patient*innen der GKV wegfällt. Und noch toller wäre es natürlich, wenn auch die PKV sich daran orientieren würde.

Allerdings gibt es eine Formulierung, die mich stutzig macht. Den „Einheitlichen Bewertungsmaßstab“ (EBM) findet ihr bei der Kassenärztlichen Vereinigung, hier z.B. als PDF nach Fachgruppen: http://www.kbv.de/html/arztgruppen_ebm.php. Für den Bereich „Frauenärzt_innen“ und „Urologie“ heißt es zum Beispiel:

4.2.1 Abrechnung geschlechtsspezifischer Gebührenordnungspositionen
Geschlechtsspezifische Gebührenordnungspositionen sind bei Personen, bei denen primäre Geschlechtsmerkmale beider Geschlechter vorliegen, wie bei Intersexualität oder Transsexualität nach Geschlechtsangleichung, entsprechend dem organbezogenen Befund (z. B. bei Vorliegen von Testes, Ovarien, Prostata) berechnungsfähig.
Ohne Kennzeichnung „X“ für das unbestimmte Geschlecht auf der elektronische Gesundheitskarte ist bei den genannten Personen die entsprechende Leistung mit einer bundeseinheitlich kodierten Zusatzkennzeichnung zu versehen und als Begründung ist der ICD-10-Kode für Transsexualität oder Intersexualität anzugeben. (EBM 3. Quartal 2017)

Die Formulierung „primäre Geschlechtsmerkmale beider Geschlechter“ bietet potenziell Zündstoff – denn bei vielen – oder vielleicht sogar den meisten? – trans* Personen ist das nicht der Fall. Wenn ich keinen Denkfehler mache, dann wäre das nur nach genitalumformenden OPs der Fall, sofern eine Person nicht sowohl inter* als auch trans* ist. Hormontherapie als „angleichende Maßnahme“ ändert nichts an den „primären Geschlechtsmerkmalen“ und viele trans* Personen ändern den Personenstand ganz ohne medizinische Maßnahmen.

Ich hoffe mal, dass die Ärztezeitung mit ihrer Interpretation Recht hat und dass es wirklich einfach bedeutet dass nicht mehr der rechtliche Personenstand zählt, sondern nur noch der  „Organbefund“. Alles andere wäre absurd! Aber in diesem System wundert mich ja nichts mehr…

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Menschen hautnah? Bleibt mir von der Pelle

Gestern habe ich die WDR-Dokumentation über trans Kinder und junge Erwachsene in der Mediathek geguckt. Ich weiß nicht warum ich erwartet hatte, dass sie irgendwie okayer sein würde als alles andere, was in den Medien so zu dem Thema herumgeistert. (einzige Ausnahme sind vielleicht die Beiträge aus der Reihe über Feli und Jim bei PULS – die sind vergleichsweise in Ordnung). Vielleicht, weil ich immer noch diese Vorstellung habe, dass bei den öffentlich-rechtlichen Sendern und gerade auch bei dem Format „Menschen hautnah“ solche Themen irgendwie fundierter, respektvoller behandelt werden als bei RTL2.

Tja.

Falsch gedacht. Auch wenn die Respektlosigkeit und der Voyeurismus hier auf leiseren Pfoten daherkommt als vielleicht anderswo. Das macht es für mein Empfinden aber eher schlimmer als besser, weil es für weniger informierte Personen schwieriger wird zu erkennen, das etwas in der Darstellung problematisch ist.

Was regt mich so auf? Vieles, mehr dazu unten. Aber das was mir den Magen umdreht ist, wie der WDR mit einem 8-jährigen Mädchen umgeht. Sophia. Sie wird schon in der Kurzbeschreibung der Sendung in der Mediathek erwähnt. Und zwar mit ihrem alten Namen.

Exkurs: Geburtsnamen sind ein schwieriges Thema für viele trans* Personen. Sie sind oft verbunden mit viel Schmerz, Verletzung, Verlust. Wir kämpfen hart und lange dafür, mit unseren neuen, richtigen Namen angesprochen und akzeptiert zu werden. Und doch ist die mit Abstand häufigste Frage, die ich von anderen gestellt bekomme: wie hießt du früher? Und genauso funktioniert Medienberichterstattung über trans* Personen in der Regel. „Person war mal {Geschlecht} und ist heute {Geschlecht}“. Und: „Person hieß früher {Geburtsname} und heißt heute {richtiger Name}“. Wenn das mit der Zustimmung der jeweiligen Person erfolgt, ist das natürlich in Ordnung. Wobei ich mir sehr wünschen würde dass Medienberichterstattung verdeutlicht, dass diese Zustimmung eingeholt wurde und dass es nicht grundsätzlich in Ordnung ist, den alten Namen zu verwenden.

Im Fall von Sophia habe ich schon als ich den Beschreibungstext für die Doku las die Stirn ein wenig gerunzelt. Auch in der Doku wird ihr alter Name mehrfach verwendet, sowohl im Voice-Over Kommentar, als auch durch die Eltern von Sophia. Und dann haben die Macher*innen eine Sequenz von Sophia in die Doku geschnitten in der sie sehr deutlich sagt, dass sie ihren alten Namen nicht nennen möchte und dass sie vor allem nicht möchte dass er noch verwendet wird. Sie verrät, dass er mit „P“ anfängt, aber mehr möchte sie nicht preisgeben.

Ich bin so wütend. Was gibt den Macher*innen und den Eltern das Recht sich über den Wunsch dieses Kindes so eklatant hinwegzusetzen? Ich finde solche Dokus über und mit Kindern sind eh schon eine extrem diffizile Angelegenheit – das Kind hat ein Recht am eigenen Bild und am Schutz seiner Privatsphäre. Im Vorfeld der Aufnahmen und Interviews müssen die Beteiligten aufgeklärt werden darüber was mit den Aufnahmen passiert und sie müssen zustimmen – freiwillig und ohne das (versteckter) Druck auf sie ausgeübt wird. Es ist schwer vorstellbar, dass Sophia aus freien Stücken ihre Zustimmung dazu gegeben hat dass ihr alter Name in dieser Weise veröffentlicht wird. Jetzt ist er über das halbe Internet plakatiert und tausende von Menschen kennen ihn.

Die Botschaft, die bei mir ankommt ist mal wieder: Selbstbestimmung für trans* Menschen ist eine Illusion. Und das gilt hundertfach für Kinder und Jugendliche, denen abgesprochen wird dass sie selbst wissen was gut und richtig für sie ist. Es werden so tolle Personen portraitiert in dieser Doku, die alle in großartiger Weise für sich sprechen und erklären was sie empfinden, was sie sich wünschen. Aber die Macher*innen schaffen es nicht, das für sich stehen zu lassen. Stattdessen gibt es einen voice-over Kommentar, der diese Erzählungen und Aussagen immer wieder relativiert und missachtet. Beispiel? Eine der portraitierten Personen (ich meine, es ist Sophia) sagt sinngemäß: ich war nie ein Junge, ich war schon immer ein Mädchen. Der Kommentar hingegegen wiederholt immer und immer wieder Aussagen wie: „xy war früher Junge/Mädchen“, „wurde als Junge/Mädchen geboren“, „ist körperlich Junge/Mädchen“… Ich habe halbwegs Verständnis dafür, dass ein solches TV-Format den Zuschauer*innen nicht unmittelbar ein „biologisches Geschlecht ist eine Konstruktion“ vor den Latz knallen möchte. Aber es wäre ohne weiteres möglich gewesen die portraitierten Personen für sich sprechen zu lassen – ohne ihnen über den voice-over Kommentar die Deutungshoheit über ihr Geschlecht und ihre Geschichte zu nehmen. Dafür hätte es aber ein größeres Verständnis für die Materie gebraucht – vor allem aber, und das ist das Wichtigste: mehr Respekt für das Wissen und die Entscheidungen dieser Personen.

Der WDR hat eine riesige Chance verspielt zu zeigen, dass trans* Kinder und Jugendliche ein Recht auf Selbstbestimmung haben. Dass sie gehört und ernst genommen werden müssen. Dass sie Respekt verdient haben.

Auf Twitter gibt es auch einige gute Threads mit Kritik an der Doku – schaut z.B. mal hier:

@AbstraktesHerz https://twitter.com/AbstraktesHerz/status/891012299070242818

@Marabufeder https://twitter.com/marabufeder/status/891049704678711296

——————- Nachtrag (01/08/17) ———————

Ich habe heute eine Antwort auf meine kurze Nachricht an die Redaktion bekommen. Alle portraitierten Personen – Sophia eingeschlossen – haben demnach in die Nennung ihres alten Namens eingewilligt. Ich muss gestehen, ohne der Redaktion irgendetwas unterstellen zu wollen, dass ich skeptisch bin inwieweit Sophia wirklich unbeeinflusst (z.B. von Wünschen ihrer Eltern) diese Entscheidung treffen konnte. Aber das kann ich nicht beurteilen. Persönlich, aus meinem eigenen Erleben heraus, hätte ich mir gewünscht dass im Zweifel auf die Nennung des Namens verzichtet wird – mindestens im voice over-Kommentar. Aber – und das finde ich sehr gut: die Redaktion hat den alten Namen aus dem Infotext in der Mediathek entfernt. Danke dafür!

Der große Blog-Award-Mashup-Post

Ich bin im Lauf des letzten Jahres für den einen oder anderen Blog-Award nominiert worden (es waren der Liebster und der Versatile Award dabei) \o/. Vielen Dank noch mal hierfür an Luise von „Missbrauch, Folgen und der Weg“, Plejade von „Angst und Liebe“ und IamnotJanina vom gleichnamigen Blog – und ich bin sicher es gab noch eine weitere Nominierung, die ich aber nicht mehr gefunden habe *schäm*.

Zum Zeitpunkt der Nominierungen hatte ich nicht so richtig den Kopf frei dafür und hab deswegen nicht mitgemacht – aber heute präsentiere ich mal einen großen Mashup ;-). Ich werde niemanden neu nominieren. Dafür habe ich mir aber vorgenommen endlich mal eine „Blogroll“ zu machen von den Blogs die ich regelmäßig lese. Es würde mich sehr freuen, wenn ihr da mal reinklickt und vielleicht etwas für Euch Neues entdeckt.

Die Regeln des Liebster Awards (11 Fragen) und des Versatile Awards (7 Dinge über mich) sind ja unterschiedlich. Ich mische jetzt einfach Fragen und random facts frei nach Schnauze durch :D.

Content note: Spinne bei Random fact #2 (keine Bilder, versprochen)

Bist du zufrieden damit, wie dein Leben gerade läuft?

Uff. Klares Jein ;-). Ich denke, im Rahmen des Möglichen läuft es gerade sehr gut. Aber trotzdem lebe ich nicht das Leben, das ich mir für mich gewünscht hätte. Aber jetzt ist es so, wie es eben ist und ich finde einen Weg mich damit zu arrangieren. Ob es jemals ein subjektiv als „gut“ empfundenes Leben wird? Vielleicht.

Random fact #1: Ich habe eine ziemlich große Sammlung „Wal-Kram“

Es gibt eine biografische Besonderheit (über die ich jetzt hier nichts verraten möchte) die dazu geführt hat, dass ich Sachen mit „Walbezug“ sammele. Ich habe ziemlich viele Bilder, Postkarten, Comics, (Bilder)Bücher, Figürchen… you name it :D. Auf einer USA-Reise vor vielen Jahren bin ich auch nach Nantucket und New Bedford gereist. Von dort aus starteten früher die Walfang-Schiffe und es gibt dort für Walfans wie mich viel zu entdecken :-).

Freust Du dich darüber, nominiert zu werden?

Ja! Auch wenn ich ziemlich lange gebraucht habe, um darauf zu reagieren freut es mich, das ihr an mich denkt und offenbar gerne was von mir lest.

Gibt es einen Wunsch, den Du an deine Leser*innen hast, bzgl. ihres Umgangs mit deinem Thema; dir und anderen Menschen, die von deinem Thema betroffen sind?

Ich wünsche mir Offenheit und Lernbereitschaft, beziehungsweise eine Bereitschaft Dinge die für gewöhnlich als „(natürlich) gegeben“ angesehen werden auch mal zu hinterfragen.

Hast du einen echt peinlichen Lieblingssong von dem sonst niemand weiß? Und wenn ja: Dürfen wir ihn erfahren?

Weiß nicht, ob mir das wirklich peinlich sein muss, aber ich hab eine Weile lang Deichkind „Bück dich hoch“ quasi in Dauerschleife gehört. Das war eine Zeit, in der ich in einem Job war, der mich total an meine Grenzen bis kurz vor ein Burnout gebracht hat. Der Song drückt ziemlich gut aus, wie ich die Zeit damals erlebt habe mit dem ganzen Druck von allen Seiten.

Random fact #2: Ich habe eine Katzenallergie

Und zwar ziemlich schlimm und hartnäckig. Das macht mich oft extrem traurig, weil ich mir schon immer gewünscht habe Katzen halten zu können. Gerade in Zeiten in denen ich nicht gut drauf bin ist dieser Wunsch sehr stark und ich stelle mir vor, dass mir Katzen Nähe und Trost spenden könnten. Nach dem letzten Versuch Katzen zu finden auf die ich nicht allergisch reagiere, habe ich ziemlich viele Tränen vergossen als klar war dass es nichts wird. Danach ist dann eine haarige Alternative bei mir eingezogen – eine Brachypelma smithi, eine Vogelspinnenart. Die ist auch flauschig irgendwie ;-).

Ist es dir wichtiger, für dich selbst zu schreiben – oder für deine Leser*innen?

Hmmmm – ich würde glaube ich auch schreiben, wenn niemand mitlesen würde. Das schreiben hilft mir, Dinge zu verarbeiten und für mich klar zu bekommen. Aber ich freue mich total, dass Menschen mitlesen, mitfiebern und mir Mut machen oder sich mit mir freuen!

Liest Du lieber anderer Menschen Blogs die ein völlig anderes, dir fremdes Thema haben? Oder eher jene ähnlich denkender/fühlender Menschen?

Beides irgendwie :-). Trans* und queere Blogs oder Blogs zum Thema Depression lese ich, weil es mir gut tut zu sehen dass ich nicht allein bin mit meinen Themen. Aber ich lese auch viele Blogs zu Themen, mit denen ich in meinem Alltag wenig oder keine Berührung habe – das ist eine riesige Bereicherung für mich und ich mag meine kleine Blog-Bubble unglaublich gern! Allerdings haben glaube ich alle Blogs die ich lese eins gemein: sie werden von Menschen geschrieben, die auch irgendwie „kämpfen“ müssen und/oder in den Blogs ihre persönliche Entwicklung dokumentieren mit allen Auf und Abs.

Randfom fact #3: Mit 20 habe ich den Motorradführerschein gemacht

Ich glaube, es war eine Trotzreaktion darauf, dass mein erster Freund mit mir Schluss gemacht hatte – mit ihm war ich gemeinsam Motorrad gefahren, halt als Sozius. Ich habe dann viele Jahre eine Honda CB500 gefahren, bis ich meinen noch-Mann kennengelernt habe und zu ihm gezogen bin. Da habe ich dann das Motorrad ver- und einen uralt Smart ge-kauft, weil ich ein etwas wetterunabhängigeres Fortbewegungsmittel brauchte (mit öffentlichem Nahverkehr ist es hier sehr, sehr mühselig).

Was kotzt dich so richtig an?

Die Normalisierung von rechten Ansichten, das Ignorieren bzw. die Verharmlosung rechter Gewalttaten, das „Fischen am rechten Rand“ von Seiten der sogenannten „etablierten“ und „bürgerlichen“ Parteien. Ich hab eine solche Wut und ziemlich viel Angst.

Was machst du, wenn du nicht einschlafen kannst?

Hörbücher hören. Meistens Harry Potter in der englischen Fassung – großartig gelesen von Stephen Fry. Ein Wunder eigentlich, dass ich die noch nicht auswendig kann :D.

Welches Lied läuft bei dir momentan rauf und runter?

Gar keins. Irgendwie hat Musik momentan nicht so einen großen Platz in meinem Leben. Aber vielleicht ist das ganz gut, weil Musik oft schwierige Gefühle für mich transportiert oder bei mir auslöst.

Wenn Du leben könntest, wie Du wölltest – wie sähe dein Leben dann aus?

Ich würde aussteigen und irgendwo als Selbstversorger mit meiner Herde Alpacas leben. Auf den Äußeren Hebriden oder so. Nur Internet brauch ich :D.

Wie geht es dir heute?

Ganz gut! Die Schmerzen sind heute erträglich und ich fühle mich etwas wacher als die letzten Tage.

Wie machst du die Welt ein Stück besser?

Ich versuche es mit der Methode „Kleinvieh macht auch Mist“ ;-). Den Mund aufmachen gegen Diskriminierung/Menschenfeindlichkeit wo es geht; nicht überall mit dem Auto hinfahren; so oft wie möglich fair produzierte Kleidung kaufen; Menschen unterstützen, die Unterstützung wünschen (finanziell oder anders) soweit es mir möglich ist.

Aua (Mastek, die 3.)

Content note: Operation, Krankenhaus, Schmerzen, Medikamente, Essen

Die ersten drei Tage zu Hause sind rum und sie waren jetzt eher durchwachsen. Ich habe am Sonntag etwas übermütig die Schmerzmittel reduziert und habe Montag die Quittung dafür bekommen. Autsch. Wie gut das Zeug wirkt merkt man tatsächlich erst, wenn die Wirkung nachlässt. Die Autofahrt zu meiner Hausärztin gestern morgen war auch nicht gerade förderlich. Das Lenken war ziemlich schmerzhaft und den Plan, hinterher mal endlich meinen neuen Perso abzuholen und den neuen Führerschein zu beantragen habe ich schnellstens über Bord geworden. Vielleicht mache ich Freitag mal einen neuen Versuch. Es sind vor allem die Enden der Schnitte unterhalb der Achseln die weh tun – ansonsten ist alles gut auszuhalten. Aber da sitzt noch eine ziemlich deutliche Schwellung… fühlt sich ein bisschen so an als hätte man mir hartgekochte Wachteleier unter die Haut transplantiert o_O.

Jedenfalls habe ich die letzten zwei Tage hauptsächlich auf der Couch und (halb)schlafend verbracht. Gestern habe ich ein bisschen Panik bekommen, weil ich das Gefühl hatte die Schwellungen sei stärker geworden, aber ich glaube das lag tatsächlich nur daran dass ich mehr Schmerzen hatte. Auf dem Vergleichsfoto, das ich gemacht habe sieht man keinen Unterschied. Ich kühle jetzt zwischendurch (nach Rücksprache mit dem Krankenhaus) mit einem kühlschrank-kalten Gel-Dings das ich mir unter die Achseln klemme.

Ich wollte ja noch ein paar allgemeine Sachen zum Krankenhausaufenthalt schreiben.

Also.

Im Großen und Ganzen habe ich mich dort sehr gut aufgehoben gefühlt. Obwohl ich leider noch unter dem alten Namen „einchecken“ musste, da ich noch keine neue Krankenkassenkarte habe, gab es nicht einmal eine falsche Anrede oder ein falsches Aufrufen. Das war super angenehm und man merkt daran, dass sie dort reichlich Erfahrung mit trans Patient*innen haben. Selbst in der zentralen Patient*innen-Verwaltung, wo die Aufnahme erfolgte, war es absolut Routine.

Dann gab es (wie auch anderswo üblich) ein reines Mastektomie/trans Zimmer. Wir waren die ganze Zeit entweder zu zwei oder zu dritt dort. Ich denke, es hängt auch ein bisschen von der Auslastung der Chirurgie ab, ob das realisiert werden kann oder nicht, aber es war auf jeden Fall sehr angenehm. Es hatte den Vorteil, dass man den anderen nicht viel erklären musste und nicht irgendwie schräg angeguckt wurde wegen der Art der OP (wobei die bei cis Männern mit Gynäkomastie vermutlich genauso durchgeführt wird). Leider habe ich einen (für mich) ziemlich anstrengenden Zeitgenossen als Zimmernachbar erwischt und mein Wunsch nach möglichst viel Ruhe und Hörbuchhören ist nicht ganz so aufgegangen wie geplant. Nun ja.

Die Mitarbeiter*innen mit denen ich dort zu tun hatte, habe ich fast ausnahmslos als sehr freundlich und hilfsbereit erlebt. Auch das Ärzt*innenteam bei der Visite, was ich gar nicht so selbstverständlich erwartet hatte. Fragen wurden geduldig beantwortet und auch sonst relativ „transparent“ kommuniziert.

Das einzige was wie schon angedeutet leider überhaupt nicht funktioniert hat, war die Versorgung mit für mich verträglichem Essen. Selbst wenn ich mich nur auf die „allerdringendsten“ Sachen beschränke ist die Kombi (glutenfrei, milchfrei und ohne Fleisch) nicht ganz einfach zu bedienen, weil z.B. viele vegetarische Gerichte auf Nudeln und Milchprodukten basieren. Ich hatte entsprechend vorgesorgt und mir genug Essen mitgebracht, um ein bis zwei Tage halbwegs über die Runden zu kommen – glutenfreies Brot, Brotaufstrich, Nüsse, Riegel. Irgendwie dachte ich in meiner Naivität auch: mittags einfach Kartoffeln oder Reis werden sie schon hinbekommen. Tja. Montag abend nach der OP habe ich ein bisschen von meinem mitgebrachten Brot und Brotaufstrich gegessen. Dienstag zum Frühstück auch – da bat ich dann um glutenfreies Brot für den Abend und die nächsten Tage. Das ist das einzige, was geklappt hat. Glutenfreies Brot und Margarine hatte ich im Überfluss. Mittagessen haben sie nicht wirklich hinbekommen (ok, sechs Kartoffeln gab es am dritten Tag xD) – da müsse ich mit der Diätassistenz sprechen. Die kam am Donnerstag, also an Tag 4. Das war der einzige Tag, an dem ich mittags und abends was „richtiges“ zu essen bekommen habe. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wieviel Kohldampf ich geschoben habe. Und es lag nicht daran, dass es nichts für mich passendes zu essen gegeben hätte, sondern nur daran dass die Kommunikation nicht funktioniert hat. Seufz… Das ist aber bis jetzt das einzige, was ich so richtig zu meckern habe.

Jetzt geh‘ ich mal weiter meinen Narkoserausch ausschlafen ;-).

 

Enthüllungen (Mastek, die 2.)

Content note: Operation, Krankenhaus, Medikamente, Blut (nur Erwähnung), Essen.
Ich schreibe ein wenig über die Schnitte und wie mein Oberkörper nun aussieht. Den „bildhaftesten“ Teil markiere ich mit ******. 

Teil 1 gibt es hier.

Am Operationstag stiefelte ich mit meinem Rollköfferchen durch den Nieselregen zum Krankenhaus und kam so gegen 8:45 auf die Station. Weil ich erst als vierter auf der OP-Liste stand, durfte ich dort warten und bekam schon ein Bett. Auf dem Zimmer lag schon eine Person, die die gleiche OP schon hinter sich hatte. OP-Hemdchen an, Hörbuch auf die Ohren und dann hieß es warten. Und noch drölfzig Mal auf Toilette gehen vor lauter Nervosität natürlich. Um 14 Uhr ging es dann in die Narkosevorbereitung, da lag ich auch noch mal ungefähr 20-30 Minuten rum und dann haben sie mich schlafen geschickt.

An den Aufwachraum und die Aufwachphase habe ich null Erinnerung. Leute haben mit mir geredet, ich hab versucht was zu antworten, aber es kam nur unzusammenhängendes Zeug raus glaube ich. Ich war wohl so gegen 17 Uhr wieder auf dem Zimmer, aber ich hab an den ersten Abend insgesamt keine richtige Erinnerung mehr. Nur Matsch im Kopf. Irgendwann hatte ich es glaube ich geschafft, mir mein T-Shirt und Boxer Shorts anzuziehen. Um den Oberkörper war eine verdammt enge „Bauchbinde“ gewickelt zur Kompression… tief Durchatmen war nicht drin. Aber: keine nennenswerten Schmerzen, keine Übelkeit. Das vorherrschende Gefühl war eher „Unbehagen“, das war aber ganz gut aushaltbar.

Am nächsten morgen rauschte um 8 die Visite ins Zimmer. Die Bauchbinde (die übrigens standardmäßig vom OP-Team mit einem handgemalten Totenkopf und den Worten „Nicht öffnen“ versehen wird ;-)) wurde das erste Mal geöffnet. Luuuuuuuft! „Wollen Sie schauen?“ – „Ich trau mich glaube ich nicht“ – „Doch, gucken Sie mal“. Also habe ich mich getraut und an mir runtergeguckt. Ich hab keine Schock gekriegt, uff ;-). Ich habe teilweile ziemlich abschreckende Bilder gesehen von frisch operierten Personen und hatte erwartet, dass ich ziemlich schlimm aussehen würde. Da bin ich echt positiv überrascht worden. Klar, geschwollen und an den Schnitten gab es etwas getrocknetes Blut. Aber alles nicht halb so schlimm wie befürchtet.

*********Da bei mir sogenannte „große Schnitte“ gemacht wurden, habe ich unterhalb jeder Brust einen langen Schnitt (weiß noch nicht genau, wie lang sie sind… 12-15cm vielleicht?). Die sind momentan noch mit einer (durchsichtigen) Folie bedeckt. Die Brustwarzen mussten versetzt (also: frei transplantiert) werden und waren noch unter einem Druckverband versteckt. Auf jeder Seite gab es eine Drainage, Schlauch mit Flasche, damit Wundflüssigkeit ablaufen konnte. **********

Und schon war die Bauchbinde wieder zu und gefühlt noch enger als vorher. Aaaaah! Auf mein Bitten haben sie sie zum Glück ein klitzekleines bisschen lockerer gemacht. An dem Tag ging es mir dann eigentlich schon ziemlich gut – ich habe die Narkose zum Glück doch besser weggesteckt, als befürchtet. Vielleicht haben die Antihistaminika, die mit dem Narkosemittel gegeben wurden, wirklich etwas geholfen. Ich war mobil (auch wenn die Drainageflaschen ziemlich genervt haben) und Schmerzen hatte ich auch kaum. Es wurden natürlich Schmerzmittel gegeben, aber das schmerzstillende Medikament das ich bei größeren Schmerzen noch zusätzlich hätte nehmen können, brauchte ich gar nicht. Am Vormittag kam noch mein Mann vorbei(!) und brachte mir Bananen. (Da war schon klar, dass es mit der Essensversorgung eher nicht so problemlos klappen würde und die Bananen haben mich echt gerettet).

Bei mir kamen dann am Mittwoch die Drainagen schon raus und ich wurde entsprechend die Bauchbinde los – ich durfte sie gegen eine Kompressionsweste eintauschen. Die sollte ich jetzt die nächsten 6 Wochen noch tragen. Sie soll dazu dienen, das Lymphflüssigkeit abtransportiert wird und insgesamt soll sie helfen, das keine Dellen oder Unebenheiten beim Abheilen des Gewebes entstehen, Dazu gibt es bei den verschiedenen Operateur*innen unterschiedliche Philosophien – einige Kliniken schwören darauf, andere halten sie für nicht notwendig. Ich mache das jetzt so, wie „meine“ Klinik das vorsieht und trage das Ding. Es ist im Vergleich zu den Bindern, die ich ja vorher getragen habe, zumindest nicht schlimmer. Wenn es ein paar Grad weniger wären, wäre es vielleicht sogar ganz angenehm zu tragen. Naja. Ihr könnt trotzdem wetten, dass ich ab nächster Woche anfange darüber zu meckern, wie sehr mich die Weste nervt ;-).

Zwei Tage habe ich dann im Krankenhaus noch ausgeharrt. Zum Glück hatte ich meine Hörbücher und andere Unterhaltungsmedien dabei. Zweimal bekam ich auch Besuch, aber die meiste Zeit habe ich auf dem Zimmer rumgehangen. Ich war aber auch so übermüdet, dass ich nicht viel Energie für anderes hatte, war also okay.

Heute, Samstag, war dann noch mal ein großer Enthüllungsmoment, weil die Druckverbände von den Brustwarzen abgenommen wurden. Das war aus mehreren Gründen spannend – unter anderem, weil es ein Risiko dafür gibt, dass sie nicht anwachsen. Mit diesem Szenario hatte ich mich schon arrangiert – allerdings habe ich jetzt gesehen wie es aussieht und fänd‘ es schon sehr schade, wenn da noch was schiefgehen würde. Ich hoffe sehr, dass alles gut heilt – ich glaube, ich werde meinen neuen Oberkörper mögen, wenn er mal nicht mehr so grünblau und orange und etwas verschwollen aussieht.

Mittags haben meine Eltern mich dann aus der Klinik abgeholt. Ich habe geduscht, Wäsche gemacht und vor allem endlich mal wieder was richtiges gegessen. Jetzt fühle ich mich schon um einiges wohler. Mal schauen, wie es später mit dem Schlafen klappt.

Naja… „später“ ;-). Gerade erscheint mir 19:30 als eine total super Zeit, um ins Bett zu gehen :D.

Zum Krankenhaus schreibe ich die Tage auch noch was, aber nicht mehr heute.

*gähnend ab*

Abschiednehmen (Mastek, die 1.)

Content note: Operation, Krankenhaus, Medikamente, Essen.

Ich bin wieder zu Hause! Endlich! Und völlig groggy, weil es im Krankenhaus für mich weder ausreichend Schlaf noch annähernd genug zu Essen gab. Ich habe die letzten fünf Tage überwiegend von glutenfreiem Weißbrot, Margarine und Bananen gelebt. Ich kann nichts davon mehr sehen. Leider hat es exakt einen einzigen Tag geklappt, dass ich für meine Allergien und Unverträglichkeiten passendes Essen bekommen habe. Ansonsten hörte ich jeden Tag: „Also in meiner Liste steht Sie bekommen Vollkost“. Fuck yeah.

Dass ich nicht schlafen würde, darauf hatte ich mich vorher schon einigermaßen versucht einzustellen, aber es hat dann natürlich trotzdem geschlaucht. Ich tue ja schon kein Auge zu, wenn irgendjemand neben mir laut atmet. Die Kombi aus zeitweise zwei Schnarchern in den Betten neben mir und nur auf dem Rücken liegen können war da nicht hilfreich. Mehr als zwei Stunden am Stück habe ich glaube ich nur in der zweiten Nacht geschlafen.

Aber zu den Dingen, die Euch wahrscheinlich viel mehr interessieren: was ist außer nicht essen und nicht schlafen in der letzten Woche passiert?

Sonntag habe ich ja erst mal das Entspannungsprogramm gestartet: Lamatrekking. Mit drei Freund*innen. Zwei Stunden Wanderung mit so einem flauschigen Tierchen am Halfter! Einizger (kleiner) Wermutstropfen war die verbale Dauerberieselung durch die Person, die unsere Wanderung als Guide begleitete. (Die hatte schon mindestens 30 Minuten getextet, bevor wir überhaupt ein Lama zu Gesicht bekamen ;)). Aber es war trotzdem schön und ich habe ziemlich wenig an die bevorstehende OP gedacht.

Am Abend hat mein Mann mich dann in die Stadt gefahren, in der das Krankenhaus ist. Ich hatte mir dort in der Nähe der Klinik kurzentschlossen ein Hotelzimmer reserviert, weil ich mir nicht zugetraut habe, den ca. eineinhalbstündigen Weg nüchtern und nervös mit ÖPNV am Operationstag selbst zurückzulegen. Dass mein Mann angeboten hat mich zu fahren war überraschend und ich fand es sehr nett von ihm. Zum Abschied hat er mich umarmt… all the feelz :/.

Im Hotel kam dann so ein bisschen der Moment von dem ich erwartet habe, dass er kommt und vor dem ich auch Angst hatte. Ich hatte bis dahin fast jegliche Gedanken daran weggeschoben, wie gravierend und im wahrsten Sinne des Wortes einschneidend dieser Schritt ist, den ich da am nächsten Tag gehen würde. Und natürlich holte mich das ein. Es war nicht so sehr die Angst, dass ich meine Brüste wiederhaben wollen würde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das passiert. Aber das Wissen, dass ich da mit einem verhältnismässig heilem Körper reingehen und mit Narben und Wunden wieder rauskommen würde – das hat mich bedrückt und mir Angst gemacht. Und es war ein Moment des Abschieds von einem Stück von mir, auf den ich mich im Nachhinein glaube ich lieber besser vorbereitet hätte.

Ich habe ja schon hier und da mal geschrieben, dass für mich diese Metapher vom „falschen Körper“ nicht passend ist. Egal, wie wenig ich meinen Körper mag – es ist mein Körper. Die Mastektomie ist in gewisser Weise ein Zugeständnis – an (von mir verinnerlichte) Idealvorstellungen davon, wie männliche Körper auszusehen haben. Der Eingriff gibt mir die Freiheit, mich wieder in bestimmten Räumen zu bewegen – zum Beispiel in Umkleiden oder Schwimmbädern – ohne angestarrt, angefeindet, oder sogar rausgeworfen zu werden. Für diese Freiheit bezahle ich mit einer Versehrung.

Am Abend vor dem OP-Tag haben sich diese Gedanken und auch Traurigkeit darüber noch mal ziemlich viel Raum genommen – Raum, den ich ihnen vorher nicht gegeben hatte.

Ich habe ein letztes Foto von mir gemacht, mit Brüsten, das Bild zurückgeworfen vom Badezimmerspiegel.

Dann habe ich mit Freund*innen noch Nachrichten hin- und hergeschrieben, mein Antihistaminikum genommen (Müdigkeit war in diesem Fall eine erwünschte Nebenwirkung), an die kuschligen Lamas gedacht und dann habe ich einigermaßen geschlafen bis zum nächsten Morgen.

Teil 2: hier entlang.

Und ein Flauschlama :)

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