Die Hölle, das sind die anderen

Trans* zu sein bedeutet für mich, dass ich mich viel mit meinem Körper (und dem, wofür er in dieser Gesellschaft steht) auseinandersetze. Es bedeutet auch, dass dieser Körper für mich eine Quelle von (teils ziemlich existenziellen) negativen Gefühlen ist. Aber je weiter ich in meiner Transition voranschreite, die ja per definitionem nicht in einem Vakuum oder im stillen Kämmerlein stattfindet, sondern mein soziales Umfeld notwendig mit einbezieht, desto mehr merke ich, dass für mich die anderen Menschen eigentlich eine viel größere Quelle von Schmerz und Wut sind, als mein Körper*. (*Der ja ohnehin nur eine Bedeutung hat, weil sie ihm von einer Gesellschaft/einem Diskurs zugeschrieben wurde).

In der sozialen Dimension bedeutet „Trans*sein“ für mich, ganz persönlich:

  • Den Menschen zu verlieren, den ich liebe, weil er mich nur lieben kann, wenn ich das (für ihn) richtige Geschlecht habe.
  • Vom Wohlwollen meiner Mitmenschen abhängig zu sein, wenn ich mit den (für mich) richtigen Pronomen und meinem gewählten Namen angesprochen werden möchte.
  • Mich wieder und wieder dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich mir das wünsche.
  • Mich begutachten lassen zu müssen, wenn in meinem Pass und anderen offiziellen Dokumenten das (für mich) richtige Geschlecht stehen soll.
  • Mich ständig an einem (cis-heteronormativen) Ideal/Stereotyp von Männlichkeit messen lassen zu müssen, das nicht meins ist.
  • Der Gefahr ausgeliefert zu sein, dass mir medizinische Behandlung verweigert wird, wenn ich diesem Ideal nicht ausreichend zu entsprechend scheine.

All dies sind Dinge, an denen ich mich aufreibe und die mich oft verzweifelt und wütend machen. Dieses ständige Um-Anerkennung-Bitten-Müssen. Das fortwährende Sich-Beweisen-Müssen. Das Verlassen-Werden. Das kann ganz schön an die Substanz gehen.

Aber ich erkenne auch an, dass ich trotz allem Privilegien habe, die andere Trans*menschen nicht haben:

  • Ich bin weißer Europäer. Ich werde nicht aufgrund meiner Hautfarbe, meiner Herkunft marginalisiert oder diskriminiert.
  • Ich identifiziere mich mit einem Geschlecht, das mein Umfeld zumindest prinzipiell (an)erkennt und versteht — weil es zufällig zu dem binären Modell passt, an dem so viele Menschen sich festklammern. Ich muss mich nicht gegen die Auffassung behaupten, mein Geschlecht sei eine Erfindung, eine Laune, der Versuch, etwas Besonderes zu sein.

I acknowledge my privilege.

One day, baby

Heute ist mal wieder so ein Tag, der ganz typisch dafür ist, wie ich mein Leben so (er)lebe. Ich habe beruflich eine ziemlich volle Phase hinter mir. Es gab viel zu tun, wenig Zeit zum Nachdenken. Das sind eigentlich die Phasen, in denen ich am besten „funktioniere“, weil ich genau das mein Leben lang erfolgreich praktiziert habe: Funktionieren und Machen, bloß nicht innehalten und nachdenken. Jetzt ist dieser (nicht unbedingt negative) Stress vorbei. Ich sitze in meinem Hotel. Die Stadt ist voll, sonnig, laut und überall hängen noch die Pride-Fahnen. Für meine Arbeit habe ich heute sogar eine kleine Auszeichnung bekommen. Eigentlich hätte ich allen Grund fröhlich und entspannt zu sein. Stattdessen ist es, als hätte mir jemand den Teppich unter den Füßen weggezogen. Mich quälen all die dunklen Gedanken, die ich die letzten Wochen so gut wegschieben konnte.

Ich wünsche mir so sehr ein bisschen mehr „Normalität“ in meinem Leben. Mich wohler fühlen in meiner Haut. Mich auf den nächsten Tag freuen. Mir selber mal auf die Schulter klopfen können, wenn ich was gut gemacht habe. Innehalten können, ohne dass sich direkt meine inneren Abgründe auftun. Ich habe so ein Bild vor Augen von einem jungen Mann (naja, nicht mehr ganz so jung), der das alles kann und der nicht die ganze Zeit mit angezogener Handbremse und hochgezogenen Schultern durchs Leben geht.

Hoffentlich finde ich den eines Tages.

raw

CN für Zyklus-Kram und überhaupt TMI

Die letzten zwei Tage waren eine emotionale Achterbahnfahrt. Schuld sind, vermutlich, das Östrogen und der Zyklus, dem es meinen Körper „unterwirft“. Ich habe es so satt. Eigentlich komme ich auf eine kognitiven Ebene mit dem Thema Menstruation ganz gut klar. Mir ist schnuppe, ob (Achtung, Ironie) „richtige“ Männer bluten oder nicht. Ich bin ein Mann und ich blute. Deal with it. Aber auf der kognitiven Ebene kann ich das so reflektiert und abgeklärt angehen, wie ich will — mir geht es körperlich und psychisch schlecht dabei. Seit gestern habe ich Kopfschmerzen, Tunnelblick, Unterleibskrämpfe und Übelkeit, wie ich sie niemandem wünsche. Ich hätte mich gestern am liebsten heulend in eine Ecke verkrochen. Stattdessen stand ich am Flughafen in der Schlange für die Passkontrolle und habe mit meinen Tränen gekämpft. Dass mein Über-Ich mir dabei sagt, ich solle mich nicht so anstellen hilft nur bedingt.

Ich bin es so leid, mich meinen Hormonen und den Schwankungen in meinem Befinden, die sie auslösen so ausgeliefert zu fühlen. Ich sehne den Tag herbei, an dem ich mit dem Thema endlich durch bin und hoffe, dass ich unter Testosteron weniger mit diesem Auf und Ab zu tun habe. Ich fühle mich dem Östrogen so ausgeliefert, ich würde am liebsten Schreien. Das würde vielleicht sogar helfen, aber mein Über-Ich glaubt nicht ans Schreien.

Also schlucke ich mal wieder runter und hoffe auf bessere Tage. No pun intended.

in trans*it

in transitIm Moment hab ich das Gefühl, in einem Transitbereich zu leben. Nicht mehr „hier“ (zum Glück), aber auch noch nicht „dort“ – wo auch immer das sein mag. Das ist eine 200-prozentige Verbesserung zu vorher. Da gab es kein Dort, da gab es nur rock bottom und vor mir nichts, vor allem keine Aussicht auf „Besserung“. Man hört immer, wir sollen mehr im Jetzt leben. Aber wenn das Jetzt ein tiefes Loch ohne Boden ist und all deine Kraft dafür draufgeht irgendwie durch den Tag zu kommen, ist das „im Hier und Jetzt sein“ absolut überbewertet.

Es gibt Tage, an denen denke ich, vielleicht wäre es OK einfach so weiterzuleben, irgendwie — ohne Transition, dafür mit meinem Mann an meiner Seite, in unserem gemeinsamen Zuhause. Es schmerzt so sehr, sich für das eine oder das andere entscheiden zu müssen. Aber jedes Mal, wenn ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre so weiterzumachen noch ein, zwei, drei Jahre, schlagen die Wogen über mir zusammen und ich fühle wieder, wie es ist, in dem schwarzen Loch zu sitzen. Ich versuche irgendwie, den Zeitpunkt hinauszuzögern, an dem es los geht. Noch einen letzten gemeinsamen Urlaub. Noch ein paar Wochen, Monate Normalität, auch wenn sie von uns beiden ohnehin nur gespielt ist. Aber gleichzeitig weiß ich genau, dass ich das Hier/Jetzt nur aushalte, weil ich weiß, dass es ein Dort/Bald/Morgen gibt. Jedes Mal, wenn der Zeitplan, der langsam in meinem Kopf Gestalt annimmt, infrage gestellt wird, ist sie dahin meine Gelassenheit. Zum Beispiel jetzt, wo die Krankenkasse die Therapie bei meinem Therapeuten nicht weiterbewilligt hat. Das sind die Momente, in denen ich merke, dass dieses scheinbare Equilibrium in Wirklichkeit nur ein Jota von einem chaotischen System entfernt ist. Also mache ich weiter, denn im Transit ist es hundert Mal besser, als im Dock.

Ein Plädoyer für einen respektvollen Sprachgebrauch

Ich rege mich mal wieder auf.

Gerade seit dem coming out von Caitlyn Jenner und ihrem „Auftritt“ auf dem Cover der Vanity Fair ist das Thema Trans* in den Medien sehr präsent. Ich bin froh darüber, denn es bringt Sichtbarkeit und im Idealfall vielleicht auch mehr Akzeptanz für Trans*menschen. Noch schöner als Akzeptanz wäre aber Respekt und daran hapert es leider nur allzuhäufig — zumindest im Sprachgebrauch. Klar, oft ist es einfach Unwissenheit, aber gerade Journalistinnen und Journalisten mag ich das nicht nachsehen. Sie haben eine besondere Verantwortung, denn sie tragen wesentlich zur Meinungsbildung bei. Und deswegen erwarte ich, dass sie über solch sensible Themen in einer respektvollen Art und Weise schreiben — im Zweifel erfordert das eben, dass man sich informiert und/oder jemanden fragt, der oder die sich damit auskennt. Keine Raketenwissenschaft.

Entzündet hat sich mein Zorn zuletzt insbesondere an der SPIEGEL ONLINE Kolumne von Jan Fleischhauer (wer es sich antun möchte möge hier nachlesen). Ich versuche, meine Kritik an seinen kruden Thesen zum Thema binäre Geschlechterordnung und Trans*menschen mal außen vor zu lassen (und auch die ziemlich dumme und beleidigende Pauschalisierung am Ende). Stattdessen folgen ein paar Zitate (alle aus „Die Gender Lüge“ von Jan Fleischhauer) mit meinen Gedanken dazu.

1. Zitat „…Transsexuelle wie der Olympiasieger Bruce Jenner“ (Abstract)

  • Auch wenn hierüber in der Community kein Konsens herrscht: viele Trans*menschen mögen den Begriff „transsexuell“ nicht. Denn Transidentität hat nichts mit der Sexualität zu tun sondern, genau, mit der Gender Identität. Der Begriff ist nicht prinzipiell abwertend, aber er ist eigentlich überholt.
  • Es ist aus meiner Sicht aber respektlos gegenüber Caitlyn, sie nach ihrem coming out und der Änderung ihres Namens noch als Bruce anzusprechen oder in dieser Form auf sie Bezug zu nehmen. Hier hätte man ohne Not eine Formulierung finden können wie „Die Olympiasiegerin Caitlyn Jenner (vormals Bruce)…“. Hätte niemandem weh getan und wäre genauso deutlich gewesen.
    Der Beginn der Transition ist für uns in der Regel ein Neuanfang. Und auch, wenn viele von uns ihren Frieden mit dem „alten“ Selbst gemacht haben, erinnert uns der alte Name oft an eine schwere, schmerzvolle Zeit. Mit der Transition lassen wir ganz viel Ballast hinter uns und es ist ein Zeichen des Respekts uns diesen Ballast nicht auf Schritt und Tritt hinterherzutragen.

2. Zitat: „Der Beifall zu der öffentlich zelebrierten Geschlechtsumwandlung wächst, je weiter man politisch nach links neigt“

Ich wünsche mir, Cismenschen würden zumindest versuchen zu begreifen, dass wir unser Geschlecht nicht umwandeln sondern anpassen. Wir sprechen im 21. Jahrhundert von geschlechtsangleichenden Maßnahmen (z.B.. gender confirming surgery). Dies bringt zum Ausdruck, dass sich eben nicht unser Geschlecht ändert, sondern dass wir unseren Körper und die Rolle in der wir leben dem richtigen Geschlecht anpassen.
Die Rede von der „Umwandlung“ suggeriert zudem, dass wir einfach entscheiden können, vom Mann zur Frau (oder umgekehrt) zu „werden“. Tatsächlich sind und bleiben wir (mit Blick auf unsere Geschlechtsidentität) einfach wer wir sind. Wir „tunen“ nur unsere Körper, damit der Rest der Gesellschaft es auch begreift und uns entsprechend behandelt — z.B. indem er uns mit den richtigen Pronomen und dem richtigen Namen anspricht.

Dann zitiert Fleischhauer eine Freundin:

3. Zitat „Nun kommt ein Mann mit falschen Brüsten, künstlich verkleinerter Nase und abgesägtem Kinn, und alle bewundern seinen Mut.“ Was nach Ansicht meiner Freundin nur belegt, dass Männer sich eben immer noch mehr herausnehmen dürfen als Frauen.

Wieder wird Jenner als Mann bezeichnet. Mehrfach. Und es ist immer noch respektlos.

Wie kann jemand, der so schreibt sich ernsthaft wundern, dass viele Trans*menschen sich nur dann wohl in ihrer Haut fühlen, wenn das „Passing“ stimmt — d.h. wenn sie anstandslos als „richtige“ Frauen und Männer durchgehen. Fleischhauer selbst zeigt doch, wie schwer es ihm fällt, Jenner als Frau zu sehen, zu akzeptieren und zu respektieren. Anders kann ich mir nicht erklären, warum er immer wieder als Mann auf sie Bezug nimmt. Wie kann er sich da wundern, dass viele Transfrauen und -männer sich danach sehnen, den gesellschaftlichen Erwartungen bezogen auf ihr Äußeres und ihr Auftreten möglichst zu entsprechen. Oft ist das der Preis, den wir für ein bisschen Normalität zahlen.

Sub|ver|si|on

Als Trans*person die Entscheidung zu treffen, eine wie auch immer geartete Transition zu vollziehen, ist eine der schwierigeren Aufgaben, die das Leben einem so stellen kann. Und zumindest für mich kann ich sagen, dass mir die Entscheidung vor allem deswegen schwer fällt, weil ich damit massiv in bestehende Beziehungen eingreife — mit teils weitreichenden Konsequenzen. Aber es gibt einen zweiten Aspekt, der mir viel Kopfzerbrechen bereitet hat. Dieser hat teils mit dem Thema des vorangegangenen Beitrags zu tun, nämlich der Frage, wie sich Gender – verstanden als soziales Konstrukt – zum Körper, dem „Materiellen“, verhält.

Ich lehne die Vorstellung ab, dass es zwei Geschlechter gibt, die dadurch eindeutig bestimmt sind, mit welchen körperlichen Merkmalen jemand geboren wurde. Wenn das so wäre, gäbe es keine Trans*menschen (also Menschen, die sich nicht dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlen) und ob jemand Mann oder Frau ist, ließe sich anhand einfacher „Messungen“ überprüfen — z.B. durch Analyse der Chromosomen oder der Geschlechtshormone.

Entgegen der landläufigen Meinung gibt es aber Frauen mit natürlich hohem Testosteronspiegel, oder Männer mit zwei X Chromosomen (Klinefelter Syndrom). Das heißt, auch wenn dieses Prinzip von den körperlichen Merkmalen auf das Geschlecht zu schließen meistens funktioniert, ist es eben trotzdem kein Naturgesetz. Die Tatsache, dass es aber so behandelt wird, macht vielen Menschen das Leben ziemlich schwer. Wenn ich zum Beispiel möchte, dass in meinem Ausweis mein richtiges Geschlecht steht (M), dann muss ich mich — weil meine körperlichen Merkmale augenscheinlich etwas anderes sagen — einer umfassenden Begutachtung unterziehen deren Ziel es ist zu beurteilen, dass ich es auch wirklich, wirklich ernst meine und mir nicht etwa einen Spaß erlaube, wenn ich „behaupte“, ich sei ein Mann. (Klar, da könnte ja sonst jede_r kommen — nicht auszudenken, was dem Staat da für Scherereien entstehen würden).

Was mich an diesen Begutachtungen unter anderem aufregt (wenn wir mal außer Acht lassen, wie demütigend es ist, beweisen zu müssen, dass man tatsächlich die Person ist, die man man eben ist) ist, dass sie sowohl Geschlechterstereotype zementiert, als auch die Vorstellung aufrecht erhält, dass Trans*identität eine Transgression ist, die der staatlichen/institutionellen Kontrolle bedarf. In dem Moment, in dem ich mich dafür entscheide, in die Transition zu gehen, liefere ich mich diesem System nicht nur aus, sondern stärke es sogar noch.

Ein Beispiel (nicht fiktiv): Eine Frau, die schon lange nicht mehr in der männlichen Rolle lebt, die weibliche Hormone erhält und nun endlich auch ihren Personenstand angleichen möchte, bekommt durch die Gutachterin bescheinigt: sie sei zwar im großen und ganzen überzeugend als Frau, zeige aber einen noch „männlichen Habitus“. Wenn ich so etwas höre, könnte ich unter die Decke gehen (auch, wenn die betreffende Frau grünes Licht für die Personenstandsänderung bekommen hat). Wann lernen Gutachter_innen (und der Rest der Gesellschaft bitte gleich mit), dass Gender ein komplexes Konstrukt ist und dass auch eine Frau mit Verhaltens- und Ausdrucksweisen, die unsere Gesellschaft männlich konnotiert, trotzdem eine Frau ist. Und wenn sie durch und durch butch ist, ist sie immer noch genauso eine Frau. (Vgl. dazu die wunderschöne Infografik von Sam Killerman).

Genderbread Person v.3
Genderbread Person v3 (cc0) Mehr unter http://itspronouncedmetrosexual.com/2015/03/the-genderbread-person-v3/

Binäre Trans*menschen lernen aus solchen Geschichten, dass sie nur dann „wirklich“ Mann/Frau sind und bei der Begutachtung keine Probleme bekommen, wenn sie den Stereotypen entsprechen. Die Gesellschaft akzeptiert uns nur dann als das Geschlecht, das wir sind, wenn wir unsere Körper und Verhaltensweisen diesen cis-heteronormativen Vorstellungen und Erwartungen anpassen (schöner Comicstrip zu dem Thema hier). Das führt wiederum dazu, dass unsere Gutachter_innen stromlinienförmige Trans*lebensläufe und massentauglich choreografierte Performanzen von der zu begutachtenden Personen dargeboten bekommen — Darstellungen, die genau dem Schema entsprechen, das sie erwarten. Was wiederum dazu führt, dass sie denken, wer „wirklich“ trans* ist, der muss auch einen solchen Lebenslauf haben, muss die Stereotype bedienen, darf keinen Habitus haben, der dem des „Wunschgeschlechts“ widerspricht.

Und da bin ich jetzt endlich an dem Punkt, mit dem ich lange gekämpft habe. Wie kann ich mich in die soziale und medizinische Transition begeben, ohne diesem System in die Hände zu spielen? Denn wenn ich mich von A (Frau) nach B (Mann) bewege, dann erfülle ich doch genau wieder das, was die Gesellschaft gerne hätte: ein binäres System, in dem die Dinge schwarz oder weiß, null oder eins sind. In meinem Ärger darüber spielt auch der Widerwille eine Rolle mir einzugestehen, dass ich — so vermeintlich kritisch und reflektiert ich mit dem Thema Gender umgehe — mich irgendwie eben trotzdem danach sehne, so behandelt zu werden „wie jeder andere Mann“ und mir wünsche einen Körper zu haben, der mehr dem entspricht, was wir üblicherweise als männlich wahrnehmen. Dies steht im Konflikt zu meiner Auffassung, dass es „(auf)richtiger“ und „ehrenwerter“ wäre, das System von innen heraus zu destabilisieren: Subversion. Indem ich z.B. in der männlichen Rolle lebe, ohne Hormonersatztherapie. Indem ich mit anderen darüber ins Gespräch komme. Indem ich dafür kämpfe, als Mann anerkannt zu werden, auch wenn mein Körper etwas anderes zu sagen scheint.

Darauf habe ich lange rumgekaut. Eine wirkliche Lösung für dieses Dilemma gibt es nicht. Ich habe, für den Moment, meinen Frieden mit diesem Problem gemacht. Ich akzeptiere, dass ich ein Bedürfnis habe (einen männlicheren Körper, entsprechend der männlichen Rolle behandelt zu werden) und dass es in Ordnung ist, dieses Bedürfnis zu befriedigen — auch wenn ich weiß, dass ein Teil dieses Bedürfnisses daraus resultiert, wie ich sozialisiert wurde und welchen Botschaften über Männer und Frauen ich mein ganzes Leben lang ausgesetzt war. Es gibt einen Teil von mir, der sich einfach nach einem kleinen bisschen Normalität sehnt. Das bedeutet nicht, dass ich nicht weiter versuchen werde, der Cis-Heteronormativität etwas entgegenzusetzen. Ich bin stolz darauf zu sein, wer ich bin und werde mich nicht verstecken. Aber ich habe nicht die moralische Pflicht immer und um jeden Preis subversiv zu sein.

Richtige Körper — falsche Rollen

Wie erkläre ich anderen, was es bedeutet trans* zu sein? Da ist man (heißt, auch ich) schnell bei der Rede vom „falschen Körper“, in dem man geboren wurde. Tatsächlich ist das eine Wendung, die viele Cismenschen auch schon mal gehört haben und mit der man — ohne lang und breit zu erklären — rüberbringen kann, was los ist. Gerade in coming out-Situationen (in denen man vielleicht eh zu nervös ist, als dass einem all die tollen Sätze wieder einfallen würden, die man sich vorher zurechtgelegt hat) ist so eine etwas abgegriffene Metapher Gold wert. Ich spreche da aus Erfahrung: bei einem gefühlten Puls von 180, mit Schluckauf und am besten noch mit den Tränen kämpfend sollte man sich im Zweifel für etwas Einfaches entscheiden, das die Botschaft schnell und möglichst unzweideutig rüberbringt.

Trotzdem ist dieser Ausdruck vom „falschen Körper“, wenn man ihn näher betrachtet, problematisch, weil er letztlich einen Biologismus transportiert. Denn er legt nahe, dass Körper und Geschlechtsidentität eigentlich irgendwie „deckungsgleich“ sein sollten. Das entspricht damit aber genau der Annahme, dass das Vorliegen bestimmter körperlicher Merkmale bedeutet, dass ein Kind männlich oder weiblich sei — also der Annahme, gegen die wir uns als Trans*menschen behaupten müssen, wenn wir erreichen wollen, dass unsere Identität anerkannt wird.

Streng genommen ist es aus meiner Sicht so: falsch sind nicht unsere Körper, sondern die Annahmen und Zuschreibungen, die unsere Gesellschaft daran knüpft. Mir wurde aufgrund körperlicher Merkmale bei Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen und ich wurde in diese Rolle gedrängt. Um es ein bisschen überspitzt zu formulieren: es ist letztlich diese Rolle, an der ich zerbreche — nicht mein Körper.

Wenn ich einer Gesellschaft leben würde, in der das Vorliegen bestimmter körperlicher Merkmale nicht automatisch mit der Zuschreibung einer Gender-Rolle einherginge; in der ich mich nicht ständig erklären und rechtfertigen müsste dafür, dass ich mit genau diesem, meinem Körper keine Frau, sondern ein Mann bin; wenn ich das aussprechen könnte, ohne immer wieder zweifelnde, irritierte, belustigte, mitleidige Blicke zu ernten; wenn diese eine Welt wäre, die ohne rigide ge-genderte Schönheitsideale auskäme — möglicherweise würde ich dann nicht so fühlen, als hätte ich einen „falschen“ (oder doch zumindest irgendwie unvollständigen) Körper. Und möglicherweise könnte ich mich in so einer „idealen Welt“ gegen eine Hormontherapie und angleichende Operationen entscheiden.